Virtuelles Finanzorakel

02.01.2011

Wenn Twitter die Börsenkurse richtig voraus sieht

In den Kreisen der von hierarchischen Entscheidungsprozessen befreiten Netzkultur kursiert seit Jahren das Leitbild von der Weisheit der Vielen. Es ist die Rede von der kollektiven Massenintelligenz, mit deren Hilfe sich angeblich bessere Resultate erzielen lassen, als auf Basis isolierter Entscheidungen in gläsernen Bürotürmen. Doch trifft diese Behauptung ausgerechnet für die komplexe Finanzindustrie auf dem globalen Börsenparkett zu?

Die Meinungen der Experten gehen weit auseinander. "Massen irren seltener als Individuen", behauptet Michael Thaler vom Vermögensverwalter TOP Vermögen AG und Initiator des "Mitmachfonds" investtor in einem Interview mit Fondsprofessionell. Das Modell funktioniere dadurch, dass das Portfolio permanent auf einer Internetseite abgebildet werde - und die Fondsanleger direkt über die Vermögensaufteilung mitredeten.

Worin besteht nun der Blumenstrauß, den sich jeder schenken darf, der so genannte Mitmachfonds (Investtor Aktien Global)? Die Anleger des weltweit agierenden Aktienfonds können selbst über eine anonyme Abstimmungsplattform mitbestimmen, welche Aktien aus einem vorgegebenen Aktienuniversum von 200 Werten in den Fonds erworben bzw. verkauft werden.

Dahinter steckt die auch von der Wissenschaft immer stärker thematisierte Frage, inwieweit das "Wissen-der-Vielen" bei komplexen adaptiven sozialen Systemen zu richtigen Einschätzungen kommt, angelehnt etwa an den ideologischen Vorreiter Michael Mauboussin. Er ist übrigens keiner der üblichen etwas abgehobenen Internetvisionäre, sondern vermarktet sich geschickt als cleverer Geschäftsmann. So ist Mauboussin Chief Investment Strategist bei Legg Mason Capital Management, er hat zahlreiche Bücher geschrieben, hier kann man mehr zu seiner Vita erfahren.

Zurück zu Investtor: Die Privatanleger bestimmen zum einen die Investitionsquote des Fonds, die von einer Vollinvestition über 20 Prozent Sicherheit bis hin zur defensiven Ausrichtung mit 40 Prozent Sicherheit reicht. Und zum anderen geben die Anleger ihre Einschätzungen zu den einzelnen Aktien durch einfaches Klicken der Schaltflächen "Kauf", "Neutral" oder "Verkauf" bekannt.

Abstimmen dürfen laut den Initiatoren von Investtor aber alle Anleger mit je einer Stimme, die mindestens 80 Anteile am Fonds halten. Dies entspräche aktuell einer Anlagesumme von rund 4.000 Euro. Vermutlich werden jetzt manche Kritiker mit einiger Berechtigung einwenden, dass die Realität auf längere Sicht betrachtet derart idealistischen Marktmodellen auf Basis von "Crowdsourcing" an der Börse nicht stand halten, die unter anderem auf dem Gedankengut von Vordenkern wie James Surowiecki beruhen.

Die Herausforderung besteht unter anderem darin, den "Herdentrieb" produktiv zu bewältigen und das Missbrauchsrisiko durch subjektiv falsch oder unzureichend interpretierte Informationen zu minimieren, die sich gerade über das Internet rasant um den Globus verbreiten. Denn Geld soll laut der neuen dezentral organisierten Börsenintelligenzia die Menschen schließlich verbinden - und durch neue Heilsbringer, die sich hernach als der Rattenfänger von Hameln erweisen, nicht neuerliche Barrieren zwischen ihnen aufbauen.

Nun stellt sich die Frage, inwieweit wir es gerade mit Blick auf das Agieren in einer kapitalmarktorientierten Struktur bei den finanziellen sozialen Netzwerken überhaupt mit einer Art von "Wertegemeinschaft" zu tun haben – außer vielleicht dem brüchigen Interesse, gemeinsam profitable Geschäfte zu machen, was sich aber als äußerst schwankungsanfällige Ressource erweisen kann.

