Wieso der Hashtag wikileaks aus den Trending Topics verschwunden ist

07.12.2010

Algorithmus oder Zensur? - Twitter als Leviathan

Als Twitter 2007 das erste Mal richtig in den Fokus der Öffentlichkeit rückte, wurde ein Wal zu seiner unverwechselbaren visuellen Identität. Denn jedes Mal, wenn die Server des Startups durch die vielen Zugriffe der Nutzer überlastet waren – und damals waren sie das häufig –, blendete Twitter die Comicdarstellung eines Wals ein, der von einem Schwarm zwitschernder Vögel davongetragen wurde. Schnell bürgerte sich für diese Fehlermeldung dann in der Community die Bezeichnung "Failwhale" ein.

Im Augenblick häufen sich jedoch die Indizien, dass wir es bei Twitter keineswegs mit einem gemeinen Blauwal zu tun haben, sondern einem regelrechten Leviathan, einem Ungeheuer von fast schon biblischer Allmacht. Ursprünglich gestartet als SMS-Ersatz für mitteilungsfreudige Fahrradkuriere, entwickelte sich Twitter innerhalb weniger Jahren zu einer Medienplattform, von der man je nach digitaler oder analoger Sozialisation entweder das Ende der Massenmedien und das Anbrechen eines Post-Privacy-Zeitalters oder aber das Versinken des Internets in einer Flut banaler Mitteilungen über Speisefolgen, Flughäfen oder Katzenfotos befürchtete, die allerhöchstens für ihre Verfasser von Interesse sind.

Im Windschatten dieser hysterisch aufgeblasenen Debatte hat sich Twitter jedoch mittlerweile als rasend schnelles Informations- und Mitteilungsmedium einen Namen gemacht. Ein Medium, das man auf den ersten Blick nur schwer kontrollieren oder bändigen kann. Wenn sich in der Weltpolitik oder Kulturindustrie etwas tut, werden Meldungen im Millisekundentakt abgeschickt oder weitergeleitet. Dabei geschieht dies sehr häufig ohne Beachtung der Regeln der journalistischen Sorgfalt oder Ethik.

Kein Wunder, dass auch die bislang größte politische Enthüllungsaktion des 21. Jahrhunderts, die Publikation der Botschaftsdepeschen durch die Plattform WikiLeaks, sehr intensiv auf Twitter diskutiert, verlinkt und mit Hashtags (z.B. #wikileaks) verschlagwortet wurde. Als dann die Webseite WikiLeaks.org nicht mehr erreichbar war und von hunderten Freiwilligen auf ihren Servern gespiegelt wurde, verbreitete sich auch darüber die Information auf Twitter rasend schnell. Wie könnte man ein derart chaotisches, widerständiges und vor allem: nicht zensierbares Medium mit einem Leviathan vergleichen?

Wikileaks verschwand aus den Trending Topics

Die Antwort findet man, wenn man von der Ebene der gesellschaftlichen Diskurse auf die Ebene des Codes hinabsteigt. Twitter bietet nicht nur an, Nachrichten zu verbreiten, sondern analysiert den Inhalt der Mitteilungen nach bestimmten Begriffen, die einen diskursiven Trend repräsentieren und veröffentlicht die so gefundenen Schlagworte als Trending Topics.

Einigen Twitterern und Bloggern fiel sehr schnell auf, dass trotz der zeitgleichen Veröffentlichung der Botschaftsdepeschen in den USA, UK, Frankreich, Spanien und Deutschland auf den Titelseiten der Magazine und Zeitungen das eigentlich zu erwartende Schlagwort #wikileaks:: im Unterschied zu Juli und August nicht mehr in den Diskussionstrends auftauchte. Die Community schwenkte sehr schnell auf das alternative Schlagwort #cablegate um, das sich dann prompt in den Trending Topics wiederfand. Aber von #wikileaks weiterhin keine Spur, auch #cablegate, #statelogs oder #assange werden trotz der rasanten Verbreitung der Nachricht von Assanges Verhaftung heute Vormittag nicht bei den Trending Topics aufgeführt..

Nachdem in der Zwischenzeit zahlreiche große US-Unternehmen wie Amazon oder PayPal WikiLeaks ihre Dienste für das Webhosting oder die Spendenabwicklung kündigten, regten sich schnell die ersten kritischen Stimmen und vermuteten, dass auch das US-Startup Twitter dem Druck der Politik nachgegeben habe und zumindest auf der Ebene der Trending Topics zensierend eingreift. Da diese Trending Topic als "Fieberthermometer" der Twittersphäre helfen, Aufmerksamkeitsströme direkt auf die zu den Schlagworten passenden Diskussionen leitet, könnte ein solcher Eingriff zumindest das Tempo der Verbreitung von Diskussionen und Weiterleitung von WikiLeaks-Inhalten etwas abbremsen.

