Der Dandy des Terrors

05.11.2010

Ein "Terrorist for hire" und das Sittenbild einer Epoche: "Carlos - Der Schakal" ist ein unterhaltsamer Gangsterfilm

Im "internationalen jüdisch-zionistischen Kapitalismus" sah er seinen Hauptgegner, er kämpfte dann aber auch gegen Araber, etwa jene Staaten, die er für zu "schwach", zu kompromissbereit im "antiimperialistischen" Kampf gegen Israel hielt. "Carlos" - so kennt die Welt Ilich Ramírez Sánchez, jenen militanten Linken aus Venezuela, der vor über drei Jahrzehnten unter seinem Kampfnamen "Carlos" zum internationalen Medienstar wurde. Eine enigmatische Figur, deren Rätselhaftigkeit bis heute fesselt und dessen viele Facetten der französische Regisseur Olivier Assayas ("Irma Vep", "Demonlover") jetzt zum Thema seines neuesten Films macht. So historisch korrekt und genau recherchiert die Fakten auch sein mögen, Assayas interessiert vor allem der Mythos, die öffentliche Figur, interessieren die modernen Züge dieses Terror-Dandys, der die Frauen liebte, schnelle Wagen, guten Wein und große Pistolen. Nicht zufällig nennt Assayas auf die Frage nach seinem Lieblingsfilm Viscontis "Ludwig" - eine weltflüchtige Figur, die früh an ihrer eigene Mythifizierung gearbeitet hat.

Alle Bilder: NFP

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The Man, who shot Liberty Valance

Viscontis "Ludwig" ist mein Lieblingsfilm, und ich hatte den Film im Kopf, als ich "Carlos" gedreht habe. Das war mein Zugang. Carlos ist ein moderner Mythos, verständlich und doch unbegreiflich, bekannt aber unbekannt. Sobald sich eine Wahrheit abzeichnet, wird sie unweigerlich durch eine gegenteilige Wahrheit widersprochen. Carlos' Anziehungskraft begründet sich in dieser Rätselhaftigkeit.

Olivier Assayas

So enigmatisch wie die Gestalt des Terroristen "Carlos" ist auch die Form dieses Films, der zur Zeit auf der Welt in mindestens vier verschiedenen Fassungen kursiert: Die längste von ihnen, gezeigt bei seiner Festival-Premiere in Cannes, die der kurz darauf im französischen Privatsender Canal+ ausgestrahlten Miniserie entspricht, dauert 333 Minuten, die französische Kinofassung dagegen nur 165 Minuten. Auf DVD erhältlich ist in Frankreich auch noch eine 290 Minuten-Fassung. Ins deutsche Kino kommt der Film nun in zwei Fassungen: Die reguläre, von Assayas selbst geschnittene Kinofassung hat immerhin 190 Minuten, die "Cineastenfassung" entspricht der Cannes-Premiere.

Die goldenen Jahre des Terrors

"Carlos - Der Schakal" erzählt aus dem Leben von Ilich Ramírez Sánchez, jenem militanten Linken aus Venezuela, der vor über drei Jahrzehnten unter seinem Kampfnamen "Carlos" zum internationalen Terroristen und Medienstar wurde. Wobei der Spitzname "Schakal" nur eine an Fred Zinnemans berühmte gleichnamige Forsythe-Verfilmung angelehnte Erfindung britischer Journalisten war, die Carlos nie benutzt hat, und die im Film nicht vorkommt.

Dieser setzt in den 1970er Jahren ein, als allerorten die mindestens klammheimlichen Sympathien für die militante Linke noch größer waren. Im Jahr 1973 heuerte der radikale Bürgersohn bei der palästinensischen PFLP an und erlebte über ein paar kleinere, aber von Anfang an medial spektakuläre Attentate einen jähen Aufstieg zu weltweiter Berühmtheit, die in Carlos' bekanntester Aktion, der Geiselnahme der OPEC-Konferenz im Dezember 1975 in Wien mündete. An diesem Punkt kulminiert historisch zugleich Carlos' Bedeutung in der Internationale der Gewalt.

