Investmentpunks suchen nach Alternativen aus dem Hamsterrad

16.11.2010

Quo Vadis Mittelschicht? Interview mit Investmentbanker Gerald Hörhan

Der 35-jährige Österreicher Gerald Hörhan ist erfolgreicher Investmentbanker und bekennender Punk. In seinem Buch "Investmentpunk" zieht er nüchtern Bilanz: Statt gegen das Geld, die Reichen oder auf die Banken mit dem Finger zu zeigen, sollte die Mittelschicht aus dem Hamsterrad aussteigen. Denn Investmentpunks rebellieren, indem sie sich auf die planvolle Vermehrung des eigenen Vermögens konzentrieren.

Gerald Hörhan ist ein Aufsteigerkind aus einfachen Verhältnissen. Bereits als Jugendlicher gewann er eine Silbermedaille bei der Mathematik-Olympiade, schwor aber auch früh der kleinen idyllischen Welt seiner Kindheit ab und entwickelte sich zum umtriebigen Querkopf.

Doch er war sich früh bewusst, worauf es jenseits einer rebellischen Geisteshaltung ankam, nämlich vor allem aufs Geld, das für ihn auch heute noch den zentralen Schlüssel zur persönlichen Unabhängigkeit darstellt.

Später schloss Hörhan ein Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University mit magna cum laude ab, arbeitete danach als Investmentbanker unter anderem für JPMorgan Chase & Co. in New York und als Unternehmensberater für McKinsey in Frankfurt.

Bis hierher liest sich diese Biographie wie ein gängiger Aufsteigertraum, in leicht abgewandelter Form letztlich den Traum vom Tellerwäscher zum Millionär propagierend. Die konventionelle Seite ist die, dass Hörhan heute tatsächlich ein Erfolgsmensch ist, der seine eigene Investmentfirma Pallas Capital Holding AG aufgebaut hat.

Auch das dort auf der Homepage präsente Foto verrät so gar nicht, dass Hörhan auch ein anderes gut integriertes und offen zur Schau gestelltes Ego besitzt, das er unter seiner selbst kreierten Marke konsequent auslebt. Und zwar als Punk immer wieder, ohne Wenn und Aber, aber nicht bis zur Bewusstlosigkeit durch Drogen und ähnliche Exzesse. Eine von der klaren Vernunft kontrollierte Rebellion eben, angesiedelt an der individuell zulässigen sozialen Grenzziehung.

Aber ein Punk zu sein ist heute im Gegensatz zu den Nerds und der Generation Y kaum mehr cool. Im Interview entschuldigt sich Investmentpunk Gerald Hörhan für die kleine Inkonsequenz, auf der Webseite seiner eigenen Firma doch zur Abwechslung mal mit einer dunklen Krawatte, strenger Frisur und mit glatt gebügelten weißen Hemd präsent zu sein. Wie ein echter Banker eben: "Wir haben auch konservative Klienten in Russland", erklärt Hörhan dazu.

Seine Thesen sind insbesondere für reine Konformisten die pure Provokation. Für die vielen unter den extrem sozial Angepassten sind sie sogar der Stein des Anstoßes. Aber auch jene, die sich rund um die Uhr als wirtschaftliche Gewinner fühlen, aber es vielleicht gar nicht wirklich sind, wenn sie in ihr Innerstes hinein horchen, könnten beim Lesen des Investmentpunks ins Grübeln geraten.

"Punks denken, dass frei ist, wer nichts hat. Ihr denkt, dass frei ist, wer so viel hat wie alle anderen. Ich denke, dass frei ist, wer reich ist und in der Lage, seinen Lebensunterhalt aus den Erträgen seines Vermögens zu bestreiten", sagt Gerald Hörhan.

