Pius XII. - Ein Fall für die Propaganda perfidei

23.01.2011

Die Seligwaschung des heroischen Stillschweigerpapstes heiligt alle Mittel. - Der "gebildete Katholizismus" übt sich in vornehmer Zurückhaltung

Karol Wojtyla (Johannes Paul II.) soll am 1. Mai 2011 selig gesprochen werden. Seine Duldsamkeit gegenüber Marcial Maciel, dem wegen sexueller Gewalt berüchtigten Ordensgründer der finanzstarken Legionäre Christi, ist nun offenbar doch kein Hindernisgrund. Der Vatikan will harte Fakten schaffen. Als nächster Kandidat wartet der antijudaistisch geprägte Pius XII. (1939-1958), der heldenhafte Stillschweiger in der Zeit von Faschismus und Shoa. Papst Benedikt XVI. aus Deutschland hat diesem am 19. Dezember 2009 per Dekret schon mal den "heroischen Tugendgrad" zugesprochen und damit die Schlussphase der Seligwaschung definitiv eingeläutet. Eugenio Pacelli war der letzte Machthaber jener autoritären und zentralistischen Kirchengeschichtsepoche, in der alle modernen oder unangepassten Ansätze im Katholizismus kaltgestellt wurden. Da die Pontifikate von Karol Wojtyla und Joseph Ratzinger wieder an diese unselige Ära anknüpfen, wird man in Rom den Pacelli-Papst im Kreis der "seligen Vorbilder" nicht missen können. Das Verfahren dafür ist abgeschlossen, und das Fernsehen hilft auch mit. Jetzt muss "nur" noch ein – auf Fürsprache des Kirchenfürsten hin erfolgtes – Heilungswunder beglaubigt werden.

Zu Lebzeiten freilich war Pius XII. mit seinen Heilkräften nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Er, der seine eigene Situation als Papst mit der von Jesus am Kreuz identifizierte, versuchte offenbar, Hitler durch einen Fern-Exorzismus von seinen Verbrechen abzubringen. Als profiliertester Konkordats-Fachmann des Vatikans hatte Pacelli, der durch und durch Politiker war, stets kühles Machtkalkül im Dienste der römischen Zentrale bewahrt. Jetzt, als Oberhaupt einer Weltkirche mit dem Abgrund der Geschichte konfrontiert, flüchtete er sich angesichts anderer Herausforderungen in einen Nebel des Übernatürlichen.

Nuntius Eugenio Pacelli 1924 in Bamberg. Bild: Deutsches Bundesarchiv (Bild 102-00535). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Das Thema wird hoffentlich so bald nicht in der Mottenkiste verschwinden. Jüngst gab der israelische Holocaust-Forscher Saul Friedländer der "Jüdischen Allgemeinen" ein pointiertes Kurzinterview über den an ausgewählter Stelle schweigsamen Pontifex. Pius XII. ist laut Guardian sogar Gegenstand von Wikileaks-Enthüllungen.

Politik und Antijudaismus

Als der Stern des italienischen Duce schon gesunken war und Nazi-Deutschland – anders als Pius XII. ursprünglich erwartet hatte – auf eine Niederlage zusteuerte, wusste dieser Papst 1944 noch rechtzeitig die Zeitgemäßheit demokratischer Regierungsformen zu erwägen. Zuvor jedoch hatte der Vatikan die katholischen Demokraten und Antifaschisten Italiens in die Wüste geschickt. Namentlich Pacelli wünschte während der Weimarer Republik ein Zusammengehen der katholischen Zentrumspartei mit den deutschnationalen Verfassungsfeinden. Koalitionen von Katholiken mit der Sozialdemokratie waren ihm ein Gräuel.

