Cool Japan

09.01.2011

Der Wandel von der ökonomischen zur kulturellen Supermacht

Eigentlich kennt sie jeder - die zwei berühmten Miezen Japans. Die eine winkt uns, mittlerweile gern komplett in Gold oder Silber gewandet, unaufhörlich heran; die andere verzückt durch Niedlichkeit mit Schleifchen im Haar. Natürlich sind die japanische Glückskatze maneki neko und Kitty White gemeint. Dabei ist die erste eine Figur der traditionellen japanischen Kultur und die andere die Ikone moderner japanischer Populärkultur. Doch trotz ihres unterschiedlichen Ursprungs sind beide sind auch beste Beispiele für die japanische Populärkultur als "open state", weil sie keine nationalen Inhalte transportieren.

Vielleicht wird die "Winkekatze" von rührigen Geschäftsführern in touristischen Hochburgen wie beispielsweise Florenz noch der richtigen Herkunft zugeordnet. Das mag auch daran liegen, dass die meisten Geschäfte dort japanischsprachige Mitarbeiter/-innen haben. Ansonsten wird sie in Deutschland vorwiegend als chinesisches Symbol betrachtet. Auch Hello Kitty (White), deren Geburtsort ein Vorort Londons ist, ist originär japanisch. Das dahinter stehende Unternehmen Sanrio wird aufgrund des Bekanntheitsgrades von Hallo Kitty nicht mehr nur als Exporteur von Waren gesehen sondern als Exporteur von "niedlicher Kultur". Denn sie hat es weit gebracht.

Die mit wenigen Strichen gezeichnete Katze begann ihre Karriere 1974 als Motiv auf einer Geldbörse. Seitdem mauserte sie sich zu einem weltweiten Phänomen und schmückt heute 50.000 verschiedene Produkte in 60 Ländern. Im Jahr 2008 hat der damalige Minister Fuyushiba Tetsuzô vom Ministerium für Verkehr, Tourismus und Infrastruktur Hello Kitty offiziell zur Tourismusgesandten gekürt. Das kleine Kätzchen soll vor allem Besucher aus China und Hongkong ins Land der aufgehenden Sonne locken. Die Zeichenfigur sei wegen ihrer Beliebtheit in China "qualifiziert" für diesen Job, erklärte das Ministerium, das vor Hello Kitty bereits elf Menschen zu Tourismus-Botschaftern ernannte. Die Cool-Japan-Bewegung lässt die Grenzen zwischen Kinderkultur und Erwachsenenkultur zerfließen. Wer kennt nicht die Spielekonsole Wii, die beispielsweise mit ihren Sportprogrammen auch Erwachsene einbindet. Vielfach zuerst als Kinderkonsole belächelt, lassen sich dann auch die Großen einfangen.

Douglas McGray beschreibt 2002 in seinem Artikel Japan's Gross National Cool den Wandel von der ökonomischen zur kulturellen Supermacht:

Japan erfindet sich als Supermacht - erneut. Anstatt unter seinem politischen und wirtschaftlichen Unglück zusammenzubrechen, ist Japans globaler kultureller Einfluss geräuschlos gewachsen. Von Pop bis hin zu Unterhaltungselektronik, Architektur, Mode, Animation und Küche hat Japan heute mehr kulturellen Einfluss als in den 1980er Jahren, als es eine wirtschaftliche Supermacht war.

Doch wie sieht das Phänomen Cool Japan konkret aus? Auf welche Art und Weise äußert sich der Japan-Boom in den verschiedenen Ländern und Kulturen?

Nirgendwo sonst ist die Konzentration an Produkten japanischer Populärkultur so hoch wie in Ost- und Südostasien. Sie transportieren ein neues Image von Japan, das sehr positiv aufgenommen wird. Japanische Populärkultur gilt als kreativ, interessant, lustig und qualitativ hochwertig. Eine Vielzahl dieser Produkte ist in den großen Städten der Region hervorstechend ausgestellt. So sind beispielsweise viele Hong-Kong-Fashion-Zeitschriften entweder in der original japanischen oder kantonesischen Ausgabe zu finden. Japanische Manga werden in die entsprechenden Sprachen der Republik Korea, Thailand, Indonesien, Taiwan und China übersetzt; sie dominieren den Comic-Markt Ostasiens.

