"Vom Weltjudentum gesteuerte Attacke auf Kirche und Papst"

15.12.2010

Interview mit David Berger über Rechtsradikale und Radikalkonservative in der katholischen Kirche

Der Theologe David Berger beschreibt in seinem Buch "Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche" die zunehmende Irrationalisierung innerhalb der katholischen Kirche und den Rechtsradikalismus katholischer Eliten, mit denen er als Lehrer unter anderem im Bistum St. Pölten und als Gastredner an der Opus-Dei-Universität in Pamplona, als Professor der Päpstlichen Thomas-Akademie sowie als Zensor der Päpstlichen Glaubenskongregation (der Nachfolgebehörde der Römischen Inquisition) und als Herausgeber der traditionalistischen katholischen Zeitschrift "Theologisches" persönlich konfrontiert war.

Nachdem er selbst jahrelang die konservativen Standpunkte der katholischen Kirche vertreten hatte, bewog ihn letztendlich der Auftritt des katholischen Bischofs Franz-Josef Overbeck bei Anne Will im April 2010, sich als Homosexueller zu outen und sein Amt als Herausgeber niederzulegen. Seitdem ist er heftigen Angriffen von Seiten der Traditionalisten ausgesetzt.

Sie hatten einige Jahre Einblick in klandestin agierende ultrakonservative elitäre Netzwerke, in denen unverhohlen frauenfeindliche, antisemitische und homophobe Positionen vertreten werden. Sie sprachen in einem Interview von "antidemokratischen und antiliberalen Gruppen, in denen manche von einem fundamentalistischen katholischen Gottesstaat träumen oder allen Ernstes zu einem katholischen Dschihad aufrufen". Welche antidemokratischen Netzwerke waren das und wer sind diese katholischen Dschihadisten?

David Berger: Man muss bei diesen Netzwerken unterscheiden zwischen mehr inoffiziell wirkenden Gruppen und denen, die offiziell auch nach außen hin tätig sind. Mehr inoffiziell war eine Gruppe, die ich in meinem Buch beschreibe und die in einem Düsseldorfer Rechtsanwalts- und Steuerprüfungsbüro ihr lokales Zentrum hatte. In regelmäßigen, streng geschlossenen Veranstaltungen wurden dort durch den Gastgeber wohlhabende Industrielle, Wissenschaftler, vor allem aus den Bereichen der Rechts- und Politikwissenschaft, sowie Geistliche und Theologen aus dem reaktionär katholischen Spektrum eingeladen.

Neben den Vorträgen, die von Leuten wie dem Ritter Erik von Kuehnelt-Leddihn, den Professoren Friedrich Romig, Walter Hoeres oder Robert Prantner gehalten wurden, tauschte man sich hier über alles aus, was im rechtskatholisch orientierten Lager im Gespräch war. Man dachte über die Vergabe von Posten und das Lockermachen von Geldern für Großprojekte nach. Antisemitische Äußerungen waren hier an der Tagesordnung.

In Verbindung mit einer Abneigung gegen die liberalen Werte des Westens bereiteten diese natürlich eine Stimmung, die wiederum Sympathien für den fundamentalistischen Islam provozierte. Dort mache man mit seiner Ablehnung der "Diktatur des Relativismus" noch konsequent Ernst. Man wisse dort noch, welche Rolle die Frau habe und wie man mit Unzucht und Pornographie umzugehen habe. In den letzten Jahren gibt es innerhalb des katholischen Milieus die Tendenz, dass man zunehmend das Dunkel der privaten Kreise verlässt und in der Öffentlichkeit über "Gesellschaften" und das Internet agiert. Besonders aktiv sind hier zum Beispiel die "Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum" mit ihren Vorfeldorganisationen sowie die Internetseiten kath.net und kreuz.net.

Wie hoch schätzen Sie den Einfluss dieser erzreaktionären Elite auf die katholische Kirche und die deutsche Gesellschaft ein?

