Waschzwang, Selbstverletzung, Narzissmus

20.01.2011

Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs und ein großer Film: Darren Aronofskys "The Black Swan"

East-Coast-Star Natalie Portman ist die Einzige, die in der Lage ist, sich in ihren Rollen als ein Gegenentwurf zu Angelina Jolie zu inszenieren. Wo Jolie die Unverwundbarkeit feiert, das Wiederaufstehen, die Unsterblichkeit des Stars, da feiert Portman gerade seine Verwundbarkeit, den Tod und die Sterblichkeit des Stars. Zur Perfektion wurde dieser Auftritt jetzt in Darren Aronofskys "The Black Swan". Der zugleich zum vorläufigen Endpunkt von Portmans Karriere werden wird. Mit ihm wird sie den Oscar gewinnen, und alles danach wird zum Schwanengesang ihrer Karriere werden. Und als ob sie es selbst ahnte, selbst spürte, dass dies hier ganz und gar ihre eigene Geschichte ist, dass sie als Kind trotz allem besser war als als Frau: Sie hat kurz nach dem Dreh ihren Choreographen geheiratet. Mein Gott, möchte man sagen, es ist zwar kein Schauspielkollege, und kein Wall-Street-Banker, und einer muss es ja sein, aber warum ausgerechnet der Choreograph! Die Antwort weiß vielleicht dieser Film...

Bilder: Twentieth Century Fox

"I think, you gonna be - amazing."

Es ist eine schlicht und einfach großartige Szene, wenn Natalie Portman irgendwann schwarze Schwanenfedern aus dem Rücken wachsen. Dies ist nur ein ganz kurzer Moment - aber einer derjenigen, die unbedingt in Erinnerung bleiben von diesem Film. Kaum weniger eindrucksvoll, wenn sich, zuvor schon wie auch später, immer wieder mal für einen kurzen Augenblick Anmutungen einer Gänsehaut auf ihren Gliedern abzeichnen.

Auch sonst sieht man Natalie Portman in dem Psychothriller "The Black Swan" so, wie noch nie zuvor: Als kesses Kind wurde sie einst mit Luc Bessons "Leon der Profi" an der Seite von Jean Reno berühmt. In Michael Manns "Heat" war sie ein little lost girl in der Pubertät, später - zum Beispiel in "Star Wars" oder "V 4 Vendetta" - spielte sie oft starke, burschikose Frauen.

In dem neuen Film von Darren Aronofsky ist sie hingegen ein ganz verletzlicher Charakter, mit, wenn man so will - und alle GenderforscherInnen mögen diese Formulierung verzeihen -, typisch weiblichen Problemen: Die Frage des Bewusstseins des eigenen Körpers und dessen immer wiederkehrende Infragestellung; das Thema der Leiblichkeit, des versehrten Körpers; gleichzeitig das Thema seiner Perfektionierung. Schönheit, Äußerlichkeit und deren Bedeutung, der Kampf um Anerkennung in der Schönheitskonkurrenz.

Die Haut auf dem Markt

Portman spielt Nina, eine junge ehrgeizige Balletttänzerin, die den Hauptpart in einer neuen "Schwanensee"-Inszenierung bekommt und davon zunehmend überfordert ist. Vor gut zwei Jahren gewann Aronofsky bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Catcherdrama "The Wrestler" und vor allem mit Mickey Rourkes Leinwand-Comeback den Goldenen Löwen. Auch dieser Film könnte "The Wrestler" heißen, denn bei genauerer Betrachtung ähnelt Portmans Figur in vielem der des abgehalfterten Catchers, der kein Leben hat außer seiner Show, für die er alles riskiert, bis hin zur Selbstzerstörung.

Auch Nina wirft ihren Körper in den Ring der Öffentlichkeit, trägt ihre Haut zu Markte, und auch ihr wird sie aufgerissen, bis das rohe Fleisch sichtbar ist: die Zehen, die Finger, der Rücken... So wie man Aronofsky bei allem Respekt eine Obsession für einen bestimmten "Typ" Frau unterstellen darf - Jennifer Connelly in "Requiem for a Dream", Rachel Weisz in "The Fountain", Natalie Portman jetzt -, so auch eine Obsession für Haut und Blut, für das rohe Fleisch des menschlichen Körpers, für das Eindringen unter die Haut. Immer wieder fließt Blut - das bei Frauen ja immer noch eine zusätzliche Bedeutung hat. Blut an den Händen, Blut in den Kleidern, Blut im Schuh...

Entjungferungsphantasie also - kein "Coming-of-age"

"The Black Swan" ist auf seine Art eine Aschenputtelgeschichte: Nina, dieser weibliche Wrestler. ist zunächst nur eine von vielen am New Yorker Ballet. Extrem ehrgeizig und diszipliniert, lebt sie fürs Tanzen allein, bekommt eines Tages ihre große Chance, will diese nutzen, kann das aber im Grunde erst durch Selbstüberwindung, durch Selbstverlust.

