Das Posthumane in der Popkultur: Technostream

16.01.2011

Zur thematischen Reformation der Science Fiction-Literatur

Alle zwanzig Jahre betritt eine neue Generation die SF-Szene, um die Altvorderen herauszufordern, sich zu messen und ein neues Territorium abzustecken. In den Sechzigern waren es die Vertreter der "New Wave", die für eine stilistische Erneuerung der Science Fiction (SF) sorgten und die Erforschung der inneren psychischen Landschaften der Eroberung des Weltraums vorzogen. In den Achtzigern setzte der Cyberpunk eine zeitgemäße Symbolisierung neuer Technologien durch (siehe: Als William Gibson den Cyberspace erfand ...). Im neuen Jahrtausend schickt sich eine Riege neuer Autoren an, der SF eine neue Richtung zu geben – eine posthumane SF kristallisiert sich heraus, die sowohl Autoren als auch Lesern einiges an Aufmerksamkeit abverlangt.

Ihr Ausgangspunkt ist die Vision der allmählichen Umwandlung aller biologischen und darüber hinaus aller materiellen Beziehungen in künstlich manipulierte. Ein Strom von neuen Technologien dringt in die irdische Kultur ein, wälzt alle Lebensverhältnisse von Grund auf um und überführt sie in den Zustand ihrer weitestgehenden Manipulierbarkeit. Im Zentrum steht die Darstellung einer "technologischen Singularität", einer umfassenden, durch Künstliche Intelligenz (KI) bedingten Umgestaltung der Umwelt.

Change destroys science fictional futures. And an accelerating rate of change destroys futures even faster.

Charles Stross

Unter dem Stichwort "Posthuman science fiction" fasst das 2009 erschienene The Science Fiction Handbook in seinem Glossar zusammen:

A type of sf dealing centrally with developments that either produce fundamental changes in the human species or produce new species that outstrip or replace the human. Sometimes the changes envisioned in posthuman sf are brought about by natural evolution, but more typically they are brought about by specific technological advances. (…) modifications to the human species are typically of two types: biological changes brought about by genetic engineering (and perhaps supplemented by specific forms of psychological or other training), or changes brought about by implants or other mechanical or electronic enhancements to the human body. The most typical form of ´replacement´ species involves the growth of advance artificial intelligences that are far more intelligent than human beings.

The Science Fiction Handbook1

Die Verstärkung von Körper und Gehirn in einer Cyborg-Existenz ist in den letzten Jahrzehnten nicht nur in der Literatur, sondern auch in den audiovisuellen Medien populär geworden (siehe: Das Posthumane in der Popkultur). Doch eine solche Beschreibung reicht für mein Verständnis nicht aus. Die posthumane Ausrichtung der SF wird sich in weitaus stärkerem Maße mit einer Auflösung der menschlichen Verfasstheit beschäftigen müssen, mit der technologischen "Dezentrierung" des Subjekts.

Die literarische Widerspiegelung von neuen Technologien

Posthumane Tendenzen gehören seit langem zum festen Repertoire der SF. Die (un)absichtliche Erschaffung von "Übermenschen" ist ein Kernelement der SF. Das Genre spiegelt dabei unbewusst zugleich zeitgenössische Interpretationen so wie es auch an der Gestaltung neuer Deutungsmuster teilhat. Die evolutionäre Spekulation steht dabei im Fokus – sie gehörte von Anfang an zu den Hauptthemen der SF.

Samuel Butler machte sich im 19. Jahrundert in seinem Roman "Erehwon" Gedanken über eine mögliche Maschinenevolution, was als weitsichtige Reflexion auf die industruielle Revolution gewertet werden kann. Hinzu kamen Visionen der biologischen (und genetischen) Manipulation von Tier und Mensch. Wells ging in seinem Buch "Die Insel des Dr. Moreau" recht brachial zur Sache, die Verschmelzung von Tier und Mensch war das Werk langwieriger medizinischer Operationen, nicht das Ergebnis von Eingriffen in den genetischen Code. Andere Werke aus der Frühzeit der nachmenschlichen SF wie Stanley G. Weinbaum ("Der neue Adam") oder Olaf Stapledon ("Odd John") in den Dreißigern des 20. Jahrhunderts waren gekennzeichnet durch individualistische Übermensch-Konzepte.

Diese Überlegungen sind der eine Pol der posthumanen SF, der andere ist die Konfrontation mit dem größeren unmenschlichen Unbekannten in Gestalt von KI. Dieser Punkt wird uns weiter unten in Form der Technologischen Singularität noch einmal begegnen. Dazwischen sind Texte um die Cyborgisierung, die technologische Invasion ins Körperinnere und die Virtualisierung angesiedelt.

