High Noon mit Vampiren

Bentleys fragwürdiger Umgang mit dem Urheberrecht hatte also Folgen, die uns bis heute begleiten. Die Verfilmungen betrifft das genauso wie die Buchausgaben. Und obwohl das Urheberrecht seither weiterentwickelt wurde, scheint sich manches nie zu ändern. Das gilt immer dann, wenn finanzielle Interessen auf künstlerische Erwägungen treffen. Bentleys Trick, das Copyright durch einige strategisch vorgenommene Änderungen zu verlängern, ist so beliebt wie eh und je. Üblicherweise spielt sich so etwas hinter den Kulissen ab. Als Konsument erfährt man davon nichts, und weil man auf Nachfragen keine oder nur ausweichende Antworten erhält, ist man auf die eigene Kombinationsgabe angewiesen.

Frankenstein

Hier meine Spekulation darüber, was im DVD-Zeitalter mit Tod Brownings Dracula von 1931 passierte, und in der Folge auch mit James Whales Frankenstein. Dazu muss man wissen, dass das Synchronisieren in den ersten Jahren des Tonfilms technisch nicht möglich war. Parallel zu Browning, der an Dracula mit Bela Lugosi arbeitete, stellten George Melford und Paul Kohner deshalb eine Fassung für den spanischsprachigen Markt her (mit Carlos Villarias als Vampir). Dieser spanische Dracula lief nur kurz und galt lange Zeit als verschollen. Als doch noch eine Kopie auftauchte, musste die Universal feststellen, dass man sich 1931 die Gebühr für das Copyright gespart hatte.

Ein solches Versäumnis lässt sich nicht einfach nachholen. Auf der DVD von 1999 (erschienen in der "Classic Monster Collection") kann man hören und sehen, wie dieses Problem trotzdem mit wenig Aufwand zu beheben ist. Man nimmt ein paar Änderungen vor wie Bentley bei seinen Romanen, beantragt dann ein neues Copyright. Auf der DVD von 1999 ist nicht die Schwanensee-Melodie aus dem Archiv zu hören, mit der die meisten der frühen Ton-Horrorfilme der Universal beginnen, sondern eine andere Einspielung. Sie bricht nicht so abrupt ab wie ehedem, ist länger und schließt direkt an den ersten Dialog an, wofür die erste Totale mit der Kutsche etwas verkürzt wurde. Für diese "neue Fassung" des spanischen Dracula ließ sich ein Copyright registrieren (der schon urheberrechtlich geschützte Film mit Bela Lugosi blieb, wie er war).

Bela Lugosi als Dracula

Der spanische Dracula in der "Legacy Collection" von 2004 hat denselben geänderten Anfang wie der von 1999. Man kann nun sagen, dass es sich da um lächerliche Kleinigkeiten handelt: eine andere Einspielung der 1931 ohnehin nur sehr primitiv angefügten Schwanensee-Melodie, ein paar Takte davon mehr, ein paar Bilder mit der Postkutsche weniger. Diese Kleinigkeiten machen aber deutlich, dass die Universal grundsätzlich zu Eingriffen bereit war, um sich ein Copyright zu sichern (und nicht zu Zwecken der Filmrestaurierung).

2006 erschien Dracula ein drittes Mal auf DVD. In der "75th Anniversary Edition" beginnt die spanische Fassung so wie - meines Wissens nach - 1931: mit derselben Schwanensee-Melodie aus dem Archiv wie der Dracula mit Lugosi, die an derselben Stelle abrupt endet wie in der Lugosi-Version. Weil die Melodie nun nicht mehr bis zum ersten Dialog reichen muss, ist die Fahrt mit der Kutsche wieder länger geworden. Im Sinne der Originaltreue ist das zu begrüßen. Es heißt aber auch, dass die Universal 2006 eine andere Möglichkeit gefunden haben muss, ein Copyright geltend zu machen, denn für den unveränderten spanischen Dracula von 1931 kann es keines mehr geben.

Mein Verdacht: Die kleinen Eingriffe mussten nicht länger beibehalten werden, weil man sie durch eine gravierendere Änderung ersetzt hatte. Der spanische Dracula der "75th Anniversary Edition" ist heller als die Fassungen von 1999 und 2004 - nicht viel, aber doch spürbar. Das ändert auch das Seherlebnis. Schlimmer ist es dem Lugosi-Dracula ergangen. Das Originalnegativ wurde von der allzeit sparsamen Universal in den 1940ern bei neuen Filmaufnahmen wiederverwendet, dann zerstückelt und schließlich weggeworfen. Eine sachgemäße Restaurierung ist deshalb schwierig bis unmöglich. Eine "restaurierte Fassung" lässt sich aber leichter verkaufen, wenn man einen Film innerhalb von sieben Jahren zum dritten Mal auf DVD veröffentlicht.