David Berger: Innerhalb der katholischen Kirche ist der Einfluss dieser Netzwerke unter dem neuen Pontifikat des deutschen Papstes ganz enorm angestiegen. Inwiefern sie auch Einfluss auf die deutsche Gesellschaft nehmen können, misst sich wieder daran, wie viel Einfluss die Gesellschaft der katholischen Kirche einräumt. Durch die Missbrauchsskandale der letzten Jahre hat dieser Einfluss zusammen mit der "Wir-sind-Papst"-Euphorie einen deutlichen Dämpfer erhalten. Aber rund um das Erscheinen des neuen Papstbuches und die Ankündigung seines offiziellen Deutschlandbesuches scheinen die PR-Manager des Papstes eine neue Sympathiekampagne eingeleitet zu haben, auf die die "Bild" und der "Focus" offensichtlich voll angesprungen sind. Sollte diese erfolgreich sein, kann man auch davon ausgehen, dass diese "Elite" auf der neuen Welle mit nach oben geschwemmt wird.

Welche politischen Strömungen haben Sie innerhalb der katholischen Kirche wahrgenommen und welche sind Ihrer Einschätzung nach momentan auf dem Vormarsch?

David Berger: Als ich noch Schüler war, spielte die "Befreiungstheologie" und damit der Versuch, Kirche und Theologie auch mit den linken Kräften zu versöhnen, eine wichtige Rolle. Schon zuvor hatten Johannes XXIII. und Paul VI. auf eine Versöhnung mit der Linken und auch den liberalen Kräften hingearbeitet - ohne dabei das Proprium des Katholischen preiszugeben. Auch von der Idee einer katholischen Staatsreligion hatte man sich auf dem zweiten Vatikanischen Konzil mit großer Souveränität und Mut zugunsten der Religionsfreiheit gelöst. Sehr zum Missfallen der Piusbruderschaft. Die Allianz der katholischen Kirche mit der Monarchie sowie reaktionären rechten Kräften, die sich zum Beispiel im Kuschelkurs der Kirche mit der Franco-Diktatur unter Pius XII. zeigte, schien nun endgültig vorbei.

Die klare Absage des Vatikan an die Befreiungstheologie unter Johannes Paul II., ausgearbeitet von Josef Ratzinger signalisierte dabei allerdings einen erneuten Schwenk. Nachdem Ratzinger den Thron Petri bestiegen hat, erleben wir eine Verstärkung dieser Tendenz. Alan Posener hat es scharfsinnig aufgezeigt: Wenn Benedikt - wie auch in seinem neuen Buch - permanent über die "Diktatur des Relativismus" und die "Kultur des Todes" in unserer Gesellschaft klagt, dann meint er mit dem todbringenden Relativismus vor allem die Werte der offenen Gesellschaft, die ihm ein Dorn im Auge sind.

Sein gesamtes Denken lebt von der feindlichen Kontrastierung: Katholische Kirche hier und die im moralischen Tiefstand sich befindliche westliche Welt da. Die von ihm enorm gestärkten extrem konservativen Kräfte innerhalb der katholischen Kirche halten auch schon eine Alternative zu einer in der modernen Gesellschaft friedlich integrierten Kirche parat: Sie entwerfen das Bild einer katholischen Ständegesellschaft, einer Wiederbelebung der katholischen Monarchie, die den Katholizismus erneut zur Staatsreligion erhebt.

"Katholische Ständegesellschaft"

Welcher Einfluss spielt das Pontifikat Benedikts XVI. bei dieser Entwicklung? Ist dieselbe aufgrund der Abgehobenheit des Sphärenmenschen ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt oder verfolgt der Pontifex Maximus damit ein bewusstes politisches Konzept?

