Mit dem Computer in den Hosentasche entsteht ein neuer öffentlicher Zwischenraum

Was WikiLeaks, Stuttgart 21 und ein Münchner Kunstprojekt gemeinsam haben

Facebook, Twitter, Smartphones, Pervasive Computing. Neue mobile Kommunikationstechnologien und -strategien verändern die Europäische Stadt grundlegend. Anders als von Kulturpessimisten prophezeit, bringt das Internet das öffentliche Stadtleben nicht zum Aussterben oder führt gar zu Verfall und Ende des öffentlichen Stadtraumes, sondern evoziert vielmehr eine lebendige und vielschichtige Renaissance des öffentlichen Raumes in der europäischen Stadt.

In Zeiten von Facebook, Google und Wikileaks muss unser Verständnis von "Öffentlichkeit" und "öffentlichem Raum" neu gedacht werden. Nicht nur, dass die Öffentlichkeit mit dem Internet ein neues Dispositiv gefunden hat, auch nehmen das Internet und dessen (mobile) Kommunikationsmöglichkeiten, entscheidenden Einfluss auf den öffentlichen Raum und verändern das öffentliche Leben in unseren Städten.

Das World Wide Web scheint freilich mit der Internetkommunikation die Schwächen des anonymen und asymmetrischen Charakters der Massenkommunikation auszugleichen, indem es den Wiedereinzug interaktiver und deliberativer Elemente in einen unreglementierten Austausch zwischen Partnern zulässt, die virtuell, aber auf gleicher Augenhöhe miteinander kommunizieren.

Jürgen Habermas

Das "Internet in der Hosentasche " ermöglicht dabei dem Menschen, anders als das stationäre Internet, sich gleichzeitig in der Stadt und im Internet, also zwei Räumen unterschiedlicher Materialität und Gesetzmäßigkeit, zu bewegen. Es entsteht ein progressiver öffentlicher "Raum ", irgendwo zwischen realen und virtuellen öffentlichen Räumen. Der Mensch wird dabei ganz nebenbei zur Bilokalität fähig. Man könnte diesen "Raum " den ÖFFENTLICHEN ZWISCHENRAUM nennen. Smartphones und andere mobile, internetfähige Geräte werden zum Schlüssel, der den Eintritt zu diesem neuen "Raum " frei gibt.

Smart Mobs

In der zunehmend regulierten, fragmentierten, privatisierten und beschleunigten europäischen Stadt wird der ÖFFENTLICHE ZWISCHENRAUM zu einer neuen Chance für das Städtische. Ein Raum, der es ermöglicht, jenseits von Bürokratie und langen Wegen, in kürzester Zeit, mit knappen Ressourcen und minimalen Transaktionskosten, kondensiertes öffentliches Leben mitten in den immer mehr auseinander fliegenden Strukturen der Stadt zu produzieren.

As online events are woven into the fabric of our physical world, governments and corporations will gain even more power over our behavior and beliefs than large institutions wield today. At the same time, citizens will discover new ways to band together to resist powerful institutions.

Rheingold 2002: "Smartmobs - The Next Social Revolution"

Bereits heute ist zu beobachten, dass sich das zuvor fest verortete urbane öffentliche Leben mehr und mehr zu temporären, urbanen Episoden entwickelt, die sich in den virtuellen Weiten des Netzes koordinieren, sich nur kurz als "Blitzöffentlichkeiten " an wandernden Orten im öffentlichen Raum der Stadt manifestieren bzw. "realisieren " und anschließend wieder in den Weiten des Netzes oft auch unter Partizipation der Teilnehmer dokumentiert werden. "Zeit-Räume " bieten noch Platz für konkrete urbane Situationen. Urbanität ist heute im realen Raum temporär und im virtuellen Raum dauerhaft.

Der amerikanische Internetsoziologe Howard Rheingold benennt Phänomene, die der ÖFFENTLICHE ZWISCHENRAUM hervorbringt, mit der Bezeichnung "Smart Mobs ":

Smart mobs consist of people who are able to act in concert even if they don’t know eachother. The people who make up smart mobs cooperate in ways never before possible because they carry devices that possess both communication and computing capabilities.

