Geheime Operationen in Afghanistan

21.12.2010

Die Aufmerksamkeit für den Krieg schwindet, gleichzeitig wächst die Intransparenz

Begegnet man amerikanischen Soldaten, wie neulich am Flughafen, kann man schon erschrecken, obwohl man es aus unzähligen Berichten weiß, wie jung sie sind - sie sollten eigentlich noch zur Schule gehen. Stattdessen werden sie verheizt. Und es scheint nicht viele zu interessieren. Ganze vier Prozent der gesamten Berichterstattung der großen Medien in den USA befasst sich mit dem Thema Afghanistan. Das Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit ist ebenfalls beschränkt; nur etwa ein Viertel will etwas über Afghanistan lesen. Die Medien bauen ihren Mitarbeiterstab ab, wie die New York Times berichtet. "Es gibt nur sieben von uns hier", wird ein Korrespondent, ohne Namensnennung, zitiert.

Die Tendenz bei den Medien gehe dahin, dass man nun alles mit weniger Aufwand betreibe. Es lohnt sich nicht. In aktuellen Umfragen zeigt sich, wie kriegsmüde die amerikanische Öffentlichkeit geworden ist. Nur mehr 34 Prozent glauben, dass der Einsatz gegenüber den Kosten, die er verursacht, gerechtfertigt ist. 9 Prozentpunkte weniger als bei der letzten Umfrage.

US-Soldaten in der Provinz Nuristan beschießen mutmaßliche Talibanstellungen. Bild: Pentagon

Die Vergleiche mit Vietnam häufen sich nach Obamas Rede zu Afghanistan vergangener Woche. Die Begründungen für die Analogie, wie sie etwa der Korrespondent des Independent, Patrick Cockburn, äußert, sind seit langem bekannt: Es fehle eine überzeugende politische Strategie, die nötig wäre, um den militärischen Einsatz zu unterstützen. Militärisch kommen die Verbündeten nicht weiter, das Ziel, die Organisation der Taliban zu zerstören oder zumindest erheblich zu schwächen, ist nach neun Jahren nicht erreicht worden.

Und es sieht nicht danach aus, als ob die Erfolge, von denen das amerikanische Militärkommando in jüngster Zeit berichtet, anderes zuwege bringen könnten als einfach nur das unausweichliche Eingeständnis des militärischen Scheiterns hinauszuzögern. Die Taktik, Hochburgen der Taliban anzugreifen und Taliban-Kommandeure gezielt zu töten, mag in kleineren Meldungen Erfolg suggerieren, im größeren Bild bleibt vor allem der Eindruck, dass sich geschätzte 25.000 Taliban gegen eine Übermacht von 140.000 halten können, ohne ernsthaft geschwächt zu sein.

Woher eine politische Kraftanstrengung kommen müsste, die den Taliban-Verbänden die Unterstützung von der Bevölkerung entziehen könnte, ist völlig unklar. Nötig wäre, etwas gegen die wachsende Ablehnung gegen die westlichen Verbündeten zu unternehmen, gegen die Enttäuschung über nicht gehaltene Versprechen. Doch sieht man dort anscheinend insbesondere die Wiederkehr des Alten: "There is no chance of any progress here so long as our country is run by gangsters and warlords."

Man ist der Ansicht, dass Wahlen daran nichts ändern und einzig die Westler und ihre afghanischen Verbündeten und Freunde finanziell davon profitieren. Während die normalen Bewohner glücklich sein dürfen, wenn sie fünf oder sechs Dollar am Tag verdienen, verdienen die wenig gemochten Fremden das Vielfache.

