"Aufarbeitung der braunen Vergangenheit ist längst überfällig"

18.01.2011

Spuren von Klaus Barbie, dem "Schlächter von Lyon", wurden in Westdeutschland verschleiert. Der BND rekrutierte den Ex-SS-Mann derweil und zahlte ihm 5.300 D-Mark Honorar - Teil 2

In den 1960er Jahren nahmen die Widersprüche im Fall Barbie zu. Nach jahrelangen Kontakten engagierte der westdeutsche Bundesnachrichtendienst (BND) den Nazi-Kriegsverbrecher für nachrichtendienstliche Tätigkeiten in Bolivien. Zugleich zog sich die Schlinge um Barbie zu. Einen maßgeblichen Anteil daran hatten aber nicht die westdeutschen Behörden, die in dieser Sache – ohne es zu wissen – gegen die eigenen Geheimdienste arbeiteten, sondern private Ermittler wie die Eheleute Klarsfeld. Ende 1966, nur wenige Monate nach der Rekrutierung, ließ der BND seinen Mitarbeiter Barbie daher wieder fallen. Anfang 1983 wurde Barbie schließlich aus Bolivien nach Französisch-Guyana abgeschoben und in Frankreich vor Gericht gestellt. Der Historiker Peter Hammerschmidt von der Universität Mainz hat die Spuren erstmals umfassend nachverfolgt. Der erste Teil des Gesprächs behandelt vorwiegend die Zusammenarbeit mit den US-amerikanischen Geheimdiensten nach dem Krieg: "Ausgeprägte antikommunistische Haltung".

Herr Hammerschmidt, Anfang der 1960er Jahre wurde in der Bundesrepublik nach Klaus Barbie gefahndet – allerdings ohne Ergebnis. Hatten die Ermittlungsbehörden denn rückblickend überhaupt keine Anhaltspunkte, wo sich der ehemalige SS-und Gestapo-Mann aufhielt?

Peter Hammerschmidt: Doch, diese Anhaltspunkte gab es. Denn bei einer Polizeistation in der Kassler Eichwaldstraße 83 gab am 12. April 1961 eine Verwandte von Barbie mit dem Nachnamen Bouness zu Protokoll: "Ich weiß, dass der Beschuldigte damals beim amerikanischen Geheimdienst irgendwie angestellt und beschäftigt war. (...) Ungefähr im Jahre 1949 besuchte Frau Anna Barbie (Barbies Mutter, Anm. d. Red.) meine Eltern und mich hier in Kassel. Bei dieser Gelegenheit erzählte die Tante, Klaus Barbie und seine Familie seien von Amerikanern ins Ausland verbracht worden." Sie berichtete auch von Barbies Flucht nach Bolivien. Bouness nannte den Ermittlern der Staatsanwaltschaft Kassel Barbies Alias "Altmann". Dennoch verliefen die Ermittlungen im Sande.

Fahndungsfoto von Klaus Barbie

Weil es an politischem Willen fehlte?

Peter Hammerschmidt: Aber auch, weil es in diesen Fällen kein etabliertes Fahndungsverfahren gab. Die Interpol lehnte eine Zusammenarbeit mit dem Argument ab, es handele sich bei NS-Verbrechen um politisch motivierte Taten. Die deutsche Abteilung der Interpol im Bundeskriminalamt begrüßte diese Verweigerungshaltung, was angesichts der Nazi-Vergangenheit einiger der zuständigen Personen nicht verwunderlich ist. Selbst wenn ein Haftbefehl vorlag, scheuten die Behörden häufig vor einem zeit- und kostenaufwendigen Fahndungs- und Auslieferungsverfahren zurück. Die Zurückhaltung staatlicher und internationaler Institutionen rief letztlich nichtstaatliche Akteure auf den Plan.

