Konservative Rennspielwunder und reine Realitätsfluchten

27.11.2010

Gran Turismo 5, Need for Speed: Hot Pursuit und Nail'd

Drei neue Top-Rennspiele bereichern das Genre - jedes auf seine Weise. Simulations-Gourmets rasen in Gran Turismo 5 um die Wette, Couch-Cops schliddern in Need for Speed: Hot Pursuit über Highways und Adrenalin-Junkies fliegen in Nail'd durch die Bahnen des Wahnsinns.

Das als Rennspielwunder erwartete Gran Turismo 5 stellt wohl den konservativsten Neuling der drei dar. Seit seiner Erstankündigung vor mehr als fünf Jahren ist Sonys exklusive Rennsimulation für PlayStation 3 zum Monument angewachsen und die Entwickler von Polyphony Digital ließen keine Gelegenheit aus, auf ihren hohen Grad an Realismus zu verweisen. Das Resultat kann sich erwartungsgemäß sehen lassen. Von 200 der 1000 fahrbaren Untersätze, die der Spieler im Verlauf der Karriere kaufen kann, hat Polphony Premiumversionen entworfen, was so viel bedeutet wie: Nur bei diesen 200 Exemplaren kann der Spieler in die Cockpit-Ansicht wechseln, um aus der realistischsten Perspektive Rennen zu fahren.

Die Entwickler haben in diesen Elitefuhrpark sichtlich die meiste Arbeit gesteckt, sodass die detaillierte Grafik, das ganze Drumherum, ein Gefühl vermittelt, im echten Auto zu sitzen. Zu den Premium-Fahrzeugen zählen solch schicke, teure und exotische Wagen wie Mercedes SLR McLaren, Mercedes SLS AMG, Audi TT 3.2 Quattro, Pagani Zonda, Ferrari F2007, Lamborghini Miura P400 Bertone Prototype, Jaguar XJ13 Race Car, Ferrari 458 Italia oder ein VW-Bus. Alle anderen Autos sind zwar vorhanden, allerdings handelt es sich bei ihnen meist um Modelle, die auch im wahren Leben vergleichsweise weniger attraktiv sind.

Ein Mercedes Benz SLR McLaren fährt mit anderen Mercedes-Modellen ein Rennen auf dem Nürburgring.

Mit 20.000 Euro startet der Spieler seine Karriere. Dort kann er zwischen aktiven A-Spec- als Fahrer oder passiven B-Spec-Events als Trainer wählen. Herzstück des Spiels ist natürlich der A-Spec-Modus, an dem der Spieler in seinem Kleinwagen auf unspektakulären Strecken die Steuerung lernt. Nach und nach arbeitet er sich hoch zu besseren Autos, der Realität nachempfundenen Strecken und stärkeren Gegnern. Kein Spielertyp muss sich vor dem Schwierigkeitsgrad scheuen: Auch die Fähigkeiten von Anfängern baut GT5 harmonisch auf. Wie üblich bei Rennsimulationen, zeigt ein Hilfsstreifen auf dem Asphalt die ideale Fahrlinie an. Bei zu hoher Geschwindigkeit färbt er sich rot in den Kurven - ein Zeichen abzubremsen, sonst trägt es den Wagen mit quietschenden Reifen von der Bahn.

Neben dem nahezu fotorealistischen Aussehen der Autos ist das zweite große Highlight von Gran Turismo 5 die Fahreigenschaft der unterschiedlichen Modelle. Jedes Auto sieht nicht nur anders aus, sondern reagiert wie in Wirklichkeit - Simulation vom Feinsten. Unebenheiten der Fahrbahn sowie Wettereinflüsse gehen dank Force Feedback auch haptisch in den Körper über. Wer nun noch einen Lenkrad-Controller besitzt, erlebt die Fahrten mit GT5 nahezu täuschungsecht. Selbst die Möglichkeit einfache Spritztouren zu sehenswürdigen Orten dieser Welt im Traumwagen unternehmen zu können erweitert den Spielspaß von Autoliebhabern.

Täuschend echt: Die 200 Premiumfahrzeuge von Gran Turismo 5 strotzen nur so vor Detail und gehören zum Schönsten, was Rennsimulationen bisher zu bieten hatten.

Doch GT5 hat auch seine Schwächen: Ein wirklich störender Unterschied zur Realität, ist das Fehlen eines ordentlichen Schadensmodells. Das implementierte ist nämlich eigentlich keins. Rammt der Spieler mit Tempo 250 andere Fahrzeuge, verzieht sich höchstens die Stoßstange. Auch gelegentliche technische Fehler wie Treppchenbildung, unschöne Streckentexturen oder seltenes Tearing (mittiges Zerreißen des Bildes) nagen hin und wieder an der perfekten Illusion. Nichtsdestoweniger nörgelt man auf hohem Niveau, denn das, was Gran Turismo 5 sein soll, ist es auch: ein Spiel, das die schönsten Autos der Welt für jedermann zugänglich macht und sie simulatorisch im Rahmen von Rennen nachempfinden lässt.

Das Design der Autos von Need for Speed: Hot Pursuit kann sich ebenfalls sehen lassen.

Mit einer Simulation brachte bis 2009 die Action-Rennspiel-Reihe Need for Speed niemand in Verbindung: Need for Speed: Shift von letztem Jahr war ein guter Einstieg in diesen Rennspielzweig. Wo damals Neuland betreten wurde, besinnt sich Hersteller Electronic Arts heute, beim neusten Teil von Need for Speed, auf traditionelle Stärken. Erstmals in der Geschichte der Reihe sind komplette Karrieren von Cops und Racern spielbar. Verantwortlich für die Entwicklung von Need for Speed: Hot Pursuit ist Criterion - ein Studio, das sich mit EA's anderer großer Rennspielserie, der Crash-Orgie Burnout, einen Namen gemacht hat. Criterion bringt seine in diesem Genre charakteristischen Fähigkeiten zum Einsatz und stellt klassische Verfolgungsjagden mit der Polizei in den Mittelpunkt.

