Der eigentliche Held von WikiLeaks ist der Loser

25.01.2011

Warum kümmern sich die Profiteure eigentlich so wenig um das Schicksal des mutmaßlichen Whistleblowers Bradley?

Der Gründer oder eher Mitbegründer von WikiLeaks, Julian Assange, ist in aller Munde. Und es läuft wie immer, wenn etwas prominent wird, es geht um die Aufmerksamkeit und ums Geld, was WikiLeaks braucht, um arbeiten und sich rechtlich verteidigen zu können, aber auch um das, was andere daran verdienen wollen. Und seltsamerweise versuchen nun ausgerechnet bei WikiLeaks, einem Internetphänomen und einem Produkt der digitalen Kultur, alle schnell noch ihre Bücher unterzubringen. Bücher scheinen immer noch den letzten Adel darzustellen, auch wenn weder die Medien noch die Akteure noch die Daten in die alte Welt des Gutenbergzeitalters zurückgedrängt werden können.

Gefeiert wird mit Julian Assange, deutlich im ersten, gerade im Spiegel-Buchverlag veröffentlichten Buch "Staatsfeind WikiLeaks", die Personalisierung der digitalen und anarchischen Subversion, die auf der medialen Bühne spielt. Derjenige, der den medialen Durchbruch für WikiLeaks und seine Satelliten, allen voran die New York Times, der Guardian und der Spiegel, geleistet und gewagt hat, wird hingegen wie ein Aschenputtel gehandelt. Noch ist Assange der Sieger, der Popstar, der auf der Bühne steht, an den man sich anhängen kann, gerade weil es auch dunkle Seiten gibt, möglicherweise auch der Märtyrer, den Loser lässt man dann doch eher links liegen.

Der Loser ist vermutlich Bradley Manning, der selbstlos gehandelt zu haben scheint, von einem anderen Narzissten hereingelegt wurde und nun erbarmungswürdig in strenger, für manche an Folter grenzender Isolationshaft seit Juli 2010 ausbaden muss, womit Assange, WikiLeaks und die Medien auftrumpfen und ihre Erfolge einheimsen können. Schön ist das Spiel auf dieser Bühne nicht, gerade weil es viele Akteure mit sehr unterschiedlichen Interessen gibt. Warum setzen sich WikiLeaks und vor allem auch die Medien, die so prächtig mit Assange zusammen gearbeitet haben, nicht auch für den ein, dem sie vermutlich die Daten verdanken, die sie nun verhökern? Warum gibt es keine Aufrufe von der New York Times, dem Guardian und dem Spiegel oder von den anderen Medien, die ihren Profit daraus ziehen, sich für Bradley einzusetzen? Warum richten sie keinen Fonds zu dessen Verteidigung ein?

Es sind nur Wenige, die gegen die Behandlung von Bradley protestieren, was womöglich in den USA auch nicht ganz ungefährlich sein könnte. Nun hat sich endlich nach den Psychologists for Social Responsibility auch Amnesty International eingeschaltet und einen Offenen Brief an Verteidigungsminister Gates geschickt, in dem die Behandlung von Bradley als inhuman und gegen die Menschenrechte verstoßend gegeißelt wird. Amnesty listet die Gängelungen auf, denen Bradley aus welchen Gründen auch immer ausgesetzt ist.

In seiner 6,7 Quadratmeter großen Zelle gibt es nicht einmal einen Stuhl und einen Tisch, um Mahlzeiten einzunehmen, wenn er von Anwälten oder Freunden besucht wird, wird er angekettet, obgleich er niemals aggressiv war, ständig wird er befragt, wie es ihm geht, alle 5 Minuten wird er von den Wachen kontrolliert, persönliche Gegenstände darf er nicht besitzen. Und auch weitere Haftbedingungen für einen zudem nicht Verurteilten sind bewusste Quälereien. Eine Bettdecke und ein Kissen werden ihm verweigert, er muss in seiner Zelle in Unterhosen schlafen – alle fünf Minuten gefragt, wie es ihm geht.

Amnesty äußert die Befürchtung, dass die lange Isolationshaft unter den harten Bedingungen zu psychischen Störungen führen kann, und fordert die Veränderung der Haftbedingungen. Sollte Bradley der Informant gewesen sein, ist er der eigentliche Held. Er hat nicht nur den Nachteil, schon verloren zu haben, sondern auch, nicht sonderlich auf der Klaviatur der Medienaufmerksamkeit spielen zu können – und dies schon gar nicht in Isolationshaft. Bradley ist der Guantanamo-Häftling von Obama. Weil er zu unvorsichtig war, ist WikiLeaks nicht wirklich für sein Schicksal verantwortlich zu machen. Aber jeder, der WikiLeaks wichtig findet, zumal die Medien, die Profit daraus ziehen, müsste sich für Bradley stark machen. Ohne Bradleys gibt es keine Transparenz.

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