Lesenlernen verändert das Gehirn

13.11.2010

Das Gehirn von Analphabeten sieht anders aus als das des Lesens Kundiger - unabhängig davon, wann der Mensch mit Wörtern umzugehen lernte

Der Evolution kann man die Schuld für eine ganze Reihe menschlicher Eigenschaften zuschieben - häufiges Fremdgehen zum Beispiel oder die Gier nach Nahrung, als wäre die Nahrungsversorgung noch immer so unsicher wie vor hunderttausend Jahren. Doch die Fähigkeit zu Lesen ist geschichtlich noch so jung, dass es wenig wahrscheinlich ist, bereits Spuren evolutionärer Veränderungen in unserem Gehirn zu finden, die diese Kunst befördern.

Die Forschergemeinde ist sich deshalb weitgehend darüber einig, dass das Gehirn sich gewissermaßen auf Anforderung anpasst. Unklar war bisher allerdings, ob es außer dem Nutzen auch Kosten für uns gibt - verlieren wir andere Fähigkeiten, weil wir unbedingt Telepolis-Artikel studieren müssen?

Die bisherigen Erkenntnisse dazu sind eher bruchstückhaft. Zum Beispiel weiß man, dass sich durch das Lesenlernen ein spezieller Bereich im Gehirn bildet, der mit der Zeit Wortformen im ortografischen Buchstabenbrei zu erkennen lernt. An Kindern kann man diesen Prozess sehr schön beobachten: Vom mühsamen Buchstabieren jedes Worts bis zum flüssigen Erkennen von Wörtern und Sinneinheiten vergehen oft nur Monate bis wenige Jahre.

Die sechs Teilnehmergruppen und ihre Lesekenntnisse. Die Grafik zeigt Geschwindigkeit und Genauigkeit beim Vorlesen von Pseudowörtern. (Bild: Science/AAAS)

Welcher Natur weitere damit einhergehenden Änderungen sind, hat ein internationales Forscherteam nun mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) untersucht. In einem Artikel im Wissenschaftsmagazin Science beschreiben die Neurologen ihre Erkenntnisse. Das Datenmaterial dafür gewannen die Forscher mit Hilfe von 63 Probanden, die zu einer von drei Gruppen gehörten. Die einen hatten nie Lesen gelernt, die zweite Gruppe hatte im Erwachsenenalter diese Fähigkeit erworben, während die dritte erfolgreich eine ganz normale Schulbildung durchlaufen hatte. Entsprechend unterschiedlich waren die Lesefähigkeiten, die die Forscher mit ausgedachten Pseudowörtern testeten.

Unter dem fMRT testeten die Wissenschaftler, wie die einzelnen Probandengruppen auf unterschiedliche Stimuli reagierten. Die gute Nachricht: Das Gehirn ist plastisch genug, dass auch das Lesenlernen im Erwachsenenalter noch zu ähnlichen Ergebnissen führt wie in der gewöhnlichen Schulzeit. Die Gehirnzellen der Ex-Analphabeten aktivierten sich als Antwort auf verschiedene Stimuli visueller und auditorischer Art sehr ähnlich denen von seit ihrer Kindheit Lesekundigen.

Mosaik der Präferenzen für verschiedene visuelle Stimuli in der ventralen Sehrinde. Die fMRT-Schnitte rechts zeigen den Aktivierungsunterschied zwischen einer gegebenen Kategorie und allen anderen. Die Grafen links messen die Signalentwicklung für unterschiedliche Stimuli entlang der gestrichelten Linie, die die Sehrinde quert. (Bild: Science/AAAS)

Das für die Worterkennung zuständige Gebiet im visuellen Kortex ließ sich ebenso nachweisen wie eine verstärkte Empfindlichkeit für horizontal orientierte visuelle Stimuli. Die Größe des Wortform-"Sensors" war dabei direkt mit dem Niveau der Lesefähigkeiten korreliert. Ehemalige Analphabeten mit noch relativ geringer Leseperformance nutzten zum Lesen größere Gehirnbereiche als der Rest der Probanden - ähnliches hat man bereits bei Kindern beobachtet, die gerade das Lesen erlernen.

Die Forscher haben allerdings nicht nur gute Nachrichten: Wie schon vermutet, tritt die Worterkennung in Konkurrenz zu anderen Leistungen des visuellen Kortex. Zwar waren die Reaktionen auf Bilder von Häusern und Werkzeugen kaum verringert - doch für die Gesichtserkennung brachten die Gehirne besonders flüssig Lesender den geringsten Aufwand.

Es steht allerdings noch der Nachweis aus, dass damit auch eine schlechtere Performance bei der Gesichtserkennung verbunden ist. Ließ man die Lesekundigen nämlich gesprochene Sätze hören, zeigte sich ebenfalls eine insgesamt geringere Aktivierung - was die Forscher auf ein besseres Verständnis der Lese-Experten für mündliche Sprache zurückführen.

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