Das Ende des Englischen als Weltsprache

30.12.2010

Brechen Übersetzungsprogramme und wirtschaftliche Entwicklungen die Macht des Englischen?

Hört man Englisch, so spricht das möglicherweise den Kulturpessimisten genauso an wie den Kulturoptimisten. Denn, um mit dem Positiven zu beginnen, die Vorherrschaft des Oxford-Englisch samt dazu gehöriger korrekter Aussprache, das uns noch in der Schule als einzig gültiges gutes Englisch vorexerziert wurde, ist seit langem gebrochen.

Englisch hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten zu unserer Weltsprache entwickelt, die sich an allen möglichen Akzenten und Formulierungs-Eigentümlichkeiten aus anderen Ländern bereichert hat. In BBC-Sendungen tauchen nacheinander indisch, arabisch oder asiatisch gefärbtes Englisch auf; Unterschiede lassen sich nicht nicht nur am Akzent, sondern auch der Formulierung, im Satzbau erkennen. Spürbar ist bei allem, auch im privaten Umgang, dass das Dogma des einzig richtigen Englisch gefallen ist. Das ist durchaus eine Befreiung.

Und doch ist die englische Verkehrs-Sprache, wie sie etwa in Berlin-Mitte, bei Konferenzen, bei Abendessen mit Gästen aus anderen Ländern oder bei Geschäftsgesprächen am Telefon zu hören ist, eigentümlich verarmt. Die meisten Deutschen beispielsweise sprechen sie jetzt mit amerikanischen Akzent, was sie nicht unbedingt schöner klingen läßt. Kulturpessimistisch stimmt das aber noch nicht, sondern die - vielleicht damit verbundene - Landnahme des Business- und Newsenglisch samt gängiger Füllfloskeln. Alles klingt irgendwie gleich, als ob sich die Sprache im Verkehr wieder ein neues, fades Korsett gesucht hätte.

Nicholas Ostler, ein britischer Linguist und als solcher in 26 Sprachen "bewandert", in Oxford ausgebildet und in den frühen 1970ern Doktorand bei Noam Chomsky am MIT, hat ein Buch geschrieben über die Geschichte der Weltsprachen und insbesondere über die erfolgreichste Weltsprache der Geschichte: Englisch. "The Last Lingua Franca: English Until the Return of Babel" heißt das Buch und im Titel klingt schon an, was Rezensenten als interessante These des Buches herausgefischt haben: Das Ende des Englischen als Weltsprache und die Rückkehr "nationaler" Sprachen.

Englisch wird als lingua-franca verschwinden, so Ostler, denn deren Zukunft liege nicht in den Händen der 330 Millionen, die Englisch als Erstsprache lernen - eine Population, die nicht zunimmt - , sondern hänge sehr viel mehr von den Ländern außerhalb der anglophonen Kernländer ab. Und diese könnten zu der Erkenntnis kommen, dass das Erlernen des Englischen nicht länger nötig sei.

Ostler begründet diesen Gedanken, der quer liegt zu allem, was Eltern, Kindergärtner, Lehrer und Bildungsbeauftragte als Gebot verkünden, auch mit der (realen?) Aussicht, dass Übersetzungs- und Spracherkennungsprogramme künftig so schnell und gut arbeiten werden, dass man sich möglicherweise ganz auf seine Landessprache konzentrieren kann.

In der Vergangenheit hätte sich immer wieder gezeigt, dass Regierungen sich mit "einem Federstrich" aus ideologischen Gründen von einer etablierten lingua franca verabschiedet hätten. Das Englische müsse nicht unbedingt das Ende der wirtschaftlichen und politischen Dominanz der englisch-sprachigen Mächte überleben.

Der technische Fortschritt, so der Linguist, müsse nicht zwangsläufig der herrschenden Weltsprache zuarbeiten. Die große Linie, was das Internet angehe, zeige eine Entwicklung hin zur linguistischen Diversität, nicht zur Konzentration. So wie sich das Lateinische durch die Buchkultur nicht, wie es anfangs danach aussah, als lingua franca noch weiter bestätigte, sondern der Buchdruck Platz machte für andere, auch inoffizielle, Schriftsprachen, so könnte auch jetzt die Entwicklung in eine ganz andere Richtung laufen als die, welche man allenthalben dem Englischen vorhersagt.

So plausibel sich diese Entwicklung anhören und so viel Glauben man der These schenken mag, dass das Englische seine Dominanz als Weltsprache in der Zukunft verlieren könnte, so gibt es doch, gerade angesichts schon der größten Verunsicherungen im Gespräch bei kleinsten Missverständnissen von Wörtern, große Zweifel daran, ob es wirklich die Übersetzungs- und Sprachsoftware sein wird, die eine grenzüberschreitende Verkehrssprache ersetzen könnte.

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