Die Idee ist nur allzu verführerisch, mit Hilfe eines durch selbst regulierende Mechanismen produktiv gesteuerten Herdentriebs von der "Regelstrecke" (hierarchisch) zum rückkoppelnden "Regelkreis" zu gelangen. Zynische Kritiker würden das Missbrauchsrisiko etwa so ausdrücken, warum sie gerade die Systemtheorie mit Blick auf finanzielle "soziale Netzwerke" eher auf das virtuelle Glatteis verbannen: Weil der Regelkreis der kollektiv gesteuerten Anlegerintelligenz (noch) zu viele Kurzschlüsse hat.

Neues Geschäftsmodell: Data Mining in finanziellen sozialen Netzwerken?

Ein Spaziergang dürfte der Ausruf von Mitmachfonds am Börsenparkett also kaum werden. Mehr noch: Da las ich neulich, Web 2.0-Forscher hätten herausgefunden, dass Twitter die Börsenkurse richtig voraus sieht. Wieder mal so eine virtuelle Zeitungsente? Oder genauer gesagt tut dies die Summe jener Menschen, die sie über Twitter prognostizieren. Genial einfach, aber auch einfach genial?

Hört sich also ziemlich interessant an, so werden wir alle bald im Handumdrehen wie beim Lotto zu Millionären. Da werden kritische Zeitgeister erneut hellhörig und dünnhäutig, denn wer hat schon ein Interesse daran, dass allzu viele Menschen in den erlesenen Club der Reichen aufsteigen?

Der Staat, ein gewisser Teil der Eliten und einige Neidgeister sicherlich nicht. Außerdem lebt die Börse genau davon, dass es auf dem Parkett mehr Zittrige als Hartgesottene gibt. Sprich: Drei Viertel der Menschen verliert dort, statt zu gewinnen. Der Leitspruch, der dümmste Bauer ernte die größten Kartoffeln, er trifft an den Finanzmärkten nur in den seltensten Fällen zu, wenn die Kurse mal für kurze Zeit auf breiter Front nach oben ziehen.

Oder anders ausgedrückt: Um auf längere Sicht hin erfolgreich zu sein, muss man gegen den Strom der Masse schwimmen. Somit ähnelt die Angelegenheit mit der kollektiven Anlegerintelligenz einer Art von Tiefseetauchen, je dunkler es da unten in den Ozeanen wird, umso klarer sieht man, dass die Spezies Mensch ein doch eher kurzlebiges Wesen darstellt.

Also ist es doch nicht ganz so einfach, wenn wir via Twitter-Auswertungskurve die Börsenkurse besser voraus sehen als in der analogen Börsenwelt, wo man sich als Insider noch richtig in papierne Dokumente vertiefen musste. Stoßen wir also weiter mit dem Solarbohrer in die leider vom geistigen Erdöl schon ziemlich verunreinigte Tiefsee vor. Eine erste Spur der bislang verborgenen Spezies gibt es in einem Artikel auf business.chip:

Willkürlich ausgewählte Tweets wurden von Forschern der Indiana University systematisch analysiert und für Prognosen des Dow Jones Industrial Average verwendet. Dafür haben sie den auf einem medizinischen Untersuchungsblatt basierenden Algorithmus 'Google Profile of Mood States (GPOMS)' verwendet. Diesen haben sie auf 9,7 Millionen Tweets angewendet, berichtete das Blog-Magazin Read Write Web unter Bezug auf eine Veröffentlichung des Forschungs-Magazins MIT Technology Review.

business.chip.de

Und weiter geht die Tiefseereise bis zur Bodenbildung auf dem virtuellen Börsenparkett. Auch in einer Mitteilung der Indiana University kann man diesen Befund genauer nachlesen:

Researchers at IU Bloomington's School of Informatics and Computing found the correlation between the value of the Dow Jones Industrial Average (DJIA) and public sentiment after analyzing more than 9.8 million tweets from 2.7 million users during 10 months in 2008.

Und wie funktioniert das mächtige Twitter-Elaborat genau:

One tool, OpinionFinder, analyzed the tweets to provide a positive or negative daily time series of public mood. The second tool, Google-Profile of Mood States (GPOMS), measured the mood of tweets in six dimensions: calm, alert, sure, vital, kind, and happy. Together, the two tools provided the researchers with seven public mood time series that could then be set against a similar daily time series of Dow Jones closing values.

Grafik: Johan Bollen/IU

Und was zeigt die obige Grafik konkret? "What we found was an accuracy of 87.6 percent in predicting the daily up and down changes in the closing values of the Dow Jones Industrial Average."