Die für das Wirken Eugenio Pacellis maßgeblichen Motivkomplexe liegen offen zutage: Stärkung der päpstlichen Zentralmacht, Konkordatspolitik, kirchliche Struktursicherung im Dienste eines "ewigen Seelenheils", Antikommunismus, primärer Schutz von Katholiken und schließlich Angst vor einer nahenden Attacke auf die Integrität des (heilsnotwendigen) Vatikans. Dies ist der Hintergrund für seine – sehr selektive und ideologisch zementierte – "Neutralitätspolitik" und für sein durchgehendes Schweigen dort, wo angesichts der Verbrechen an Nichtkatholiken Täter und Opfer hätten beim Namen genannt werden müssen. Antisemitismus und Judenverfolgung gehörten schon ab 1933 zur deutschen Staatsdoktrin und wurden Teil der staatlichen Gesetzgebung eines von deutschen Bischöfen als "rechtmäßige Obrigkeit" bezeichneten Regimes.

Hätte Pius XII. hier mit Klartext Partei ergriffen, wäre er ja nicht mehr "politisch neutral" gewesen (schon 1940 wurde aus gleichem Grund auch ein Vatikandekret gegen den NS-Mord an Behinderten diplomatisch abgeschwächt, in dem statt von einem "unmenschlichen und frevelhaften Verbrechen" am Ende von einem "nicht erlaubten" Verstoß gegen natürliches und göttliches Recht die Rede war). So einfach ist das. Immer schön überparteilich bleiben. Je mehr das ganze Ausmaß des Massenmordens ans Licht kam, desto nichtssagender wurden – nach dem Frühjahr 1943 – die ohnehin schon kryptischen Äußerungen des Papstes. Roms Verhalten gegenüber katholischen Regimes in Kroatien und der Slowakei, die sich aktiv an der Judenverfolgung beteiligt haben, wirft daneben noch ganz andere Fragen auf.

Historisch unstrittig ist die antijudaistische Prägung der Theologie von Eugenio Pacelli. Dabei geht es weiß Gott nicht um Übersetzungsfeinheiten bezogen auf sehr unfreundliche Bemerkungen über "jüdische Bolschewisten" während der Münchener Räterepublik. Am 24. Dezember 1942, als im Vatikan kein Zweifel mehr an der laufenden Ermordung der europäischen Juden bestehen konnte, klagte Pius XII. in seiner Ansprache vor Kardinälen und Bischöfen über Jerusalems "Weg der Schuld bis zum Gottesmord". Noch am 29. Juni 1943 predigte der über die Shoa gut unterrichtete Papst dann in seiner Enzyklika "Mystici corporis", das jüdische Gesetz sei todbringend [sic!] geworden und Israels einstiges Gnadenvlies müsse nunmehr trocken bleiben.

Die späte geschwisterliche Identifizierung mit den "Semiten" durch seinen unmittelbaren Vorgänger (Pius XI.) hat Pacelli nicht aufgegriffen. Dessen Projekt einer Enzyklika gegen den Antisemitismus hat er vielmehr auf Eis gelegt (der beteiligte Jesuit Gustav Gundlach betrachtete Pacelli überhaupt als mitverantwortlich für die Verschleppung dieses Vorhabens). Auch nach 1945 unternahm Pius XII. in seiner noch langwährenden Amtszeit nichts zur Revision des katholischen Antijudaismus. Erst Papst Johannes XXIII. (1958-1963) hat die – heute wieder in Frage gestellte – Geschwisterlichkeit mit dem Volk des "nie aufgekündigten Bundes" in Theologie und Kirchenpraxis eingeleitet.