David Berger: Ich kenne den Papst nicht persönlich. Aber seit etwa 20 Jahren habe ich seinen Werdegang, alle seine Äußerungen mit großem Interesse verfolgt. Und es fällt mir noch immer schwer, zwischen beiden Alternativen zu wählen. Vorherrschend ist nach wie vor der Eindruck, dass er einfach kirchenpolitisch völlig naiv ist und aufgrund zum Beispiel eines ästhetischen Faibles für die überschwänglichen Barockgewänder und die opernhaften, von jungen Männern aufgeführten liturgischen Inszenierungen diese so großzügig und ohne Vorleistungen in seine "väterlichen Arme" schließt.

Auf der anderen Seite passt dies nicht zu dem Bild eines hyperintelligenten Denkers, an dem er sich weidet, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er es - wenn es gelegen kommt und darum geht, ein kirchenpolitisches Konzept durchzusetzen - sogar mit der Wahrheit nicht so ganz ernst nimmt. Obwohl inzwischen einwandfrei feststeht, dass der Vatikan im Fall Williamson schon lange durch einen Bischof (!) vorgewarnt war, hat der Papst erst jüngst - in "Licht der Welt" - seine inzwischen schon fast wie eine Satire klingende Geschichte wiederholt: Man habe von dessen Holocaustleugung nichts gewusst. "... leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut und wahrgenommen, um wen es sich hier handelt."

Wie beurteilen Sie die Entwicklung rechtsradikaler Tendenzen in der Kirche?

David Berger: Über viele Jahre habe ich geglaubt, es ginge diesen Kräften wirklich um eine Stärkung des authentisch Christlichen, dessen Profil man mit der Abhebung vom Zeitgeist stärken müsse. Je einflussreicher diese Kräfte wurden, umso mehr radikalisierten sie sich jedoch. So bieten sie nur noch eine entstellende Karikatur des Katholischen und einen schlimmen Verrat am Geist des Christentums. Die Internetseite kreuz.net macht dies auf erschütternde Weise anschaulich.

Solange die katholische Kirche diese Kräfte stärkt, statt sie mit aller Entschiedenheit und Konsequenz zu bekämpfen und sich von ihnen zu distanzieren, kann ich nur entschieden davor warnen, den Einfluss der katholischen Kirche politisch und gesellschaftlich zu verstärken. Damit holt man sich unter dem heiligen Schein eines frommen Papstes, der Don Camillo-Filme schaut und mit seinem Privatsekretär betend in den Gärten seiner Sommerresidenz spazieren geht, antidemokratische Brandstifter ins Haus.

Liegen Ihnen Zahlen vor, ob dem Rechtsradikalismus zugeneigte Priestervereinigungen, wie die Piusbrüderschaft, deren Mitglieder ja auch schon mal den Holocaust leugnen, staatlich subventioniert werden?

David Berger: Eine solche Subventionierung findet, soviel ich weiß, nicht direkt statt. Aber indirekt auf jeden Fall. Es ist kein Geheimnis, dass die Piusbruderschaft mehrere private Schulen in Deutschland betreibt. Die letzte Zahl, die mir dazu vorliegt, ist, dass der Staat diese noch vor drei Jahren mit 1,1 Millionen Euro Steuergeldern bezuschusst hat. In meinem neuen Buch habe ich sehr ausführlich von meinen Erfahrungen mit der Jugenderziehung traditionalistischer Kreise berichtet. Nicht nur die Behandlung der Jugendlichen dort ist grenzwertig, so dass gegen eine Schule der Piusbruderschaft im Saarland bereits die Staatsanwaltschaft wegen Misshandlung ermitteln musste.

Im Jahr 2010 wurde dem der Schule angegliederten Internat vom saarländischen Justizministerium die Betriebserlaubnis entzogen. Es ist anzunehmen, dass den jungen Menschen mit Unterstützung bundesdeutscher Steuergelder auch die von der Piusbruderschaft vertretenen antidemokratischen Ideologien infiltriert werden. In Frankreich berichtete eine große TV-Anstalt im vorigen Jahre von einer traditionalistischen Schule in Lyon, die sich der besonderen Förderung des Papstes erfreuen darf und an der Schüler gegenüber Journalisten rechtsradikale und rassistische Thesen von sich gaben.

