God Modes

08.01.2011

Der Computer als göttliche Maschine in der Science Fiction - Teil 1

Mit der Erfindung und Popularisierung des Computers ab den 1940er-Jahren revolutionierten sich nicht nur Wissenschaft und Technik, auch die Science Fiction fand in der Maschine ganz neue Möglichkeiten ihre Utopien und Dystopien zu entwickeln. Die scheinbare Allmacht des Apparates hat sich seit Ende der 1940er-Jahre dabei zu einem der stabilsten Motive des Genres entwickelt.

Fredric Browns Kürzestgeschichte Answer aus dem Jahre 1954 könnte als Prototyp für etliche Erzählungen und Romane, die zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und heute im Science-Fiction-Genre geschrieben und publiziert worden sind, gelten. Sie ist zwar nicht das früheste Beispiel für den Gott gewordenen Computer, jedoch ein sehr prägnantes. In Erzählungen wie dieser erhalten Maschinen göttliche Eigenschaften, werden insbesondere Computer zur Gottheit erklärt - bzw. erklären sich selbst zur solchen, sind mit Allmacht und Allwissen ausgestattet und haben Einfluss auf die physikalische wie die metaphysische Welt. Dass diese besonderen Maschinen zuvor kaum je in eine göttliche Funktion gesetzt wurden, hat mehrere Gründe, die ich zu Beginn darstellen möchte. Ein kurzer Ausflug in die frühe Geschichte des Digitalcomputers soll zunächst die grundsätzlichen Motive, die sich in derartigen Science-Fiction-Erzählungen wiederfinden, skizzieren.

Der wichtigste Umbruch ist sicherlich in der Erfindung und Verbreitung des elektronischen Digitalcomputers seit den frühen 1940er-Jahren zu suchen. Zunächst entsteht 1941 in Deutschland Konrad Zuses Z3, die allerdings noch mit elektronischen Röhren, sondern auf Relais-Basis funktionierte. Gefolgt wurde Zuses Erfindung 1943 von Colossus in Großbritannien, die der Dechiffrierung von deutschen Geheimcodes diente. Danach stellen in den USA 1944 Howard H. Aiken seinen Mark I und 1946 J. Presper Eckert und John W. Mauchly ihren ENIAC vor und schließlich konstruierte 1950 Sergei Alexejewitsch Lebedew die erste sowjetische elektronische Rechenmaschine namens MESM. Allen Geräten war nicht nur gemein, dass sie enorme Ausmaße hatten und weit größer als ihre Bediener waren. Sie waren auch schneller beim Berechnen mathematischer Probleme als jeder Mensch und sie waren "mächtig" im Sinne der frühen Computertheorie.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang "Macht"? Der britische Mathematiker Alan Turing hatte, bevor der erste Computer gebaut worden ist, bereits beschrieben, welche Möglichkeiten eine solche Maschine besitzen müsste. Diese später nach seiner Theorie benannte Turing-Maschine sollte mittels dreier basaler Funktionen (Lesen, Schreiben und Bewegung des Schreib-Lese-Kopfes) sämtliche mathematischen Berechnungen automatisch kalkulierbar ("computierbar") machen. Diese Modell funktionierte theoretisch, obwohl der Name "Turing-Maschine" suggeriert, dass es sich dabei um eine konkrete Maschine handelt - ein nicht unwichtiges Detail für die Diskussion früher Computertheorie in der Science Fiction.

Damit die universelle Turing-Maschine funktioniert, benötigt sie nicht nur Hardware, sondern auch Software - also eine Sprache, die spezielle Berechnungsvorschriften an die Maschine weitergibt und die Eingaben des Nutzers für den Computer "verständlich" macht. Auf Basis dieser Sprache werden Werte in den Computer eingelesen und mathematisch berechnet. Sie sollte daher alle Möglichkeiten des Computers, auf dem sie eingesetzt wird, abbilden können. Eine solche Sprache nennt man - ebenfalls nach Alan Turing - "Turing-mächtig". Diese Eigenschaften des (frühen) Computers, seine enormen Größe, seine Geschwindigkeit und seine Universalität bilden nicht nur die technischen Grundlagen des Computerzeitalters, sondern auch die metaphorischen Technikbilder der Computer-Science-Fiction.

Wie kommt der Computer zu Gott oder wie kommt Gott in den Computer?

