Verhindert Bildung Kriminalität oder führt sie nur zu anderen Formen von Straftaten?

14.11.2010

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung erforscht den Zusammenhang von Bildung und Kriminalität – und wartet mit erstaunlichen Zahlenspielen auf

"Bessere Bildung führt zu deutlich weniger Verbrechen." Mit diesem knappen Satz begann eine Pressemeldung, mit der die Bertelsmann-Stiftung Ende letzter Woche eine angeblich wegweisende Studie ankündigte. "Erstmals" hätten Horst Entorf, der am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main einen Lehrstuhl für Ökonometrie innehat, und sein Assistent Philip Sieger einen kausalen Zusammenhang zwischen unzureichender Bildung und Kriminalität nachweisen können, hieß es aus Gütersloh, und die konkreten, allemal Aufsehen erregenden Zahlen folgten sogleich.

Hunderttausende weniger Straftaten und riesige Sparpotenziale

Wenn es schon 2009 gelungen wäre, die unzureichende Bildung in Deutschland um die Hälfte zu reduzieren, hätte es hierzulande "mindestens" 416 Fälle von Mord und Totschlag, 13.415 Fälle von Raub und Erpressung sowie 318.307 Fälle von Diebstahl weniger geben können, behaupten die Autoren der Studie.

Doch damit nicht genug: der Staat hätte auch Geld sparen können, und zwar exakt 1,42 Milliarden Euro. Die Berechung der Folgekosten krimineller Aktivitäten, die Entorf und Sieger aus nicht genau erfindlichen Gründen mit Hilfe der Durchschnittskostenabschätzungen des britischen Home Office und des australischen National Institute of Justice durchführten, soll allerdings eine "recht zurückhaltende Bewertung" darstellen.

Legt man hier andere anerkannte Werte für die Berechnung der Kosten verschiedener Deliktformen zugrunde, so könnten sich die Folgekosten unzureichender Bildung auch bis zu einem Wert von 3,1 Milliarden Euro pro Jahr addieren.

Entorf/Sieger: Unzureichende Bildung: Folgekosten durch Kriminalität

Die Autoren haben im Umkehrschluss auch Einsparpotenziale ermittelt, die pro Kopf und Bundesland ausgewiesen werden. Demnach kämen auf den klammen Stadtstaat Bremen 35,11 Euro pro Kopf zu, wenn die unzureichende Bildung um die hypothetischen 50 Prozent reduziert würde. Auch Berlin (33,46 Euro) und Hamburg (27,95 Euro) könnten kräftig sparen, wohingegen es sich für Länder mit niedrigerer Kriminalitätsrate offenbar nicht wirklich lohnt, in bildungsferne Gruppen zu investieren. Dem Saarland (11,99 Euro), Rheinland-Pfalz (13,33 Euro) oder Baden-Württemberg (13,10 Euro) winken jedenfalls deutlich geringere Einsparpotenziale.

Dabei gilt es zu allerdings bedenken, dass nicht nur Bildungsferne auf die schiefe Bahn führt. Nach Ansicht der Autoren haben auch Vorstrafen im Elternhaus, das Getrenntleben der Eltern oder die Konfessionslosigkeit einen "signifikanten Einfluss auf kriminelles Verhalten". Die Ehe übt dagegen "einen Kriminalität reduzierenden Einfluss" aus. Wer hätte anderes erwartet?

Wer ist unzureichend gebildet?

Wo unzureichende Bildung den Weg in eine kriminelle Laufbahn ebnet, wissen Entorf und Sieger ebenfalls mit erstaunlicher Präzision. Sie verweisen auf die 58.000 jungen Menschen, die ihre Schule im Sommer 2009 ohne Hauptschulabschluss verlassen haben. Die Probleme türmen sich also im Förderschulsystem und in den Hauptschulen, die von den Autoren als "schwierige Milieus" markiert werden.

Hier soll nun von Staats wegen investiert werden – nicht zwingend aus ethischen Gründen oder mit Rücksicht auf die soziale Verantwortung. "Früh investieren statt spät reparieren", heißt das Motto der Autoren, denen es vornehmlich um die Senkung der Folgekosten krimineller Handlungen geht. Unter diesem Aspekt will man nicht kleinlich sein.