Denn durch die Annahme von Lösegeld, die fehlende Bereitschaft, das eigene Leben für von Außen oktroyierte Prinzipien zu opfern und vor allem durch die Souveränität, die Carlos letztendlich bei allen taktischen Entscheidungen beanspruchte, grenzte er sich selbst innerhalb seiner Bewegung aus. Überzeugend beschreibt Regisseur Olivier Assayas hier jene "goldenen Jahre" des Terrorismus als - unter anderem - einen Kampf eitler Egos, bei dem Carlos letztendlich unterliegt: Er wird aus der PFLP ausgeschlossen, verliert damit einen Teil seines Schutzes und der für seine "Aktionen" notwendigen Infrastruktur.

Seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre operierte er mit einer kleinen Gruppe treuer Gefolgsleute, die durch temporäre Bündnisse mit anderen Untergrundgruppen, Geheimdiensten oder Regierungen zusätzlich verstärkt wurde, als eine Art Untergrund-Söldner, ein "Terrorist for hire", der zwar nie den großen Rahmen linksextremer Politikentwürfe verließ, sich innerhalb dessen aber als außerordentlich geschmeidig zeigte und primär in den Dienst jenes Auftraggebers stellte, der den besten Preis bot. Für eine Weile fand er Zuschlupf und Schutz in der DDR, dann in Ungarn, später im Nahen Osten.

Mit den Jahren wurden die Aktivitäten der Gruppe mehr und mehr politisch "entkernt" und bestanden vornehmlich in der Befreiung gefangener Mitglieder oder in persönlich motivierten Racheakten. Zunehmend, und endgültig mit der Auflösung der Blockkonfrontion seit 1989, geriet Carlos aber in die Isolation und wurde zur Bürde für seine Gastgeber - weil vor allem Frankreich immer an Carlos' Verfolgung festhielt, führte dies schließlich zu seiner Verhaftung 1994. Das letzte Drittel des Films dreht sich primär um diesen zunächst allmählichen, dann sich steigernden Abstieg.

Wein, Weib und Gewalt

Diese Fakten sind weitgehend bekannt. Spätestens Barbet Schoeders sensationelle Dokumentation "L'Advocat de la Terreur" enthüllte ausgiebig das letzte Jahrzehnt von Carlos' Wirken. Entscheidend für das grandiose Funktionieren dieses Films ist aber die Inszenierungskunst von Assayas, und die Form, die er dem Film gibt. "Dreams Never End" heißt der "New Order"-Song, der "Carlos" leitmotivisch durchzieht - ein Dokudrama als Tagtraum und Bewusstseinsstrom.

Der Regisseur fasst den Look, den Sound und den Geschmack einer vergangenen Ära. Kino aus Bewegung, Hitze und Sinnlichkeit, dynamisch, überzeugend und schön. Voller Action, und extrem ökonomisch in seiner Narration: In relativ strenger Tryptichon-Struktur zeigt der Film Aufstieg, Höhepunkt und Fall seiner Hauptfigur. Knapp und kühl, trotz seiner Länge nie im Stil von Fernsehredaktionen "auserzählt" wie vergleichbare Filme sonst, sondern gelassen in Form offener Skizzen. Zugleich mit dem Grund-Tempo und dem Gefühl für Rhythmuswechsel, das Assayas seit jeher beherrscht wie nur wenige und das er bereits in Filmen wie "Irma Vep", "Demonlover" und "Boarding Gate" praktizierte: unruhig, nervös, wie auf dem Sprung sind die Bilder.

Carlos selbst steht immer im Zentrum, wird aber zugleich fortwährend gespiegelt: durch reale Spiegel, die immer wieder auftauchen, und in denen Carlos sich selbst betrachtet; in den Frauen, die er wie Groupies um sich schart, sich immer wieder als Verführer bestätigend; in den Zuhörern, die er braucht; in den Auftraggebern, die ihm durch schiere Präsenz seine eigene Bedeutung bestätigen; in den Medien, die das tun, indem sie über ihn berichten.