Eugenio Pacelli, der spätere Pius XII., am 20. Juli 1933 beim Abschluss des Konkordats mit Hitler-Deutschland. Ganz links der ihm eng vertraute rechte Politiker und Kleriker Prof. Dr. Ludwig Kaas, der sich nach seinem Verrat an der der katholischen Zentrumspartei in die Obhut des Vatikans begeben hatte und Deutschland nie wieder aufsuchte. Neben ihm Hitlers Steigbügelhalter, der rechtskatholische Adelige Franz von Papen. Bild: Deutsches Bundesarchiv (Bild 183-R24391). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Römisch-katholische Geschichtsfälscherwerkstatt

Zu den beliebtesten Narrativen von römisch-katholischen Pius-Apologeten gehört die Phrase, der Papst habe durch sein Schweigen Schlimmeres verhüten wollen. Tatsächlich entspricht dies einer Begründung, die Pius XII. am 30. April 1943 in einem Schreiben an Bischof Preysing selbst anführt. Was aber sollte dieses "schlimmere Übel" gegenüber der zu diesem Zeitpunkt durchgeführten und in Rom bekannten Vernichtung der europäischen Juden gewesen sein? Genau so sollte der kritische Forscher fragen: "Was wäre denn für Pius XII. schlimmer gewesen als die Shoa?" Wer sich die Kontexte anschaut, in denen der Vatikan und fast alle deutschen Bischöfe seit 1933 zu den Verbrechen an – nicht getauften – Juden beharrlich geschwiegen haben, wird hier auch schlüssige Antworten finden können.

Als die niederländischen Bischöfe aber nicht schwiegen, da weiteten die Nazis ihre zehntausendfache Massendeportation zur "Vergeltung" auch auf 114 katholisch getaufte Juden aus (zu den Mordopfern gehörte dann die später heiliggesprochene Edith Stein, deren flehentliche Eingabe von 1933 auf Pacelli offenkundig wenig Eindruck gemacht hatte). Gleichwohl aber bat der Erzbischof von Utrecht den Papst (im Verein mit vielen anderen katholischen Stimmen), in der "Judenfrage" energischer zu reagieren. Anders liest sich die Sache in den "erklärenden" Erinnerungen der Papsthaushälterin Schwester Pascalina. Der Papst habe, als er vom Schicksal der niederländischen Konvertiten erfuhr, einen schon fertig geschriebenen Protest gegen den Judenmord verbrannt.

Dieser äußerst zweifelhaft belegte Gewissenskonflikt bzw. Vorgang ist – angereichert mit astronomischen Zahlenerfindungen zu den holländischen Vergeltungsopfern – die Lieblingsgeschichte der populären Pius-Hagiographie. Im Grunde lautet die Kernaussage: "Man konnte ja beim besten Willen nichts machen, nur noch alles verschlimmern." So entwertet man im gleichen Atemzug alle (z.T. erfolgreichen) öffentlichen Akte des zivilen Ungehorsams beim Einsatz für verfolgte Juden, die es in Europa (z.B. Dänemark, Norwegen) und sogar von mutigen Frauen in der Berliner Rosenstraße ja auch gegeben hat. Niemand wäre schließlich in Deutschland für ein gemeinschaftliches Eintreten zugunsten der verfolgten Juden logistisch so "geeignet" gewesen wie die durchorganisierten katholischen Milieus. Doch es war eben die Pacelli-Linie, die schon 1933 den deutschen Katholizismus politisch kastriert und lahmgelegt hatte. Außerdem hatte das katholische Milieu über Juden ohnehin nie etwas Gutes gehört.

Und so kann man – ohne Beibringung historischer Dokumente – noch vieles konstruieren und spekulieren. Pius XII. erscheint dann als Urheber aller italienischen Untergrundhilfen für verfolgte Juden, während er natürlich von der sog. "Rattenlinie", der Fluchthilfeaktion des Vatikans für faschistische Kriegsverbrecher und katholische Massenmörder nach dem zweiten Weltkrieg, rein gar nichts gewusst hat. Dieser Papst hat – trotz entsprechender Gutachten im Vatikan – weder Adolf Hitler noch andere Nazis exkommuniziert, doch 1949 schloss er katholische Proletarier mit Verbindungen zur Kommunistischen Partei Italiens ohne Skrupel von der kirchlichen Heilsgemeinschaft aus. Auch dafür lassen sich gewiss logische Erklärungen finden, die den Antikommunisten unserer Tage einleuchten könnten.

