Polen ante portas

24.01.2011

Nach Schätzungen könnten nach dem 1. Mai eine Million Polen nach Deutschland kommen, um hier nach Arbeit zu suchen

Wenn der polnische Premierminister Donald Tusk zu der jährlichen Bilanz seiner Regierungsarbeit einlädt, dann ruft er die Journalisten nicht zu seinem Amtssitz in der Ujazdowskie Allee, sondern in die Warschauer Wertpapierbörse. Der imposante Neubau ist die perfekte Bühne für die Erfolgsgeschichte, die die polnische Wirtschaft nun schon seit Jahren schreibt und mit der sich der seit Herbst 2007 amtierende Regierungschef gerne schmückt. Und dies nicht ganz zu Unrecht. Während andere europäische Länder die 2008 ausgebrochene Wirtschaftskrise zu spüren bekamen, konnte das Land zwischen Oder und Bug sein Wirtschaftswachstum fortsetzen. 2009 war Polen das einzige EU-Mitglied, dessen Bruttoinlandsprodukt wuchs, auch wenn das Wachstum mit 1.7 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren bescheiden ausfiel.

Beeindruckender sind die Zahlen für 2010. Nach Angaben des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat) dürfte das polnische Bruttoinlandsprodukt um 3.5 Prozent gewachsen sein, was Polen gemeinsam mit Deutschland zu den Motoren der europäischen Wirtschaft macht. Und auch für die Jahre 2011 und 2012 prognostiziert Eurostat dem Land an der Weichsel Wachstumsraten von bis zu 4.2 Prozent, weshalb mittlerweile auch im Ausland anerkennend von der polnischen Wirtschaft gesprochen wird. Doch reicht dieses durchaus eindrucksvolle Wirtschaftswachstum aus, um die polnischen Arbeitnehmer ab dem 1. Mai dieses Jahres östlich der Oder zu halten, die mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise verstärkt in ihrer Heimat blieben?

"Der Hunger nach Arbeit, nach guten Verdienstmöglichkeiten und einem hohen Lebensstandard ist sehr groß", sagt die Ökonomin und Demographin Krystyna Iglicka, die beste Kennerin der jüngsten polnischen Arbeitsmigration, gegenüber Telepolis. Und bei einem Blick hinter die Kulissen des polnischen Wirtschaftswunders wird deutlich, dass Polen noch lange nicht in der Lage ist, diesen Hunger zu stillen. Während das Wirtschaftswachstum der weltweiten Wirtschaftskrise trotzen konnte, wuchs die Arbeitslosenquote laut dem polnischen Statistikamt landesweit wieder in den zweistelligen Bereich. Von 9.1 Prozent im November 2008 auf 11.7 Prozent im November 2010. In manchen Regionen des Landes, vor allem im Osten, dem so genannten "Polen B", ist sie gar doppelt so hoch.

Nicht gerade zufrieden stellend sind auch die polnischen Gehälter. Seit dem EU-Beitritt 2004 sind diese zwar gestiegen, doch vom europäischen Durchschnitt sind sie immer noch weit entfernt. Rund 3.200 Zloty brutto, ca. 800 Euro, betrug im vergangenen Jahr das Durchschnittgehalt. Bei Lebenshaltungskosten, die teilweise denen in Westeuropa gleichen, keine Summe, mit der man sich ein schönes oder zumindest ein einigermaßen entspanntes Leben leisten kann.

Deutschland als Paradies für polnische Arbeiter

Da ist es nicht verwunderlich, dass in Polen schon seit Monaten die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes ein vieldiskutiertes Thema ist. Bereits im Herbst fragte sich die angesehene Tageszeitung Gazeta Wyborcza, ob "die Deutschen den polnischen Arbeitsmarkt bereinigen" werden. Eine ähnliche Erfahrung haben die Polen jedenfalls schon nach ihrem EU-Beitritt gemacht, als durch die Abwanderung von 1.7 Millionen Arbeitskräften (Der große Aderlass), vorwiegend nach Großbritannien und Irland, sowie dem gleichzeitigem Wirtschaftswachstum, die Arbeitslosenquote innerhalb von vier Jahren von 18 auf unter 10 Prozent sank.

Doch nicht nur die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind ein Thema. "Polen! Willkommen und ab zur Arbeit", titelte Mitte November die Tageszeitung Metro, die in den 10 größten Städten des Landes kostenlos verteilt wird, und stellte Deutschland als ein Paradies für polnische Arbeitnehmer dar. Von 3 Millionen fehlenden Arbeitskräften, vom ungeduldigen Warten der deutschen Unternehmen auf den 1. Mai, ja gar von einem Begrüßungsgeld, das Wirtschaftsminister Rainer Brüderle angeblich plane, schrieb die Zeitung und veröffentlichte dazu gleich eine Liste mit deutschen Durchschnittgehältern der unterschiedlichsten Berufsgruppen. Von den Ängsten der Deutschen vor den billigen Arbeitskräften aus Osteuropa war jedoch nicht die Rede. So wie in den meisten Artikeln, die zu dem Thema bisher reichlich erschienen sind.