"Der Baader-Meinhof-Komplex" schrumpft im Vergleich

Erst durch all das wird aus "Carlos" gleichzeitig ein unterhaltsamer Gangsterfilm im Stil von "Public Enemy No.1" und ein Dokudrama. Gedreht wurde in mehreren europäischen Ländern und im Libanon. Die Schauspieler stammen in der Regel aus den gleichen Ländern oder Regionen, wie diejenigen, die sie verkörpern - schon dies ist Grund genug, jedem Zuschauer die untertitelte Originalfassung zu empfehlen: Nur im Reichtum der verschiedenen Sprachen und Akzente stellt sich ein authentischer Eindruck der Internationalität der Ereignisse ein.

"Carlos" ist auch ansonsten eine wunderbare Schauspielarbeit und einmal mehr ein Beispiel dafür, dass deutsche Filmemacher zu wenig (und immer nur das Gleiche) mit ihren deutschen Schauspielern anzufangen wissen: Julia Hummer hat man außer bei Christian Petzold nie so gut gesehen, wie hier als "Nada", Nora von Waldstätten ist souverän und facettenreich in der schwierigen Rolle, der immer als kleinbürgerlich eingeschätzten Carlos-Gattin Magdalena Kopp, Alexander Scher als Weinrich eine Wiederentdeckung.

Daneben natürlich Edgar Ramirez in der Titelrolle: Großartig. So ist dies auch ein Schlag ins Gesicht all jener bisherigen Terrorismus-Verfilmungen, die wissen was richtig und falsch und authentisch und wichtig ist: "Der Baader-Meinhof-Komplex" etwa schrumpft im Vergleich aufs Niveau einer Unterhachinger Schulaufführung. Ein "Fernsehfilm" ist "Carlos" nur insofern, wie auch Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens" einer ist: Ein Werk, dass unglaublich reich an Facetten die Konvention des 90-Minuten-Formats sprengt, das trotz der groben 3-Akt-Struktur eher episch erzählt, und das nur auf der großen Leinwand seine ganze Schönheit und Qualität entfaltet.

Freund-Feind-Beziehungen und politische Provokation

Auch in den Einzelheiten der Handlung ist alles unglaublich reich und anregend, voller hochinteressanter und kaum auszuschöpfender Details. Für den Betrachter verführerisch in seiner Sinnlichkeit, ohne moralisch zu verharmlosen. Der Film zeigt die Terroristen als Mörder in politischer Absicht. Er zeigt sie auch guten Wein und viel Whiskey trinkend, rauchend, tanzend, in flotten Autos und im Bett, in kleinen Hotels und großbürgerlichen Häusern. Terrorismus erscheint hier als globale new economy, und so hat Assayas' Carlos auch gar nicht so ferne Ähnlichkeit mit den gewissenlosen Finanzhaien unserer heutigen Epoche. Er war ein Global Player, ein erfolgsorientierter Unternehmer, der fortwährend Aufträge akquiriert, und das Geld anderer Investoren ausgibt.

Hervorragend fängt der Film auch die Stimmung des kalten Kriegs ein, die vielen Verwicklungen aus Freund-Feind-Beziehungen, Verschwörungen, großen Strategien und kleinen Taktiken. Eine Welt, in der jeder auch sein eigenes Süppchen kocht. In einer großartigen Szene sieht man etwa Juri Andropow, seinerzeit KGB-Chef, wie er die versammelten Vertreter der linksradikalen Organisationen in Bagdad zur Ermordung des ägyptischen Staatschefs Saddat aufruft, und damit den gerade begonnenen Friedenprozeß in Nahost ins Mark trifft.

Die politische Provokation des Films liegt in solchen kurzen präzisen Einblicken wie in seiner zentralen, freilich nie explizit formulierten These: Es gibt keinen Terrorismus, der nicht staatlich ist; auch hinter "Carlos" über zwei Dekaden reichendem Wirken standen immer irgendwelche Regierungen, die die Aufträge gaben, sie finanzierten, die Gruppe schützten, oder zumindest duldeten.

Assayas' Film ist alles, was Soderbergh's "Che" sein wollte: Ein Biopic über einen Berufsrevolutionär, das politische Gewalt ernst nimmt, das den Wahn im Radikalismus einfängt, ohne ihn gleich blind zu verdammen, das klar macht, dass man diese Menschen Mörder nennen muss, ohne dass deswegen wirklich viel über sie gesagt wäre.

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