Führer der Japanischen Roten Armee waren registrierte Stasi-Agenten

07.11.2010

Bedeutende Funde sind in Stasi-Akten sehr wohl zu machen - Teil 1

Fusako Shigenobu (*1945) und Masao Adachi (*1939), Führer der Japanischen Roten Armee (JRA), waren nachweislich Stasiagenten. Den Akten ist eindeutig zu entnehmen, dass Shigenobu 1987 mit der Registriernummer XV 1339/87 und dem Decknamen "Bettina" und Adachi mit dem Decknamen "Bruno" und der Registriernummer IMB XV 897/86 als IMB erfasst wurden. Das heißt, sie waren im Auftrag der Stasi aktive Agenten "mit Feindeskontakt", wie es heißt. Keineswegs nur Spitzel für mehr oder weniger harmlose Informationsdienste oder gemeinen Verrat . Eine Stasi-Agententätigkeit der Beiden schon ab Anfang der 70er Jahre ist - wie bei deutschen Terroristen - anzunehmen, aber dafür gibt es keine Belege. Bei der Stasi wurde zudem immer wieder neu registriert.

Fusako Shigenobu

Der Carlos-Film bringt die Nähe der Stasi1 zum internationalen Terrorismus wieder neu ins Gespräch. Für diese Verbindung war man in unseren Zeitungen, unmittelbar nach 1989, sehr viel offener. Doch seit circa Mitte der 90er Jahre wird in Medien und Zeitgeschichtsschreibung diese Zusammenarbeit weitestgehend geleugnet oder verdeckt gehalten. Der Grund: Im internationalen Terrorismus der 70er und 80er Jahre, agierten die Geheimdienste. Und zu denen soll nicht allzuviel aufgedeckt werden. Die Verfassung legitimiert sie schließlich nur für Informationsbeschaffung und nicht für geheimpolitische Aktionen. Doch hier spielte sich der Kalte Krieg ab, über den das Informationabedürfnis groß bleibt. Nach den vielen Aufdeckungen in Italien zur Verwicklung der Geheimdienste im Terrorismus wird mit dem Fall Verena Becker endlich auch in Deutschland hierzu einiges deutlich.

Markus Wolf war da viel offener. Zumindest wohldosiert und nur in der englischen Ausgabe seiner Biographie räumt er ein, dass das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und dort speziell die "Abteilung XXII" für sogenannte "Terrorabwehr" entgegen allen anderslautenden Desinformationen sehr wohl kontinuierlich mit terroristischen Gruppen (RAF, IRA, ETA, PFLP u.a.) aus der ganzen Welt zusammenarbeitete. Auch Carlos und die Abu Nidal-Gruppe werden genannt. Und Wolf räumt auch ein, dass George Habbash, Führer der marxistisch-leninistischen PFLP und erklärter Befürworter terroristischer Akte, ein hofierter Dauergast in Ost-Berlin und einem festen Wohnsitz in Dresden war.2 Die "Neuigkeiten" des "Focus" jetzt zum Carlos-Film sind daher nicht wirklich neu.

Markus Wolf (1989). Bild: Bundesarchiv (Bild 183-1989-1104-040), Foto: Hubert Link, Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Paramilitärische Ausbildung erhielten Terroristen entweder in arabischen, befreundeten Ländern oder auf dem Gebiet der DDR. Selbst intern - so weiter Wolf - hätten aus konspirativen Gründen nur wenige MfS-Mitarbeiter davon gewusst. Zu heikel wären die diplomatischen Folgen gewesen.

Das sind deutliche, bei uns bisher weitestgehend unbekannt gebliebene Worte des legendären Spionagechefs des MfS. Das Kapitel "GDR and Terrorism" wurde für die deutsche Ausgabe gestrichen.

Die Neuigkeit aus der Birthler-Behörde über die japanischen Terroristen und die aus Wolfs Biographie passen bestens zusammen. Dass die Agententätigkeit der japanischen Terroristen nicht nur für die Zeitgeschichtsschreibung ihres Landes von Interesse ist, zeigt der Blick auf ihr Aktionsfeld.

Fusako Shigenobu, Masao Adachi und ihre ca. 20-köpfige Truppe lebten seit 1971 für knapp dreißig Jahre fast kontinuierlich in Palästinenserlagern im libanesischen Bekaa-Tal. Sie traten an, den Kampf der Palästinenser gegen Israel zu unterstützen, ließen sich paramilitärisch ausbilden und begingen mit den marxistisch-leninistisch geschulten Palästinensern der PFLP (Palästinensiche Front zur Befreiung Palästinas) und Terroristen aus aller Welt international Anschläge. Ihr Ziel: Auf das Palästina-Problem aufmerksam zu machen und mit Anschlägen meist gegen die USA die kapitalistische Welt zu destabilisieren. Auftakt war 1972 in Kooperation mit dem Führer der PFLP und KGB-Agenten Wadi Haddad der Anschlag auf den Flughafen von Tel Aviv. Da wurde hemmungslos in die Menge geschossen, 26 Tote und 78 Verletzte waren das Ergebnis.3

