Alkohol ist gefährlicher als Kokain und Crack

02.11.2010

Britische Wissenschaftler haben eine Rangliste für Drogen im Hinblick auf deren negative Folgen für den Konsumenten und die Gesellschaft erstellt, Westeuropäer trinken am meisten Alkohol

Als im letzten Jahr der damalige Drogenbeauftragte der Regierung, der Neuropsychopharmokologe David Nutt vom Imperial College, die "künstliche" Aufteilung von erlaubten und verbotenen Drogen kritisierte und sagte, dass die erlaubten Drogen Alkohol und Nikotin viel gefährlicher seien als die verbotenen LSD, Ecstasy oder Cannabis (Alkohol und Nikotin sind gefährlicher als LSD, Ecstasy oder Cannabis), musste er sofort zurücktreten. Offenbar hatte er damit ein Tabu verletzt, denn die Aufteilung der Drogen ist auch eine kommerzielle, kulturelle und politische Entscheidung.

Nutt ließ dies nicht auf sich sitzen und gründete im Januar 2010 das Independent Scientific Committee on Drugs, bei dem er den Vorsitz inne hat. Mit einer neuen Studie, die nun in der Zeitschrift Lancet erschienen ist, versucht der Drogenexperte noch einmal wissenschaftlich zu belegen, dass Alkohol die gefährlichste Droge ist. Ob das die Skeptiker beeindruckt, ist fraglich. Für die Studie haben Nutt und zwei weitere Drogenexperten während eines eintägigen Workshops eine Rangliste der Gefährlichkeit von 20 Drogen für die Konsumenten (9 Kriterien) und für deren Umfeld (7 Kriterien) ausgearbeitet. Die Kriterien waren bereits 2009 vom Advisory Council on the Misuse of Drugs (ACMD) festgelegt worden. Daraus wurde für die Bewertung eine Entscheidungsanalyse (multicriteria decision analysis MCDA) entwickelt.

Zu den Gefahren für die Konsumenten rechneten die Experten die von den Drogen verursachte Mortalität, die Krankheiten und körperlichen sowie psychischen Folgen, die Abhängigkeit und soziale sowie ökonomische Folgen (Verlust an Freunden, Jobverlust, Gefängnisstrafen etc.). Bei den Folgen für das Umfeld der Drogenkonsumenten wurden steigende direkt oder indirekte Verletzungs- oder Schädigungsgefahr (Gewalt, Autounfälle etc.), Kriminalität, ökonomische Kosten, Beeinträchtigung der Familien, internationale Folgen (Kriminalität, Entwaldung, Destabilisierung von Ländern), Umweltschäden und Folgen für das Wohnviertel berücksichtigt.

Die kombinierte Rangliste der Drogen. Bild: Lancet/Nutt et al.

Zieht man nur die Folgen für den Konsumenten selbst in Betracht, sind Heroin, Crack und die Designerdroge Metamfetamin (Crystal, Crystal Speed, Ice) am gefährlichsten. Für die Mitmenschen ist der hingegen der Konsum von Alkohol, Heroin und Crack am gefährlichsten. Nimmt man beide Gefährdungen zusammen, so liegt Alkohol deutlich an der Spitze, gefolgt von Heroin und Crack. Tabak rangiert hinter Kokain, aber vor Marihuana. Khat, Steroide, Ecstasy, LSD, Buprenorphin und Pilze sind am wenigsten gefährlich und praktisch nur für den Konsumenten. Beim Alkohol schlagen vor allem die wirtschaftlichen Kosten, Gewalt und Verletzungen, Familie, Kriminalität und Schaden für das Wohnviertel durch.

Die Autoren räumen allerdings ein, dass sie nur die schädlichen Folgen für die Bewertung berücksichtigt haben. Drogen würden aber auch, zumindest anfänglich, für den Konsumenten Vorteile haben können. Für die Gesellschaft hätten Alkohol und Nikotin etwa Vorteile, weil mit ihnen Arbeitsplätze und Steuereinkommen verbunden sind. Die Gefährlichkeit hänge auch sehr stark von der Legalität oder Illegalität von Drogen ab. Für Großbritannien gelte aber, dass die offizielle Einstufung der Gefährlichkeit wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat.

In Europa (2009) stehen nach Rumänien übrigens Deutschland und Österreich an der Spitze des Alkoholkonsums, gefolgt von Spanien und Großbritannien. Die Italiener süffeln schon deutlich weniger, die Letten, Slowenen oder Schweden am wenigsten. Die meisten Alkoholabstinenten, genauer diejenigen, die im letzten Jahr kein alkoholisches Getränk zu sich genommen haben, findet man in Italien (40 Prozent), gefolgt von Ungarn, Portugal, Malta, Spanien und Polen (28 Prozent). In Deutschland sind es 19 Prozent.

Weltweit sind die Westeuropäer die stärksten Süffler nach einer anderen Statistik mit Daten der WHO (2006). Der durchschnittliche Westeuropäer trinkt ein Drittel mehr Alkohol als jede andere Person in einer anderen Region. In weiten Teilen des Nahen Ostens und von Nordafrika wird praktisch gar nicht getrunken. Hier herrscht, alkoholisch zumindest, Nüchternheit. Nach der Statistik trinken weltweit die Ugander am meisten, dann die Luxemburger, die Tschechen, die Moldavier und die Franzosen. Den siebten Platz teilen sich die Deuschen mit den Österreichern, Kroaten und Portugiesen. Alkoholische Trockenheit herrscht in Indonesien, Bangladesch und Pakistan. Im Iran, in Ägypten oder Myanmar ist man aber auch noch deutlich abstinent. Gut gesüffelt wird aber auch in den USA, in Russland, China und Japan, wie die Karte zeigt, die die Größe der Länder nach dem Alkoholkonsum darstellt.

Karte: SASI Group (University of Sheffield) und Mark Newman (University of Michigan), CC-Lizenz
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