Zu ihnen gehörten im Fall Klaus Barbies vor allem die Eheleute Beate und Serge Klarsfeld. Ihnen ist es zu verdanken, dass der Prozess gegen Barbie letztendlich doch noch realisiert wurde. Die öffentliche Debatte durch die Arbeit der Eheleute Klarsfeld zu Beginn der 1970er waren bereits Anlass für ein französische Auslieferungsersuchen durch die Regierung von Georges Pompidou im Jahr 1972. Nachdem die Nazijäger Klarsfeld erfahren hatten, dass die Staatsanwaltschaft München unter Vorsitz von Staatsanwalt Rabl am 22. Juni 1971 die Verfolgung des ehemaligen Gestapo-Chefs aus Mangel an Beweisen endgültig auf Eis gelegt hatte, erstellten sie Dossiers über Barbies Verbrechen in Frankreich, die sie an alle internationalen Nachrichtenagenturen und Résistance-Vereinigungen in der Gegend von Lyon sandten.

Zu diesem Zeitpunkt war Barbie für die USA tätig und hatte auch für den BND gearbeitet. Setzte das Washington nicht unter Druck?

Peter Hammerschmidt: Ich glaube schon, dass sich das US-Außenministerium seiner moralischen Verpflichtung im Fall Barbie bewusst wurde. Aber es mangelte dem Ministerium an den jeweiligen Unterlagen. Auf dieser Ebene konnte man nicht beweisen, dass Klaus Barbie von den eigenen Leuten mit der falschen Identität "Klaus Altmann" ausgestattet worden war.

Am 19. Januar 1972 veröffentlichte die Pariser Zeitung "l'Aurore" auf der Titelseite die von den Klarsfelds weitergeleitete Meldung, dass Barbie von Bolivien nach Peru ausgewichen sei. Er beabsichtige nun, hieß an dieser Stelle, in Paraguay, wo auch Bormann und Mengele vermutet worden waren, unterzutauchen. Mit dem Ziel, die südamerikanischen Staaten für die Verfolgung des NS-Verbrechers zu sensibilisieren, bestieg Beate Klarsfeld am 27. Januar 1972 ein Flugzeug in Richtung Lima. Ihre Behauptung, dass "Klaus Altmann" der gesuchte NS-Verbrecher Klaus Barbie war, konnte sie mit mehreren Beweisen untermauern.

Zu einem Treffen mit "Altmann" kam es jedoch nicht...

Peter Hammerschmidt: Nein, denn ein peruanisches Polizeikommando hatte Barbie bereits die Flucht nach Bolivien ermöglicht. Noch in Lima bestritt "Altmann" vehement, mit Barbie identisch zu sein. Auch den Vorwurf, er sei nach Peru geflüchtet, wies "Altmann" zurück. Nach seinen Worten hielt er sich in Peru im Auftrag der bolivianischen Schifffahrtsgesellschaft auf, um dort über den Kauf von Schiffen für Bolivien zu verhandeln. Beate Klarsfeld musste sich eingestehen, dass sie in Lima einen Rückschlag erlitten hatte.

Letztlich aber war die Nazi-Jägerin erfolgreich.

Peter Hammerschmidt: Nach vielen Wirren in Bolivien lief das Auslieferungsverfahren gegen Barbie Jahre später an. Das Verfahren begann schließlich im Januar 1983, als der Generalstaatsanwalt einen deutschen Auslieferungsantrag vorlegte. Zwar wurde der deutsche Botschafter bei der neuen bolivianischen Regierung vorstellig, um die dortigen Bemühungen um Barbies Auslieferung voranzutreiben. Aber die deutsche Regierung schien keineswegs an einer Überführung Barbies nach Deutschland interessiert zu sein.

In der Bundesrepublik war das Thema wenige Jahre zuvor wieder einmal hochgekocht, damals ging es um die Affäre um den CDU-Mann und Ex-Nazi Hans Filbinger.

