Die Parallelgesellschaft der Reichen

29.10.2010

Schweizer Soziologen haben eruiert, wie Superreiche in der Schweiz, der Heimat jedes zehnten Milliardärs, leben, geplant wird eine Volksinitiative zur Wiedereinführung der Erbschaftssteuer

Nur ein Teil der Reichen und Superreichen ist wohlhabend durch eigene, von wie vielen und wie auch immer erreichte Leistung. Viele sind reich, weil sie in einem reichen Elternhaus geboren wurden und Erbschaften gemacht haben, die sie mitunter vermehren oder verschleudern, für deren Zustandekommen sie aber ebenso wenig können wie die früheren Adeligen für ihre Güter. Und natürlich leben die Reichen in einer Parallelgesellschaft, igeln sich ab von ihren Mitbürgern und versuchen meist, möglichst wenig Geld zu der Gesellschaft beizutragen, in der sie leben.

Der Soziologe Ueli Mäder von der Universität Basel hat dies für die reichen Schweizer deutlich gemacht und das Leben der Superreichen mit einem Vermögen von über 100 Millionen Franken zusammen mit Sarah Schilliger und Ganga Jey Aratnam in dem Buch "Wie Reiche denken und lenken – Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche" (Rotpunktverlag Zürich) und auf der dazu gehörigen Website geschildert. In der Schweizer Wochenzeitung beschreiben die Autoren die Parallelwelt etwa so:

Auch hierzulande leben viele Reiche in einer Parallelwelt. Einer privatisierten Welt mit eigenem Gesundheitswesen (Privatkliniken), eigenem Verkehrssystem (z.B. Swiss Jet, eine Fluggesellschaft mit Sitz in Samedan), eigenen Schulen (zahlreiche private Elite-Internate) und eigenen Banken (Familiy Offices). Wer bezahlen kann und zum "Klub der Auserwählten" gehört, kann teilnehmen und von den Serviceleistungen profitieren, die anderen sind ausgeschlossen. Die Sonderbehandlung beginnt schon in den ersten Sekunden des Lebens …

Meist leben sie in Ghettos:

Sicherheitsbedenken stehen dabei weniger im Vordergrund als die Vorstellung eines Lebens in der "idealen Gemeinschaft": Ordnung, die Kultivierung eines ausgewählten Lifestyles in einer homogenen Gemeinschaft von Menschen mit ähnlich gehobenem Lebensstil sowie Ruhe und schöne Natur sind meist wichtiger als Videoüberwachung und Sicherheitsdienste.

Von den 300 in der Alpenrepublik lebenden Superreichen, die 2009 zusammen fast 450 Milliarden Franken besaßen, hat die Hälfte ihren Wohlstand geerbt. Da es praktisch keine Erbschaftssteuer in der Schweiz gibt, dürfen sich die Erben über anstrengungslosen Wohlstand freuen. Immerhin werden insgesamt allein dieses Jahr 40 Milliarden Franken weitergegeben. Auch sonst fahren die Reichen in der Schweiz steuerlich gut. Schuld daran ist ein Wettbewerb um die reichsten Unternehmen und Personen, der nicht nur internationalen, sondern auch national zwischen den Kantonen ausgetragen wird.

Jeder zehnte Milliardär wohnt nach Swissinfo in der Schweiz. Wer hier reich sein will, braucht schon mal 30 Millionen, um dazu zu gehören. Schließlich ist die Klasse der Millionäre mit mehr als 210.000 Angehörigen in dem kleinen Land mit 7,5 Millionen Einwohnern relativ groß. Jeder 40. besitzt mehr als 1,2 Millionen Franken. Der Abstand zum Rest bleibt dennoch gewahrt: "3% der privaten Steuerpflichtigen haben gleich viel Nettovermögen wie die restlichen 97%." Nur in Simbabwe und Namibia bzw. nach einer anderen Studie in Namibia und Singapur sind, so die Soziologen, Vermögen noch ungleicher verteilt als in der Schweiz.

Das Ausmaß der Ungleichheit habe sie überrascht, es müsse mehr getan werden für den sozialen Ausgleich, fordert Mäder. Schließlich könne die Gesellschaft daran zerreißen: "Wie viel Reichtum erträgt eine Gesellschaft, wenn es so weiter geht mit der einseitigen Aneignung?" Mitautorin Sara Schilliger schlägt als Empfehlung der Autoren vor, "dass wir vermehrt eine progressive Besteuerung der Vermögen haben müssten und eine Erbschaftssteuer. Zudem empfehlen wir auch andere Formen des sozialen Ausgleichs, wie höhere Löhne bei den unteren Einkommen."

Die Befürworter einer Wiedereinführung der Erbschaftssteuer haben jedoch den Versuch aufgegeben, dies auf parlamentarischen Weg erreichen zu können. Hans-Jürg Fehr, der ehemalige Präsident der Sozialdemokratischen Partei sagte so dem Tagesanzeiger: "Im Parlament sitzen zu viele Reiche oder zu viele Stellvertreter der Reichen. Der Weg muss über das Volk gehen." Die Sozialdemokraten haben bereits eine Volksinitiative eingereicht, den Steuerwettbewerb in der Schweiz beenden soll und einen Mindeststeuersatz für die Einkommenssteuer von 22 Prozent auf kantonaler und kommunaler Ebene fordert. Abgestimmt wird am 28.11.

Geplant ist nun auch eine Volksinitiative zur Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer. Allerdings will man erst einmal den Ausgang der Volksinitiative über die Steuergerechtigkeit abwarten. Über die genauere Ausgestaltung der geforderten Steuer, also über deren Höhe und Ausnahmen, scheint es noch keine Einigkeit zu geben.

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