Im Rahmen des eher fachwissenschaftlichen Diskurses ist die Auslassung gesicherter Erkenntnisse zum unseligen Pius-XII-Pontifikat die übliche Methode der frommen Geschichtsfälscher-Werkstätten. Das scheint schon 2009 die wichtigste Strategie auch der – von einem Sonderdruck der katholischen "Tagespost" flankierten – Pius-Wanderausstellung "Opus Justitiae Pax" der Päpstlichen Kommission für Geschichtswissenschaften gewesen zu sein (maßgeblich beteiligt war der unlängst zum Kardinal ernannte Kirchenhistoriker Walter Brandmüller). In einer sehr abwägenden Rezension bescheinigt Daniel Gerster den Machern der Ausstellung "eine anreizend ästhetische Unterfütterung ihrer 'Pius-Erzählung'". Der Papst wurde den Besuchern u.a. als guter Demokratenfreund von US-Präsident Franklin D. Roosevelt vermittelt. Hat man sie auch über seine Liebesbotschaften an Franco-Spanien informiert?

… jetzt auch massenkulturell und mit Hilfe des deutschen Staatsfernsehens

Aber es kann noch ganz anders kommen. Die Propaganda perfidei vollzieht sich neuerdings nämlich massenkulturell per Seifenoper, und mit dem in ultramontaner (romfreundlicher) PR erprobten Bayrischen Rundfunk sitzt dabei – neben der italienischen Produktionsfirma "Lux Vide" – auch das deutsche Staatsfernsehen mit im Boot.

In der ARD wurde das Ergebnis am 1. November 2010 ausgestrahlt: ein TV-Zweiteiler "Pius XII." bzw. "Sotto Il Cielo Di Roma" bzw. "Under The Roman Sky" (Italien/BRD 2009/2010). Der Wikipedia-Eintrag zu diesem Filmwerk ist bislang wohl nur von Fans bearbeitet worden. Der betont kirchentreue röm.-kath. Theologe Klaus Kühlwein, Autor des Buches "Warum der Papst schwieg" (2008), hat aber in einem Beitrag für die Frankfurter Rundschau und einer detaillierten Stellungnahme auf seiner Website fundierte Kritik vorgelegt. Zur vatikanischen Filmkooperation führt er in der Stellungnahme aus:

Der Vatikan unterstützte die Produktion durch den Einblick in die vertraulichen Seligsprechungsakten, durch den Zugang zu eigenen Räumlichkeiten und durch PR-Maßnahmen (wie z.B. durch einen Besuch Benedikts XVI. beim Set). Die Filmpremiere fand am 9. April 2010 in Castel Gandolfo vor den Augen Papst Benedikts statt. Nach der Aufführung lobte der Papst die Produktion als eine sehr gute historische und theologische Darstellung der Leistung Pius' XII. Besonders der Jugend der Welt sei der Film ans Herz gelegt.

Zentrale Filmthemen sind die Verhaftung und Deportation von mehr als tausend römischen Juden im Oktober 1943 und die nachfolgenden Asylhilfen für Juden durch den Vatikan. Von Kühlweins "Mängelliste", die gewiss keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellen kann, gebe ich hier nur einige ausgewählte Punkte wieder:

  1. Dem Zuschauer wird weisgemacht, der Papst habe einen vorzeitigen Abbruch der Jagd auf die Juden Roms bewirkt (frei erfunden).
  2. Dem Zuschauer wird suggeriert, Freilassungen von bereits verhafteten Menschen seien auf den Papst – und nicht auf interne Überprüfungen des verantwortlichen SS-Hauptsturmführers – zurückzuführen (frei erfunden).
  3. Die Abläufe von Razzia und Deportation werden durch das Drehbuch so stark verfälscht bzw. manipuliert, dass der Zuschauer glauben muss, Pius XII. habe kein Zeitfenster mehr zur Intervention zugunsten der vor seiner Haustür – zur späteren Ermordung – eingefangenen Juden gehabt (frei erlogen).
  4. Der Film zeigt die fiktive SS-Razzia in einem römischen Kloster (historisch gab es zwei Durchsuchungsaktionen einer italienischen Faschistengruppe).
  5. Der Film suggeriert, alle in kirchlichen Häusern aufgenommenen Juden habe man in Ordenskleider etc. gesteckt (historisch sind solche "Tarnungen" nur als Einzelfälle bekannt, und der Papst verbot dergleichen auch, als er davon erfuhr).