Peter Hammerschmidt: In der Tat. Die Bundesregierung beteuerte gegenüber den bolivianischen und französischen Behörden immer wieder, Deutschland würde nicht über die entsprechende Beweislage verfügen, um eine Verurteilung Barbies garantieren zu können. Ich schließe aber nicht aus, dass die Regierung von Helmut Kohl nach den Enthüllungen der "Filbinger-Affäre" von 1978 darum bemüht war, durch den Fall Barbie alten Wunden nicht wieder aufzureißen. Eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit deutscher Behörden und die belasteten Biographien führender CDU-Politiker wären während der Wahlperiode im Herbst 1983 ungünstig gewesen.

Am 4. Februar 1983 schließlich wurde Barbie vom Gefängnis zum Flughafen Al Alto gebracht und mit einer bolivianischen Maschine nach Cayenne in Französisch-Guyana abgeschoben Die Bundesregierung hatte am 26. Januar in der Antwort auf die Anfrage der Bolivianer bezüglich einer Auslieferung Barbies nach Deutschland ihr Auslieferungsbegehren hinter dem Ersuchen der Franzosen zurückgestellt. In Guyana verhafteten schließlich französische Sicherheitskräfte den wegen seiner Kriegsverbrechen gesuchten Barbie und flogen ihn nach Lyon, wo er im Gefängnis Montluc inhaftiert wurde. Der ehemalige Gestapo-Chef war wieder an den Ort seiner Verbrechen zurückgekehrt.

Kriegsverbrecher Barbie im Dienst des Bundesnachrichtendienstes

Herr Hammerschmidt, der Spiegel hat für einen Artikel in seiner aktuellen Ausgabe einen Teil der Akten ausgewertet, die auch Ihnen vorliegen. Diese Unterlagen bestätigen, dass Barbie für den westdeutschen Bundesnachrichtendienst (BND) arbeitete. Wie und wann wurde er vom BND angeworben?

Peter Hammerschmidt: Die BND-Akte von Klaus Barbie, die ich nach einer Beschwerde beim Bundeskanzleramt im September 2010 endlich einsehen konnte, bestätigt den Verdacht, dass Klaus Barbie unter seinem Pseudonym "Klaus Altmann" seit Mai 1966 in engem Kontakt mit dem westdeutschen Geheimdienst stand. Es waren die "einflussreichen privaten und geschäftlichen Beziehungen" des Herrn "Altmann" zu bolivianischen Regierungs- und Geheimdienstkreisen, die letztendlich den Ausschlag dafür gaben, den Exildeutschen als "politische Quelle" auf die Gehaltliste des BND zu setzen.

Die unmittelbare Kontaktaufnahme erfolgte durch Oberst a.D. Walter Drück, Korrespondent der Waffenfirma MEREX, die enge Beziehungen zum BND unterhielt. Barbie wurde 1966 der offizielle Repräsentant der Firma MEREX in Bolivien und belieferte südamerikanische Militärdiktaturen mit entsprechenden Waffen.

Was wusste der BND über Barbies NS-Biographie?

Peter Hammerschmidt: In seiner Informanten-Kartei wurde über "Adler", so Barbies BND-Deckname, festgehalten, dass er während des Zweiten Weltkrieges in einer Panzerdivision an der Normandie gekämpft hätte. Auch die übrigen Angaben über Barbies NS-Laufbahn sind gespickt von Fehlern oder entsprechende Vita-Lücken, die offenbar bewusst nicht weiter verfolgt wurden. Zur politischen Gesinnung heißt es: "1930 Eintritt in die HJ, rechtsstehend und antikommunistisch".

Der BND war also nicht ahnungslos, wen er sich da ins Boot geholt hatte?

Peter Hammerschmidt: Die Staatsanwaltschaft Hamburg hatte bereits zwei Jahre zuvor eine Anfrage an den BND gesandt, in der sie nach Informationen verlangte, ob man Barbie beschäftige. Ein Informant mit diesem Namen war auf den Gehaltslisten zwar nicht zu finden. Aber der in Deutschland wegen Kriegsverbrechen gesuchte Barbie galt als flüchtig, man vermutete ihn nach übereinstimmenden Aktenangaben von Staatsanwaltschaften und BND in La Paz, Bolivien. Fest stand auch, dass Barbie zwei Kinder hatte, einen Sohn, Jörg, und eine Tochter, Ute. Ein Blick in die Akte der Südamerika-Informanten hätte 1966 verraten, dass "Altmann" ebenfalls in La Paz lebte, Deutscher war und Kinder mit diesen Namen hatte.