Stimmt es, dass die Gewaltbereitschaft bei Geistlichen und Gläubigen immer mehr zunimmt? Und welche Rolle spielt dabei das Internet und insbesondere die katholische Internetplattform kreuz.net, in dessen Leser-Forum zum Beispiel "die Wandschmierereien Michelangelos" als "entartete Kunst" und als "Schande für den Vatikan" bezeichnet und im Zusammenhang mit Ihrem Outing Homosexuelle mit dem Prädikat "Kotze Satans" versehen werden, denen man mit "Baseball-Schlägern" "bei "nächster Gelegenheit in die schwule Fresse klopfen" sollte, "bis" man "die Homo-Kotze auf dem Sondermüll entsorgen" könne"?

David Berger: Immer wenn ich konservative Geistliche in Rom und anderswo auf kreuz.net angesprochen habe, hat man mir sinngemäß gesagt: Was wollen Sie denn? Kreuz.net sagt doch nur ehrlich und offen, was Sache ist und was man aufgrund einer falsch verstandenen political correctness sonst nicht so offen sagen darf. Von daher bildet der barbarische Verbalbrutalismus nur in zugespitzter Form eine generellen Aggressivität ab, die in der katholischen Kirche deutlich zugenommen hat. Und zwar parallel zu einer seltsamen Viktimisierungshaltung: Das heißt die Kirche - und der Papst geht da wieder "vorbildlich" voran - sieht sich gerne als Opfer.

Ganz deutlich war das bei den Missbrauchsskandalen. Als Schuldige hatte man schnell die Medien ausgemacht, manche ganz hartgesottenen Kirchenfürsten dann auch noch junge Schwule, die die ansonsten völlig tadellosen Priester verführt hätten. Man kultiviert in Rom gerne Verschwörungstheorien, die von einer vom Weltjudentum gesteuerten Attacke auf die Kirche und den Papst phantasieren. Diese Opferstrategie ist natürlich praktisch, aber sie führt auch dazu, dass die Aggressivität deutlich ansteigt. Denn man sieht sich ja angegriffen und in der Defensive und muss sich nun - schon um die höhere Ehre Gottes zu verteidigen - wehren ... Kreuz.net macht dies dann ganz anschaulich, wenn man dort die Todesstrafe für Schwule nach dem Vorbild des Iran im Sinne der Selbstverteidigung der katholischen Kirche postuliert.

Welche esoterischen Netzwerke haben sich innerhalb der katholischen Kirche gebildet und was ist deren Anliegen? Sie schreiben in Ihrem Buch auch von den Erfahrungen, die Sie als Chefredakteur der Zeitschrift "Theologisches" mit Anhängern der Marienerscheinungen gemacht haben. Welche waren das und wie verhält sich die katholische Kirche dazu?

David Berger: Es ist sicher ein Proprium des Katholizismus, dass es ihm stets gelungen ist, den Aberglauben in sein eigenes System zu integrieren und ihm so seine radikalen und verabsolutierenden Seiten ein Stück weit zu nehmen. Je mehr er jedoch die Kontrolle über seine Gläubigen abgeben musste, umso mehr ist ihm aber auch die Kontrolle über solche Phänomene entglitten. Sie haben sich verselbständigt. Ich habe es erlebt, dass jede kleinere Gruppe im konservativen Katholizismus ihre ganz eigene Marienerscheinung hat, die sie favorisiert und verabsolutiert. Aus der Fülle der angeblichen Marienerscheinungen wählt man sich jene aus, bei der Maria ganz genau das gesagt hat, was eigene theologische Vorurteile bestätigt.