Wer ein Aufhellungsverfahren entwickelt, will auch, dass es sich rechnet. Also muss man es möglichst oft zum Einsatz bringen. Der Lugosi-Dracula wurde viel stärker aufgehellt (= "restauriert") als die spanische Version (Whales Frankenstein ist in der "75th Anniversary Edition" auch nicht mehr so, wie er mal war). Die Universal erhielt dafür viel Lob, weil das Bild jetzt schärfer wirkt und mehr zu sehen ist. Das geht aber auf Kosten der visuellen Abstufung der Bildinformation (alles ist gleich gut zu erkennen und damit gleich gewichtet) und trifft einen Film wie Dracula, der vom Unterschied zwischen Hell und Dunkel, zwischen Tag und Nacht lebt, ins Mark (zur Erinnerung: Tageslicht ist für Vampire tödlich). Die Intentionen der Filmemacher interessieren dabei ohnehin nicht.

Dracula. Originale und restaurierte Version

Studios wie die Universal produzierten in den 1930ern gern Horrorfilme, weil es da viel Nacht und viele Schatten gab. Dadurch sparte man sich Geld für die im Dunkeln verschwindenden Kulissen. Das war die Ausgangsposition, von der aus Regisseure wie Browning oder Whale ihre künstlerischen Entscheidungen trafen. Das Atmosphärische ihrer Filme hängt entscheidend mit dem starken Kontrast zwischen Hell und Dunkel zusammen. Jetzt tut man so, als ob sie ihre Einstellungen gern heller ausgeleuchtet hätten und holt das für sie nach. Genauso könnte man sagen, dass Whale, Browning und Karl Freund (von The Mummy gibt es auch eine "75th Anniversary Edition") am liebsten CinemaScope-Filme gedreht hätten und das Bild entsprechend manipulieren.

Robert E. Seletsky ist einer der ganz Wenigen, die Kritik am Vorgehen der Universal geübt haben. Er weist auf eine der ersten Einstellungen hin, die sehr deutlich macht, was für ein absurdes Ergebnis die bisher letzte "Restaurierung" gebracht hat. "Wir müssen vor Sonnenuntergang das Gasthaus erreichen", sagt einer der Passagiere in der Kutsche, mit der Renfield durch Transsylvanien fährt. 1931 sah man danach die Postkutsche in der Dämmerung. Seit 2006 ist es hell wie in der Mittagssonne.

Mich erinnert das an den armen Nosferatu, der seinen Sarg jahrzehntelang bei Tageslicht durch die Gegend tragen musste, bis Enno Patalas die Bilder in einer echten Restaurierung, einer alten Stummfilm-Konvention folgend, blau einfärbte (als Zeichen für die Nacht). In der neuen Restaurierung der Murnau-Stiftung ist aus dem Blau ein Grün geworden. Niemand hält es für nötig, uns darüber aufzuklären, warum das so ist (auf der DVD des BFI ist die Nacht weiter blau).

Hat es womöglich auch mit den Urheberrechten zu tun, die unsere famose Stiftung am originalen Nosferatu nicht besitzt? Hier wartet eine wichtige Aufgabe auf den Verbraucherschutz. Geistige Nahrung sollte genauso ernst genommen werden wie die Qualität von eingeschweißtem Billigfleisch. Schön wäre auch ein Urheberrecht, das sich auf das Wesentliche besinnt. Es sollte die Rechte des Urhebers schützen, die Zugänglichkeit eines Werkes in der von seinen Schöpfern gewählten Form sichern und keine Anreize geben, aus rein finanziellen Gründen daran herumzubasteln. Ein Hinweis auf die vom Anbieter zu verantwortenden Zusatzstoffe, zum Beispiel zur Konservierung des Copyrights, wäre das Mindeste.

Schluss mit Polidori

Bleibt noch die Frage, was aus dem Schöpfer von Lord Ruthven wurde, dem Urahnen von Graf Dracula? Dr. Polidori haben wir aus den Augen verloren, als ihm von einem skrupellosen Verleger "The Vampyre" geklaut wurde. Am 24. August 1821 wurde er tot aufgefunden. Wahrscheinlich hatte er sich vergiftet, um auf sich aufmerksam zu machen - mit einem langsam wirkenden Gift und in der Hoffnung, noch rechtzeitig gefunden zu werden. Das misslang.

Ein Verwandter, William Michael Rossetti, berichtet in seinem spiritistischen Tagebuch von einem Kontakt am 25. November 1865. Bei einer Seance habe sich Polidoris Geist durch Klopfzeichen zu erkennen gegeben. Er habe erklärt, sich selbst getötet zu haben. Auf die Frage, ob er glücklich sei, antwortete Polidori mit zweimaligem Klopfen: "Not really."

"It's alive!" und doch vergriffen: Frankenstein, Dracula und die Tücken des Urheberrechts

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