Um dieser Vermutung nachzugehen verglich der Blogger und Aktivist Angus Johnston die Verwendung der beiden Begriffe "Sonntag" und "Wikileaks" auf Twitter. Er wählte das Allerweltswort "Sonntag" als Vergleichsobjekt, um die verbreitete Argumentation zu entkräften, ein Begriff könne nur dann zu einem Trendthema werden, wenn er neu in den Diskussionen auftaucht. "Sonntag" wird jeden Sonntag besonders häufig erwähnt, also kann von neu hier nicht die Rede sein. Trotzdem taucht dieser Begriff immer wieder in den Twitter-Trends auf.

Johnston kam schließlich zu dem Ergebnis, dass sich das Fehlen von #wikileaks in den Trending Topics bei Twitter im Vergleich mit dem viel seltener getwitterten Trendthema "Sonntag" auf Grundlage dieser Daten nicht erklären lässt – der Weg zur Vermutung, dass Twitter hier aktiv in die Trendthemen eingreifen könnte, liegt also nicht fern.

In den zahlreichen Antworten auf seine Beobachtungen, unter anderem von jemandem, der sich als Josh Elman, Programmierer bei Twitter ausgibt, geht es stellenweise sehr tief in die Details über die unterschiedlichen Algorithmen zur Berechnung von Trends. Das Zwischenfazit lautet, dass das Fehlen von #wikileaks wohl darauf zurückzuführen sei, dass es nicht nur um die Häufigkeit der Erwähnung geht, sondern auch um die jeweiligen persönlichen Netzwerke, in denen diese Begriffe genannt werden. Kurz: je mehr unterschiedliche Cliquen auf Twitter dasselbe Schlagwort verwenden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Begriff den Sprung in die Trending Topics schafft. Einige Zeit später dementiert auch die PR-Abteilung von Twitter, dass hier Zensur ausgeübt wird.

Der Unterschied zwischen willkürlicher Zensur und algorithmischem Ausschluss beginnt zu verschwimmen

Die technischen Details oder Frage, ob hier zensiert wird oder nicht, sind jedoch gar nicht so entscheidend. Die spannende Schlussfolgerung an dieser Stelle ist, dass mit Twitter mittlerweile eine globale Nachrichten- und Mitteilungsinfrastruktur herangewachsen ist, deren algorithmische Funktion von außen nicht mehr nachvollzogen werden kann. Wir wissen schlicht nicht, warum ein bestimmtes Thema als Trending Topic auftaucht und ein anderes nicht und die wenig präzisen Erklärungen von Twitter lassen vermuten, dass es die Programmierer der Plattform dies ebenfalls nicht genau sagen können:

There's no perfect answer here, just that the algorithm is doing what it's always done, and for whatever reasons wikileaks is'’t rising above to become a top 10 trend.

Algorithmen wie sie zur Berechnung der Trending Topics verwendet werden, schaffen etwas, was Kybernetiker eine nicht-triviale Maschine nennen. Bei trivialen Maschinen folgt auf dieselbe Eingabe auch immer dieselbe Ausgabe. Für nicht-triviale Maschinen gilt dies nicht mehr, da je nach internem Zustand auf dieselbe Eingabe immer wieder eine andere Ausgabe erfolgen kann. Bei Twitter gehören Aufmerksamkeit und Interaktion der Nutzer zu diesen Zustandsvariablen. Mit jedem Tweet zum Thema #wikileaks entstehen neue Verknüpfungen zwischen Nutzern, die das nächste Mal wieder zu einem anderen, nicht vorhersehbaren Wert führen können.

Die Folgen dieser Komplexität auf Code-Ebene schlagen aber auch auf die gesellschaftliche Ebene durch: Wie man an dem #wikileaks-Beispiel sehen kann, beginnt auf Plattformen wie Twitter der Unterschied zwischen willkürlicher Zensur und algorithmischem Ausschluss zu verschwimmen. Während man zum Beispiel die gekauften Trends auf Twitter durch den Vermerk "Gesponsert" schnell erkennen kann, bleibt den Nutzern verborgen, über welche Themen auf Twitter sie durch die Trends informiert werden, und welche ausgeblendet werden. Das sollten gerade diejenigen nicht vergessen, die Twitter und andere Social Media-Dienste bereits als Wegbereiter einer neuen radikal demokratischen Öffentlichkeit sehen.

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