Der Ungleichheit in den Ausgangslagen der Kinder kann nur durch eine ungleiche Mittelverteilung begegnet werden. Diese Schulen brauchen die besten Lehrer und Schulleiter sowie weitere pädagogische Fachkräfte, die die Kinder und ihre Eltern begleiten und unterstützen. Dafür müssen finanzielle Anreize gesetzt werden. Wer sich außerordentlich engagiert und in Schulen in sozialen Brennpunkten jeden Tag vor schwierigen Aufgaben steht, muss dafür Wertschätzung erhalten, auch in monetärer Form.

Entorf/Sieger: Unzureichende Bildung: Folgekosten durch Kriminalität

Die Studie in den Medien

Das deutsche Bildungssystem kümmert sich immer noch viel zu wenig um die Schwachen. Darauf unermüdlich hinzuweisen ist ein Verdienst der Bertelsmann-Stiftung. (…) Doch was kurzfristig die Kosten in die Höhe treibt, zahlt sich langfristig aus. Nicht nur in zusätzlicher Wirtschaftsleistung. Nein, gute Bildung rettet auch Menschenleben. Schon deshalb darf sie uns nicht egal sein.

Der Veröffentlichung der Studie folgte eine breite Welle von Kommentaren, die sich mitunter noch kurioser lesen als das eigenwillige Opus aus Frankfurt am Main. "Bildung verhindert Morde" wurde da getitelt, aber auch "Alte Werte helfen gegen Kriminalität" oder gar "Mord, Totschlag und die Hauptschulen".

Letztgenannte Überschrift war freilich ironisch gemeint, denn in diesem Artikel äußerte sich Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, wenig begeistert über die neuesten Zahlenspiele. Er finde die Berechnungen "abstrus", erklärte Pfeiffer, und der Ansatz der Studie sei überhaupt "eine Banalität, die als neue Erkenntnis verkauft werden soll".

Ein Kommentator der Offenbach-Post befand, das Ganze sehe "verdächtig nach einem Windei" aus – und erwiderte auf die Behauptung aus Gütersloh, hier sei erstmals ein kausaler Zusammenhang zwischen mangelnder Bildung und Kriminalität nachgewiesen worden: "Da lachen die Hühner."

Sozialprognosen

Tatsächlich ist der Versuch, einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand und der kriminellen Energie von Jugendlichen zu ermitteln, keineswegs neu, und Lance Lochner und Enrico Moretti operierten in ihrer im Jahr 2003 abgeschlossenen Studie The Effect of Education on Crime: Evidence from Prison Inmates, Arrests, and Self-Reports schon mit ähnlich punktgenauen Angaben wie nun Entorf und Sieger.

In den USA könne die Anhebung des durchschnittlichen Schulbesuchs um ein Jahr die Inhaftierungsrate von weißen Amerikanern um 0,1 Prozentpunkte und die ihrer dunkelhäutigen Landsleute um 0,37 Prozentpunkte senken, meinten Lochner und Moretti. Wenn es gelänge, die Quote der männlichen High School-Absolventenquoten um nur ein Prozent zu steigern, sei mit "social benefits", also einer gesellschaftlichen Kostenersparnis, von 1,4 Milliarden US-Dollar zu rechnen.

Aber auch in Deutschland hat die Bertelsmann-Stiftung diese Verbindungslinie keineswegs "entdeckt". Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen führt bereits seit den späten 90er Jahren in ganz Deutschland Untersuchungen zur Jugenddelinquenz durch und konnte dabei immer wieder nachweisen, dass sich die Verbesserung von Bildungschancen generell "präventiv" auswirkt.

Die Kriminologin Bettina Paul hatte - vor fast fünf Jahren – ebenfalls keinen Zweifel daran, dass die Sozialprognose eines Abiturienten "nun einmal um Längen besser ist" als die eines Schulabbrechers.

Die Überrepräsentation der Schulabbrecher im Jugendvollzug kann daher weder überraschen, noch kann sie auf mehr Taten dieser "Gruppe" zurückgeführt werden.

Bettina Paul

Paul warnte seinerzeit allerdings auch eindringlich vor dem Umkehrschluss, nach dem Schulabschlüsse oder Universitätsstudien einer kriminellen Karriere grundsätzlich im Weg stehen.

Bildung schützt nicht vor einem Abgleiten in Kriminalität, vielmehr gibt es viele Bereiche, im denen sogar die Bildung erforderlich ist, um kriminell zu werden (z. B. Steuerdelikte) oder aber durch sie in einen Beruf zu kommen, in dem man mit kriminellen Machenschaften Macht erhalten, gewinnen oder Profit machen kann.

