Wirtschaftswachstum macht die Menschen nicht zufriedener

16.12.2010

Mit einer neuen Studie hat der Wirtschaftswissenschaftler Easterlin das nach ihm benannte Paradoxon bestätigt

Dass Geld langfristig nicht glücklich macht, ist eine alte Weisheit, die vor allem jene tröstet, die keines oder wenig haben. Glück kann man sich nicht kaufen, allerdings lebt es sich mit ausreichend Geld doch besser, als wenn man ständig jeden Euro umdrehen muss und permanent vor Augen geführt bekommt, was möglich wäre, wenn man genügend hätte.

Der Wirtschaftsforscher Richard Easterlin, der Namensvater des Easterlin-Paradoxons, und seine Kollegen haben nun in einer neuen internationalen Studie mit dem Titel The happiness–income paradox revisited noch einmal seine These aus dem Jahr 1974 belegt, dass das Wirtschaftswachstum - das alle Politiker zwanghaft und einfallslos versprechen - nicht notwendigerweise zu mehr Zufriedenheit oder Glück führt. In der neuen Studie, die in den Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen sind, wurde die Entwicklung nicht nur in Industrieländern, sondern auch in Schwellen- und Entwicklungsländern untersucht – und zwar durchschnittlich über einen Zeitraum von 22 Jahren, mindestens aber von 10 Jahren.

In allen 37 Ländern zeigte es sich, dass langfristig die Zufriedenheit der Menschen nicht mit dem Einkommen anwächst, kurzfristig kann allerdings die Zufriedenheit der Menschen eines Landes mit dem BIP Pro Kopf zunehmen, vor allem nach einer ökonomischen Krise. Für Easterlin gibt es mithin keinen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und der Lebenszufriedenheit sowie der finanziellen Zufriedenheit, was natürlich der herrschenden Ideologie zuwiderläuft. Daher, so die Autoren, gelte das Easterlin-Paradox nun für alle Arten von Staaten.

Verwiesen wird auf China, Südkorea und Chile als Beispiele von Ländern, in denen das BIP sehr stark gewachsen ist. In China hat sich BIP pro Kopf in 10 Jahren, in Südkorea in 13 und in Chile in 18 Jahren verdoppelt. Doch in China und Chile sei die Lebenszufriedenheit leicht, wenn auch nicht statistisch relevant zurückgegangen. In Südkorea ist sie zwar leicht kurz nach der Ermordung des Präsidenten im Jahr 1980 gestiegen, aber in vier weiteren Umfragen zwischen 1990 und 2005, wo das BIP pro Kopf jährlich durchschnittlich um 5 Prozent gewachsen ist, ging die Lebenszufriedenheit gering zurück.

Allerdings wäre es auch seltsam, wenn es einen einfachen Zusammenhang zwischen dem Wachstum des BIP pro Kopf und der Lebens- und finanziellen Zufriedenheit geben würde. Schließlich kann das BIP, wie wir an Deutschland selbst kennen, sehr wohl steigen, nicht aber das Einkommen der großen Mehrheit. Wenn der Reichtum eines Landes zunimmt, während die Kluft zwischen wenigen Reichen und vielen Armen wächst, dann würde man wohl nicht von der These einer Kopplung von Wirtschaftswachstum und Lebenszufriedenheit ausgehen. Nach Studien scheint es auch so zu sein, dass weniger die Zunahme des Einkommens als solche, sondern die Relation zu dem der anderen eine große Rolle zu spielen scheint. Die Wissenschaftler haben nicht untersucht, ob es einen negativen Zusammenhang gibt, nämlich ob eine anhaltende Wirtschaftskrise die Lebenszufriedenheit senkt – was auch interessant wäre und ebenfalls nicht direkt auf der Hand liegt.

Die Autoren jedenfalls ziehen das Fazit, dass nicht klar sei, was zu größerer Lebenszufriedenheit führt, wenn Wirtschaftswachstum kein Faktor ist. Man müsse, so sagen sie den daran glaubenden Politikern und Ökonomen, eben die Politik "anstatt auf die bloße Vermehrung der materiellen Güter direkt auf wichtige persönliche Angelegenheiten konzentrieren, die mit Gesundheit und dem Familienleben zusammenhängen". Dann sind wir wieder dabei, dass auch arme Menschen ein zufriedenes Leben führen können …

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