Viele Verdrehungen und erfundene Charaktere, die Papst und römischer Kirche zugute kommen, schmücken das Werk, während Gesichertes aus dem Geschichtsverlauf herausgeschnitten ist. Die mit Pius XII. persönlich bekannte katholische Prinzessin Enza Aragona hatte den Papst am Morgen des 16. Oktober 1943 selbst aufgesucht und – ganz vergeblich – um Intervention angesichts der angelaufenen Judendeportation gebeten. Für jeden um Dramatik bemühten Filmemacher wäre diese historisch verbürgte Szene ein "Muss" im Drehbuch gewesen. Wir brauchen an dieser Stelle nicht mehr erklären, warum sie in der von Benedikt XVI. gelobten TV-Produktion fehlt.

Der "unvorbelastete" Fernsehzuschauer bekommt schließlich den Eindruck, die von Kardinal Faulhaber entworfene und vom Vorgängerpapst Pius XI. ausgesandte Enzyklika "Mit brennender Sorge" (1937) sei Pacellis ureigenes Werk gewesen. Tatsächlich hat Pacelli u.a. scharfe Anklagen wegen Konkordatsbruch (und ausgewählte Aspekte der theologischen "Vatikangutachten" zur Nazi-Ideologie) eingearbeitet. Aber – und das macht die betreffende Filmszene so schlimm – mit keinem Federstrich hat er dafür gesorgt, dass in dem – von Milieunetzen z.T. unter Lebensgefahr verbreiteten – Papstrundschreiben an alle deutschen Katholiken das Wort "Jude" auch nur ein einziges Mal zu lesen war. Die Prioritäten dieses Redaktors im vatikanischen Staatssekretariat sind leicht ersichtlich. So hat Pacelli auch nichts unternommen zu einer kirchlichen Verurteilung der "Nürnberger Rassegesetze" und der Reichspogromnacht von 1938. Dem deutschen Kirchenvolk hatte die Hierarchie Gehorsam beigebracht; es wurde mit sehr wenigen Ausnahmen bei "Judenfragen" auch nicht rege.

Mit Pacellis Persönlichkeitsprofil freilich hat der Filmpapst ohnehin so gut wie nichts gemeinsam. Im Abspann des ersten Teils hätte man sich ein Votum von Signora Settimia Spizzichino, der einzigen Frau unter den fünfzehn Überlebenden des gezeigten Geschehens, gewünscht. Nicht ein einziges Kind, so schrieb sie in ihrer Autobiographie, habe Pius XII. während der Judenrazzia in Rom gerettet. Ja, so und nicht anders war es.

Propagandistische Fiktion kann sich nicht mit "Kunst" herausreden

Selbstredend ist bei der künstlerischen Bearbeitung eines historischen Stoffes in den Drehbuchfiktionen alles erlaubt, wenn es der guten Unterhaltung dient und geschichtliche Stimmungen oder Vorgänge verdichtet. Auch Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" (1963), das eine ganze Historikergeneration wachgerüttelt hat, und die gleichnamige Verfilmung (2002) sind äußerst freie Fiktionen. Etwas ganz anderes aber ist die planmäßige Vermischung von Fakten, Halbwahrheiten und interessegeleiteten Erfindungen – im Verein mit gezielten Auslassungen – im Dienste der geschichtsfälschenden Propaganda bzw. der Manipulation des öffentlichen Geschichtsgedächtnisses. Und damit haben wir es beim Film "Pius XII." zu tun (ein älteres Vorbild wie J. Londons "The Scarlet and the Black" von 1983 erreicht nicht annähernd die Perfidie dieses Filmtitels). Man kann nur wünschen, dass an historischen Fakultäten Examensarbeiten zu dieser Fernsehproduktion vergeben werden, denn dabei gäbe es sehr viel zu lernen.

