"Wir können alles sehen"

03.01.2011

Mit einem Überwachungssystem für Drohnen will die US-Luftwaffe ganze Städte beobachten können

Noch in diesem Frühjahr will die US-Luftwaffe ein neues Überwachungssystem bei den MQ-9 Reaper-Drohnen in Afghanistan einsetzen, berichtet die Washington Post. Das bedrohlich Gorgonenblick (Gorgon Stare) genannte System aus neun Videokameras wird in Echtzeit Bilder von den Bewegungen der Menschen einer ganzen Stadt senden können, die jetzigen Drohnenkameras können nur immer einen kleinen Ausschnitt aufnehmen. "Wir können alles sehen", heißt es ebenso drohend und beschwörend.

Als Vorteil wird beschrieben, dass die Piloten von Drohnen nicht mehr überlegen müssen, auf welche Stelle sie die Kamera richten sollen, weil nun eine Fläche mit einem Radius von 4 km erfasst wird: "Gorgon Stare wird eine ganze Stadt überblicken", so Generalmajor James Poss, "daher wird es keine Möglichkeit mehr für den Gegner geben zu wissen, wohin wir schauen – und wir können alles sehen." Eine ganze Stadt überwachen zu können, so Poss, wird einen großen Einfluss auf die Operationen in einem Kampfgebiet haben.

MQ-9 Reaper. Bild: U.S. Airforce

Mit dem neuen, 17,5 Millionen teuren System, das 2 Bilder in der Sekunde mit einer Auflösung von einem halben Meter aufnimmt, können Orte aus 12 Blickwinkeln beobachtet werden, zudem können verschiedene Personen gleichzeitig bis zu 65 unterschiedliche Bilder sehen. Die anderen Kameras, die 30 Bilder in der Sekunde aufnehmen, werden durch das neue System nicht ersetzt, sondern ergänzt. Gorgon Stare soll den größeren Überblick bieten, um dann bestimmte Orte besser mit den genaueren Kameras anvisieren zu können. Wenn Verdächtige oder Fahrzeuge bislang aus dem von der Kamera erfassten Bereich verschwunden sind, konnten sie, zumal in einer Stadt, gelegentlich nicht mehr gefunden werden. Mit Gorgon Stare soll das zumindest schwerer werden. Und das soll nur eine vorläufige Version sein, geplant ist ein Wide Area Airborne Surveillance-System (WAAS), das bis zu 50 Videostreams pro Kamera erzeugen kann.

Allerdings könnte die Flut der Bilder und die Menge der Informationen, die mit einer derart großen überwachten Fläche entstehen, die Vorteile wieder kompensieren, da die Menschen, die die Bilder anschauen, nur eine begrenzte Aufnahme- und Verarbeitungskapazität haben und der Flaschenhals der Aufmerksamkeit nicht umgangen werden kann, wenn man nicht eine Vielzahl von Menschen an die Bildschirme setzt. Selbst das könnte auch wieder zur Desorganisation führen, wenn es sich um eine Kampfdrohne handelt, weil sie nur jeweils in eine Richtung fliegen kann. Trainiert werden die Bildanalysten mit Methoden etwa aus dem Sportfernsehen, wo der für die Bildregier Verantwortlich blitzschnell aus den verschiedenen Kamerabildern aus wählen muss, um das Geschehen für den Zuschauer zu präsentieren und inszenieren. Und allein mit einer distanzierten Überwachung vom Flugzeug aus, dürfte nicht viel gewonnen sein, wenn man nicht weiß, was da unten, in der Stadt, vor sich geht. Die Stimmung der dauerüberwachten und von Schlägen von Kampfdrohnen bedrohten Stadtbewohner kann dann schnell umschlagen und den Einsatz konterkarieren.

MQ-9 Reaper. Bild: U.S. Airforce

Vorteile bietet das System wohl vor allem für Truppen auf dem Boden, die mit ihm mögliche Gegner besser verfolgen oder sich vor ihnen schützen können. Nach der Washington Post wird auch bei der Air Force eingeräumt, dass Gorgon Stare nur von begrenztem Wert ist, wenn das System nicht von Augenzeugenberichten verbunden werden kann, die sagen, wer auf dem Boden was macht. General James Cartwright scheint allgemein skeptisch zu sein: "Heute sitzt ein Analyst da und starrt stundenlang auf das Todesfernsehen (Death TV), um ein einziges Ziel auszumachen oder zu sehen, dass sich etwas bewegt. Das ist nur eine Verschwendung von Manpower."

Der Trend zu Drohnen wird freilich weitergehen. Die Vorteile scheinen zu überwiegen, zumindest solange asymmetrische Kriege geführt werden, in denen die Gegner nicht die Mittel haben, die Drohnen oder andere ferngesteuerte Überwachungs- und Kampfsysteme reihenweise abzuschießen oder selbst einzusetzen. Die Perfektionierung des Roboterkriegs wird irgendwann auch auf die technisch dominierenden Staaten zurückschlagen, die damit ihre sowie bestehende Überlegenheit stärken und das Leben ihrer Soldaten schützen. Aber es dürfte nicht mehr lange dauern, bis Drohnen auch von Aufständischen oder Terroristen eingesetzt werden – nicht nur in Afghanistan oder dem Irak, sondern auch in den USA oder in Europa. Noch aber scheint man auf diesem Auge blind zu sein. So wird von der Washington Post ein General im Ruhestand zitiert, der meint, dass in naher Zukunft die Technik ermöglicht, die Bodentruppen immer weiter zu reduzieren und durch Sensoren zu ersetzen.

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