Die Telepolis-Bestenliste 2010

31.12.2010

Hartz IV, Finanzkrise, Nazi-Deutschland, Wikipedia, Kinderpornographie, Brüste als "Fun Bags" und Wasserwerfer: Die zehn am meisten gelesenen Telepolis-Artikel

Das Schöne an Online-Veröffentlichungen ist, dass es Statistiken gibt, die zeigen, wie viele Menschen was angeklickt haben. Die Quote ist fast stündlich abzurufen, was sie aussagt, ist freilich weniger deutlich. Wird ein Beitrag nur wegen des Titels angeklickt, wird er nur angelesen oder sogar durchgelesen? Keine Ahnung. Ebenso wenig diesbezüglich aus dem Forum hervor. Auch wenn Beiträge viele Kommentare hervorrufen, dann bedeutet dies noch lange nicht, dass diese auch zu den meist gelesenen gehören müssen, geschweige denn, dass sie mehr als nur angelesen werden.

Trotzdem sind die Hitlisten der Beiträge natürlich nicht uninteressant, nicht zuletzt für unsere Leser, die daran sehen, was sie am meisten interessiert zu haben scheint. Die "most wanted" und "most commented" verraten dies immer nur über eine kurze Spanne, daher einmal mal wieder die Bestenliste für das Jahr 2010.