Neben den notwendigen technischen Voraussetzungen der Computer-Science-Fiction benötigt es jedoch auch einen "immateriellen" Zusammenhang, der das theologische mit dem technischen Thema verknüpft. Dieser existiert zunächst offensichtlich in der Negation, der Abstoßung und Fremdheit beider Sphären von- und zueinander. Der Kybernetiker Norbert Wiener, der sich sehr früh schon mit der Verbindung beider Bereiche auseinandergesetzt hat, schreibt 1956 in seinem Buch "Gott & Golem Inc." über das geltende, unausgesprochene Berührungsverbot: "Auf keinen Fall dürfen lebende Wesen und Maschinen in einem Atemzug erwähnt werden."1 Mit anderen Worten: Das Geheimnis des Lebens hat nichts mit der Profanität der Technik zu tun - vergleichbar sind beide "Schöpfungen" daher nicht. Dass Gott die Welt und den Menschen geschaffen hat, hat keine Ähnlichkeit zur Erfindung des Computers durch den Menschen. Dieses unausgesprochene Vergleichsverbot gilt nicht nur für die faktische Wissenschaft, sondern spiegelt sich auch in der fiktionalen Wissenschaft, der Science Fiction: "Alle mit der Religion verknüpften Themen sind aus dem SF-Bereich verbannt"2, schreibt der Autor Stanislaw Lem 1979 in seinem Essay "Der Roboter in der Science Fiction" und dies gälte insbesondere für die harte, maschinelle Science Fiction.

Das unausgesprochene Verbot beides zusammen zu denken, ist ein Erbe der Romantik und ihrer grauenerregenden Visionen von künstlichen Menschen. Mary Shelleys "Frankenstein"-Roman ist das prominenteste Beispiel für den Sturz eines "neuen Prometheus" (wie der Wissenschaftler im Untertitel der Erzählung genannt wird), der sich anmaßte, es Gott gleichzutun und zu "schöpfen" anstatt bloß zu erfinden. "Frankenstein" steht in einer Mythologie - der des Androiden, Homunkulus, Golems und wie die künstlichen Menschen noch alle hießen - und hat zahllose Beispiele in Kultur- und Geistesgeschichte, die diese Anmaßung des Menschen schon in der Vergangenheit als Sünde bestraft haben. "Was aber den Computer betrifft", schreibt Lem weiter, "so sind sie an einer mythisch leeren Stelle entstanden. Somit kann man sich [als Autor, S.H.] nicht an Sagen und Legenden halten, um fertige Handlungsstrukturen für die SF zu bekommen."3

Natürlich hat Lem Recht, wenn er die Mythologie des künstlichen Menschen von der griechischen Antike (bei Homer tauchen bereits Helfer-Automaten des Gottes Hephaistos auf) bis in die Romantik fortgesetzt sieht. Doch auch Computer-Konzepte reichen mindestens bis ins Mittelalter zurück und haben ihre eigene Legendengeschichte ... etwa jene Idee des katalanischen Philosophen, Logiker und Philosophen Ramon Llull (auch bekannt als Raimundus Lullus): Er erbaute im Hochmittelalter des 13. Jahrhunderts eine "Logische Maschine", die mit Hilfe von Begriffsverknüpfungen die Wahrheit des göttlichen Gedankens herleiten wollte. Sie sollte als universelle Bekehrungsmaschine Einsatz bei der Missionierung Ungläubiger finden. Der Sage nach wurde Llull jedoch beim ersten Einsatz des Gerätes von den zu Missionierenden ermordet. Weitere derartig sagenhafte Zeugnisse früher Computerei sind allerdings rar - erst als im Barock das Experimentieren mit Rechenautomaten beginnt, bekommt der Computer eine stetige Geschichte und die dazugehörigen Anekdoten.

Sei es nun ein Verbot oder schlicht der Mangel an Mythologie, die den Computer mit dem Religiösen traditionell verbinden, Norbert Wiener sieht Mitte der 1950er-Jahre keine Denkverbote mehr. Er ruft den Wissenschaftler wie den Schriftsteller freimütig dazu auf "ketzerische und verbotene Ansichten experimentell zu hegen, selbst wenn er sie schließlich zurückweisen muß."4 Und Lem pflichtet ihm ein viertel Jahrhundert später bei: "Er [der Computer in der SF-Literatur, S.H.] könnte die Grundlage einer experimentellen Philosophie bilden", etwa über "das Entstehen eines religiösen Glaubens", man könne mit ihm sogar "autonome Welten modellieren"5. Dass Computer dieses Potenzial besitzen, liege im Unterschied zu den Robotern darin, dass sie prinzipiell an kein evolutionäres "Ende" kommen, weil sie kein menschliches Vorbild haben, dem sie sich anzugleichen streben, außer dem Verstand, und der ist bekanntlich so gut wie unbegrenzt.