Anderen Lesern, wiederum nicht ganz so fortschrittsgläubig daher kommend, spricht der erfolgreiche Quergeist vielleicht aus der von der stetigen Anpassung gequälten Seele. Denn Gerald Hörhan schreibt klare und einfach verständliche Sätze wie diesen hier: "Ihr müsst bereit sein, wie Punks zu denken, aber nicht wie Anarcho-Punks, sondern wie Investment-Punks. Die Rebellion eines Investment-Punks basiert auf Leistung und Kreativität."

"Das System hat kein soziales Gewissen"

Fast wie ein Thesenpapier hämmert Hörhan seine Botschaften an die Klagemauer, vor die sich die Mittelschicht nur allzu gerne weinerlich hinstellt. Der vor elf Jahren verstorbene Börsenexperte André Kostolany war vielleicht so etwas wie eine Art von Investmentpunk der ersten Generation. Wer sein Buch "Die Kunst über Geld nachzudenken" gelesen hat, der ahnt zumindest theoretisch, wie der von Massentrends gehörnte Kunde der Finanzindustrie die Geschicke in die eigene Hand nehmen könnte.

Ja, wenn das kleine Wörtchen wenn nicht wäre. Denn die Geschicke des Lebens gerade zur wundersamen Geldvermehrung in die eigene Hand zu nehmen, das wird nur wenigen erfolgreich gelingen. Es ist ein systembedingter Umstand, das weiß auch Hörhan, denn es gäbe keine Reichen, wenn es an den Finanzmärkten nicht mehr Verlierer als Gewinner gäbe. Um erfolgreich zu sein, dazu bedürfe es indes einer großen Ausdauer, Disziplin und einer klaren Strategie, gerade in Gelddingen.

Wo aber bleibt der ganze Rest? Gibt es eine neue Variante von Investmentpunks 2.0, die bevorzugt das Internet als ihren virtuellen Versammlungsort nutzt – um von dort aus kreative neue Pfade jenseits vom medialen Mainstream zu experimentieren, statt ein ödes Leben lang bis zur rastlosen Erschöpfung im Hamsterrad weiter zu strampeln?

Hörhan breitet auch in dieser Hinsicht nichts fundamental Neues aus. Jedoch lotet er aufgrund ihrer pointierten Sprache durchaus lesenswerte Erkenntnisse und Blickwinkel aus, die die Publikation "Investmentpunk" aus der Masse der üblichen marktgängigen Finanzratgeber deutlich hervorstechen lassen.

Kurzum: Es ist ein Buch für Menschen, die jenseits der Lösungsformel von "Mein Haus, meine Frau, deren Küche, mein toller Arbeitgeber" nach kreativen individuellen Pfaden Ausschau halten möchten, gerade jenseits eines oberflächlichen akademischen Bildungsbürgerdiskurses. Und die bereit sind, sich auf den steinigen Weg zu machen.

In Kapitel zwei beschreibt der Investmentbanker mit dem sozialen Touch eines Rebellen die Abzocke der Kleinanleger.

Das System hat kein soziales Gewissen. Es holt sich nicht so viel, wie ihr verschmerzen könnt. Es holt sich so viel wie möglich.

Gerald Hörhan

Mittlerweile befindet sich das Buch in der fünften Auflage. Hörhan ist längst gefragter Experte, und er ist – obwohl kein naturgegebenes Showtalent - gelegentlich auch in Fernseh-Talkshows zu Gast. Dort bürstet er keine großen Modewellen glatt, sondern präsentiert relativ unspektakulär seine bisherige Erfahrungsbilanz in Geldfragen.

Die beiden grundlegenden Wahrheiten über das Geld beschreibt er wie folgt:

Erstens: Geld lässt sich nur durch Beharrlichkeit verdienen, fast nie über Nacht, auch wenn es manchmal so aussieht. Vermögen entstehen immer als Folge eines Prozesses, bei dem jemand, der etwas gut kann, das immer wieder tut, ausbaut, verbessert und wiederholt.

Zweitens: Wer Geld verdienen will, muss bereit sein, gegen den Strom zu schwimmen, kreativ zu sein und sich gegen alle ökonomischen Konventionen der Mittelschicht zu stellen. Wer reich werden will, muss bereit sein, ein Investment-Punk zu sein.