Der Cyberpunk schuf in den Achtzigen erste Illustrationen des "Uploadens" einer menschlichen Identität auf einen Computer – man denke an die Software-Existenz Dixie Flatline in William Gibsons Roman "Neuromancer", dem konzeptionellen Höhepunkt der Cyberpunk-Bewegung aus dem Jahr 1984. Ein Motiv wie das Uploading kann man metaphorisch interpretieren als positive Sicht auf neue Möglichkeiten, die die Virtualität der Computer-Netzwerke, des Internets für Identitätsprozesse bietet, oder negativ bewerten als eine erneute Gefährdung des Menschen durch die Technik, dem wieder mal droht, zu einem bloßen Anhängsel der Technik zu werden und seine körperliche Erfahrung zu verlieren. Wobei letzteres eher ein Beleg dafür ist, wie sehr die Vorstellungskraft bisher an die Körperlichkeit gebunden ist.

Bruce Sterling sagte zur technologischen Basis des Cyberpunk, dass damals gerade mal Fotokopierer und Textverarbeitung bekannt waren. Im Vergleich zur Entstehungsphase des Cyberpunk sind viele Technologien in der Zwischenzeit neu entstanden und ins Alltagsleben eingedrungen. Was wäre heute ein adäquater symbolischer Ausdruck, so wie der Cyberpunk die beginnende PC-Kultur mit Computerviren u.a. reflektierte? Es müsste eine weitere Überhöhung, Steigerung sein. Charles Stross beruft sich in seinem Roman "Accelerando" (dt. 2006) für meinen Geschmack jedoch noch zu sehr auf Internet-Technologien.

Der Posthumanismus umfasst einen ganzen Zusammenhang an neueren technokulturellen Entwicklungen, dem die Literatur unbewusst Resonanz gibt (siehe: "Escape while you can"?). Das ganze Feld an neuen Bezügen, um das Menschliche neu zu fassen und seine Veränderungen im Zuge der Ausweitung neuer Technologien zu erkennen, ist nur bruchstückhaft einzusehen. Absehbar ist, dass die maschinelle Wirkungsmacht in der technologischen Zivilisation, der Technokultur sich steigern und mehr "Grenzflächen" (Andrew Pickering) bieten wird zwischen menschlicher und maschineller Welt, die auch einen literarischen Ausdruck finden werden.

Es besteht aber ein Mangel an Bildern und Symbolen, die diesen Wandel ausdrücken, illustrieren können. Die Vorstellungskraft hinkt der tatsächlichen Entwicklung in Wissenschaft und Technik hinterher. Während die SF bis in die Fünfziger von großen und kleinen Objekten in der Mesowelt ausging (Raketen, Roboter), so hat sie sich seitdem an virtuellen Informationsorganisationen in Kybernetik und Genetik orientiert, die zum Teil an Objekten festzumachen sind (Computer), aber nicht nur. Der Cyberspace hat nicht dieselbe symbolische Direktheit wie eine Rakete.

Des Weiteren existiert für die Virtualitätstechnologien kein einheitliches Bild, was ihre Visualisierung für das allgemeine Publikum noch erschwert. Ganz zu schweigen von den Komplexitäten in Netzwerken, seien sie genetischer oder informatorischer Art, die nur in einer Übertragung darstellbar sind. Die Aufgabe ist, eine dem 21. Jahrhundert gemäße SF-"Mythologie" finden. Der Cyberpunk war ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Nach dem Subjekt

Zwei Dimensionen des Posthumanen sind zu beachten, die in der Diskussion manches Mal verwischt werden, aber zu trennen sind, obgleich sie aufs Engste miteinander verwoben sind: da wäre zum einen die Bedeutung als "nach-menschlich", zum anderen der Sinngehalt als "post-subjektiv". Die Bedeutung des Ersteren wird seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit diskutiert und bezieht ein: das Eindringen der Technik in den Körper, die Koevolution von Mensch und Maschine, die Erzeugung neuer künstlicher Wesen. Das ist immer wieder zum Inhalt in der SF gemacht worden.

Das Postsubjektive ist schwerer zu fassen, aber man wird eine relevante posthumane SF ohne Berücksichtigung des zweiten Aspekts nicht schreiben können. Dabei geht es darum, dass sich die Subjekt-Form der Menschen, real und imaginär, aufzulösen beginnt. "Der Mensch" ist nicht länger als fixe Identität mit einem unveränderlichen Wesen zu verstehen, sondern als Teil einer größeren Informations-"Ökologie" mit ihren vielfältigen Wechselwirkungen.