Bettina Paul

Folgekosten höherer Bildung

Von diesen Aspekten ist in der Studie aus Gütersloh selbstverständlich keine Rede. Dabei böte doch spätestens die Wirtschafts- und Finanzkrise ausreichend Anlass über die Folgekosten von höherer Bildung nachzudenken. Verglichen mit dem Rettungspaket, das wegen der bestenfalls halblegalen Aktivitäten studierter Finanzjongleure geschnürt werden musste, fallen die ein bis drei Milliarden, welche die Bertelsmann-Stiftung gern sparen würde, schließlich kaum ins Gewicht.

Rein mathematisch könnten Männer wie Hilmar "Peanuts" Kopper, der Aufsichtsratsvorsitzende der HSH Nordbank, dieser These möglicherweise zustimmen. Sein Schützling Dirk Jens Nonnenmacher, der in diesen Tagen seinen Stuhl räumen muss, bekam immerhin eine Bonuszahlung von 2,9 Millionen Euro, nachdem die Landesbank gerade erst mit Staatshilfen gerettet wurde. Für welche Leistungen ist derzeit ebenso unklar wie die Höhe der Folgekosten, die Nonnenmachers missglückte Stippvisite in der Chefetage noch nach sich ziehen wird.

Nonnenmacher, dem in den vergangenen Monaten diverse Delikte von der Bilanzfälschung bis zur Bespitzelung ehemaliger Mitarbeiter vorgeworfen wurden, hatte einst Mathematik und Medizin studiert und sich anschließend promoviert und habilitiert.

Klaus Zumwinkel, ehemals Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post, studierte ebenfalls: Betriebswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Später besuchte er die Wharton School of Business Administration in Philadelphia und erwarb hier noch einen "Master of Science". Schließlich promovierte er mit einer Arbeit über die "Planung und Prüfung betrieblichen Informationshandelns" zum Dr. rer. pol.

Das alles hinderte ihn nicht daran, knapp eine Million Euro Steuern zu hinterziehen. Wenigstens hielten sich in diesem Fall die Folgekosten in Grenzen. Zumwinkel wurde zu zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe von einer Million verurteilt.

Erst stigmatisieren, dann vielleicht helfen

Opfer einer kriminellen Straftat zu werden gehört, neben der Befürchtung den Arbeitsplatz zu verlieren, zu den größten Ängsten der Bürger unserer Gesellschaft.

Entorf/Sieger: Unzureichende Bildung: Folgekosten durch Kriminalität

Eine Zellentür schmückt das Titelbild der neuen Studie, die begleitende Pressemeldung zeigt einen Polizisten beim Besuch im Klassenzimmer. Bis auf die Stellen hinter dem Komma wird dem Betrachter der Zusammenhang von Bildungsferne und Kriminalität verdeutlicht, auch wenn der Professor aus Frankfurt auf die Zahlenkolonnen gern verzichtet hätte. Entorf tat es nach eigenen Angaben nicht, weil Politiker damit besser überzeugt werden können, aber war das auch das Ziel der Bertelsmann-Stiftung?

Oder ging es bei ihrem nimmermüden, selbstlosen Kampf um eine Reform des deutschen Bildungssystems auch diesmal wieder allein darum, dasselbe auf eine rein ökonomische Basis zu stellen? Wenn man das Dilemma der deutschen Hauptschulen auch unter kriminologischen Aspekten betrachten will, wäre die Forderung nach einem zweigliedrigen Schulsystem, die Entorf und Sieger ausdrücklich nicht erheben, doch angebrachter als ein Plädoyer für die bessere Bezahlung von Lehrern.

"Jugendliche brauchen eine Perspektive für ihr weiteres Leben. Aufgabe der Bildungspolitik muss es sein, allen Jugendlichen die Möglichkeit zu einem erfolgreichen Berufsleben und zur sozialen Teilhabe in der Gesellschaft zu eröffnen", gibt die Bertelsmann-Stiftung zu Protokoll. Welchen Sinn es dann haben soll, eine klar definierte Gruppe von Schülerinnen und Schülern prophylaktisch als potenzielle Kriminelle und Gewaltverbrecher zu stigmatisieren und mehr oder weniger subkutan die Rückkehr zum bürgerlichen Familienideal zu postulieren, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Oder auch nicht …

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