Auch Deutsche kooperierten mit der Japanischen Roten Armee

Schon die Namensverwandtschaft mit der Roten Armee Fraktion weist auf bruderschaftliche Nähe. Doch die Kooperation der Japaner mit deutschen Terroristen unterlag offensichtlich höchster Geheimstufe, die Spuren sind rar. Gerichtsfest wurde ein im April 1977 in Schweden geplanter Anschlag von internationalen Terroristen, an dem Japaner und die Deutschen Norbert Kröcher und Manfred Adomeit beteiligt waren. Über die deutsche Justiz ist die Zusammenarbeit unter Führung der japanischen Terroristen der JRA auch von Andrea Klump und Horst Meyer 1988 im spanischen Rota bekannt. 2001 wurde Klump vom Stuttgarter Oberlandesgericht hierfür zu 9 Jahren Gefängnis verurteilt. Für diesen (gescheiterten) Anschlag zeichnete die AIIB, die Antiimperialistische Internationale Brigade, die Militante aus aller Welt unter der Führung der JRA organisierte.

Auch Hans-Joachim Klein, als Mitglied der Revolutionären Zellen4 im internationalen Terrorismus aktiv, war, bevor er 1978 - wie es heißt - aus dem Terrorismus ausstieg, mit von der Partie. Er bildete Terroristen in Palästinenserlagern aus und wird in Stasi-Akten als Mossad-Agent genannt. Ende Dezember 1975 schoss er mit Carlos bei der OPEC-Geiselnahme in Wien und am 11.11.1976 traf er PFLP-Führer Wadi Haddad und den zweiten Mann der JRA, Masao Adachi, in Bangkok und Singapur.5

Wadi Haddad

Adachi war der Organisator und Stratege im Hintergrund. Konkrete Verwicklungen in Anschläge lassen sich für ihn weder in den Akten noch in der internationalen Forschung finden. Als er wie Shigenobu im Jahr 2000 nach Tokio zurückkehrte, verurteilte man ihn lediglich wegen Paßfälschung für 9 Monate. Heute ist er, wie einst vor 30 Jahren, wieder als Dokumentarfilmer tätig. Anders die Nr. 1 der Organisation. Shigenobu wurde wegen Teilnahme an Terroranschlägen 2010 rechtskräftig zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der internationale Terrorismus erfährt besondere Geheimhaltung

Fusako Shigenobu, Masao Adachi und Wadi Haddad (gest. 1978) waren wie Carlos und Giangiacomo Feltrinelli (gest. 1972) zweifelsfrei unter der Schirmherrschaft von Stasi/KGB die großen Organisatoren zunächst des internationalen bewaffneten Kampf dann des Terrorismus der 70er und 80er Jahre. Alle hatten eine deutliche, aber geheimdienstlich verdeckte Nähe zur Stasi bzw. zum KGB, der sich aus Gründen der Diplomatie in dieser Frage allerdings konspirativ noch bedeckter als die Stasi hielt.

Giangiacomo Feltrinelli

Um die Verbindung dieser Top-Terroristen zur Stasi zu verharmlosen, wird von unseren Medien oder der Zeitgeschichtsschreibung immer wieder gerne angeführt, dass sie nur eigenständig oder als Söldnerterroristen im Auftrag von Staaten agierten, die die Linie der Palästinenser unterstützten. Oder dass gegen sie schon mal Einreisesperren für die DDR und andere Ostblockländer verhängt wurden. Doch die beauftragenden Staaten wie Libyen oder Syrien waren nicht nur mit den Palästinensern, sondern auch mit dem Ostblock eng verbunden und der DDR konnte nichts lieber sein, als andere Auftraggeber für Terroranschläge zu haben. Und Einreisesperren wurden für die Geburtsnamen, im Geheimdienstjargon Klarnamen, von Leuten verhängt, die international gesucht waren. Für die Stasi waren auch Einreisesperren konspirative Abschirmungsmaßnahmen. Silke Maier-Witt z.B. lebte in den 80er Jahren in der DDR, was auch innerhalb der Stasi nicht bekannt werden durfte. Sie war natürlich mit ihrem bundesdeutschen Klarnamen international gesucht und für diesen Namen mit einer "Einreisesperre" für die DDR belegt.

Mit ihrem (Alias-) Namen als Bürgerin der DDR hätte sie ohne Probleme ein - und ausreisen können. Gefälschte Pässe gehören in geheimpolitischen Aktionen zum Handwerkszeug. Mit ihnen blieben für Terroristen, die mit der Stasi kooperierten, die DDR-Grenzen durchlässig. Carlos, Haddad, Habasch, Abu Daud und andere führende Terroristen wie die Japaner erhielten immer wieder für längere Zeit Schutz und Quartier in der DDR oder in anderen Ostblockstaaten. In der Regel unterlagen sie einer "Einreisesperre" und reisten über gefälschte Pässe ein. Für Feltrinelli und die Linksterroristen seines Landes - so deckten es Justiz und parlamentarische Untersuchungskommissionen in Italien auf - war das Schutz und Quartier bietende Hinterland die Tschechoslowakei.