Dabei sind den Polen die Ängste der Deutschen durchaus bekannt. Bereits vor dem EU-Beitritt Polens schottete Deutschland, gemeinsam mit Österreich und bis 2007 auch den Niederlanden, seinen Arbeitsmarkt vor den Osteuropäern ab. Zu sehr fürchtete man sich vor den billigen Arbeitskräften, die man zwar für die Spargelernte gerne ins Land holte, vorerst aber nicht dauerhaft haben wollte. Eine Protektionspolitik, mit dem schönen Titel Gesetz über den Arbeitsmarktzugang im Rahmen der EU-Erweiterung, die an der Weichsel für einigen Unmut sorgte.

Zuletzt äußerte Warschau seine Unzufriedenheit im April 2009, als Berlin und Wien die Beschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit bis zum 30. April 2011 verlängerten und dies mit der Wirtschaftskrise und der damit wachsenden Arbeitslosigkeit in ihren Ländern begründeten. "Böse gesagt, ist die Wirtschaftskrise für die Deutschen ein Geschenk des Himmels. Sonst hätten sie ja keine Begründung für eine weitere Beschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit gehabt. Wir haben den Deutschen schon gesagt, dass wir ihnen ihre Aussagen nicht abnehmen", sagte damals ein polnischer Diplomat, der namentlich nicht genannt werden wollte, der Gazeta Wyborcza und vermutete hinter diesem Schritt im Jahr der Bundestagswahl nur wahlkampftaktisches Kalkül.

Doch so sehr der polnische Diplomat auch Recht hat, die Ängste der Deutschen vor den osteuropäischen Arbeitskräften sind vorhanden und dürften, je näher der 1. Mai rückt und die Berichte darüber in der deutschen Presse zunehmen, noch größer werden. Das ARD-Magazin Report München warnte bereits am 29. November vor etwaigen negativen Auswirkungen für deutsche Zeitarbeitnehmer. Und manche Gewerkschaftler sehen durch die anstehende Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht nur den hiesigen Arbeitsmarkt gefährdet, sondern gar den Wirtschaftsstandort Deutschland. "Das ist vor allem schlecht für die deutschen Arbeitnehmer, weil kaum ausgebildete, billige Arbeitskräfte aus Osteuropa die Löhne hierzulande drücken werden. Aber auch die Verbraucher werden leiden, denn die Qualität der Arbeit wird schlechter. Das nennen wir dann Pfusch am Bau", sagte der Vorsitzende der IG Bauen-Agrar-Umwelt, Klaus Wiesenhügel, gegenüber der Welt.

Der polnische Regierungschef will Ängste vor einem Exodus besänftigen

In einem Mitte Dezember erschienen Interview für das Springer-Blatt versuchte der polnische Regierungschef die deutschen Sorgen zu zerstreuen. "Ich glaube nicht, dass die Fans von Borussia Dortmund etwas gegen polnische Fachkräfte haben", sagte Tusk mit Verweis auf den aktuellen Tabellenführer der Fußball-Bundesliga, bei dem drei polnische Nationalspieler ihr Geld verdienen, und prophezeite nur einen geringen Zustrom polnischer Arbeitskräfte auf den hiesigen Arbeitsmarkt. "Auch einen Exodus sehe ich nicht kommen. Die Welt ist schon jetzt viel offener als vor wenigen Jahren. Die Gehaltsunterschiede innerhalb der EU sind geringer geworden. Auch die Migrationserfahrung nach 2004 ist eher beruhigend. Und wenn wir zum Beispiel Irland und Spanien betrachten, erwarten wir mittelfristig mehr Rückkehrer als Auswanderer. Es gibt keinen Grund, Alarm zu schlagen."

Schöne Worte, die mit der polnischen Realität jedoch wenig zu tun haben. Schon die angeblich so beruhigende Migrationserfahrung nach 2004 lässt sich mit wenigen Mausklicks widerlegen. Es reicht einfach eine Anmeldung auf nk.pl, dem beliebtesten sozialen Netzwerk der Polen. Neben Jacek aus Zabrze, Danuta aus Thorn oder Marek aus Lublin gehören auch Malgosia aus Dublin, Adrian aus London, Dawid aus Belfast, Rafal aus Liverpool oder Marta aus Den Haag zu den fast 13 Millionen angemeldeten Usern und spiegeln so die Ziele der jüngsten polnischen Arbeitsmigration wieder. Und auch Tusk dürften einige diese Städte bekannt sein. Seit den Parlamentswahlen 2007 sind für die polnischen Politiker Wahlkampfauftritte auf den britischen Inseln so selbstverständlich wie in der polnischen Provinz. Bei 695.000 polnischen Staatsbürgern, die nach Angaben des polnischen Statistikamtes im Jahr 2009 in Großbritannien und Irland arbeiteten, nicht verwunderlich.