Außerdem war Barbie am 25. Oktober 1913 geboren. "Altmann", der unter falschem Namen in Bolivien eingereist war, feierte seinen "neuen" Geburtstag am 25.10.1915. Was bleibt, ist die Frage, ob der BND bei seiner Entscheidung bewusst über die verfügbaren Anhaltspunkte hinwegsah, oder ob die in der Tat vielversprechenden Beziehungen, die "Altmann" zum Zeitpunkt seiner Rekrutierung anzubieten hatte, dessen braune Vergangenheit schlichtweg vergessen ließen. In einem BND-Memorandum vom 21. September 1966 heißt es dazu: "Betr.: V- 43 118: Die Tatsache allein, dass V-43 118 SS-Hauptsturmführer war, schließt nicht aus, ihn als Quelle zu verwenden."

Weshalb erfolgte schon Ende 1966 die Trennung? Der BND beendete damals die Zusammenarbeit und zahlte Barbie eine Abfindung ...

Peter Hammerschmidt: Als "Altmann" im Dezember 1966 eine Schulungsreise nach Deutschland verweigerte, wurde der BND stutzig. "Altmann" gab zu erkennen, dass seit Kriegsende Ermittlungen gegen seine Person laufen und dass er aus diesem Grund nicht in die Bundesrepublik einreisen könne. Aufgrund dieser "erheblichen Sicherheitsgefährdung für den BND" beschloss die damalige Führungsstelle, seinen Informanten noch im selben Monat, am 10. Dezember, abzuschalten. Als endgültige Abfindung erhielt Barbie alias "Altmann" alias "Adler" 1.000 Deutsche Mark in bar. Die Notbremse war in letzter Sekunde gezogen worden. Für die US-Amerikaner kam diese "Notbremse" Jahrzehnte zu spät.

Ursprünglich war für V-43 118 im Monat Dezember eine Nachschulung in der Bundesrepublik Deutschland vorgesehen. V-43 118 hatte in seiner Zusage einschränkend jedoch darum gebeten, den geplanten Treff mit ihm nicht in Deutschland, sondern in Spanien durchzuführen.

V-43 118 begründete dies damit, dass er wegen eines seit Kriegsende gegen ihn in Ludwigsburg schwebenden Verfahrens nicht in die Bundesrepublik Deutschland einreisen könne. Vorgesetzte Stelle entschied, dass V-43 118 abzuschalten sei, nachdem die weitere Personenforschung des V-43 118 ergeben hatte, dass bei seiner Weiterverwendung eine erhebliche Sicherheitsgefährdung für den BND bestand.

Auszug aus der BND-Akte

Um nach der Abschaltung "Altmanns" nicht auf dessen detaillierten Berichte über die politische Großwetterlage in dem südamerikanischen Staat Bolivien verzichten zu müssen, spielte der BND mit dem Gedanken, "Altmanns" Sohn, Klaus-Jörg Altmann (Barbie), der die staatliche Reederei Transmaritima Boliviana in Hamburg repräsentierte, als Informanten anzuwerben. Es gibt dazu zahlreiche Korrespondenzen eines anonymen BND-Kontaktmanns mit dem Decknamen Holm. Seine wahre Identität ist noch nicht bekannt.

Es ist beabsichtigt, den Sohn als Ausweichadresse zu benutzen. Eine Einweisung erscheint daher ratsam.