Solange ihr das nicht hören wollt, wird es wenige geben, die viel haben, und viele, die nichts haben. Solange schuftet ihr, und wir werden immer reicher.

Gerald Hörhan

"Die klassischen Sicherheiten und Konventionen greifen nicht mehr"

Herr Hörhan, warum sollte die Mittelschicht aus ihrer passiven Rolle als Melkkuh ausbrechen?

Gerald Hörhan: Meine Kernbotschaft lautet: Die klassischen Sicherheiten und Konventionen greifen nicht mehr. Hinzu kommt die Verschuldungsspirale, aus der viele Menschen nicht mehr heraus kommen. Der Schuldendienst für Konsumausgaben bringt große Unfreiheit hervor. Die breite Masse trottet dem Weg der anderen einfach nur nach. Mein Buch ist ein Versuch, das Potenzial in den Menschen zu wecken, ihnen zu sagen, sie sollen sich anstrengen und kreativ sein. Es geht auch anders als mit den Bordmitteln, die einem durch andere von der Wiege bis zur Bahre eingetrichtert worden sind.

Der Vertrauensverlust in der Bankenbranche ist zwar enorm, letztlich bleibt es aber aufgrund der gängigen kognitiven Dissonanz beim allgemeinen Wehklagen der Masse und einem wenig ziel gerichteten Bankenbashing. Kaum einer ändert sein Finanzverhalten und führt es stärker in Eigenregie. Wird dies so bleiben?

Gerald Hörhan: Es gibt einzelne Menschen, die den Trend durchaus schon spüren. Vor allem meine Generation spürt die Problematik instinktiv sehr deutlich, etwa wenn es um die beste medizinische Behandlung geht, oder um die Schulausbildung für die Kinder, was künftig von Seiten des Staates nicht mehr zu machen sein wird. Die meisten Menschen wissen aber nicht, was sie tun sollen. Den richtigen Umgang mit Geld zu erlernen, gehört in jeder Schule zum Pflichtprogramm, ebenso wie die Funktionsweise unseres medizinischen Systems oder wie man gesund leben kann. Unser Ausbildungssystem versagt in dieser Hinsicht vollkommen.

Im Internet kann man heute vieles vergleichen. Der Blick in das virtuelle Hotelzimmer am Urlaubsort ist ebenso gut möglich wie der Vergleich von Finanzprodukten. Ändert sich dadurch etwas?

Gerald Hörhan: Jein. Man kann im Internet zwar vieles vergleichen, aber trotzdem sind Finanzprodukte immer noch undurchschaubar. Nach wie vor gilt die alte Regel, dass Sie sich entweder selbst gut auskennen müssen, oder dass Sie sich jemand suchen müssen, der Sie gut und erfolgreich berät. Und der durch Fakten belegt hat, dass er über ein Know-how in seinem Bereich verfügt. Ein Beispiel: Eine lokale Volksbank finanziert für mich beispielsweise meine Immobilienkäufe, und die machen ihre Arbeit sehr gut. Es gibt also Ausnahmeerscheinungen. Insgesamt bleibt aber festzuhalten, dass wir in einer Welt leben, wo jeder für sich eigenverantwortlich handeln sollte. Das bedeutet auch, sich intensiv mit der Geldanlage zu beschäftigen.

Ein Investmentpunk ist kein Zocker

Ist das Internet letztlich eine Art von "Nullsummenspiel", durch das man nicht unbedingt produktiver und erfolgreicher in Finanzfragen agiert?

Gerald Hörhan: Das Internet hat sicherlich dazu beigetragen, auch die Finanzwelt stärker zu demokratisieren und schneller an Nachrichten zu gelangen. Noch vor zwölf Jahren während meines Aufenthalts in New York waren bestimmte Informationen nur für selektive Gruppen zugänglich. Das hat sich geändert. Über Online-Broker kann man die langfristige Performance bis hin zu Geschäftsberichten und Marktentwicklungen studieren und vergleichen.