Bei den neokonservativen Leuten um kath.net sind das die Erscheinungen von Medjugorje, für die man fanatisch kämpft. Traditionalisten lieben dagegen Heroldsbach, weil dort auch Pius X. und die heilige Maria Goretti erschienen sind usw. Die katholische Kirche macht auch diesen Gruppen seit einigen Jahren große Zugeständnisse: Die Frage nach der Wahrheit wird zunehmend ausgeklammert und man gibt sich damit zufrieden, dass dort viel gebetet wird und die Wallfahrten die Leute enger an die Religion binden. Das erinnert alles ein bisschen an die Berichterstattung des Effektfernsehens, wo die Devise herrscht: Wie's war ist egal, Hauptsache die Show ist gut.

Nochmals zurück zum Stichwort Elite: Gibt es eine Art Calvinismus in der katholischen Kirche? Was hat ausgerechnet das hochdiffizile Gedankengebäude des Aristotelikers Thomas von Aquin damit zu tun, dessen rationalen Kern man vielleicht nur produktiv mit den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen konfrontieren müsste, um wieder für die Gegenwart aussagefähig zu werden?

David Berger: Der Elitegedanke besteht vor allem darin, dass man sich zunehmend mit dem Schrumpfungsprozess der Kirche in Europa anfreundet und diesen als "Gesundschrumpfen" schönredet. Der Abschied von der Volkskirche scheint unausweichlich, so bemüht man sich darum, dem "heiligen Rest" ein besonderes Sendungsbewusstsein durch Abgrenzung von der bösen Welt einzureden. Das erinnert alles an den Kulturkampf des 19. Jahrhunderts, der ein katholisches Ghetto produziert hat. Dennoch nimmt man natürlich gerne weiter die Privilegien, die aus der Zeit der Volkskirche stammten, für seine Restgruppe in Anspruch (Kirchensteuer, staatliche Religionsunterricht usw.).

Dieses Denken passt aber so gar nicht zu der Weltoffenheit eines Thomas von Aquin, dessen wichtigstes Anliegen es war, Natur und Gnade, Welt und Gott zur Synthese zu führen und der die damalige Wissenschaft mutig in die Theologie importierte. Daher verwundert es auch wieder nicht, dass der gegenwärtige Papst der erste der neueren Papstgeschichte ist, der nicht thomistisch sozialisiert wurde. Eine Wagenburgmentalität lässt sich eben besser mit Augustinus und Bonaventura kultivieren als mit einem Denker wie Thomas von Aquin.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sich viele Homosexuelle gerade von der Ästhetik der alten, traditionellen Liturgie angezogen fühlten. Können Sie uns diese Ästhetik kurz beschreiben?

David Berger: Der Schweizer Theologe und Journalist Michael Meier hat im Züricher Tagesanzeiger die Ausführungen meines Buches treffend zusammengefasst:

Kein weibliches Wesen trübt das Bild dieser reinen Männerwelt. Die traditionsorientierten Kleriker sind über Hand- und Fußküsse oder rituelle Fußwaschungen zärtlich miteinander verbunden. Hier können sie ihre Leidenschaft für Brokat, Brüsseler Spitzen, Quasten und Schleppen ausleben. Berger zufolge liegt der gewerbsmäßige Handel mit kirchlichen Gewändern fest in homosexueller Hand. Vom vornehm parfümierten Traditionalismus des Schriftstellers Martin Mosebach hat er gelernt, dass es in der alten Messe um pure Ästhetik geht, um ein l'art pour l'art, wie sie die homoerotisch empfindenden Literaten Gustave Flaubert, Charles Baudelaire, Oscar Wilde oder Stefan George kultivierten. Diese ist im Außermoralischen, im nutzlos Schönen angesiedelt wie die homoerotische Liebe selber, deren Folgenlosigkeit in Form der Kinderlosigkeit die Kirche allerdings verdammt. Homosexuellen Priestern, die ihre Sexualität nicht ausleben können, gelingt über die Ästhetik der traditionellen Männerliturgie eine Sublimierung ihrer erotischen Gefühle: Verbotene Triebwünsche werden in kultisch anerkannte Verhaltensweisen umgelenkt. So erklärt Berger auch die militante Homophobie der Ästheten im traditionalistischen Lager.

