Die Aufklärung schafft sich ab

20.01.2011

Nach einen britischen Wissenschaftler könnten extrem religiöse Menschen, weil sie mehr Kinder zeugen, zur Mehrheit werden

In Deutschland haben wir unseren Sarrazin, die Briten haben zumindest den Wirtschaftsprofessor Robert Rowthurn von der Cambridge University, der auch gerne bei den Genen wildert und irgendwie Kultur, Religion und Evolution zusammenmischt. Während Sarrazin Deutschland durch die genetisch dümmere Unterschicht und die gleichfalls dümmeren Muslime, die durch erhöhte Fruchtbarkeit nach und nach die Dominanz erringen sollen, gefährdet sieht, meint Rowthurn, dass Religion genetisch verankert sein könnte und nimmt daher auch schon mal ein Religiositätsgen an, um seine Berechnungen durchführen zu können. Und weil die Religiösen mehr Kinder als die Nichtreligiösen kriegen, könne sich das Religiositätsgen oder der genetische Polymorphismus, der für Religion prädisponiert, verbreiten, was dann letztlich die Aufklärung gefährdet, sollte der Professor Recht haben.

Rowthorn, dessen Text immerhin in den Proceedings of the The Royal Society B erschienen ist, geht davon aus, dass die Religion biologische Wurzeln habe, was angeblich weithin anerkennt werde. Genetisch sei in den Gehirnen der Glaube an übernatürliche Entitäten, denen man zu gehorchen habe, sowie die Empfänglichkeit für Riten und Zeremonien festgelegt. Unterschiedliche Meinungen gebe es nur, inwieweit sich der religiöse Hang auch auf die Biologie auswirke. Dabei geht Rowthorn, der sich mit Begründungen nicht lange aufhält, davon aus, dass zwar der Hang zum Religiösen genetisch verankert sei, die Fruchtbarkeit hingegen sei ein rein kulturelles Phänomen.

Als Beleg für die grundlegende These wird auf den World Values Survey verwiesen, aus dem hervorgeht, dass in 82 Ländern zwischen 1981 und 2004 Menschen, die einen Gottesdienst mehr als einmal in der Woche besuchen, durchschnittlich 2,5 Kinder haben. Wer einmal im Monat geht, hat immerhin noch 2,01, die Nichtreligiösen nur noch 1,67 Kinder. Extrem religiöse Sekten wie die Amish haben sogar eine Fertilitätsrate von 6,2. Die Amish haben sich zwischen 1991 und 2010 von 123.000 auf 249.000 verdoppelt. Ähnlich sei es bei ultraorthodoxen Juden wie den Haredi. Je religiöser die Menschen sind, desto mehr Kinder zeugen sie, so der Ökonom. Selbst wenn die Fertilitätsrate bei den Amish konstant bliebe, würden sie bis Ende des Jahrhunderts erst 7 Millionen Mitglieder zählen. Trotzdem sagt Rowthorn, dass durch solche Fertilitätsraten "eine winzige Bevölkerungsgruppe zur Mehrheit" werden könne.: "Das wird unweigerlich geschehen, wenn nicht säkulare Kräfte das Wachstum dieser Gruppen durch Reduzierung der Geburtsraten oder Zunahme der Abtrünnigen einschränken."

Von vorneherein hat die Hypothese der genetischen Verankerung der Religion aber einen schweren Stand, sollte man meinen. Wenn es einen genetisch festgelegten Hang zur Religion gibt und sich Religion über die Fruchtbarkeit ausbreitet, dann müsste eigentlich erst einmal geklärt werden, warum überhaupt Aufklärung und Atheismus entstehen und sich verbreiten konnten. Das interessiert den Wirtschaftsprofessor, der in der Evolutionstheorie wie Sarrazin dilettiert, aber offenbar nicht. Interessiert scheint er nur zu sein, den möglichen Aufstieg des Religiösen in der Zukunft zu belegen und dazu Statistiken auszuarbeiten.

Kurzfristig allerdings sieht er die Ausbreitung der Religiösen durch größere Fruchtbarkeit dadurch begrenzt, dass es in den religiösen Kulturen und Gruppen immer wieder zu mehr oder weniger Abtrünnigen komme, wodurch die Zunahme der Religiösen gebremst oder deren Vertreter sogar auch weniger werden können. Gründe, warum die genetisch vorgeprägten Menschen die Religion hinter sich lassen, werden nicht angeführt. Aber selbst wenn dies eintrifft, so Rowthorn, würden die aus den religiösen Gruppen stammenden Gene sich auch über die Abtrünnigen in den Gesellschaften verbreiten. Diese würden mit ihrer genetischen Neigung zum Religiösen zwar nicht mehr religiös werden müssen, aber sie würden die genetische Prädisposition säkular durch Reproduktion verbreiten. Und weil die genetische Prädisposition nach Ansicht von Rowthorn verbunden sei mit einer Hörigkeit gegenüber Autoritäten und Konservatismus, würden sich zumindest diese Werte in den Gesellschaften verbreiten. Nicht einmal hier überlegt der Professor, ob religiöse Menschen, Gene hin oder her, zu autoritären Strukturen oder autoritätsgläubige, gesellschaftskonforme Menschen zur Religion neigen.

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