Nur braucht man immer noch ein gutes System, um erfolgreich zu sein. Die menschlichen Instinkte zwischen Gier und Angst zu beherrschen, ist eine weitere Grundvoraussetzung, um erfolgreich zu sein. An Insider-News glaube ich übrigens nicht, ich bin kein Zocker, sondern wähle Aktien langfristig nach gewissen Kriterien und einem klar definierten System aus.

Was macht denn einen Investmentpunk 2.0 im Internet-Zeitalter aus, bildet sich möglicherweise sogar eine eigene Subkultur im Netz jenseits von alt hergebrachten Klassenkampfvarianten?

Gerald Hörhan: Eindeutig ja. Die Subkultur besteht einerseits darin, die ganzen Konventionen über Bord zu werfen, die Euch eingetrichtert worden sind, aber auch gleichzeitig unternehmerisch zu denken und IT-affin ausgerichtet zu sein. Über niedrige Kosten und kleinteilige Arbeitseinheiten lässt sich das Leben heute ganz anders organisieren. Wer erfolgreich sein will, wie ein Investment Punk, muss aber trotzdem rebellieren gegen die etablierten Dummheiten.

Ist die Punkbewegung ähnlich wie die Alt-68-er nicht letztlich doch eine Modewelle, bei denen viele Protagonisten nach Jugendjahren, wo sie sich intensiv ausgetobt haben, später in gut bezahlten bürgerlichen Jobs im Establishment untergetaucht sind?

Gerald Hörhan: Natürlich gibt es auch unter den Punks viele, die später graue Mäuse geworden sind. Aber das normale Bewerberspiel etwa im Internet mitzumachen, ist doch ebenso wenig erstrebenswert, etwa indem man vor dem Abschicken der Unterlagen sorgfältig jedes Foto von einer früheren Studentenparty hat löschen lassen. Die Personalchefs sind nur Bürokraten. Ich würde niemanden in meiner Firma einstellen, der nicht mal irgendwo besoffen war. Das wäre mir zu viel graue Maus und entspricht nicht unserer offenen Firmenkultur. Wer die Nummer 358 A sein will, soll sich an die Regeln halten, aber die meisten Menschen sind doch mit derartigen Jobs nicht wirklich glücklich.

Wie also nutzt ein kreativer Investmentpunk das Netzwerk und die Spielmöglichkeiten des Internets auf intelligente Art und Weise?

Gerald Hörhan: Ganz einfach, indem Sie ein individuelles Markenzeichen entwickeln, in irgendetwas besonders gut zu sein und sich einen eigenen Charakter und ein eigenes Image zu erarbeiten. Mein Ziel ist es, irgendwann eine alternative Ausbildungsstätte zu gründen, wo den jungen Leuten das geboten werden soll, was sie konkret fürs Leben brauchen, und nicht das, was von außen in sie hinein gepflanzt werden soll. Viele junge Menschen werden definitiv in die falsche Richtung gedrängt. Der Bedarf an wirklichen Bildungsinhalten ist gewaltig, den Rest kann man sich heute aber leicht übers Internet selbst aneignen. Eines aber bleibt unumstößlich: Sich in der bloßen Rebellion zu erschöpfen, ohne eine entsprechende Leistung dahinter, brächte den Investmentpunk nicht weiter an sein Ziel heran, nämlich mit Hilfe von Geld permanent an seiner inneren Unabhängigkeit und Freiheit zu arbeiten.

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Umwelttechnik, Informationstechnologie und Managementthemen. Mit Kommunikationsabläufen und neuen Organisationsformen in der Bankenszene hat sich der Autor in zahlreichen Aufsätzen beschäftigt. Im Mai 2010 erschien von Lothar Lochmaier das Telepolis-Buch: Die Bank sind wir – Chancen und Zukunftsperspektiven von Social Banking. Er betreibt außerdem das Weblog Social Banking 2.0.

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