Auszug aus BND-Akte

Betr. Evtl Wiederaufnahme der Verbindung DN ADLER über Sohn in Spanien: DN Holm wendet sich in einem persönlichen Schreiben an DN ADLER und versucht zu klären, ob DN ADLER bereit ist, künftighin anfallende ND-Erkenntnisse seinem Sohn in Barcelona mitzuteilen, der wiederum diese Informationen an die DA (=Deckadresse) des DN HOLM weiterleitet. Im Falle seiner Bereitschaft unter verändertem Vorzeichen müsste DN ADLER die Anschrift seines Sohnes in Barcelona DN HOLM mitteilen. Nach Eintreffen der Anschrift des DN Adler jr. ist sofort PA über ihn zu stellen.

Brief von BND-Mann "Holm" an Barbie, 3. August 1967

Zu weiteren Beziehungen kam es jedoch nicht. Die Führungsstelle lehnte eine Kontaktaufnahme zu Barbies Sohn ab.

Sie sind bei Ihren Recherchen auch auf ausführliche Informationen zu den Zahlungen des Bundesnachrichtendienstes an Barbie gestoßen. Wie viel Geld hat der "Schlächter von Lyon" von der Bundesrepublik Deutschland erhalten?

Peter Hammerschmidt: Für sieben Monate voller Tätigkeit erhielt Barbie über das Konto Nummer 1210070603034 der Chartered Bank of London in San Fransisco, USA, exakt 5.300 Deutsche Mark.

Welche Informationen lieferte Barbie an den BND?

Peter Hammerschmidt: Die Informationen, die Barbie dem BND im Zeitraum zwischen Mai und Dezember 1966 zur Verfügung stellte, sind noch nicht abschließend aufgearbeitet. Die wenigen vorhandenen Berichte aus Bolivien deuten jedoch daraufhin, dass Barbie den westdeutschen Geheimdienst präzise über die politischen Entwicklungen in Bolivien und anderen südamerikanischen Staaten unterrichtete. Diese Informationsübertragung verlief über bisher nicht entschlüsselte Synonyme: Der als "Holzimporteur" tätige Barbie lieferte Holz-News aus den bolivianischen Urwäldern und belieferte damit den BND mit Infos über die politische Lage. So heißt es in den Unterlagen etwa:

Ich hoffe, dass inzwischen weitere Ware, die von mir verschickt wurde, eingetroffen ist und auch qualitätsmäßig Anklang gefunden hat. In der sicheren Annahme, dass sich unser Holzgeschäft weiterhin gut entwickeln wird, verbleibe ich mit den allerbesten Grüßen, Karl Adler.

Brief von Barbie alias "Altmann" alias "Adler" an BND-Mann "Holm", 11.06.1966

An Barbies Fähigkeiten als erfahrener Geheimdienst-Agent zweifelte der BND zu keiner Zeit. In der Beurteilung wurde seine nachrichtendienstliche Eignung beschrieben. Er wurde als "intelligent, sehr aufnahme- und anpassungsfähig, verschwiegen und zuverlässig" beschrieben. In einem Brief von "Holm" an "Altmann" vom 1. Juli 1966 heißt es: "Die Qualität Ihrer Ware wird hier als sehr gut beurteilt."

Die Unterquellen, die sich in Barbies BND-Akte finden lassen, bestätigen den enormen Einfluss des Herrn "Altmann" auf bolivianische Militär- und Regierungskreise:

Betr.: Unterquellen: Die nachfolgenden Namen sind ADLERs Unterquellen. Er steht mit ihnen in privater und geschäftlicher Verbindung. ADLERs Sicherheitslage wurde noch einmal eingehend zu jeder Unterquelle erörtert. ADLER wird künftighin hinter eine Meldung nur die entsprechende Ziffer der Unterquelle in Klammern setzen.

Oberst Rafael Loazya, Chef der SIE (Servicio Informativo Especial), 38-40 Ausbildung im chilenischen Generalstab. Von Regierung Paz Estenssoro festgenommen, konnte flüchten und inszenierte immer wieder Aufstände gegen PAZ. Nach der Revolution im November 1964 wurde er innerhalb des Innenministeriums zum Chef der SIE ernannt. Antikommunist, neigt zur Falange, absoluter Gegner des MNR. Berufssoldat. Vertreter: Oberst Vacaflor

Oberst Oscar Quirogo Teran, Innenminister, Luftwaffe, Intimer Freund Barrientos, etwa 40 Jahre als Berufssoldat.

