Geld - Mythos und Macht (I)

27.12.2010

Für viele Menschen scheint Geld eine der wichtigsten Sachen der Welt zu sein. Geld macht Macht, Geld macht Politik. Was Geld eigentlich ist, wird dabei immer wieder gerne vergessen.

Seit Menschen Handel treiben und ihre Gesellschaft eine höhere Arbeitsteilung aufweist, brauchen sie Tauschmittel, die universell akzeptiert werden. Es wurde im Laufe der Zeit vieles ausprobiert: Waffen, Kunstgegenstände, Muscheln, Gewürze, Silber, Gold und schließlich Papiergeld. Eine geldlose Gesellschaft ist heute mithin unmöglich, schließlich würde kein Arbeitnehmer eine Bezahlung in Butter, Käse, Automobilbezugsscheinen oder Benzinkanistern akzeptieren. Für die Geldfunktion als Tauschmittel ist es allerdings irrelevant, welche Art von Geld verwendet wird. Dem Arbeitnehmer ist es prinzipiell egal, ob er Goldmünzen, Papierscheine oder elektronische Verrechnungseinheiten für seine Arbeitsleistung bekommt - wichtig ist, dass dieses Tauschmittel in der Tat universell ist und von jedermann akzeptiert wird.

Ein universelles Tauschmittel

Um Geld zu einem universellen Tauschmittel zu machen, verleihen Staaten einem bestimmten Tauschmittel die Funktion eines gesetzlich verpflichtenden Zahlungsmittels. Dabei ist Geld jedoch eine reine Recheneinheit, die eine Forderung repräsentiert. Das Geld selbst ist jedoch prinzipiell wertlos, sieht man vom reinen Materialwert von Münzen oder Papiergeld einmal ab. Elektronisches Geld verfügt noch nicht einmal über Materie, der man einen Wert beimessen könnte. Für die Tauschmittel ist die Frage des Materialwerts des Geldes jedoch nicht von Belang. Der einzige Wert, der hinter der Recheneinheit Geld steckt, ist Vertrauen - Vertrauen in den Umstand, dass man für eine Recheneinheit von einem potentiellen Tauschpartner einen fest kalkulierbaren Gegenwert in materieller oder ideeller Form bekommt. Der mögliche Wertverlust dieser Recheneinheit in Zukunft ist dabei nicht von Belang, berührt er doch lediglich die Aufbewahrungsfunktion und nicht die Funktion als Tauschmittel. Entscheidend für die Tauschmittelfunktion ist allein die generelle, wenn möglich gesetzlich garantierte, Akzeptanz des Tauschmittels.

Hier unterscheidet sich Geld beispielweise von werthaltigen Tauschmitteln, die nicht gesetzlich garantiert sind. Wer eine Unze Gold sein eigen nennt, wird zwar unter Umständen einen Tauschpartner finden, der ihm dafür eine Ware aushändigt - die allermeisten Tauschpartner werden sich jedoch weigern, dieses Tauschmittel anzunehmen und darauf verweisen, dass der Kunde sein Gold doch bitte vorher in die gesetzliche Währung umtauscht und mit Geld bezahlt. Seit der Einführung des Papiergeldes ist Gold auch nur noch eine Ware, deren Wert in Geld bemessen wird, und die in der Recheneinheit Geld gehandelt wird. Es gibt schließlich auch noch das sogenannte "Regio-Geld", das nur von bestimmten - meist regional konzentrierten - Akzeptanzstellen angenommen wird. Regio-Geld mag eine nette PR-Aktion sein, um Kunden für die eigenen Produkte und Dienstleistungen zu gewinnen, eine Alternative zum echten Geld ist es jedoch nicht, da niemand eine gesetzliche Garantie für dieses "Geld" ausgegeben hat.

Beständige Werte? Aber nicht beim Geld

So einfach die Tauschmittelfunktion zu fassen ist, so kompliziert wird es, wenn man die zweite kardinale Geldfunktion betrachtet: Geld soll - in der Theorie - seinen Tauschwert auf Dauer behalten. Diese Funktion erfüllt unser modernes Geld jedoch nur sehr eingeschränkt. Alte Kurantmünzen waren beispielsweise stets so viel wert, wie das Metall, aus dem sie bestehen. Als reine Wertaufbewahrung ist jedoch auch ein solches Geldmodell nicht optimal geeignet, ist man als Besitzer der Münze doch von Angebot und Nachfrage des betreffenden Metalls und der Prägefreudigkeit des "Münzherren" abhängig.