Schwarz und Weiß und Rosa sieht der Film von Anfang an aus, das Farbdesign ist so genau und konsequent, wie schön anzusehen. Die Farben stehen für Temperamente, Schwarz und Weiß für die zwei Seiten der erwachsenen Nina, das Rosa für ihre Unschuld, für ihr Kindsein. Ganz in Rosa ist ihr Jungmädchenzimmer getaucht, man sieht Stofftiere, ein Schmetterlingsmuster auf der Tapete, auf dem Nachttisch steht eine Spieluhr, die - pling, pling plang pling, plong-plong - Schwanensee spielt.

Nina ist zuhause weiter Kind. Auch sonst lässt Aronofsky wenige Klischees aus: In der Liebe und Fürsorge der Mutter steckt auch Neid auf jene Karriere, die sie selber nicht gehabt hat: "I gave up to have you". Es folgt die Quasi-Entmündigung der Tochter durch die übermächtige "protective Mum".

Eine Entjungferungsphantasie also - kein "Coming-of-age" - ist "The Black Swan", ein Film über das Verhältnis (von Frauen) zur (weiblichen) Sexualität. "Touch yourself!", gibt Nina der Regisseur Thomas Leroy (gespielt von Frankreichs Star Vincent Cassel) einmal, quasi als Hausaufgabe mit auf den Weg. Gute Kunst braucht guten Sex, oder überhaupt Sex, im Grunde ein fragwürdiges Kunstklischee natürlich. Als sie sich dann befriedigt, merkt sie nicht, dass ihre Mutter im Raum ist. Ein anderer Moment, der sich erst im Rückblick als reine Phantasie entpuppt: Sie hat Sex mit einer ihrer Kolleginnen...

Nina selbst entpuppt sich im Verlauf des Films als Mensch voller Nervosität, nahe an der Hysterie. Zunehmend wird sie von Realitätsverlust, von Paranoia, von Visionen gepeinigt: Eros und Thanatos verschmelzen. Sie hat Sex-Phantasien, und Mord-Phantasien, letztere zielen mal auf die Mutter, mal auf die Vorgängerin, auf eine Kollegin und auf sich selbst.

"Perfection is as well about let it go

Tschaikowskys "Schwanensee", der hier wieder und wieder geprobt wird, ist eine Phantasie des 19. Jahrhunderts: Mädchen als Schwäne: rein, weiß, flatternd; zugleich eine Phantasie darüber, wie die schwarze Seite die Übermacht gewinnt über die andere.

Viele Beobachtungen am Rande werden hier vorgeführt: über weibliche Selbstbetrachtung, Konkurrenz, Bewunderung, über Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Sie klauen einander ihre Accessoires, unbewusst auch um der anderen näher zu sein, ihr Geheimnis zu teilen.

Ein untergründiger Diskurs in diesem Film ist der über Perfektion. "All the discipline for what?" - "I just wanna be perfect" - "Perfection is as well about let it go. To lose yourself". Nina ist technisch perfekt, das wird früh klar gemacht, aber im Urteil ihrer Mitmenschen heißt es auch, sie sei "kalt", ja "frigide". Im Gegensatz dazu ihre Kollegin Lily, gespielt von Mila Kunis. Sie sei "imperfect, but effortless", sagt der manipulative Impressario: "She is not faking it."

Dass Kunst letztlich nur durchs Extrem beglaubigt wird, ist die These dieses Films. Dies würden viele - und wohl zu recht - zuerst als bürgerliche Kunstmythologie abtun. Aber es ist auch eine Herausforderung: Kunst als Spiel um Leben und Tod; Kunst, die tötet; große Kunst, die erst durch Selbstzerstörung entsteht - hat das alles irgendetwas zu tun mit dem, was man gemeinhin im Kino sieht? Welcher deutsche Film wagte solche Fallhöhe?

Startum in Hollywood: Magersucht, Waschzwang, Selbstverletzung und Narzissmus

Aronofsky ist ein spannendes Werk über das Wesen der Kunst und über den Show- und Kunstbetrieb geglückt, mit ein bisschen - gutem - Kitsch und einer Menge Nachdenkenswertem. Man fragt sich unwillkürlich, inwiefern dies auch als ein Portrait der Filmszene, nicht nur in Hollywood gelesen werden kann: Der Regisseur als Manipulator, die Medien, die immerzu Neues und Frischfleisch wollen, die Konkurrenz unter den Stars, ihr Ehrgeiz und der Druck, der sie an den Rand des Nervenzusammenbruchs und darüber hinaus treibt.

"The Black Swan" ist auch ein Film über die Disziplinierung des Körpers der Stars, über manche bösen Folgen der rigiden Körperkontrolle; wie Magersucht, Waschzwang, Selbstverletzung, und über den Narzissmus auf der anderen Seite.

Und wenn man Natalie Portmans Auftritt sieht, wie auch den der etwa eine Dekade älteren Winona Ryder, die einst ein Weltstar war, heute fast weg vom Fenster ist, und hier die alternde Ballerina spielt, die von Nina verdrängt wird, dann fragt man sich unwillkürlich, inwiefern dieser kluge Psychothriller auch ein Film über Portman und Ryder ist, über Startum in Hollywood.

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