  1. Vor der Sarrazin-Debatte hatte sich Rudolf Stumberger schon einmal in Das unwerte Hartz IV-Leben kritisch mit den Thesen des Sozialpädagogikprofessors Gunnar Heinsohn auseinander gesetzt, die von der FAZ und der Welt veröffentlicht wurden. Heinsohn hatte zur finanziellen Austrocknung der kinderreichen Hartz-IV-Familien aufgerufen, weil die Unterschichtskinder nur Probleme mit sich bringen würden - was zwar auch Sarrazin wiederholte, bei diesem blieb aber seltsamerweise nur sein Ausfall gegen die angeblich kinderreichen und dümmeren Moslems hängen, womit sich besser (fremdenfeindliche) Stimmung machen lässt. Stumberger sah in der Veröffentlichung dieser Forderungen nach einer Klassenhygiene den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt.
  2. An zweiter Stelle kommt das Interview von Rüdiger Suchsland mit dem US-Historiker Mark Mazower über dessen Buch. Der provokante Titel Hitler hätte siegen können dürfte eingeschlagen haben. Mazowers These ist, dass das Nazi-Regime mit den besetzten europäischen Ländern hätte weiter existieren können, wenn es auf den Russland-Feldzug verzichtet hätte. Widerstand habe es bis dahin kaum gegeben, im Ausland habe es eine große Sehnsucht gegeben, sich mit den Nazis zu arrangieren.
  3. Jens Berger lag mit seinem Beitrag über die Aussichten von der Leyens, möglicherweise Bundespräsidentin zu werden, an dritter Stelle: Politisches Leyen-Spiel. Sie wurde es bekanntlich nicht und war deswegen angesäuert. Berger schrieb: "Wenn Ursula von der Leyen wirklich Kandidatin für das höchste Amt des Landes werden sollte, wäre dies die ultimative Bankrotterklärung der politischen Klasse. Sie wäre nicht nur eine Notlösung, sondern eine glatte Fehlbesetzung."
  4. Rainer Sommers Gespräch mit dem Wiener Wirtschaftsprofessor Franz Hörmann zog viel Aufmerksamkeit auf sich: Finale Krise des Finanzsystems im nächsten Jahr?. Hörmann sieht nicht nur das Finanzsystem tief in der Krise, sondern wirft den meisten seiner Kollegen auch vor, die Wirtschaftswissenschaften zum "Propagandainstrument der Finanzeliten" gemacht zu haben. Hörmann erwartet ein Auseinanderbrechen der Vereinigten Staaten und der EU, weil die Währungen ihre Funktion nicht mehr erfüllen könnten. Noch weiß man nicht, ob auch Hörmann mit seiner Prognose daneben liegt.
  5. Wirtschaftsthemen interessieren allgemein die Telepolis-Leser. Als im Frühjahr Griechenlands Pleite offenbar wurde, schoben die Menschen gerne dies den faulen Griechen in die Schuhe, während die griechische Regierung die EU belogen habe und deswegen nun an den Rand gefahren sei. Tomasz Konicz machte in seinem Beitrag deutlich, warum die griechische Schuldenkrise nicht als Ursache, sondern als Auslöser der neuesten Etappe einer seit Jahrzehnten schwelenden Krise betrachtet werden sollte: Krisenmythos Griechenland.
  6. Markus Kompa liegt an sechster Stelle mit seinem Beitrag Wikipedia: Feuchtgebiet 2.0. Amüsiert stellt Kompa die erregte Diskussion vor, die ausgelöst wurde, nachdem die deutschsprachige Wikipedia nicht nur den Beitrag Vulva zum "Artikel des Tages" gekürt, sondern ihn auch mit der entsprechenden Abbildung einer solchen illustriert hatte. Auch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales mischte sich ein und bat um die Entfernung des Bildes.
  7. Ein Artikel von Erik Möller taucht immer wieder in den Hitlisten auf, obgleich er schon zehn Jahre alt ist: Kinder sind Pornos. Es ist der zweite Teil eines Berichts über die Jahrestagung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, der bissig die Ansichten von "Deutschlands obersten Moralhütern" zu Gewalt und Computerspielen, aber eben auch zu nackten Kindern und vor allem zu Bildern von nackten Kindern vorstellte. Die Diskussion ist weiterhin aktuelle, noch immer wird darüber gestritten, wie man Kinderpornographie am besten bekämpfen und Kinder vor Pädophilen schützen kann.
  8. Telepolis-Redakteur Thomas Pany landete mit seinem Beitrag über das Nicht-Stillen und die Sex-Malaise im 21.Jahrhundert auch weit vorne: Der zeitgenössische Kult der pneumatischen Busen. Die Diskussion, was die Frauen mit ihren Körpern machen, um sie erotisch zu halten, während möglicherweise gleichzeitig in der Mittelschicht eine sexuelle Apathie vorherrscht, hat die britische Redakteurin Kathryn Blundell ausgelöst, die bekennt, nicht zu stillen, weil sie in diesem das Multitasking oder Dual-use nicht mag: "Meine Brüste sind auch Teil meiner Sexualität - nicht nur Brüste, sondern auch "Fun Bags". Und wenn man diese Einstellung hat (und ich gestehe, dass ich keinen Versuch unternahm, dies zu ändern) und sieht, wie dein winziges, kleines unschuldiges Baby dort andockt, wo zuvor nur ein Liebhaber hindurfte, dann fühlt sich das, ja nun, etwas gruselig an."
  9. Matthias Monroy stieß mit seinem Artikel Mit Hochdruck gegen Ungehorsam über die Ausstattung der Bereitschaftspolizei mit neuen Wasserwerfern auch auf Anklang, möglicherweise hat dies vornehmlich die Wut-Bürger, die 2010 auf sich aufmerksam machten, interessiert. Die werden nämlich Opfer der Wasserwerfer, wie das deren Einsatz in Stuttgart allen deutlich vor Augen geführt hat. Die neuen Wasserwerfer haben auch einiges Neues zu bieten: "Wurde früher aus zwei Rohren geflutet, können Menschenmassen jetzt von zwei "Operateuren" aus drei Rohren beschossen werden. Zu den Features gehören "Wasserglocken" und "Wasserwände", hinter denen sich Polizisten unbemerkt nähern können. Die wohl bemerkenswerteste Neuerung besteht im möglichen Druck: die Kompressoren können einen rund ein Drittel höheren Wasserdruck erzeugen und mit 10 bar bis zu 3.300 Liter pro Minute verschießt."
  10. Und Telepolis-Redakteur Peter Mühlbauer kam mit Sony als "Raubkopierer" auch noch unter die Top Ten. Dabei geht es um den Videoclip "Videophone", auf dem Lady Gaga gemeinsam mit Beyoncé Knowles singen. Letztere trat in einer schwarz-weiße Kombination aus Slip, BH, Armreifen und Brille, welche Triumph International an eine Kreation erinnerte, die der bulgarische Designer Iskren Lozanov bei einem vom Unterwäschehersteller veranstalteten Wettbewerb eingedreicht hatte und die in der italienischen Vogue abgebildet worden war. Triumph klagte Sony wegen Verletzung der geistigen Eigentumsrechte an und erhielt erst einmal recht, weil das Gericht auf den "Gesamteindruck" abhob.

Und welche Beiträge wurden am meisten im Forum diskutiert? (Wie Leser richtig anmerkten, handelt es sich nicht um die Artikelforen mit den meisten Kommentaren, sondern um diejenigen mit den meisten Pageviews)

  1. Bei sexuell erregten Männern herrscht Einigkeit zwischen Psyche und Körper
  2. Das unwerte Hartz IV-Leben
  3. "Schieß weiter, schieß weiter, schieß weiter, keep shoot'n"
  4. Politisches Leyen-Spiel
  5. Günter von Gravenreuth beging Selbstmord
  6. Hausdurchsuchungen bei offensichtlich Unschuldigen
  7. Aus für die Raucher
  8. Stuttgart 21 - Konflikt eskaliert
  9. Mit Hochdruck gegen Ungehorsam Und nicht zu vergessen: Die Telepolis-Redaktion wünscht allen Lesern ein schönes, spannendes und erfolgreiches neues Jahr!
  10. 50 Grad aus Sparsamkeit?
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