Das irre Erbe des "moderaten Diktators"

10.01.2011

Ägypten: Nach dem Bombenanschlag - vor dem Bürgerkrieg?

Wieder mussten Christen in Äygpten sterben und wieder scheint die Erklärung aus einem Begriff zu bestehen: Al-Qaida. Doch der jüngste Anschlag könnte weit mehr implizieren. Er könnte Diktator Mubarak dienen oder - Ägyptens Einheit endgültig sprengen.

Der Bombenanschlag auf eine Kirche in Alexandria in der Silvesternacht, der 21 Menschen das Leben kostete, war nicht die erste Aggression gegen Kopten in Ägypten. Bereits ein Jahr zuvor, am 6. Januar 2010, hatten Muslime in der ägyptischen Ortschaft Nag Hammadi wahllos auf Kopten gefeuert, die gerade die Kirche verlassen hatten, und sechs Kopten und einen muslimischen Wachmann getötet (siehe Öl ins Konfessionsfeuer). Allerdings gab es damals eine Vorgeschichte. Das Massaker galt als Vergeltungsschlag für die Vergewaltigung einer 12-jährigen Muslimin durch einen Christen. Der jüngste Anschlag hingegen war ein gezielter Terrorakt.

Wer dahintersteckt, ist völlig unklar und wie üblich machen sich gleich mehrere Bekenner im Internet vorstellig, die al-Qaida nahe stehen oder stehen wollen. Auch veröffentlicht die Gruppierung "Islamischer Staat im Irak" seit Wochen wiederholt Drohungen gegen die Kopten, unter anderem auf Youtube, während die Webseite des islamistischen "Majahden Electronic Network" verlautet haben soll , dies sei erst der Anfang - sie selbst dementiert dies indes.

Verantwortungslose Islamisten nun selbst erschrocken

Für "Gelehrte" wie Muhammad Salim Al-Awa weht der Wind ohnedies aus ganz anderer Richtung: Der libanesischen Tageszeitung Al-Akhbar zufolge, wittert Al-Awa, ehemaliger Generalsekretär der in London basierten International Union for Muslim Scholars und gern gesehener Talkshowgast im arabischen Fernsehen, die eigentlichen Drahtzieher im Mossad.

Dies, so der Al-Akhbar-Journalist Wael Abdel Fattach, tue Al-Awa umso lieber, als er selbst mehrfach durch Christenhetze aufgefallen sei; wiederholt hatte er vor der "Macht" der koptischen Kirche und davor gewarnt, dass sie in ihren Gotteshäusern Waffen horte. Außerdem würde sie Christinnen entführen, die zum Islam konvertieren wollten. Kurz: An Al-Awas aktuellen Ausflüchten gen Mossad sehe man, dass sich "die Stimme des fundamentalistischen Islam erschrocken hat und nun nach ausländischen Feindbildern sucht", schreibt Abdel Fattach.

Doch, wer auch immer hinter dem Anschlag steckt, der Feind sitzt eindeutig in Ägypten - und dies nicht erst seit gestern.

Al-Sadat rief die Geister - Mubarak machte sie zu seiner Existenzberechtigung

Die Radikalisierung gewisser Muslime reicht bis in die Zeiten von Anwar al-Sadat (1918-1981) zurück. Zu schwer lag auf dem 1970 angetretenen Präsidenten das Erbe seines Vorgängers, des panarabischen, säkular-sozialistischen Gamal Abdel Nasser. Sadat benötigte ein ideologisches Gegengewicht und er fand es in den Islamisten, die er infolge förderte. Zeitgleich tanzte er noch auf anderen Hochzeiten: 1979 schloss er Frieden mit Israel. Seine Rechtsgelehrten fanden zwar dafür eine Rechtfertigung in der Scharia, doch die wollte niemanden recht überzeugen. Sadat wurde 1981 von islamistischen Militärs ermordet.

Es folgte Hosni al-Mubarak. Die knapp 30 Jahre, die er im Amt ist, verbrachte er zu 99,9 Prozent damit, die einst geförderten Islamisten wieder unter Kontrolle zu bringen. Hätte er dies durch den Aufbau einer Zivilgesellschaft versucht oder zumindest durch die Schaffung einer soliden Wirtschaft, die der gesamten Gesellschaft Sicherheit und Aufstiegschancen gewährt, wäre es ihm möglicherweise gelungen. Doch Mubarak setzte auf korrupte Klientelwirtschaft, auf gnadenlose Privatisierungspolitik und auf die Verschärfung des Gazaproblems: Seit 2008 baut auch Ägypten eine Mauer an seiner Grenze zum Gazastreifen und öffnete sie zur allgemeinen arabischen Empörung nicht einmal während des israelischen Angriffskrieges auf Gaza Ende 2008.