Muss diese Ästhetik automatisch Ausdruck einer erzreaktionären Ausrichtung sein? Wäre es nicht möglich, diese Ästhetik für eine antiasketische Emanzipation, für die Symbiose von Vernunft und Sinnlichkeit zu reklamieren, im Sinne von Heinrich Heine:

Ihr verlangt einfache Trachten, enthaltsame Sitten und ungewürzte Genüsse; wir hingegen verlangen Nektar und Ambrosia, Purpurmäntel, kostbare Wohlgerüche, Wollust und Pracht, lachenden Nymphentanz, Musik und Komödien - Seid deshalb nicht ungehalten, ihr tugendhaften Republikaner! Auf eure zensorische Vorwürfe entgegnen wir euch, was schon ein Narr des Shakespeare sagte: 'Meinst du, weil du tugendhaft bist, solle es auf dieser Erde keine angenehmen Torten und keinen süßen Sekt mehr geben?'

David Berger: Sie haben völlig recht. Sie muss es nicht sein. Im Grunde genommen sind die erzreaktionären Ideologen Menschen, denen jedes Gespür für Ästhetik völlig abgeht. Die klassische Liturgie ist für sie nur ein Werbemittel, eine harmlose "Einstiegsdroge". Erst wenn man die Menschen dafür gewonnen hat, werden sie nach und nach dann mit den verschiedenen erzreaktionären Theorien infiltriert. Ein Bekannter, den ich von der tridentinischen Messe in Köln kannte und später aus den Augen verloren habe, schrieb mir kurz nach Erscheinen meines Buches:

Anfangs begeistert durch die Schönheit der alten Liturgie unterlag ich allmählich in einen Mechanismus, welcher Merkmale von Gehirnwäsche aufweist. Ich habe ihn allerdings kaum bewusst in diesem Sinne erfahren, war vielmehr von einem Sendungsbewusstsein erfüllt, wie es mir zuvor fremd war. Eine heile katholische Welt sollte es sein, mochten die Akteure noch so sektiererisch, kleinkariert, wundersüchtig oder neurotisch - Eiferer auf bisweilen blamablem intellektuellen Niveau, bei aller Neigung zur Abschottung militant rechthaberisch und untereinander in steter Gefahr zu weiterer Zersplitterung - daherkommen. Es dauerte lange Zeit und einer ganz anderen persönlichen Erfahrung, um den dann allerdings recht plötzlichen Ausstieg zu schaffen.

Sehen Sie sich als Teil einer breiten Aufklärungsbewegung innerhalb der katholischen Kirche, die gegen die zur Zeit vorherrschende religiöse Strömung den Katholizismus weiter für die Moderne und rationales Denken öffnen wird oder als einer der wenigen aufklärerischen Mahner, die den Prozess der zunehmenden Irrationalisierung nicht mehr aufhalten können?

David Berger: Ich denke gerade deshalb, weil ich so viele Jahre Teil dieser reaktionären Strömung des Katholizismus war, habe ich nicht nur eine persönliche Verpflichtung der Wiedergutmachung, sondern auch eine ganz besondere Fähigkeit dazu. Ich weiß, wie man dort denkt und welche psychologischen Mechanismen dort tragend sind. Ich habe sie selber in einem schmerzhaften Prozess an mir zunehmend wirksam gesehen. Rein menschlich gesehen, hoffe ich natürlich, dass der von mir beschriebene Prozess aufzuhalten bzw. umzukehren ist. Ich sehe die Kirche aber derzeit in einem solch zähen Teufelskreis der Angst und der Wagenburgmentalität verfangen, dass ich mir rein rational sehr schwer vorstellen kann, wie dies genau möglich sein wird. Im Grunde genommen ist es meine Liebe sowohl zu den Errungenschaften der Moderne wie zur Kirche und ihrer Tradition, die mich trotzdem in diesem Sinne weiterarbeiten lässt.

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