Das Doomsday-Szenarium geht nicht von Genf aus

25.01.2011

Wenn der weltgrößte LHC-Teilchenbeschleuniger am CERN im März seinen Neustart zelebriert, wird die Mär von den alles verschluckenden Schwarzen Mikro-Löchern enden

Bereits Monate vor der Inbetriebnahme des weltgrößten und leistungsstärksten LHC-Teilchenbeschleunigers (Large Hadron Collider) am CERN in Genf (21. Oktober 2008), wies der Tübinger Chemiker und Chaosforscher Otto E. Rössler auf die Gefahren von mikroskopisch kleinen Schwarzen Löcher hin, die bei der Kollision von Protonen entstehen und binnen weniger Jahre die gesamte Erde mitsamt aller Lebewesen verschlucken könnten. Heute, 54 Tage vor dem "Restart" des modifizierten LHCs, der mehrfach verschoben werden musste, fordert Rössler erneut die sofortige Anberaumung einer interdisziplinären Sicherheitskonferenz. Doch da inzwischen zahlreiche Teilchenphysiker Rösslers Thesen ad absurdum geführt und dessen Berechnungen stichhaltig widerlegt haben, wird eine solche Konferenz mit Sicherheit nicht stattfinden.

Wie viele Male seit Beginn der Schriftlichkeit der nahende Weltuntergang auf Ton, Holz, Wänden, Papyrus und Papier verkündet sowie via Bit und Bytes lanciert wurde, wird wohl für immer ein Mysterium der Wissenschaftsgeschichte bleiben. Wer war der Mensch, der – den Blick den Sternen zugewandt – über die erste Ursache alles Daseins und dem Ende aller Dinge rätselte. War der Schöpfer des ersten apokalyptischen Gedankens vielleicht ein archaischer Zeitgenosse des Homo neanderthalensis oder verliert sich seine Spur gar bis zum Homo habilis? Oder war es doch erst der Homo sapiens?

Atlas-Detektor beim LHC Bild: CERN

Wie auch immer die Antwort hierauf lauten mag – die Frage nach dem Ende der Welt, die ihren stärksten Ausdruck seit jeher auf religiöser und mythologischer Ebene gefunden hat, dürfte im Zuge der menschlichen Bewusstseinswerdung zu allen Zeiten in allen Kulturen gestellt worden sein.

Schlimmste Büchse der Pandora

Anno domini 2011, ein Jahr vor dem von gewieften Geschäftemachern, Esoterikern, Scharlatanen und Pseudo-Wissenschaftlern hochstilisierten Katastrophenjahr 2012, in dem – und dies ist sicherer als das Amen in der Kirche – uns keine weltweiten Heuschreckenplagen, keine gravierenden Magnetfeldveränderungen, keine globale Überschwemmungen, keine gigantischen Sonneneruptionen, keine gefährlichen Kometen oder Meteoriten, keine Pestepidemien, keine weltweiten Erdbeben oder vulkanische Aktivitäten heimsuchen sowie keine guten oder bösen Außerirdische besuchen werden, stehen wir kurz davor, die schlimmste Büchse aller Büchsen der Pandora (man verzeihe mir den Plural!) zu öffnen.

ALICE-Experiment beim LHC. Bild: CERN

Dies glaubt zumindest der deutsche Chemiker und Chaosforscher Otto E. Rössler vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Tübingen, für den das Übel der Welt aus 100 Meter Tiefe vom Large Hadron Collider (LHC) am Europäischen Zentrum für Teilchenphysik CERN in Genf kommen könnte.

Radikale Theorie

Seine seit Anfang des Jahres 2008 (noch Monate vor dem ersten Testlauf des LHC-Experiments) eingebrachte und seitdem immer wieder durch die Medien geisternde Theorie, die er jüngst in diesem Magazin wiederholt hat, ist einfach wie radikal: Unter Einbeziehung der Einsteinschen Allgemeinen Relativitätstheorie behauptet Rössler, dass die Folgen und Gefahren der im LHC geplanten Experimente, bei denen Protonen in dem 27 Kilometer langen, unterirdischen Röhrenring auf beinahe Lichtgeschwindigkeit (99,9999991 Prozent der Lichtgeschwindigkeit) beschleunigt werden und zusammenprallen, unvorhersehbar sind.

