Radioautomatismen

01.01.2011

Ein Großteil der Radionutzung ist gar nicht mehr bewusst gewollt, sondern technisch ritualisiert

Es gibt in Deutschland 58 öffentlich-rechtliche Radiosender und 233 Privatsender, aber die wenigsten sind deutschlandweit zu hören. Radio ist ein regionales Medium und UKW der bedeutendste Verbreitungsweg. Rund 90 Prozent aller Radioprogramme werden über UKW gehört. Doch obwohl ein Durchschnittshörer bis zu 30 UKW-Programme hören könnte, nutzt er nur 1,6 Programme täglich. Die Hörer, so schlussfolgern die Medienforscher Karin Gattringer und Walter Klingler, "identifizieren" sich in "hohem Maße" mit ihrem "Lieblingssender". Doch ist das wirklich so?

Radio war traditionellerweise ein Einschaltmedium. Es wurde bewusst, gezielt und durch "Knopfdruck" eingeschaltet. Erst Ende der 1970er-Jahre wurde die Radionutzung "bequemer". Radiowecker kamen auf den Markt und verbreiteten sich rasch. Jeder Tag konnte nun automatisch mit Radio beginnen. Bewusstes Einschalten war nicht mehr nötig, es wurde von der Technik übernommen. Zumindest im Schlafzimmer.

Bisher gibt es keine Untersuchungen über die Folgen des durch Technik automatisierten Radiokonsums. Doch allein die Radiowecker dürften die morgendliche Nutzung des Hörfunks entschieden erhöht haben. Heute gibt es rund 17,6 Millionen Radiowecker in Deutschland. 44,6 Prozent der Haushalte (Bayern: 3,7 Mio./50,7 Prozent) besitzen einen mehrfunktionalen elektrischen Wecker. Vor allem in kleinen Haushalten sind Radiowecker oder - wie sie heute auch genannt werden - Uhrenradios präsent. Hier beginnt der Tag mit Hörfunk: Die erste morgendliche Aufmerksamkeit wird automatisch auf einen vorher festgelegten Sender gelenkt, auf Nachrichten oder Musik, Öffentlich-rechtlich oder Privat. Radiohören ist habitualisiert, Alltag. Es fällt höchstens auf, wenn etwas nicht funktioniert, wie etwa in dem populären Film Und täglich grüßt das Murmeltier (1993)[4]. 2009, so fand die Funkanalyse Bayern heraus, wurden 4,5 Prozent der täglichen Hörzeit neben dem Radiowecker verbracht.

Das Autoradio startet mit dem Drehen des Zündschlüssels

Noch stärker automatisiert ist die Nutzung des Autoradios. Anfang der 1970er Jahre hatte erst jedes zweite Auto ein Autoradio, seit 1980 war praktisch jeder Neuwagen damit ausgestattet. 1971 startete mit Bayern 3 die erste "Autofahrerwelle", später folgten hr3 oder NDR 2. Alle wollten einerseits verkehrsaktuelle Meldungen senden und dennoch nicht aufregen, beunruhigen, die Autofahrer nicht vom Verkehr ablenken. 1974 wurde das Autofahrer-Rundfunk-Informationssystem eingerichtet, das das Auffinden der "echten" Autofahrer-, Service- und dann Popwellen erleichterte: Es blinkte, wenn die Begleitwellen hr3, Bayern 3 oder NDR 2 eingeschaltet waren und fokussierte die Aufmerksamkeit der Autofahrer auf wenige, rasch enorm populäre Wellen.

Die "Bequemlichkeit", im Autoradio Sender durch einfachen Tastendruck abrufen zu können, tat ein Übriges: 90 Prozent der bayerischen Autofahrer sollen 1980 Bayern 3 fest eingerastet haben. So entstanden auch durch neue Erleichterungen, durch Lichtsignale und andere technische Neuentwicklungen Massenprogramme und eine Vorliebe für wenige autotaugliche Wellen.

Die Einschaltautomatik machte auch im Auto das Einschalten überflüssig; das Radio startete mit dem Umdrehen des Zündschlüssels. Heute gibt es in Bayern rund 6 Millionen Autorradios, 80 Prozent der Haushalte besitzen ein Gerät, rund 23 Prozent der Hörzeit (2010) werden mit dem Autoradio verbracht. Doch es ist eine besondere Art des Hörens: Das Radio schaltet sich automatisch an und - mit dem Ende der Fahrt und dem Abziehen des Zündschlüssels - automatisch wieder aus. Ob Autorradio oder Uhrenradio: Fast 30 Prozent der Hörzeit werden gar nicht mehr bewusst eingeschaltet. Und mit der Formatierung der Programme sind auch die Parkplatzgeschichten um Radiohörer, die ihr Auto erst nach dem Ende spannender Sendungen verließen, rar geworden.

Das automatisch gesteuerte Radio liefert akustische Wärme

Radiohörer verhalten sich anders als Fernsehzuschauer. Sie zappen nicht, sind sendertreu, verzichten auf mögliche Sendervielfalt und verhalten sich so wie in den 1950er Jahren, als kaum mehr als ein Sender zu empfangen war. Sie sind sendertreu. Die Kommunikationswissenschaftlerin Marie Luise Kiefer hat schon früh die Frage nach dem "Warum?" gestellt und zwei Antworten gefunden: Radiohörer nutzen Radio seit den 1970er Jahren nebenbei, und da die Entwicklung zum formatierten Nebenbeiprogramm im Hörfunkbereicht weit fortgeschritten ist, überwiegt das Interesse am Programm das an den Inhalten.

Doch der Blick in die morgendlichen Schlafzimmer oder in die Autos offenbart auch etwas Anderes. Wenn die Radiowecker klingeln und die Autos "angeworfen" werden, dann schnellen auch die Radionutzungszeiten rapide in die Luft. Ein Großteil der Radionutzung ist gar nicht mehr bewusst gewollt, sondern technisch ritualisiert. Das Radio geht an wie die thermostatgesteuerte Heizung im Winter - und liefert akustische Wärme.

Der - bisher wissenschaftlich kaum beleuchtete - automatische Radiokonsum macht deutlich, wie weit sich die Hörfunknutzung von der Nutzung von Presse, Fernsehen oder Internet schon unterscheidet. Das Tagesradio ist habitueller Begleiter des Aufstehens und des Autofahrens, es wirkt in der zweiten Reihe (und es könnte sein, dass wir uns über die Qualität der morgendlichen Nutzung große Illusionen machen). Einmal angeschaltet, bleibt es im Hintergrund dabei bis die eigentliche Funktion beendet ist.

Und da das moderne Tagesradio alle inhaltlichen Störfaktoren weitgehend ausgeschaltet hat, muss der Nutzer noch nicht einmal umschalten. Er hört seinen "Lieblingssender" (bzw. seine 1,6 "Lieblingssender") nicht, weil ihn dessen Programm fasziniert. Er bleibt dabei, so könnte man in Anlehnung an den amerikanischen Medientheoretiker Paul L. Klein formulieren, weil ihn "sein Sender" am wenigsten bei seinen eigentlichen Funktionen stört. Oder, in den Worten der langjährigen Radiomoderatorin Katrin Müller-Hohenstein: "Ich lasse mich jeden Morgen vom Radiowecker wecken, weil ich dieses Oing-Oing noch schlimmer finde."

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