Nachdem ich nun als Fernsehverweigerer Weihnachten 2009 doch die Gelegenheit hatte, eine Aufzeichnung des Zweiteilers zu sehen, kann ich nur sagen: die hier angewandten Propagandamethoden unterscheiden sich nur unwesentlich von denen des Hollywood-Pentagon-Komplexes, die ich in den Bücher "Kino der Angst" (2007/2009) und "Bildermaschine für den Krieg" (2008) darstelle. Kritische Anfragen durch zeitnahe historische Forschungen werden nach einem ähnlichen Muster aufgegriffen und dann ad absurdum geführt wie z.B. im Film "Pearl Harbor" (USA 2001), bei dem nahezu alle US-Waffengattungen Unterstützungsleistungen erbracht haben. (Der melodramatische Rahmen dient vor allem dazu, beim Zuschauer die Großhirnrinde zu betäuben.) Das allein ist schon gruselig genug.

Angesichts des Umstandes, dass jüngst ein anspruchsvoller Film wie "Von Menschen und Göttern" (Frankreich 2010) auch bei kirchenkritischen Rezensenten viel Wohlwollen gefunden hat, stimmt außerdem das künstlerische Niveau dieses Pius-XII-Machwerks sehr traurig. Es entspricht voll und ganz der Ästhetik des Ratzinger-Pontifikates, in dem rote Pelzmäntelchen, passendes Käppchen und anderer feudalistischer Schnickschnack wieder hoch im Kurs stehen. Als milieukatholisch sozialisierter Christ liebe ich natürlich guten religiösen Kitsch, aber dieser bestellte Papst-Kitsch über ein todernstes Thema lässt bei mir nur Brechreiz aufkommen. Die katholische Kulturszene driftet derzeit offenbar ab in ein Gaga-Stadium des schlechten Geschmacks.

Seriöse Kirchengeschichtsforschung in Münster – aber folgenlos

Kühlwein gehört mit seinen Einsprüchen gegenwärtig zu den wenigen Ausnahmen. Zur Ehrenrettung der wissenschaftlichen Traditionen im deutschsprachigen Katholizismus sei aber auch auf das Seminar für neuere Kirchengeschichte an der Universität Münster – unter der Leitung von Prof. Dr. Hubert Wolf – hingewiesen. Es ist bekannt für ein sehr zielstrebiges Forschungsprojektmanagement und in Deutschland wohl das wichtigste Zentrum für Pacelli-Studien.

Wolf hat u.a. 2008 sein wichtiges Buch "Papst und Teufel" herausgebracht und zusammen mit Klaus Unterburger in der Münsterischen "Theologischen Revue" (Nr. 4/2009) einen Forschungsbericht "Papst Pius XII. und die Juden" veröffentlicht. Hier finden Leser, die nur auf loyale römisch-katholische Untersuchungen zurückgreifen wollen, hinlänglich viele Gründe, um über Joseph Ratzingers eiliges Pius-Tugendgrad-Dekret vom 19. Dezember 2009 in Kopfschütteln und Entsetzen zu geraten. – Nur, so muss man fragen, was nützen am Ende seriöse, ja sehr beachtliche Forschungen, wenn die beteiligten Wissenschaftler sich nicht gleichzeitig als Mitglieder der röm.-kath. Kirche laut zu Wort melden?