Diese Schrankenlosigkeit macht Computer zu einem mächtigen Motiv in der Science Fiction, weil mit ihnen alles möglich wird, was auch gedacht werden kann. Und dennoch müssen Computer meistens als Projektionsfläche für Technikangst herhalten, wie sich Lem beklagt: "Die Geschichte des Menschen ist aber voll von Beispielen, was er alles anstellte, nur um nicht selbständig denken zu müssen. Deshalb werden Computer, entgegen allen futurologischen Perspektiven, in der SF so stark vernachlässigt. Sie treten in ihr als strategische, regierende und beratende Maschinen auf."6 In diesen Funktionen sind sie den allermeisten Lesern von SF-Literatur und Zuschauern von SF-Filmen bekannt. Nur einige Beispiele seien genannt: Kurt Vonneguts "Player Piano" (1952, dt. "Das höllische System", 1964) D. F. Jones' "Colossus"-Trilogie (1966, 1974, 1977), Martin Caidins "The God Machine" (1968, dt. "Der Grosse Computer", 1969), James Gunns "The Joy Makers" (1954/5, dt. "Die Freudenspender", 1990), Algis Budrys "Michaelmas" (1977, dt. 1980) oder Christopher Hodder-Williams' "A Fistful of Digits" (1969, dt. "Der große summende Gott", 1972).

An den verschiedenen Publikationsdaten zeigt sich bereits, wie "traditionsreich" das Motiv in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist; dass in nicht wenigen dieser Romane allerdings Gott und der Computer bereits im Titel eine Rolle spielen, belegt, dass die SF sich von Beginn an Gedanken über die Analogie gemacht hat - wenngleich die Gottesfunktion in den meisten Erzählungen eher die eines Dämons ist: In Vonneguts "Player Piano" etwa hat die Computerisierung zur Sinnentleerung des Lebens geführt, weil alle Bedürfnisse durch die Maschine und ihre wirtschaftliche Beratung ermittelt und gleich gestillt werden. Hier ist der Computer zum mal heimlichen, mal gewollten Ersatz für die Regierung geworden. Seine "Dämonie" ist allerdings auch auf kleinere Menschengruppen beschränkt: In Arthur C. Clarkes "2001" (1968) taucht ein Computertyp auf, der dadurch dass er "durchdreht" zur Bedrohung für die Menschen, die mit ihm zu tun haben, wird. Für Lem stellt diese Art der Computerdarstellung ebenfalls eine Sackgasse dar: "den Computer zu vermenschlichen heißt nur, die Paralyse seiner Vorstellungskraft und seines Wissens zu entblößen. Ein Computer ist kein Mensch, sondern ein ganzes Universum von Möglichkeiten (entsprechend dem Theorem von Turing über seinen universellen Automaten)."7

Der Computer als Universum

Hier sollen allerdings die anderen Fälle interessieren, in denen der Computer weder vermenschlicht, noch einfach als Maschine der Bürokratisierung oder Tyrannei dargestellt oder einfach - wie in Jones' "Colossus"-Romanen - zur Kriegspartei wird. Ich möchte eine Hand voll Kurzgeschichten vorstellen, die mit der Motiv-Verbindung Computer und Gott operieren und die Maschine in Lems Sinn für "Hypothesen anthropologischen, futurologischen, philosophischen Charakters experimentell"8 fiktional erweitern. Die Fragen dieser Erzählungen haben dabei sowohl physikalischen Charakter als auch metaphysischen: Es geht um die Zukunft des Menschen und des Universums wie auch um die Ethik. Der Computer in den im Folgenden untersuchten Texten ist also eine religiöse Maschine. Sie stellen nur eine kleine und wahrscheinlich nicht einmal repräsentative Auswahl möglicher Erzählungen dar, auch wenn Lem 1979 noch geglaubt hatte, dass Stories wie Arthur C. Clarkes Die Neun Milliarden Namen Gottes von 1953 die löbliche Ausnahme von der Regel des Nichtauftauchens von Religion in der SF darstellen. Dass es ausgerechnet die Computer-Erzählungen sind, die diese Regel widerlegen, macht sie umso interessanter für die Genregeschichte des Science Fiction.