Die menschliche Identität wird strukturell neu dimensioniert; es geht um ein individuelles Mehrwerden durch Ankoppeln an größere Informationskomplexe. Technische Systeme verschiedenster Art erhöhen die Verbindungsfähigkeit in vielfältigen Vernetzungen. Das Individuum verwandelt sich in das multiple Selbst als Voraussetzung, um tendenziell an der verstärkten technologischen Evolution teilzunehmen.

Hier hat die SF meiner Meinung nach Defizite in der Darstellung – zu oft verbleibt sie im "humanistischen Paradigma". Auch manche posthuman gestimmte Romane bleiben körperzentriert, erweisen sich als Struktur für allzu menschliche Probleme. "Die Verschmelzung" von Justina Robson (dt. 2005) ist genau genommen gar kein posthuman intendiertes Werk, da es viel zu sehr dem menschlichen Bezugsrahmen verhaftet ist. Das Buch handelt von einer menschlichen Identitätskrise einer Frau in mittleren Jahren, die in der "Aufnahme" durch eine andere Existenzform endet. Die Aufhebung des individuellen Körpers und Bewusstseins in einem größeren Ganzen einer Alien-Zivilisation kann aber allein nicht die Quintessenz des Posthumanen sein.

Wie posthuman schreiben?

Stanislaw Lems Realismus des dritten Typus ("der völlige Bruch mit den typisch belletristischen Gesetzen, wie die Einführung von Helden mit ihrer menschlichen Psychologie oder die Einführung einer Fabel, mit einem Wort: ein Übergehen vom menschlichen Schicksal zum Schicksal von Ideen, Dingen") ist eine Folie für die Schreibweise einer posthumanen SF.

Nahe gekommen ist er diesem Ideal in seinem meisterhaften Ideenroman "Also sprach GOLEM" (siehe: Ein Realismus der höheren Art), in dem der Autor eine KI sprechen lässt. Lem zeigt den GOLEM als kompetenten Chronisten der Evolutionsgeschichte, muss sich aber in Andeutungen und Umschreibungen ergehen, wenn es um die unbekannten Zonen des höher entwickelten intelligenten Denkens geht, in die seine fiktive Schöpfung aufsteigen wird. Ferner ist streitbar, ob eine KI mit einer personalen Identität sich äußern muss wie in dem Buch geschehen.

Lems Versuch selbst ist ein Seitenstrang in der Evolution der SF-Muster geblieben. In den letzten Jahren hat ein neuer Topos die SF-Literatur beschäftigt: die Technologische Singularität. Dieses Motiv, das der SF-Autor und Mathematiker Vernor Vinge schon in den achtziger Jahren aufgebracht hat, stellt die Autoren vor große Schwierigkeiten der Recherche und Imagination.

Diese Singularität ist eine Neugestaltung des älteren SF-Themas der KI in hoher Potenz. Die technischen Entwicklungen sollen sich derart beschleunigen, dass sich in einigen Jahrzehnten eine Situation ergibt, in der sämtliche menschlichen Extrapolationsversuche, seien sie wissenschaftlicher oder fiktiver Art, scheitern, da die Zukunft fürs menschliche Gehirn undurchdringlich, unfassbar geworden ist. Die Technologische Singularität ist selbst nur eine Metapher, nicht umsonst angelehnt an die kosmologische Singularität.

An dieser Stelle soll der Wahrscheinlichkeitscharakter dieses Konzepts nicht diskutiert werden. Festzuhalten ist nur, dass diese Vorstellung – seit dem Cyberspace – die einzige thematische Innovation in der SF darstellt, auch wenn es sich um eine "Anti-Trope" (Paul McAuley) handelt, da man prinzipiell nicht über dieses Ereignis schreiben kann, weil es tatsächlich eine erkenntnistheoretische Grenze darstellt. Aber auch wenn es sehr viel Wissen und Vorstellungsvermögen verlangt, um das "Umfeld" des Singularitätsereignisses überhaupt skizzieren und literarisch gestalten zu können, die SF wird es (weiter) versuchen, sonst wäre sie keine SF.

In seiner Kurzgeschichtensammlung "Die Tiefen der Zeit" schreibt Vinge, dass das Beste für Schriftsteller sei, sich "an die Singularität heranzuschleichen und an ihrem Rande fünfe grade sein lassen". Man kann dieses Konzept auch als Symbol für die Gegenwart verstehen. Das Modell für die Singularität ist vor aller Augen zu bestaunen: das Internet. So wie es sich explosionsartig seit den Neunzigern ausgebreitet und eine ungeheure Komplexität entwickelt hat, so kann man sich die Beschleunigung bis zum technologischen "Omega-Punkt" vorstellen.