Was Cockburn und andere Korrespondenten an afghanischer Wirklichkeit präsentieren, erzeugt längst keine Aufregung mehr und auch kaum Aufmerksamkeit. Das Thema Afghanistan kommt aus dem Hindukusch nicht mehr heraus - selbst Kerners Hofberichterstattungssendung mit dem gegelten deutschen Verteidigungsminister hat kaum jemand interessiert. Die Konsequenz, die zu befürchten ist, ist eine Abstumpfung und der Erfolg einer Berichterstattung, die sich an PowerPoint-Bildern orientiert und nur mehr wenig andere Stimmen zulässt:

An einen erfolgreichen Ausgang der Afghanistan-Mission glaubt der langgediente Sergeant nicht mehr. "Das ist nicht zu gewinnen. Das wird unser neues Vietnam."

Die Offiziellen, denen wir während unserer Reise immer wieder begegnen werden, versuchen verzweifelt, ein anderes Bild zu vermitteln. Mit viel PowerPoint, Tischvorlagen und großflächigen Tafeln erklären sie uns, warum zwar im Moment noch die Opferzahlen stetig steigen, aber spätestens im August des kommenden Jahres dann alles besser werde. Dann nämlich sollen zentrale Punkte in Afghanistan von Terroristen befreit sein. Mein Kollege aus der Türkei war vor fünf Jahren schon einmal embedded unterwegs. Schon damals, sagt er, habe man behauptet, "jetzt, jetzt sind wir kurz vor dem Durchbruch". So viel PowerPoint habe es noch nicht gegeben.

Private Sicherheitskräfte überschwemmen Afghanistan und machen den Krieg intransparenter

Dazu kommen andere Tendenzen und Kräfte, die den Krieg noch intransparenter machen und ihn noch weiter von der öffentlichen Wahrnehmung entfernen, so zum Beispiel der verstärkte Einsatz von privaten Sicherheitsunternehmen mit brisanten Tätigkeitsfeldern, von denen die Öffentlichkeit nichts mitbekommt. Wie das amerikanische Online-Magazin Daily Beast vergangene Woche berichtete, "setzt Obama private Firmen in einem Maße ein, das Bush zum Erröten bringen würde."

"Everyone knows Petraeus can't execute his strategy without the private sector."

Konkrete Zahlen nennt der Bericht nicht, die bekommt man nicht, nur eine Größenordnung: Das Pentagon habe ungefähr 225.000 Private im Irak und in Afghanistan unter Vertrag; die CIA und andere Geheimdienste würden darüber hinaus Tausende beschäftigen, Tendenz steigend. Dass immer mehr Private in Afghanistan eingesetzt werden, stellt gar nicht so sehr das beunruhigende Moment dieser Entwicklung dar, sondern eher die Art der Einsätze, die sehr spezialisiert sind.

Genannt werden Firmen wie Blackbird Technologies, Glevum Associates und K2 Solutions, die in den letzten Jahren lukrative Verträge bekommen haben sollen. Im Unterschied zu dem, was man beispielsweise über den Einsatz im Irak von Blackwater mitbekommen hat, sind diese Firmen besonders in geheimen militärischen Operationen unterstützend tätig.

Blackbird, which is staffed by former CIA operatives, and is a key contractor in a highly classified program that sends secret teams into enemy territory to rescue downed or captured U.S. soldiers.
Glevum, meanwhile, fields a small army of analysts in Iraq and Afghanistan who provide the U.S. military with what the company opaquely describes as "information operations and influence activities."
And K2 is a highly sought-after subcontractor and trainer for the most secretive units of the U.S. Army Special Operations Command, including the SEAL team that rescued the crew of the Maersk Alabama from a gang of pirates last year.

Bekannt ist, dass sie viel verdienen. 3.800 Dollar verdient der amerikanische Soldat, mit dem die taz-Reporterin gesprochen hat, im Monat. "Würde er bei einer privaten Sicherheitsfirma anheuern, könnte er locker das 6-Fache machen, sagt er. Und hätte dabei eine viel bessere Ausrüstung und deutlich mehr Urlaub."

Vielleicht schafft es die neue Weltmarke WikiLeaks für mehr Aufmerksamkeit für die interessanten Hintergründe in Afghanistan zu sorgen.

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