Anime Center

Die japanischen Zeichentrickfiguren Hallo Kitty, Ampan Man und Poke'mon sind allgegenwärtig, dargestellt auf lizenziertem und unlizenziertem Spielzeug und fester Bestandteil auf den Märkten der asiatischen Städte. Japanische Anime, in der Regel synchronisiert, beherrschen das Genre, insbesondere in Südkorea, Taiwan, Hongkong und Thailand. Astro Boy, Sailor Moon und Lupin gibt in fast jedem Geschäft. Auch in den großen Städten Chinas füllen die Produkte japanischer Populärkultur die Läden und öffnen so Türen für den Ausbau des kulturellen Einflusses. Japan wird als entwickelt, fortschrittlich und modern wahrgenommen; die Empfindungen Japan gegenüber werden zunehmend weniger von historischen (Kriegs)Erfahrungen geprägt.

In Italien war schon früher als in Deutschland ein umfassendes Angebot an japanischer Populärkultur verfügbar. Matsumoto Reijis Galaxy Express 999 zum Beispiel wurde von 1978 bis 1981 in Japan produziert und erschien schon 1982 im italienischen Fernsehen, während es deutsche Fernsehzuschauer niemals zu sehen bekamen. Manga werden dort heute vorrangig von Frauen gelesen.

Frankreich ist im Bereich der Manga mit 37 Prozent am Comicmarkt der größte Markt außerhalb Japans. Die Entwicklung dort begann schon 1969. Im Jahr 2005 entstand der Begriff Manfra (oder Franga) für die Werke frankophoner Comic-Autoren (Franzosen, Belgier und Schweizer), die nach einem Manga-inspirierten Format, Stil und Design arbeiten. In Italien gibt es dafür die Bezeichnung "Spaghetti-Manga" - Comics die im Manga-Stil von italienischen Zeichnern erscheinen. In Paris findet auch die Japan Expo statt, die größte europäische Veranstaltung zum Thema japanischer Popkultur und Unterhaltung, darunter Manga, Animation, Spiele und Musik. Im vergangenen Jahr zog die Japan Expo 165.000 Besucher aus Europa und darüber hinaus an, in diesem Jahr waren es schon mehr als 180.000.

Die kleine Fußgängerbrücke an der Tokioter Bahnstation Harajuku wird sonntags zum Laufsteg für japanische Cosplayer. Hier wird geschminkt, gepost und fotografiert. "Cosplay" (vom englischen "costume play") ist ein Trend, der auch schon Übersee erfasst hat. Auf so genannten "Anime Conventions" treffen sich tausende Fans japanischer Popkultur, um ihre Kostüme zur Schau zu stellen. In Deutschland frönen rund 5.000 junge Menschen diesem Hobby, davon sind schätzungsweise 70 Prozent Frauen.

Cosplay

Acht Jahre sind vergangen, seit der amerikanische Journalist Douglas McGray zuerst den Begriff geprägt hat, aber nun stellt sich auch die japanische Regierung hinter Cool Japan. Ein neues Büro wurde im Juni 2010 vom Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) gegründet, um über verschiedene Kanäle wie der Agentur für kulturelle Angelegenheiten, dem METI und dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MOFA) die Förderung der "Kulturindustrie" zu koordinieren. Die Regierung erwartet, dass sie sich zum strategischen Sektor entwickelt, der das Wirtschaftswachstum antreibt. Der neue Leiter des Amtes für kulturelle Angelegenheiten, Kondo Seiichi, betrachtet es als Aufgabe des 21. Jahrhundert, zu einem reicheren geistigen Leben zu gelangen. Japan befinde sich als nicht-westliche Wirtschaftsmacht dafür in einer einzigartigen Position.

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