Die mittlerweile schon zu einem Klassiker gewordene Kurzgeschichte "Blutmusik" von Greg Bear (1983), später zu einem Buch ausgebaut, ist sicher eine der überzeugendsten Beschreibungen einer grundlegenden Veränderung, da ihr Setting in den Gegenwart und in einer intimen Privatsituation beginnt und sie den Übergang zu einem gänzlich ungewohnten und fremden Zustand am sinnlichsten gestaltet. Insofern kann sie zum Teil auch als Blaupause für die Singularität dienen.

Die Transformation ist sehr radikal, aber sie kommt allmählich, so dass den Protagonisten genügend Zeit bleibt, die Veränderungen in Ansätzen zu verstehen und mitzuerleben. Allerdings erfolgt diese Totalveränderung irdischer Beziehungen auch mit unerbittlicher Konsequenz, bei dem es keinen Spielraum für menschliches Handeln gibt. Die Assimilation der durch intelligente Mikroorganismen kontaminierten Bewohner in die zu einer Noosphäre mutierte Ökologie ist vollständig. Zumindest bietet Bears Vision eine ungewöhnliche Art der Transzendenz. Auf der anderen Seite ist es wohl Wunschdenken, dass sich eine solche Transformation derart harmonisch, geordnet, passiv aus dem Körperzusammenhang heraus entwickeln könnte – es ist schon fast eine "naturreligiöse" Vorstellung einer elementaren Verwandlung der Welt, der man sich nur hingeben kann.

In jüngster Zeit haben weitere Autoren an der literarischen Gestaltung einer solchen Zuspitzung der Geschichte gearbeitet. Neben seinem Debütroman "Singularität" (siehe: Die orbitale Wunschmaschine) ist besonders "Accelerando" von Charles Stross hervorzuheben. Seine Arbeit ist in der SF-community nicht unumstritten. Marcus Hammerschmitt sieht in Stross´ Buch nur "ein Kasperletheater des cyberlibertären Posthumanismus" (siehe: Beschleunigung ins Nichts?).

Der Fortschritt in den Technowissenschaften liefert eine unübersehbare Menge an neuem Material, das in neuen Zukunftsszenarien verarbeitet werden oder zur Überarbeitung bestehender SF-Konzepte dienen kann. Die Dichte an Einfällen in "Accelerando" ist entsprechend hoch und weist Stross als versierten Ideenautor aus. Allein die Veränderungen, die Stross der Welt schon in den nächsten hundert Jahren zumutet, sind gigantisch. Schon 2030 wird der überwiegende Teil des "planetaren Denkpotenzials" künstlich erschaffen. Das Sonnensystem wird nach weiteren Schritten für alle Wesen aus dem "meatspace" zu einem ungemütlichen Ort; im Jahr 2100 ist alle Materie transformiert und die verbliebenen Menschen zur Emigration gezwungen.

Ohne Zweifel erfährt die Strömung der posthumanen SF bei Stross ihren zeitgemäßen Ausdruck, wobei man über die Art und Weise der Ausarbeitung und der literarischen Umsetzung durchaus geteilter Meinung sein kann. Stross bietet eine informationsgeladene SF, die dem Leser das Gefühl gibt, dass wirklich gar nichts mehr so bleiben wird wie es mal war. Trotzdem reißt auch er das Themenpotenzial der Singularität nur an.

Das Ende einer Themenwelt

Das Genre extrapoliert das heute schon existierende "soziotechnische Megasystem" (Klaus Haefner), das sich zunehmend in posthumanen Bereichen ausbilden wird, bedingt durch eine qualitativ andere künstliche Kontrolle der natürlichen Gesetzmäßigkeiten der Biologie und Chemie und die Produktion neuer künstlicher Wesen. Das Posthumane bedeutet, dass die Dinge gewissermaßen ihre natürliche Kopplung verlieren und freier bestimm- und verknüpfbar werden.

Informationen über Steuerungscodes auf verschiedenen Ebenen werden Teil der technischen Manipulation werden: Neurotechnologie (das innere Universum: das Gehirn), Gentechnologie (Aufbau des menschlichen Körpers samt Gehirn), Nanotechnologie (elementarer Aufbau materieller Objekte). Die Menschen in ihrer komplexen biologischen Verfasstheit werden zu komplexen realvirtuellen Maschinen werden, die mit den starren Geräten des mechanischen Zeitalters schon gar nicht, aber auch nicht mit den flexiblen Informationstechnologien dieser Tage vergleichbar sein werden.