Sie sehen, das Thema der kollektiven Anlegerweisheit hat also bereits heute eine gewisse Praxisrelevanz. Aber was folgt daraus? Ziemlich skeptisch äußert sich jedenfalls business-chip.de. Zitat: "Es darf daran gezweifelt werden, ob so etwas funktioniert." Die Chip-Online-Redaktion fragt sich beispielsweise, ob der GPOMS überhaupt als Indikator tauge.

Es gelte nämlich der Leitsatz, sei auf der Hut, wenn der Gott der Frösche dich allzu sehr anlächelt. Oder wie es der Volksmund in abgewandelter Form sagen würde: Nicht alles im virtuellen Fischernetz ist Gold, was am User-Interface so richtig glänzt. Bevor die Leser nun aber vorschnell ein endgültig vernichtendes Urteil fällen, sollte man sich die Mühe machen, die zum Download bereit stehende 8-seitige Studie der Indiana University genauer anzuschauen.

Jonathan Bollen von der School of Informatics and Computing. Bild: IU

Und Jonathan Bollen, Associate Professor an der dortigen School of Informatics and Computing, gestattet den Lesern von Telepolis einige weitere Einblicke in die Zielrichtung der Studie. Was also können Finanzakteure von der Weisheit der Massen lernen, wenn man unterstellt, dass es tatsächlich gelingt, gemeinsam erfolgreicher zu agieren als auf der Basis von sorgsam gehüteten "Spezialwissen"?

"Die Profihändler mögen zwar über den Vorteil von privilegierten, spezifischen und exakten Informationen verfügen", jedoch können virtuelle Gemeinschaften diesen Vorteil kompensieren, gerade weil individuelle Informationen oftmals lücken- und fehlerhaft sind", betont Jonathan Bollen gegenüber Telepolis. Denn die weltweit verzweigten Online Communities hätten mittlerweile eine Größenordnung erreicht, die es ermögliche, durch die Weisheit der Massen immer exaktere Ergebnisse zu erzielen.

Allerdings legt Professor Bollen großen Wert auf die Feststellung, dass es hier keinen simplen Übertragungsmechanismus für den Erfolg auf dem Börsenparkett gebe. "Die Communities profitieren nicht notwendigerweise von diesem Trend, aber jene, die in der Lage sind, dieses Reservoir des kollektiven Wissens erfolgreich anzuzapfen."

Das klingt schon deutlich bodenständiger und realistischer. Wir werden also wieder keine Steilvorlage für den automatischen Lottogewinn im Netz erhalten. Und es wird keine simple Blaupause für die erfolgreiche Geldanlage via Twitter-Analyse geben. "Unsere Resultate beziehen sich nicht darauf, dass sie sich Eins-zu-Eins übertragen und beschreiben lassen, sondern sie geben eine Art öffentliches Stimmungsbild der Gefühlslage wider", räumt Bollen ein.

Jetzt haben wir den Boden der Tiefsee erreicht, wo wir ähnlich gut durchblicken, wie die Tiefseebohrer von British Petrol am Golf von Mexiko. Die Herausforderung für die Wissenschaftler an der Indiana University besteht nun darin, die klassische Methodik der kapitalmarktorientierten Verhaltensforschung (Behavioral Finance) mit neuen Verfahrensmodellen erfolgreich zu kombinieren.

Es gebe zwar keinen "Zollstock", um die wissenschaftlichen Resultate zu beurteilen, sagt der Wissenschaftler von der Indiana University. Aber der Experte kann sich andererseits kaum vorstellen, dass derartige Modelle ohne Folgen für die große Geschäftswelt bleiben, so Bollen weiter. "Der Markt wird das jeweils passende Datenmodell schon auswählen, und wir sind dann hoffentlich mit unseren auf dem Crowdsourcing basierenden Konzepten vertreten."

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Umwelttechnik, Informationstechnologie und Managementthemen. Mit Kommunikationsabläufen und neuen Organisationsformen in der Bankenszene hat sich der Autor in zahlreichen Aufsätzen beschäftigt. Im Mai 2010 erschien von Lothar Lochmaier das Telepolis-Buch: Die Bank sind wir – Chancen und Zukunftsperspektiven von Social Banking. Er betreibt außerdem das Weblog Social Banking 2.0.

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