Nikolaus, Christkind und Tannenbaum befreit

02.12.2010

Der Verein Musikpiraten veröffentlich ein Liederbuch, mit dem in Kindergärten ohne Angst vor Gema und Anwälten gesungen werden kann

Viele Parteien in Drittweltländern begründeten ihren Aufstieg weniger über Medienpräsenz oder ein politisches Komplettangebot, sondern dadurch, dass sie in Bereichen einsprangen, wo der Staat versagte: Sie gründeten Krankenhäuser, Suppenküchen, Notunterkünfte und Schulen oder halfen im Umgang mit Behörden. Auf diese Weise erwarben sie in der Bevölkerung Vertrauen, die sich für politische Nabelschauen eher weniger interessiert. Auch in Deutschland etablierte sich die Sozialdemokratie unter anderem dadurch, dass sie Konsumvereine initiierte und so die Monopole teurer Händler brach.

Das ist lange her - und trotzdem gibt es auch heute genügend zahlreiche Bereiche, in denen der Staat versagt oder durch Begünstigung Probleme erst schafft. Einer dieser Bereiche ist die Ausdehnung von Immaterialgütermonopolansprüchen, mit denen derzeit nicht nur Kindergärten, sondern auch Vereine erhebliche Schwierigkeiten haben: Im November wurde beispielsweise das St.-Martins-Komitee im rheinischen Monheim anwaltlich abgemahnt, weil es 32 Schulklassen und 11 Kindergartengruppen im Web ein Programmheft zur Verfügung gestellt hatte, das unter anderem für den zentralen St.-Martins-Umzug passende Liedtexte enthielt. Bei einem davon war die Autorin noch keine siebzig Jahre lang tot, was die Voraussetzung dafür ist, dass der Monopolschutz wegfällt.

Sankt Martin, der dritte Bischof von Tours, wird von Katholiken am 11. November jeden Jahres mit Laternenumzügen und Gesängen verehrt, weil er seinen Mantel mit einem nackten Bettler geteilt haben soll. Den abmahnenden Anwalt beeindruckte das allerdings wenig: Inklusive des "Schadensersatzes" belief sich seine Rechnung auf fast 500 Euro, was das Komitee der WAZ zufolge in eine finanzielle "Schieflage" brachte.

Der Monheimer Verein ist nicht die einzige Einrichtung, die sich mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert sind: Seit der Verleger Axel Sikorski die Präsidentschaft der Verwertungsgesellschaft Musikedition übernahm, fordert diese via Gema von Kindergärten Geld dafür, dass Noten von Kinderliedern kopiert werden - obwohl bereits für jedes Kopiergerät und für jede Kopie Abgaben an die VG Wort fließen. Unangemessen erscheinen diese Forderungen vielen Betroffenen und Beobachtern aber auch deshalb, weil ein Großteil der Kinderlieder bereits gemeinfrei ist, die VG Musikedition aber mit Verweis auf den Notensetzaufwand für solche Werke trotzdem Monopolschutz geltend macht.

Deshalb rief der im Piratenpartei-Umfeld entstandene Verein Musikpiraten vor zwei Wochen dazu auf, mit dem Programm LilyPond die Noten und Texte gemeinfreier oder selbst geschriebener Advents- und Weihnachtslieder zu setzen und die fertigen Produkte unter Creative-Commons-Lizenzen zu stellen, sodass sie von Kindern, Eltern und Erziehern zum Singen ohne Angst vor der Gema verwendet werden können.

Jetzt veröffentlichte der Verein - rechtzeitig vor dem Nikolaustag - die Früchte aus diesem Wettbewerb: Ein Liederbuch mit Noten und Texten, die "kostenfrei und legal von jedem kopiert werden dürfen". Unter ihnen befinden sich die Klassiker Oh Tannenbaum, Oh du fröhliche, Stille Nacht, heilige Nacht, Alle Jahre wieder, Ihr Kinderlein kommet, Kling, Glöckchen, klingelingeling, Lasst uns froh und munter sein, Leise rieselt der Schnee, Macht hoch die Tür, Morgen kommt der Weihnachtsmann, Schneeflöckchen, Still, still, still, Süßer die Glocken nie klingen, Es ist ein Ros entsprungen, Fröhliche Weihnacht überall, Tochter Zion, freue dich,Adeste fideles sowie die beiden englischen Stücke Jingle Bells und We Wish You A Merry Christmas.

Ein großer Teil der Notensätze stammt aus dem von Sebastian Nerz initiierten Projekt Kinder wollen singen, das sich zum Ziel gesetzt hat, nicht nur für die Advents-, und Weihnachtszeit, sondern für den gesamten Jahreszyklus gemeinfreie Kinderlieder zu Verfügung zu stellen, die ohne Angst vor der Gema oder vor Anwälten angestimmt werden können. Bei allen Stücken wurden darauf geachtet, dass die exakten Versionen der Texte und Melodien gemeinfrei sind. Findige Rechtesammler bringen nämlich immer wieder kleine Änderungen an gemeinfreien Werken an, um sich auf diese Weise einen neuen Monopolschutz zu sichern. Ein Vorgehen, das für erhebliche Rechtsunsicherheit sorgt.

Liederbuch "Singen im Advent". Coverfoto: Lotus Head. Lizenz: CC-BY-SA

Das Musikpiraten-Liederbuch "Singen im Advent" gibt es nicht nur als PDF und PNG-Sammlung, sondern auch als OpenOffice-Textdokument und als komprimierte LilyPond-Datei. Dadurch können die Noten und Texte nicht nur ausgedruckt und zum Singen genutzt, sondern auch einfach weiter bearbeitet werden.

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