Inflation - der eingebaute Entwertungsfaktor

Modernes Geld hat bereits ein implizites Verfallsdatum, das besser unter dem Namen Inflation bekannt ist. Zentralbanken haben die Aufgabe, darauf zu achten, dass der Tauschwert des Geldes erhalten bleibt, oder - wenn möglich - kalkulierbar abnimmt. Dieser Wertverlust soll von den Zentralbanken durch eine Geldmengensteuerung erreicht werden. Durch Ausweitung oder Verknappung des Angebots an Krediten lässt sich theoretisch - und oft auch praktisch - die kursierende Geldmenge in einem Maß erhöhen, das den Tauschwert des Geldes verringert. Die EZB definiert zwar die "Preisstabilität" als Ziel, damit ist allerdings ein Wertverlust von etwas unter 2% pro Jahr gemeint, der als Inflationsziel vorgegeben ist. Kritiker dieses monetaristischen Ansatzes sehen sogar ein höheres Inflationsziel als wünschenswert.

Der Zins als Triebfeder des Wirtschaftens

Warum will der Staat den Wert des Geldes nicht stabil halten? Wenn die Bürger ihr Geld nicht mehr ausgeben, sondern unter ihrem Kopfkissen horten würden, würde dieses Geld auch nicht in der Volkswirtschaft kursieren und damit den Wirtschaftskreislauf schwächen. Der Nachfragetheoretiker Keynes sprach in diesem Zusammenhang von Geldhortung und Liquiditätspräferenz. Nebenbei ist der Zins auch eine Triebfeder, die Geldbesitzer motiviert, ihr Geld einer Bank anzuvertrauen. Wer seine Ersparnisse oder sein Vermögen einer fremden Person leihen soll, hat ein berechtigtes Interesse daran, dass er nicht nur eine Risikoprämie für den potentiellen Verlust des Geldes bekommt, sondern auch einen Inflationsausgleich. Wer sein Geld zinslos verleiht, macht damit automatisch Verlust. Selbst wenn der Kredit in voller Höhe zurückgezahlt wird, ist das Geld zum Zeitpunkt der Kredittilgung nur nominell so viel wert wie beim Zeitpunkt der Kreditvergabe - dazwischen liegt die Inflation. Was Finanzesoteriker - meist Jünger des Sozialreformers Silvio Gesell - lautstark als "umlaufgesichertes Geld", "Freigeld" oder "Schwundgeld" fordern, ist de facto seit Beginn der gesteuerten Inflation längst Realität.

Zins und Inflation sind ein Garant dafür, dass Banken ordnungsgemäß funktionieren können, da der Bürger seinen Spargroschen und Geld, das er im Moment nicht benötigt, vor dem Wertverlust schützen will, indem er es seiner Bank gibt, die dieses Geld weiterverleiht und damit einen Zinsgewinn erzielt. In der Theorie verleihen die Banken die Kundeneinlagen mit einem variablen Risikoaufschlag und "Bearbeitungsgebühren" an Investoren. In der Praxis hat sich jedoch herausgestellt, dass die Banken diese Kernaufgabe kaum mehr wahrnehmen und stattdessen verschiedene "Innovationen" entwickelten, die streng genommen der Geldschöpfung aus dem Nichts entsprechen. Dem Missbrauch des Bankensystems durch sich selbst wurden Tür und Tor geöffnet.

Die größten Zinsgewinne (und -verluste) werden nicht mehr in der Realwirtschaft, sondern in einer synthetischen Geldwirtschaft erzielt, die meist nur rudimentär auf realwirtschaftlichen Vorgängen basiert und sich ansonsten verselbstständigt hat. Banken geben ihre Einlagen entweder gar nicht oder aber zu inakzeptablen Bedingungen an Kreditnehmer weiter, "drucken" dafür umso lieber synthetisches Geld auf Basis der Kundeneinlagen, mit dem sie an synthetischen Märkten spekulieren. Der Status quo ist zweifelsohne unbefriedigend, hat jedoch nur wenig mit dem Zins an sich zu tun.