Clarkes Erzählung berichtet von zwei Computer-Ingenieuren, die einen seltsamen Auftrag erhalten haben: In einem tibetanischen Lama-Kloster sollen sie einen "Mark-V-Varianten-Kalkulator"9 installieren. Aufgabe des Gerätes ist es, die Arbeit der dort lebenden Mönche abzukürzen: Sie müssen alle möglichen neun Milliarden Namen Gottes aufschreiben, damit sich die Prophezeiung erfüllt und die Welt an ihr Ende kommt (was im Buddhismus als Nirvana bekanntermaßen keine Schreck-, sondern eine Heilsvorstellung ist). Der Computer kann den Auftrag schneller ausführen, zumal es sich nur um neun Buchstaben handelt, die systematisch miteinander permutiert werden müssen. Überflüssige Buchstabenkombinationen (wie Dreifachreihungen etc.) kann der Rechner im Vornhinein herausfiltern und die Arbeit von 15.000 Jahren innerhalb von 100 Tagen erledigen. Dass die beiden Computer-Experten das Unternehmen für Unsinn halten, verschweigen sie nicht - als sie jedoch das Kloster verlassen und nach Oben blicken, stellen sie fest, dass die Sterne verlöschen, was auf die beginnende Auslöschung der Welt durch Gott hindeutet.

Der Computer ist bei Clarke selbst noch nicht vergöttlicht, sondern wird von den Menschen quasi zu dessen Arbeitsinstrument deklariert. Seine Fähigkeit, schneller als jeder Mensch/Mönch Buchstabenkombinationen herzustellen ist hier das übermenschliche Element, das das irdische Wirken der Mönche mit dem Willen Gottes verbindet; die Tatsache, dass er dabei auch noch "unsinnige" Buchstabenkombinationen filtert, deutet fast mehr noch als seine Geschwindigkeit darauf hin, dass er die Menschen in dieser Hinsicht bestens zu ersetzen imstande ist. Und so heißt es in der Geschichte auch, die menschliche Rasse sei von Gott ausschließlich dazu geschaffen, den Willen des Schöpfers zu erfüllen und seine Namen niederzuschreiben - "und es bestünde kein Grund mehr für sie, weiterzuexistieren." (10 - "mehr" ist hier also nicht nur zeitlich, sondern auch als "zusätzlich" zu verstehen).

Dass das Gerät zur beschleunigten Erfüllung des Auftrags "Mark-V" heißt, koppelt die Fiktion natürlich an die technischen Fakten. Der "Mark I", sein realer Vorläufer, war an der Harvard-Universität gebaut worden, wog satte 35 Tonnen und war 16 Meter breit. Er war ein Relais-Computer, was verantwortlich für seine Ausmaße und sein Gewicht war. In ihm waren hunderte Meter Kabel und über 700.000 Bauteile verbaut. Ihm folgten bis 1952 drei Nachfolger mit den römischen Nummern II, III und IV - der letzte war bereits ein vollelektronischer Rechner mit Magnettrommelspeicher; die Evolution der frühen Computertechnik lässt sich an der Baureihe gut nachvollziehen.

Der "Mark V" existierte dann bereits nur noch in der Fiktion Clarkes, "bereits klein genug, um per Luft befördert zu werden. Dies ist auch der Grund, weshalb wir uns für Ihr Fabrikat entschieden haben"11, so der Lama zu einem der Ingenieure. Die Beschleunigung der Arbeitsgeschwindigkeit und die beginnende Miniaturisierung (die mit dem Verbau elektronischer anstatt elektromechanischer Bauteile einherging) bildeten für Clarkes Geschichte bereits den technorealistischen Hintergrund. Die Vorstellung des Lesers von einem überdimensionalen Computer, der - wie die Geräte der "Mark"-Baureihe - eigentlich für militärische Zwecke erfunden wurde (was in den 1950er-Jahren so viel bedeutete wie: um die Welt auszulöschen) bildete das zusätzlich in die Lektüre eingebrachte Weltwissen.

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