Immerhin, im Internet findet man einen Vortragsbericht vom Mai 2009, dem zufolge Wolf mit sanften Worten gefordert hat: "Bevor wir aber die Quellen nicht kennen, sollten wir nicht weiter spekulieren – und man sollte aus historischen Gründen von einer Seligsprechung Pius' XII. vorerst absehen."

Als Minimum einer kritischen Bewertung muss man heute erwarten können, was Hans Küng in einem SZ-Interview zum Thema gesagt hat:

Aufs Ganze gesehen, bleiben trotz allem die Bedenken bestehen, dass Pius in der Frage des Judentums und des Holocaust versagt hat, weil er nicht die Kraft aufbrachte zu einem prophetischen Zeugnis. Er hat vor allen zu allen deutschen Verbrechen geschwiegen, wiewohl er seit 1942 vor allem über den Berner Nuntius sowie über italienische Militärpfarrer bestens Bescheid wusste. Selbst von seiner deutschen Vertrauten, Schwester Pasqualina, wurde er in der Causa Holocaust bestürmt – vergebens. Pius hat sich geweigert, den größten Massenmord in der Geschichte öffentlich zu kritisieren. Gegen dieses Faktum kann man nicht einfach irgendwelche Dokumente anführen.

"Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen"

Bezogen auf die "Geheimen Archive des Vatikans" bedarf es nun an dieser Stelle keiner Verschwörungstheorien. Das für jüdische und ernsthafte römisch-katholische Forscher gleichermaßen ärgerliche Faktum ist seit vielen Jahren bekannt. Die entscheidenden Aktenbestände über die päpstliche Amtszeit von Eugenio Pacelli ab 1939, ohne deren Studium ein irgendwie zuverlässiges historisches Bild gar nicht entstehen kann, sind für die Forschung schlichtweg noch nicht freigegeben.

Dass man hier mutmaßt, das Vertrauen des Vatikans in die heroische Tugendhaftigkeit von Pius XII. sei vielleicht doch nicht so unerschütterlich, liegt nahe. Erst in einigen Jahren – zeitlich wohl erst nach der Krönung des unverdrossen durchgezogenen Seligsprechungsverfahrens – ist mit einer Aktenfreigabe zu rechnen. Dann wird die Forschung zur Sichtung der rund 200.000 archivalischen Einheiten noch einmal ein Jahrzehnt oder mehr benötigen.

Warum nun also die Eile an anderer Stelle? Schon Papst Leo XIII. (1810–1903) zitierte mit Überzeugung die Forderung Ciceros: "Erste Norm des Geschichtsschreibers ist es, die Wahrheit zu sagen, sodann nichts Wahres zu verschweigen." Heute müssen wir hinzufügen: "Auch darf man in der Kirche die Wahrheitsfindung nicht verschleppen, so dass sie bei wichtigen Entscheidungen erst ansichtig wird, wenn alles zu spät ist." Die kritische Geschichtswissenschaft ist eine unersetzliche Verbündete der Kirchenreformbewegung und von den offenen Katholiken der Neuzeit stets geschätzt worden. Hingegen biegen sich die Drahtzieher einer autoritären Kirche bis heute die Geschichte stets so zurecht, wie es ihnen gerade passt. Und leider – so sehen wir gegenwärtig wieder – lassen ihnen die meisten Medien und römisch-katholischen Akademiker das durchgehen. Schon der aktuelle Wikipedia-Eintrag zu Eugenio Pacelli, an dem zweifellos auch engagierte Pius-Apologeten mitgearbeitet haben, vermittelt Horror und Quellennachweise im Überfluss. Doch wen interessieren im 3. Jahrtausend noch Fakten und kritische Fragestellungen?