Geld ist nicht gleich Vermögen

Die Gleichsetzung von Geld und Vermögen wird immer wieder gerne vorgenommen, obgleich sie sinnlos ist, da Geld lediglich eine Recheneinheit für liquide Mittel ist - im Positiven, wie im Negativen. Ein Haus, das komplett abbezahlt ist und für keinen Kredit als Sicherheit eingetragen wurde, taucht beispielsweise so lange in keiner Geldbilanz auf, bis es beliehen oder verkauft wird. Wer auf seinem Girokonto 1.000 Euro hat und zusätzlich ein Haus besitzt, das auf dem Markt 100.000 Euro wert wäre, besitzt nicht 101.000 Euro, sondern 1.000 Euro. Ganz gleich welche Geldmenge (M1, M2 oder M3) man betrachtet, das Haus taucht dort nicht auf. Wer sich also über die wundersame Geldmengenvermehrung der letzten Jahre wundert, sollte nicht dem Irrglauben verfallen, dass dies irgendetwas mit der Vermehrung von Vermögen zu tun hätte - es wurden lediglich mehr Sachwerte durch Verkauf oder Beleihung zu Geld gemacht. Dabei haben die Staaten im Rahmen der gigantischen Privatisierungswelle eine gehörige Rolle gespielt. Die Wasserleitung eines öffentlichen Wasserversorgers, die bereits abgeschrieben ist, taucht ebenso wie das abbezahlte Haus der Privatperson in keiner Geldmengenrechnung auf. Wird die Wasserleitung allerdings als Vermögensbestandteil der Wasserversorgung per Kredit an einen privaten Investor verkauft oder verliehen, so vermehrt sich die Geldmenge um den bilanzierten Wert plus Zinslast.

Geld ist Schuld?

Spätestens seit der Finanzkrise wuchern diverse - meist esoterisch angehauchte - Geldtheorien im Internet. Zu den populärsten Theorien gehört dabei der vom ehemalige BILD-Vize Paul C. Martin erdachte Debitismus. Der Debitismus sieht das "wahre Wesen" des Geldes nicht in seiner Tausch- oder Wertaufbewahrungsfunktion, sondern in einer religiös verquasten Schuld (Urschuld). Aus akademischer Sicht ist diese Theorie jedoch eine realitätsferne metaphysische Theorie, die sich eher auf religiös-philosophischem als auf wissenschaftlichem Terrain bewegt. Kann man einem Gläubigen seinen Glauben ausreden? Der Erfolg des Debitismus im deutschsprachigen Internet lässt sich wohl vor allem semantisch erklären: Schuld steht im Deutschen sowohl für Geldschulden als auch für die ethisch-philosophische und die juristische Bedeutung des Begriffs. Im Englischen trennt man zwischen "Guilt" und "Debt" und vermeidet so eine fundamental-calvinistische Vermischung der Begrifflichkeiten.

Es ist in der Tat so, dass Geld durch Kreditnahme generiert wird. Dahinter steckt kein schurkischer Masterplan, um die Welt zu versklaven, sondern die wesentlich unmysteriösere Grundlage der kaufmännischen Buchführung. Geld ist eine Recheneinheit, die einer Forderung gegen Privatpersonen, Unternehmen oder dem Staat entspricht. Für jede Forderung muss es jedoch zwingend auch eine Verbindlichkeit geben. Es ist natürlich eine Binse, dass Geld immer eine Forderung auf einen realen Gegenwert darstellt. Auf den ersten Papiergeldnoten der Bank of England stand damals noch in handgeschriebener Schrift der Satz "Ich gelobe, dem Inhaber auf Verlangen einen Betrag in Höhe von ... auszuzahlen" - Geld bedeutete schon immer eine dokumentierte Eigentumsforderung. Daran hat auch das moderne "Fiat money" (kreditgeschöpftes Geld) nichts geändert. Da unser modernes Geld nicht durch Werte, sondern durch Vertrauen in die Volkswirtschaft gedeckt ist, hat diese Forderung im Falle eines Zusammenbruchs des Geldsystems jedoch keinen praktischen Nutzen.

In Teil II geht es um den Goldstandard, die öffentliche Geldschöpfung und die Frage, warum der Staat seine Anleihen überhaupt über Banken emittiert.

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