Seinen Rechnungen zufolge könnten entgegen dem Postulat von Stephen Hawking, wonach Schwarze Löcher im Miniformat (auch MBHs genannt = micro black hole) nach ihrer Entstehung augenblicklich wieder verdampfen, stabile und gefräßige Schwarze Mikro-Löcher entstehen, die sich ins Erdinnere verflüchtigen und von dort ihr zerstörerisches Werk beginnen. Sie würden den Anfang vom Ende der Erde mitsamt ihren Geschöpfen einleiten und alles verschlucken. Auf die Frage hin, wie hoch er die Chancen veranschlage, dass im LHC ein kleines Schwarzes Loch entsteht, äußerte sich Rössler im Stern1 wie folgt:

Sie liegen bei grob 10 Prozent, und man erhofft sich ein Schwarzes Loch pro Sekunde. Das sind etwa 10 Millionen pro Jahr. Die allermeisten dürften wegfliegen, nur etwa jedes Hunderttausendste oder Millionste nicht. Die wären dann langsamer als 11 Kilometer pro Sekunde. Folglich bleiben sie auf der Erde, wegen der Schwerkraft – und würden dann in der Erde herum kreisen. Gefährlich sind nur diese kleinen Schwarzen Löcher.

Zwischen Spott und Verärgerung

Spätestens als Rössler, der zu dieser Zeit immerhin auf stolze zirka 340 wissenschaftliche Publikationen zurückblicken konnte, im Juni 2008 den LHC-Start an anderer Stelle als das "größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte" bezeichnete und seine Thesen weiter auf der LHC-kritischen Website achtphasen.net verbreitete, verhärtenden sich die Fronten irreversibel – bis heute.

Bild: LHC

Auf der einen Seite Prof. Rössler und seine Schüler, Anhänger, Fans und Verehrer – auf der anderen Seite, geschlossen und einheitlich, die "Science Community" und viele wissenschaftlich Interessierte, die seine bizarre Theorie mit Schmunzeln und einem milden Augurenlächeln, mehrheitlich aber mit Verärgerung quittierten. Es ist ein emotionaler harter Kampf, der primär auf elektronischer Ebene über Blogs, Foren, Artikelreihen etc. ausgefochten wird und eine harte Diktion pflegt. Gegenseitige Beschimpfungen, die in persönlichen Beleidigungen gipfeln (wie in den Telepolis-Foren), sind hier an der Tagesordnung. Für einen Außenstehenden ist es nicht leicht, hier den Überblick zu behalten, nicht zuletzt deshalb, da dieser Dualismus schon seit Mitte 2008 währt und die Diskutanten wahre Meister ihres Faches sind.

Abstecher zum CERN

Wie dem auch sei – schon im September 2008 behauptete Rössler gegenüber der Frankfurter Rundschau, dass ihn das CERN bewusst schneide:

Die haben Angst, dass einer ihrer Physiker einknickt. Das CERN weigert sich, mit mir zu sprechen. Es ist wie zu Zeiten Galileo Galileis, da durfte auch keiner durch das Fernrohr schauen, um die Wahrheit zu entdecken.

Andererseits beehrte Herr Rössler das Europäische Labor für Teilchenphysik (CERN) in Genf bereits am 4. Juli 2008 mit einer Visite, wo er zum ATLAS-Experiment geladen wurde und sogar mit dem CERN-Physiker Rolf Landua zusammentraf. Zu einem weiteren Treffen kam es am 14. Januar 2010, wie in dem Internet-Magazin und internationalen Netzwerk "RelativKritisch" bzw. auf deren Facebook-Seite ausführlich nachzulesen ist.