Dass Deutschland und Italien in Sachen Terrorismus so viele Ähnlichkeiten aufweisen, lag an ihrer Rolle als Frontstaaten des Kalten Krieges zwischen den beiden Blöcken. Der eine wegen der geostrategischen Nähe zum Feind, der andere wegen seiner im Westen einmalig starken kommunistischen Partei und seiner geostrategischen Rolle im Mittelmeer.

Operativer Vorgang "Bert"

Die wichtigsten Stützpunkte für Japaner der JRA/AIIB waren - laut Stasiakten - Damaskus, Athen, Belgrad, Wien , Singapur, Mexiko und Osaka. In Nikosia auf Zypern und auf den Phillipinen arbeiteten sie mit den Kommunistischen Parteien zusammen. Die Anschläge richteten sich gegen diplomatische und militärische Einrichtungen vor allem der USA, aber auch Israels und Englands.

In den Aktenordnern zum operativen Vorgang "Bert", dem Decknamen für die japanischen Militanten, erfährt man von einer Begegnung zwischen RAF und JRA am 15.4.1986. Die JRA Mitglieder hätten "Libyen in Richtung Jemen verlassen und seien anschließend mit RAF-Mitgliedern in einem europäischen Land zusammengetroffen." Ein weiteres Treffen habe Anfang Mai in Tokio stattgefunden. Man plane gemeinsame Aktionen. Diese Kooperation wurde von "einem BRD-Bürger" organisiert. Dessen Name wurde von der Stasi-Unterlagenbehörde allerdings geschwärzt.

Ebenfalls 1986 gab es in Jugoslawien ein Treffen mit den Japanern und linksextremen Gruppen aus Europa. 1987 und 1988 folgten Anschläge der AIIB oder der JRA in Rom und Neapel, auch in einigen asiatischen Ländern. Worüber westdeutsche Medien seinerzeit berichteten.

Die enge Agentenverbindung der Japaner zur Stasi ist offensichtlich auch in Japan nie bekannt geworden, noch wurde sie je irgendwo vermutet . Von den ca. fünfzehn bekanntesten Mitgliedern der sogenannten Dritten RAF-Generation oder auch den Resten der "Bewegung 2. Juni"und der "Revolutionären Zellen", die fast alle um 1984 untertauchten, haben neben den genannten vermutlich auch andere mit den Japanern zusammengearbeitet. Indizien weisen auf mögliche gemeinsame Einsatz- oder Aufenthaltsorte.

1986 hielt sich das in Deutschland untergetauchte Ehepaar Horst Ludwig und Barbara Meyer aus unbekannten Gründen in Norwegen, in Wien und Athen auf, alles Stützpunkte der JRA. Für die Mitglieder der sogenannten Dritten RAF-Generation finden sich in den Akten seit 1979 wechselnde Registriernummern. Seit 1985, als die Japaner nach einer längeren Anschlagspause wieder aktiv werden, erfahren sie alle in der DDR einen besonderen Status. Die Stasi fasst sie mit Decknamen in der "Familie Klausen" zusammen. Eine eindeutige Agententätigkeit für die Stasi ist anzunehmen, aber aus den noch vorhandenen oder dem Forscher zugänglichen Akten nicht zu beweisen. Zu diesem familiären Zusammenhalt gehörte auch Wolfgang Grams, der sich im März 1988 im Tschad aufhielt, nach eigenen offenen Worten gegenüber den dortigen Behörden auf terroristischer Mission. Für Thomas Simon, Christoph Seidler, Birgit Hogefeld u.a. dieser Gruppe finden sich während der 80er Jahre in den Akten eindeutige Hinweise zu Transitfahrten in die DDR.

Reisen, die sie in den 90er Jahren gegenüber den Ermittlern verschwiegen. Viele "Klausens" waren über Zeugenhinweise auch in Verdacht geraten, an den bis heute unaufgeklärten Anschlägen der 80er Jahre beteiligt gewesen zu sein. So wurden Wolfgang Grams und Christoph Seidler für eine Beteiligung am Anschlag auf Alfred Herrhausen im Jahr 1989 verdächtigt. Seidler hatte behauptet, die ganze Zeit im Libanon, wo auch die Japaner ihre Base hatten, gewesen zu sein. Doch in den Stasi-Akten zeigen sich Beweise, dass auch er immer wieder in der DDR war.

Teil 2: Warum Aufklärung die Stasi-Unterlagen-Behörde nur bedingt interessiert

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