Die posthumane Kultur wird eine sein, in der die Stimmung einer allseitigen Konstruierbarkeit vorherrscht, einer allumfassenden Künstlichkeit. Man wird in die kleinsten Strukturen hinabgehen und elementare Prozesse des Lebens und der Materie verstehen und neu aufbauen – das wird mit einer weiteren Atomisierung, Fragmentarisierung der sozialen Identitäten korrespondieren, die selbst transparenter werden in ihrer Produziertheit. Eine thematische Reformation der SF angesichts solcher Entwicklungen ist unausweichlich.

In der posthumane Welt wird es nicht mehr einzig Landschaften im traditionellen Sinn geben, diese wird mehr und mehr überlagert durch die "Landschaften" einander durchkreuzender Virtualitätsfelder. Der outer und der inner space werden neue Beziehungen eingehen. KI wird noch etwas Anderes sein, als uns die heutige SF präsentiert: in manchen Fällen ein Gesprächspartner, ein menschenähnliches Subjekt, in anderen aber eine Hintergrundstruktur, die man nur in ihren Wirkungen beobachten kann.

Die KIs werden die gesellschaftliche Selbstorganisation eine Stufe weiterführen in der Möglichkeit, längerfristiger Handlungsketten und komplexe Wechselwirkungszusammenhänge zu überschauen. Durch sie wird ein wahres Metadesign in der Kultur erreicht werden: soziale Gemeinschaften werden konzipiert werden wie heute online-communities. Der Cyberspace wird in der Singularität gewissermaßen nach außen gestülpt werden. Neue Psychogeografien, Psychotopologien werden entstehen, neue Sprachen, Verhaltensweisen. Die posthumane Einheit(en) aus Mensch und Maschine werden verschiedene Simulationstechniken zur Verfügung haben und sich den technologischen Informationswellen überlassen. Die Fähigkeiten des Bewusstseins werden sich neu ausdifferenzieren – von der Individual- zur System-Intelligenz. Es sind vornehmlich keine Körper, die Abenteuer erleben, sondern Bewusstseine.

Die technische System-Intelligenz kann man als neues "Heldenprinzip" beschreiben. Modifizierte Menschen schalten sich mit dieser System-Intelligenz zusammen, um die Abenteuer an den neuen Fronten der Information zu bestehen. Die posthumane SF ist auf diese Weise erfinden, was das Raumschiff, den Roboter und den Cyberspace einbezieht und zugleich hinter sich lässt: die nanotechnologische informationsgesteuerte Wirklichkeits-Konstruktion auf verschiedenen Ebenen ist eine Perspektive. In einer solchen Welt stellt es eine ganz neue Herausforderung dar, seine Umgebung zu kontrollieren und für sich wirken zu lassen, Intelligenz zu organisieren. Eine (un)sichtbare Infrastruktur wird existieren, ein (virtueller) Wirkungszusammenhang, wobei man mit Gedankenbefehlen Dinge, Prozesse in der Umgebung auslösen kann. Neurologisch-informierende KIs, angekoppelte Roboterschwärme oder körperintegrierte nanotechnologische Kräfte sind das neue narrative Potenzial.

Die posthumane SF wird eine literarische Neufassung der Genre-Klischees, der Charakter-Strukturen und der Erscheinungen der menschlichen Existenz selbst leisten. Die bisherigen Erzählkonflikte innerhalb der SF werden durch die Einführung neuer Technologien neu "eingerahmt" und müssen transponiert, adaptiert werden, will die SF nicht nur das immer gleiche Material recyceln. Der Reiz ist doch gerade, die Charaktere so weit wie möglich von menschlichem Beiwerk zu entkleiden und übergeordnete Existenzprinzipien zu finden.

Wie werden sich die Körperformen und die Denkweisen der Menschen ändern, wenn sie nach und nach die Stadien einer technisch bedingten Transformation durchlaufen? Was bleibt übrig, wenn es nicht um Macht, Gewalt, Geld oder Liebe, Moral, Schönheit im üblichen Sinne geht? Die Überwindung des Todes, Energieversorgung, Informationsgewinnung, neue techno-evolutionäre Perspektiven, die Frage nach dem Sinn des Ganzen – das ist das Territorium einer posthumanen SF, die sich in ihren Konturen abzuzeichnen beginnt.

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