Otto Rössler in der Bildmitte; Rolf Landua zweiter von links – im Juli 2008. Bild: CERN

Unerfreuliche Peer-Review und KET-Stellungnahme

Unmittelbar nach dem ersten Treffen konsultierte Landua ein hochkarätiges Gutachterduo, bestehend aus den beiden unabhängigen Physikern Hermann Nicolai und Domenico Giulini, das Rösslers Aufsätze und Thesen sezierte und prüfte. Die Peer Review fiel für den Chaosforscher wenig erfreulich aus, da beide Autoren seine Berechnungen als fehlerhaft brandmarkten. Während etwa der Skeptiker und Mathematiker Gerhard W. Bruhn von der Technischen Universität in Darmstadt Rösslers Theorie in einem gesonderten Gutachten nachdrücklich zurückwies und seine Papiere als abwegig und nicht diskussionsfähig charakterisierte, wurde Hermann Nicolai gegenüber der Frankfurter Rundschau im September 2008 noch deutlicher:

Ich freue mich, dass das Experiment endlich angeschaltet wird. In zwei Jahren wird viel von dem Unsinn vom Tisch sein, der jetzt noch in Verschwörungstheorien kursiert, es wird auch eine Reinigung der theoretischen Landschaft geben. [Anm. des Autors: Die sich später einstellenden Probleme mit dem LHC konnte Nicolai natürlich nicht antizipieren!]

In jeder Hinsicht unmissverständlich war auch die offizielle Stellungnahme des Komitees für Elementarteilchenphysik (KET), die sich auf das Gutachten der Potsdamer Physiker stützte und die Teilchenphysiker von 26 Universitäten unterschrieben.

In dem Papier warfen die Autoren Rössler vor, von "falschen und widerlegten Annahmen" auszugehen. Mikroskopisch kleine Schwarze Löcher seien, falls sie am LHC entstehen sollten, "unter keinen Umständen" gefährlich. Zahlreiche Untersuchungen unabhängiger Experten, zahlreiche Experimente und Beobachtungen würden eindeutig belegen, dass das LHC sicher sei. Jede Sekunde würden zirka 100.000 Protonen der LHC-Energie (und höher) als Teil der natürlichen kosmischen Strahlung auf die Erde prasseln und könnten dabei Schwarze Mini-Löcher generieren. "Wären diese Mini Schwarzen Löcher gefährlich, würde die Erde eventuell gar nicht mehr existieren."

Blogger und Tatsachen

Auch in der Blogger-Szene gerieten die unnachgiebigen LHC-Gegner schnell ins Visier. Während etwa im Nature-Blog die anglo-amerikanische Fraktion der LHC-Verschwörungstheoretiker, hier vornehmlich der Botaniker Walter L. Wagner unter Beschuss genommen wurde, listete beispielsweise der promovierte Astronom und Blogger Florian Freistetter im September 2008 in einem detaillierten Beitrag zahlreiche Argumente auf, die Rösslers Zentralthese in das Reich der Wissenschaftslegenden verwiesen. Freistetter zufolge braucht sich selbst der größte Schwarzmaler vor kleinen Schwarzen Löchern nicht zu fürchten:

Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verursacht der LHC keinen Weltuntergang. Am LHC wird nichts passieren – außer ein paar wissenschaftlichen Durchbrüchen und neuen Erkenntnissen über unser Universum. Das sollte ein Grund zur Freude sein und nicht zur Panik!

Tatsächlich sprechen alle bisherigen astronomischen Beobachtungen, empirischen Daten und Extrapolationen allesamt gegen die gefährliche Natur von Schwarzen Löchern en miniature, zumal keinem kleinen Schwarzen Loch bis dato jemals das Vergnügen zuteil geworden ist, in einem irdischen Labor oder Teilchenbeschleuniger das Licht der Welt zu erblicken.