Nicht selten bei nk.pl sind aber auch deutsche Städtenamen, was sich nicht nur durch die vielen Aussiedler erklären lässt, die in den 80er und frühen 90er Jahren als Deutschstämmige in die Bundesrepublik kamen. Denn trotz der hiesigen Beschränkungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit, entwickelte sich Deutschland für die Polen seit ihrem EU-Beitritt zum zweitwichtigsten Einwanderungsland. 2009 waren es allein 415.000, die sich westlich der Oder ihren Lebensunterhalt verdienten und von denen nicht alle Saisonarbeiter waren. Falls sich polnische Staatsbürger hierzulande selbständig gemacht oder als Angehörige der deutschen Minderheit zusätzlich einen deutschen Pass besaßen, konnten sie bereits in den vergangenen Jahren in Deutschland tätig werden.

Trotz der Bemühungen der polnischen Regierung kommen nur Wenige aus dem Ausland wieder zurück

Nicht zutreffend sind auch Tusks Äußerungen bezüglich der Rückkehrer. Falls sich die Krise in Spanien verschärfen sollte, könnten zwar tatsächlich einige dort lebende Polen in ihre Heimat zurückkehren, da 2009 aber nur 84.000 Polen auf der Iberischen Halbinsel lebten, also nur ein kleiner Teil der 1.7 Millionen Migranten, sollte man nicht von einer großen Rückreisewelle ausgehen.

Zudem hat die Erfahrung der vergangenen Jahre gezeigt, dass trotz der Wirtschaftskrise, die mit Irland und Großbritannien die Zentren der jüngsten polnischen Arbeitsmigration besonders schwer traf, die Bereitschaft zur Rückkehr gering blieb. "Die Lebensqualität und finanzielle Absicherung ist nach Meinung der Auswanderer dort immer noch besser als in Polen, und dies trotz Arbeitsplatzverlust", erklärt Krystyna Iglicka. "Außerdem haben viele ihre Familien nachgeholt und sich dort niedergelassen. Das macht die Rückkehr noch uninteressanter", so die Demografin weiter.

Dabei hat die polnische Regierung in den letzten Jahren durchaus einige Rückkehrprogramme gestartet, um vor allem die qualifizierten, auch an der Weichsel dringend benötigten Kräfte zurückzuholen. Doch wer in Großbritannien, Irland oder einem anderen EU-Staat keine berufliche Perspektive mehr sah, denn zog es nicht in die Heimat sondern in andere Länder. So entwickelte sich beispielsweise Norwegen seit dem Ausbruch der Krise zu einem beliebten Ziel. 2009 lebten dort bereits 45.000 Polen, während bis 2007 die Zahl der polnischen Auswanderer nach Norwegen noch so gering war, dass sie von dem polnischen Statistikamt nicht einmal erfasst wurden. So ist es durchaus möglich, dass einige bereits im Ausland arbeitende Polen ab dem 1. Mai ihr berufliches Glück in Deutschland suchen werden.

Junge Polen finden das Leben in anderen Gesellschaften attraktiver

Es sind aber nicht nur materielle Gründe, die viele Polen von einer Rückkehr in ihre Heimat abhalten oder zu einer Auswanderung bewegen. "Vor allem junge Leute, die auch gut ausgebildet sind, haben genug von dem polnischen Alltag. Durch Medien, durch im Ausland lebende Freunde und Verwandte oder eigene Auslandserfahrungen, haben sie andere Gesellschaften kennen gelernt und finden diese interessanter, als unsere immer noch von konservativen Werten geprägte Kultur", sagt Krystyna Iglicka, die ab dem 1. Mai von einer Auswanderungswelle ausgeht, die viele Deutsche erschaudern lassen dürfte. "Schon 2004 glaubten wir nicht, dass fast 2 Millionen Polen ihre Heimat verlassen werden. Deshalb glaube ich, dass zwischen dem 1. Mai 2011 und dem 1. Dezember 2012 eine Million Polen ihr berufliches Glück in Deutschland versuchen könnten."

Aber selbst wenn nur 500.000 Polen nach Deutschland kommen sollten, würde der große Verlierer dieser Auswanderungswelle nicht Deutschland, sondern Polen sein. Dem Land droht nicht nur der Verlust von qualifizierten Arbeitskräften, sondern auch eine Verringerung des Wirtschaftswachstums. Zudem hat Polen so wie Deutschland mit einer langsam alternden Gesellschaft zu kämpfen. Deshalb gibt es für Polen nach Meinung von Iglicka nur eine einzige Möglichkeit: "Die ausgewanderten Arbeitskräfte müsste Polen durch Weißrussen, Ukrainer oder Türken ersetzen." Auf vielen polnischen Baustellen ist diese Prognose schon heute Realität.

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