Zeitgleich verlor der Staat, der in den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern noch die Geschehnisse im Mittleren Osten maßgeblich gelenkt hatte, jegliches regionale Gewicht. Ägypten war nur mit einem befasst: mit der Unterdrückung seiner Bürger, allen voran der Islamisten, konstatiert der US-amerikanische Politologe und Gründer des Think-Tanks STRATFOR, George Friedman. Darin schien Mubarak anfangs auch erfolgreich, wie Friedman schreibt:

A combination of ruthless intelligence service and security services, disorganization among the Islamists and deep divisions in Egyptian society reduced the Islamist threat to the regime to a weak political force and terrorism to a fairly rare occurence.

Für Mubarak barg dies freilich den großen Vorteil, jeden, der ihn zu kritisieren gedachte, frei nach dem Motto: "Entweder die Islamisten oder ich" abspeisen zu können. Ein Argument, das nicht zuletzt die seit George W. Bush immer christlicher gewordenen USA anzog.

Ägyptens Kopten verschanzen sich hinter "ihrem" Gott

Jetzt aber kam er doch, der Terroranschlag. Und er richtete sich gegen Christen. Warum gegen sie? Sicher, der Verweis auf al-Qaida-nahes Gedankengut und dessen fanatischer Hass auf alle Andersgläubigen, ja alle Andersdenken, scheint alles zu erklären. Doch es ist nicht gesichert, dass es al-Qaida war. Ja, es ist nicht einmal ohne Wenn und Aber gesichert, dass das Ziel des Anschlags wirklich nur die Kopten als solche waren. Denn wie schon Abdel Fattach in Al-Akhbar bemerkte:

Dies war kein gewöhnlicher Terroranschlag, sondern ein gefährliches Spiel mit der ägyptischen Gesellschaft.

Sie soll gespalten und damit die Einheit des Landes endgültig zerrissen werden. Schliesslich ist nicht zu übersehen, dass sich auch unter Ägyptens Kopten, aufgrund jahrzehntelanger Diskriminierung (siehe Öl ins Konfessionsfeuer) und der beiden aktuellen Schreckensereignisse vom Januar 2010 und Januar 2011, eine Generation formierte, die immer weniger an der Gesellschaft teilnimmt, sich immer mehr hinter ihrem Glauben verschanzt und, in den Worten des christlichen libanesischen Religionsexperten George Sabra, "zunehmend Bereitschaft zeigt, im Namen Gottes als Märtyrer zu sterben". Dies entgehe auch den Salafiten nicht, sagt Sabra:

Sie sehen in den Kopten vielfach ein willkommenes Instrument zur Destablisierung der verhassten Diktatur Hosni Mubaraks. Jede Möglichkeit, dieser Ärger zu bereiten, ist ihnen recht.

Kommt all dies Mubarak gelegen?

All dies kulminiert und eskaliert mit dem jüngsten Kirchenanschlag in dem Jahr, das für Mubarak recht bedeutend werden könnte: Im Herbst 2011 "wählt" Ägypten einen neuen Präsidenten. Wer Mubaraks Wunschkandidat ist, ist klar: er selbst oder (immerhin ist er hochbetagt und anscheinend schwer krebskrank) sein Sohn Gamal. Dieser freilich ist unter Ägyptern aller Couleur ebenso verhasst wie er und auf entsprechenden Widerstand stößt Mubaraks Zukunftsvision. George Friedman findet diesen Gesamtkontext bemerkenswert

The argument that the Islamist threat has been dealt with is challenged by the attack, and with it the argument that the continued focus on a security state is archaic. Should there be follwow-on attacks, Mubarak’s policies become re-legitimized, and can be passed on to whoever follows him as Egypt’s leader.

Dient der Anschlag auf Ägyptens Kopten somit letztlich gar Mubaraks Machtplänen?

In jedem Fall hat hier jemand eine Lunte gelegt, die nicht zuletzt die nationale Einheit zerreißen und den wirklich Radikalen Tür und Tor öffnen könnte. Die Solidaritätsdemonstrationen, die Ägyptens Muslime und Christen jüngst veranstalteten, zeigen, wie sehr die Brisanz der Lage allen bewusst ist. Solidaritätsdemonstrationen, die ausgerechnet - Ägyptens Regime zerschlug. Karim el-Gawhary schreibt dazu in der taz:

Die, die sich hier versammelt haben, wollten ein Zeichen setzen gegen das Terrornetzwerk al-Qaida und für die Einheit des Landes. Am Ende rennen sie alle vor der ägyptischen Polizei davon, Christen und Muslime.

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