Computersimulation einer Proton-Proton-Kollision am Large Hadron Collider LHC. Bild: CERN

Zeit für den Countdown

Lassen wir also den Countdown zum nächsten LHC-Anlauf in aller Ruhe laufen und freuen uns stattdessen doch auf den Neustart der Weltmaschine, der laut CERN-Plan im März über die Bühne gehen soll. Schließlich haben auf diesen Moment mehr als 10000 Quantenphysiker und Ingenieure aus 85 verschiedenen Ländern hingearbeitet, die sich nach einer knapp 10-jährigen Bauphase und anschließender zweijährigen Test- und Modifizierungsphase nunmehr auf überraschende Erkenntnisse über den Aufbau der Materie und die Entstehung des Universums hoffen. Vielleicht entdecken sie dereinst das vielbeschworene Higgs-Teilchen oder gar Extradimensionen.

Stephen Hawking besucht das ATLAS-Experiment des LHC am CERN. Bild: CERN

Kein Ende der Welt in Sicht

Es sei hier nochmals in aller Deutlichkeit geschrieben: Vom CERN in Genf, genauer gesagt von dem Large Hadron Collider, geht mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit keine Gefahr für unser Leib und Leben aus. "Die Welt wird nicht enden, wenn das LHC seine Arbeit aufnimmt. Das LHC ist absolut sicher", gesteht auch der bekannteste Physiker unserer Tage, Stephen Hawking, der sich mit diesen kleinen Schwerkraftfallen zumindest in der Theorie von allen Erdbewohnern derzeit am besten auskennt.

Selbst der inzwischen emeritierte britische Cambridge-Professor für Kosmologie und Astronomie, Sir Martin Rees, seit 1995 Königlicher Astronom und seit Ende 2005 Präsident der Royal Society in London, der in seinem Buch Our Final Hour sicherlich aus dramaturgischen Gründen (Verlage und Lektoren lieben sehr provozierende Thesen) etwas unglücklich eine ähnliche These wie jene von Prof. Rössler punktuell vorweg nahm2, hat die Sache inzwischen zurecht gerückt. Seine zentrale Aussage ist unmissverständlich, sie lebt nur von vier Worten: "Es gibt kein Risiko!" Während Rees das Risiko auf 1:50 Millionen schätzt, beziffert Prof. Nicolai vom MPI in Potsdam die Wahrscheinlichkeit, dass einst im LHC eines kleines Schwarzes Loch sein Unwesen treiben könnte, noch geringer ein: auf 10 hoch -99 (10-99).

So wollen wir abschließend – sine ira et studio – die Äußerung eines übereifrigen Autoren, der als Folge eines temporären geistigen Blackouts kürzlich doch glattweg behauptet hatte, dass "jede noch so abstruse Idee" es zunächst einmal verdient habe, "von allen Seiten gründlich durchleuchtet zu werden", tunlichst und schnell ad acta legen. Wir wollen ihm hier nach einigem Überlegen die Stirn bieten und indes damit kontern, dass wohl eher das Gegenteil der Fall sein sollte: Abstruse Ideen sollten vielleicht doch besser dem Papierkorb anvertraut werden. Denn auch Papier ist bisweilen ungeduldig.

Nähere Infos zum Large Hadron Collider siehe: LHC

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Ist die Herstellung von künstlichen Schwarzen Löchern riskant?

Otto E. Rössler 23.01.2011

Zusammenfassung meiner wissenschaftlichen Ergebnisse zur Gefährlichkeit des Large Hadron Colliders (LHC) für den Planeten

Da die Redaktion unschlüssig war, ob wir den Text von Prof. Dr. Otto Rössler veröffentlichen sollen, weil wir nicht wirklich beurteilen können, ob die von ihm gemachten Annahmen plausibel sind und ob die Argumente der Befürworter der Experimente über deren Ungefährlichkeit zutreffen, baten wir Harald Zaun, zur Orientierung einen begleitenden Kommentar zu schreiben: "Das Unmögliche überdenken - warum nicht?!: Warum Otto Rösslers Kassandraruf vor künstlich erzeugten Schwarzen Mini-Löchern nicht überhört werden sollte - ein Kommentar."

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