Howard Rheingold

"Smart Mobs " verändern die Welt und die Stadt so tiefgreifend wie einst die Erfindung des Buchdrucks, so die These der urbanauten. Was global z.B. mit der sogenannten "Twitterrevolution" im Iran oder auch mit den Geschehnissen rund um "Wikileaks" für Furore sorgte, schlägt sich national in der Flashmob-Bewegung und bei den neuerwachten Gorleben-Protesten oder lokal in unseren Städten wie beim für viele überraschenden bürgerlichen Widerstand gegen "Stuttgart 21", dem alternativen Münchner Stadtgeburtstag "München851/852 oder den urbanen "Schwärmen" der urbanauten nieder.

Bei den "Schwärmen " der urbanauten kommunizierten im Rahmen eines städtisch geförderten Kunstprojektes während des SPIELART Festivals 2009 jeweils mehrere hundert Teilnehmer mit Hilfe ihrer Handys in Echtzeit über SMS und Twitter miteinander, während sie durch die öffentlichen Räume Münchens zogen und eine Reihe ehemals für unmöglich gehaltener Unternehmungen wagten.

So wurde kurzerhand eine Großstadtkreuzung während des Berufsverkehrs mit 80 Kilometer rot-weißem Flatterband gesperrt oder auch das Münchner Haus der Kunst mit einem Sleep-In beehrt. Ebenfalls koordiniert über Handys stürmten Hunderte das noble Einkaufszentrum "Fünf Höfe" und tauchten das selbe in ein Meer aus Seifenblasen oder eroberten das Luxushotel "Sofitel" am Hauptbahnhof, um im Spiegelsaal des Hauses einen poetischen Flash Flash Mob mit hunderten Blitzlichtern durchzuführen.

Interessant ist insbesondere die rechtliche Würdigung der Ereignisse, die allesamt aufgrund der heutigen technischen Möglichkeiten ohne Anmeldung und somit ohne Genehmigung durchgeführt werden konnten. So wurde einer der Organisatoren von den völlig überforderten Polizisten verhaftet, jedoch kurze Zeit später wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Staatsanwaltschaft stellte schließlich das Verfahren ein, da es sich laut Auskunft des Münchner Kreisverwaltungsreferats bei den Ereignissen um sogenannten "kommunikativen Gemeingebrauch" des öffentlichen Raumes im Sinne der Straßenverkehrsordnung handele.

Der ÖFFENTLICHEN ZWISCHENRAUM ist erst am Anfang seiner Entwicklung. Momentan sind es vor allem Pioniere aus unterschiedlichen Bereichen der Kunst, Kultur und Forschung, aber auch des Marketings und der Politik, die ihn experimentell erkunden. Wie viele andere technische Neuerungen zuvor sind die neuen, mobilen Kommunikationsmittel des Internets lediglich Instrumente, die von den Menschen in unterschiedlicher Weise gebraucht werden können. Jedoch muss man sich klar machen, welche unglaubliche Potenz an Möglichkeiten entsteht, wenn der Stadtbürger in Zukunft das gesamte im Internet verfügbare Menschheitswissen in der Hosentasche trägt und nebenbei mit dutzenden, hunderten, wenn nicht tausenden "Freunden " in den sog. Sozialen Netzwerken von unterwegs aus kommunizieren kann.

Es wird darauf ankommen, wer diesen neuen Raum mit welchen Zielen und Interessen nutzt. Eine Menge Gefahren scheinen auch zu lauern. Hier sind insbesondere "die Guten" gefragt, möglicherweise auch ihre inhärenten Hemmnisse gegen "das Technische" zu überwinden. Denn so erstaunlich es klingt, derzeit wird nichts Geringeres als die Zukunft von Stadt und Gesellschaft im Netz in der Hosentasche verhandelt.

Mit den unterschiedlichen Aspekten des ÖFFENTLICHEN ZWISCHENRAUMS beschäftigt sich vom 14. bis 16. Januar 2011 die Tagung Die Vermessung des Urbanen 3.0 der Münchner Gruppe "die urbanauten " in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Tutzing. Junge Pioniere im öffentlichen Zwischenraum stellen dort, anlässlich des 10jährigen Bestehens des urbanauten-Debattierclubs, ihre Projekte an der Schnittstelle zwischen Internet und Großstadt vor. Renommierte Stadtsoziologen und Kulturdenker kommentieren. Eine Anmeldung ist hier online möglich.

Anja Junghans und Benjamin David gehören zu den Münchner urbanauten

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