Dr. Arguedas, Stellvertr. Innenminister, etwa 35 Jahre alt, verheiratet, 10 Jahre zuvor Mitglied der KP, Heute Anhänger Barrientos, Mitglied der FRB (Frente Revolucionario Boliviano) Alipas Alberto, Journalist, Bis 1964 UN-Botschafter Boliviens in New York. Altes MNR-Mitglied. Rechtsstehend. Ca 45 Jahre alt. Sehr deutschfreundlich eingestellt.

Armando Escobar, General und Bürgermeister von La Paz. Etwa 55 Jahre alt. Berufssoldat. Antikommunist. Sehr deutschfreundlich. Reist in der 2. Maiwoche (1966) nach Frankfurt: Vertragsunterzeichnung mit Wiederaufbaubank für 3-Millionen-Kredit (…)

Auszug aus der BND-Akte: Brief von "Altmann" an "Holm", 11.06.1966

Herr Hammerschmidt, Mitte November vergangenen Jahres wurde in USA ein Bericht veröffentlicht, der lange unter Verschluss war. Auch darin wird die Kooperation der USA mit ehemaligen Nazi-Kriegsverbrechern eingestanden. Wird die Geschichte von den Schuldigen nun auch aufgeklärt?

Peter Hammerschmidt: Aufgrund der seit Ende der 1980er Jahre anhaltenden öffentlichen Diskussion über die Verbindungen US-amerikanischer Regierungsstellen zu Kriegsverbrechern des NS-Regimes wuchs der politische Druck auf den US-Kongress, ein Gesetz zur Offenlegung relevanter Quellenbestände zu verabschieden. Der unter der Regierung Bill Clintons im Jahr 1998 erlassene Nazi War Crimes Disclosure Act, schuf erstmals eine gesetzliche Grundlage zur Freigabe tausender Aktenseiten. Es gab dadurch erstmals Informationen zu den Kenntnissen von US-Geheimdienststellen um deutsche Kriegsverbrechen oder die Beschäftigung ehemaliger NS-Funktionäre.

Im Rahmen dieser Gesetzgebung wurden 8,5 Millionen Akten geöffnet, die von der Nazi War Criminal and Japanese Imperial Government Records Interagency Working Group (IWG), einer eigens zur Bearbeitung dieses Aktenkomplexes geschaffenen Regierungskommission, gesichtet- und für die Öffentlichkeit freigegeben werden. Dennoch werden im Fall Barbie einzelne Quellenbestände immer noch zurückgehalten.

In Deutschland haben wir eine ähnliche Situation. Auch hier scheinen sich Außenamt und Geheimdienst ihrer braunen Vergangenheit zu stellen. Ist das für Sie als Historiker nicht ein gutes Zeichen?

Peter Hammerschmidt: Die Aufarbeitung der "braunen" Vergangenheit von deutschen Behörden, insbesondere die des Auswärtigen Amtes und des Bundesnachrichtendienstes, betrachte ich als längst überfällig.

Dass meine Anfrage auf Akteneinsicht beim BND im Sommer 2010 zunächst abgewiesen wurde, zeigt einerseits, dass die von Außenamt und BND proklamierte Transparenz offenbar noch weit hinter dem eigenen Anspruch herhinkt. Andererseits zeigt die Tatsache, dass meinem Antrag wenige Monate später auf Basis einer von mir vorgebrachten Beschwerde beim Bundeskanzleramt doch noch stattgegeben wurde, ein offensichtliches Umdenken deutscher Behörden, was die wissenschaftliche Aufarbeitung der eigenen NS-Vergangenheit betrifft. Die Historikerkommission, die im Oktober 2010 ihre Ergebnisse in Bezug auf die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes präsentierte, ist eine Chance. Sie ist keine abschließende Lösung.

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