Mit Nagelband und Superboost: Zerkratzte Cops jagen einem verbeulten Porsche hinterher. Der Hubschrauber kann dem Gesetzesbrecher auf Befehl Hindernisse vor die Reifen werfen.

Ähnlich wie bei Burnout: Paradise ist das Straßensystem eine frei befahrbare Welt namens Seacrest County - größtenteils unbewohntes Gebiet aus Canyon-, Hügel- und Wälder-Strecken. Spieler entscheiden vor jedem Event, an welches Steuer sie sich setzen möchten: das der Polizei oder das der Raser. Beide Seiten können von Beginn an auf einen bereits ansehnlichen Fuhrpark heißer Karossen zugreifen. Je nach erreichtem Ziel erhält der Spieler Punkte auf sein Konto, um weitere lizenzierte Nobelflitzer wie Lamborghini Revertón, Porsche 918 Spyder, BMW M6 Convertible und vergleichbare Modelle der Marken Koenigsegg, Nissan, Maserati, Mazda, MacLaren, Pagani, Ford, Doge, Chevrolet, Jaguar, Bentley, Alfa Romeo oder Aston Martin freizuschalten.

Während die Gesetzesbrecher bestimmte Platzierungen bei illegalen Rennen erreichen müssen, sind die Cops dafür verantwortlich sie mit Rammmanövern im Stile von Burnouts Road Rages zu stoppen - beide mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Denn ganz ohne Gimmicks geht es auch bei Need for Speed heute nicht mehr. In der linken Bildschirmecke füllen sich die Zellen einer vierteiligen Waffen-Anzeige, die mit den Richtungstasten des Steuerkreuzes ausgelöst werden können. Cops können Nagelbänder auf die Straße werfen, Hubschrauber zur Hilfe rufen oder Straßensperren anordnen. Racer sind ebenfalls nicht hilflos. Da ihre durchschnittlich ungetunten Autos langsamer als die der Cops sind, haben sie nicht nur einen Turboboost, der sich durch riskante Fahrmanöver schneller auffüllt, sondern auch einen kurzen Superboost. Außerdem können sie sich für ein paar Sekunden unsichtbar machen oder mit einem Hologramm-Abbild für Verwirrung sorgen.

Bergab geht's in Nail'd: Der Offroad-Racer ist eine Steigerung von Extremsport.

Taktischer Einsatz der Waffen, Streckenkenntnis und die Nutzung von Verstecken wie Büschen oder Brücken führen zum Erfolg bei Criterions Need for Speed: Hot Pursuit. Nach der 20- bis 25-stündigen Karriere bietet ein neu eingeführtes Onlinespiel-System namens Autolog endlose neue Herausforderungen für weitere spannende Rennstunden. Es vergleicht die erreichten Erfolge der Spieler live untereinander und schlägt individuelle Wettkämpfe vor. Need for Speed: Hot Pursuit ist ein Mischling aus beliebten Zutaten zweier der ganz großen Action-Rennspielserien: ein Need for Speed mit Burnout-Kick. Wer gern durch Kurven rutscht und Gegner rammt, der ist hier gut aufgehoben. Darauf und auf wahnwitzige Höchstgeschwindigkeiten haben Hersteller Deep Silver und Entwickler Techland ihren Offroad-Racer Nail'd reduziert.

Die Arcade-Überraschung des Jahres hat mit Realismus nichts zu schaffen, ganz im Gegenteil: Das einfach zu erlernende ATV- und Motorrad-Rennspiel ist reine Realitätsflucht. Nail'd macht da weiter, wo Subgenre-Verwandte wie Pure, Motorstorm, Excite Truck oder Downhill Domination aufgehört haben. In einem Irrsinnstempo jagen die Racer Berge hinauf und hinab - wie bei einer Achterbahnfahrt im Schleudergang. Alles, worauf es zu achten gilt, ist, schneller zu werden und nicht zu crashen. Das Passieren von leuchtenden Toren und Ringen füllt einen Boost auf, der die Geschwindigkeit noch einmal anheizt. In Wald-, Canyon-, Schnee- oder Wüsten-Gebieten begegnen dem Spieler neben dem Rammkampf mit aggressiven Gegnern etliche weitere Gefahren. Nicht nur ruhende Hindernisse wie Felsen, Bäume oder Schilder an den Rändern der Strecke führen zum Crash, auch bewegliche wie fahrende Züge und Laster oder Windkraftanlagen und Heißluftballons.

Die Sprünge in Nail'd starten in schwindelerregenden Höhen und gehen meist über mehrere Hundert Meter weit.

Nail'd findet zu einem Drittel in der Luft statt - nach Sprüngen von Schanzen hinab in tiefe Täler. Da kann ein Flug schon mal mehrere Sekunden dauern. Auch hier muss der Spieler wachsam sein, um sein Fahrzeug wieder möglichst sauber auf die Strecke zu bringen; eine perfekte Landung bringt weiteren Boost. Gute Streckenkenntnis ist nicht nur in der Einzelspielerkarriere ratsam, denn es gibt etliche verdeckte Abkürzungen mit Boost-Toren. Auch im Multiplayermodus für bis zu zwölf Spieler geht es heiß her und man kann nur hoffen, dass Nail'd im Schatten der prominenten Konkurrenz mehr als bloß ein Kultspiel wird, damit der Spielspaß online noch lange weitergeht.

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