Medikamente und Gewalt

12.01.2011

Nach einer US-Studie ist vor allem bei Antidepressiva, Amphetaminen, Schlafmitteln und Vareniclin zur Raucherentwöhnung eine erhöhte Neigung zur Gewalt festzustellen

Der Zusammenhang von Gewalt mit Drogen- oder Medienkonsum wird gerne untersucht, im Schatten bleibt allerdings, wie dies bei der Vielzahl und Menge von Medikamenten ist, mit denen die Menschen behandelt werden. Dass gerade bei Psychopharmaka oder anderen psychoaktiven Medikamenten auch viele negative Auswirkungen auf das Verhalten zu vermuten sind, liegt auf der Hand. Dass ihre Einnahme Aggressionen auslösen kann, ist etwa bei Antidepressiva wie Prozac oder Ritalin bekannt. Systematisch untersucht auf ihre Auswirkung auf Gewalt wurden Medikamente und Medikamentengruppen aber noch nicht

Nun haben US-Wissenschaftler vom Institute for Safe Medication Practices in ihrer Studie, die im Open Access Journal PLoS One erschienen ist, Daten der für Medikamente zuständigen Behörde FDA ausgewertet und bei 31 Medikamenten von insgesamt 484 untersuchten Medikamenten festgestellt, dass sie ungewöhnlich oft mit Berichten von Gewalt gegen andere verbunden sind. Das bedeutet zwar nicht, dass diese Medikamente direkt Gewalt verursachen, aber es könnte einen Zusammenhang geben. Eine Einschränkung ist natürlich auch, dass hier nur zufällig bei der FDA eingereichte Berichte über vermutete negative Auswirkungen ausgewertet werden konnten. Wie hoch die Berichtrate ist, ist unbekannt, auch die Qualität der Berichte unterscheidet sich erheblich. Insofern ist diese Studie nur ein erster Blick auf einen möglichen Zusammenhang von Medikamenten und Gewalt.

Untersucht wurde in einem Zeitraum von 69 Monaten 464 evaluierte Medikamente, von denen über 760.000 Berichte über negative Auswirkungen vorlagen. Bei einer nur kleinen Menge von 1.937 (0,25%) ging es um Gewalt: 387 Berichte über Morde, 404 über körperliche Angriffe, 27 über körperliche Misshandlung, 896 über Tötungsgedanken und 223 über mit Gewalt verbundene Symptome. 41 Patienten waren Frauen, 59 Prozent Männer. 38 Prozent der Berichte stammten von den Patienten, fast 50 Prozent von medizinischem Personal, der Rest von unterschiedlichen Quellen.

Nach der Studie gibt es für den Großteil der Medikamente Entwarnung. 31 Medikamente sind hingegen mit 79 Prozent der Gewaltfälle verbunden, darunter 11 Antidepressiva, 3 Medikamente zur Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS/ADHD), 5 Beruhigungsmittel und Vareniclin, das als Nikotinentwöhnungsmittel dient. Der Wirkstoff wird unter dem Namen Champix vertrieben, zahlreiche Nebenwirkungen sind bekannt, darunter auch Suizidalität und Aggressivität, die FDA hat einen Warnhinweis veröffentlicht. Vareniclin ist auch nach dieser Studie höchst bedenklich und steht an der Spitze. Ein Fünftel der Berichte über Gewalt ist mit diesem Wirkstoff verbunden, damit ist die Neigung zur Gewalt um das 18-Fache höher als bei den anderen Medikamenten. Bupropion (in Deutschland gehandelt als Elontril), bei dem es eine geringe Verbindung zur Gewalt gibt, wird zwar auch zur Raucherentwöhnung eingesetzt, ist aber vor allem ein Antidepressivum. Die Liste der riskanten Medikamente gibt es hier.

Verbindungen zur Gewalt gibt es bei allen Antidepressiva, allen voran bei Fluoxetin (Prozac) mit einer mehr als zehnmal so hohen Wahrscheinlichkeit, an dritter Stelle liegt Paroxetin. Bei allen Antidepressiva ist eine Verbindung zur Gewalt 8,4-fach wahrscheinlicher als bei allen anderen psychoaktiven Medikamenten. Eine hohe Wahrscheinlichkeit liegt auch bei Amphetaminen wie Atomexitin (Strattera) und Methylphenidat (Ritalin) vor, die zur Behandlung von ADHD verwendet werden und ein 9- bzw. 3,4-fach höheres Risiko der Verbindung zur Gewalt aufweisen. Von den psychoaktiven Medikamenten wären noch die Schlafmittel Triazolam (Halcion) mit einem 8,7-fach und Zolpidem mit einem 6,7-fach erhöhten Risiko zu nennen. Unter den nicht-psychoaktiven Medikamenten fiel Mefloquin (Lariam), das zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria dient, mit einem 9,5-fachen Risiko auf.

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