Auch unabhängig von der römisch-katholischen Geschichtspolitik bleibt zu konstatieren, dass der derzeitige Papst, der Platoniker Joseph Ratzinger, keinen wirklichen Zugang zu den historischen Wissenschaften hat. Ganz unbekümmert zählt er z.B. in seinem Bestseller "Jesus von Nazareth" ein Werk des Tübinger Dogmatikers Karl Adam zu den "begeisternden Jesus-Bücher" seiner Jugendzeit. Doch dieser Karl Adam gehörte zu jenen deutschen "Reformtheologen", die die Aufnahme nationalistischer und antisemitischer Ideologien als "modern" und angesagt betrachteten. Sollte Benedikt XVI. das wirklich nicht gewusst haben, kann es – trotz theologischer Habilitation – mit seiner historischen Bildung in Sachen "Neuzeit" nicht weit her sein.

Alle Katholiken, die heute schweigen, sind mitverantwortlich

Zeitumstände und lange Amtszeit hat Pius XII. in seinem "Testament" als Milderungsgründe für sich geltend gemacht: "Sei mir gnädig, oh Herr, nach deiner großen Barmherzigkeit. Die Mängel und Fehler, die während eines so langen Pontifikates und in solch schwerer Zeit begangen wurden, haben mir meine Unzulänglichkeit klar vor Augen geführt." Pius XII. hat mit seiner Amtsführung in den drängendsten Zeitfragen den Anspruch der Botschaft Jesu von Nazareth auf beschämende Weise verraten. Doch auch er verdient – rückwirkend – unser menschliches Mitleid. Nicht jedoch verdienen es jene, die seine tragische Persönlichkeit mit Hilfe von PR-Lügen, massenkulturellen Auftrags-Hagiographien und Auslassungen überhöhen und noch als mustergültiges Vorbild vorstellen.

Zu den explosiv angestiegenen antijudaistischen und antisemitischen Umtrieben im Katholizismus der Ratzinger-Ära habe ich wiederholt auch in Telepolis Beiträge veröffentlicht. Wer nicht glauben will, wie weit das zugrundeliegende "Gedankengut" in kirchlich-traditionalistische Kreise hineinreicht, nehme z.B. das neue Buch "Der heilige Schein" von David Berger ("Vom Weltjudentum gesteuerte Attacke auf Kirche und Papst") zur Hand. Was sich hier insgesamt abspielt, verdient die traurige Überschrift: "Der Fundamentalismus besiegt die Geschichte." Der gegenwärtige Abschied von allem, was in den Tagen des letzten Reformkonzils der römischen Weltkirche so viel Achtung bei zahllosen "Menschen guten Willens" auch außerhalb von Kirche und Gottesglauben eingebracht hat, geht einher mit einem selbstverliebten Ästhetizismus. Und auch dafür gibt es Beifall von Leuten, die nicht römisch-katholisch sozialisiert sind. Diesmal freilich kommen diese von den rechten Rändern. (Es sei in diesem Zusammenhang nachdrücklich betont: Nur eine "semitophile Kirche" im Sinne von Johannes XXIII. hat gegenwärtig das Recht – und auch die drängende Pflicht, die staatliche Politik Israels unter dem Maßstab des ausnahmslos für alle geltenden Menschenrechtes zu beklagen.)

Ich bin nicht der einzige Katholik, der sich ob der gegenwärtigen Kirchenhierarchie in Grund und Boden schämt. Es ist höchste Zeit zum frommen Ungehorsam. Wer als römisch-katholischer Christ in der Lage ist, den Stand der historischen Forschung auch nur halbwegs zur Kenntnis zu nehmen, und dennoch heute schweigt, wird morgen die Mitverantwortung für eine geschichtspolitisch durchgepeitschte Beatifikation des Pacelli-Papstes übernehmen müssen. Muss sich das lange vorher absehbare Drama der neuen, päpstlich formulierten "Karfreitagsfürbitte für die Bekehrung der Juden" wirklich auf einem anderen Schauplatz wiederholen?

Der Verfasser ist röm.-kath. Theologe und Autor des Kirchenreformbuches "Die fromme Revolte" (2009). Im Internet ist sein Dossier Pro Judaeis – Die römisch-katholische Kirche und der Abgrund des 20. Jahrhunderts abrufbar.

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