Werden Häuser immer mehr zu Sondermüll?

01.02.2011

Die Energie- und Klimawochenschau: Weniger Energieverbrauch gerne, aber Fassadendämmsysteme werden durch Pestizide "passend gemacht" und neue Bauchemikalien im Dienste des Energiesparens gehen zu Lasten der Gesundheit von Mensch und Umwelt

Ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs findet in Gebäuden statt. Davon drei Viertel nur für die Heizung. Bei neuen Gebäuden wird mittlerweile Niedrigenergiestandard gefordert. Aber auch die Altbauten sollen weniger Energie verbrauchen, es soll gedämmt werden. Die Bausstoffindustrie bietet viele Produkte für das energetische Gebäudetuning an, doch mit den neuen Baustoffen wiederholen sich anscheinend die Fehler der Vergangenheit. Die neuen Zusatzstoffe sind schneller da, als ihr ganzes Gefährdungspotenzial bekannt ist. Der Einsatz von Chemikalien beeinträchtigt die Gesundheit der Bewohner und die gesamte Umwelt.

Seit den 80er Jahren wurde öffentlich bekannt, dass viele Chemikalien in Baustoffen zu gravierenden Gesundheitsschäden führen können. In der Vergangenheit machten vor allem der Xylamonskandal, Parkettkleber auf Teerbasis, Asbest und in den letzten Jahren immer mehr Konditionierer aus Kunststoffen (Weichmacher, Formaldehyde) von sich reden. Diese Stoffe wurden vor allem in Innenräumen eingesetzt.

Umweltvergiftung aus ästhetischen Gründen

Jetzt geraten auch die neuen Fassadenbaustoffe in den Fokus. Um den Energieverbrauch für die Heizung in älteren Gebäuden zu senken, wird häufig auf sogenannte Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) zurückgegriffen. Weil sie vergleichsweise billig sind und eine anerkannte und einfache Lösung bieten, Energieverluste durch die Gebäudehülle zu senken, ohne sich allzu sehr Gedanken über die bauphysikalischen Zusammenhänge in einem Gebäude machen zu müssen. Nach Schätzung des Fraunhofer-Informationszentrums Raum und Bau (IRB) wurden seit der Einführung der Wärmedämmverbundsysteme im deutschsprachigen Raum geschätzte 600 Millionen qm davon auf Fassaden geklebt.

Prinzipieller Aufbau eines Wärmedämmverbundsystems. Nach Angaben des Fraunhofer IRB wurden im deutschsprachigen Raum bis heute etwa 600 Mio. Quadratmeter davon verbaut. Die durchschnittliche schadensfreie Lebensdauer erhöhte sich zwar von anfänglich nur drei Jahren auf heute 22 Jahre. Doch kann man auch das nicht als langlebig oder gar nachhaltig bezeichnen. Wohin mit den alten Verbunddämmschichten und - soll man sie durch neue ersetzen? Bild: Fachverband Wärmedämmverbundsysteme e.V.

Sie bestehen meistens aus einer Polystyroldämmschicht, Kunststoffarmierungsgeweben, kunststoffmodifizierten Zementklebern und Fassadenfarben, die mit sogenannten "Algiziden" und "Fungiziden" angereichert werden. Der Grund für diesen Pestizideinsatz: Die Fassaden sollen länger "wie neu" aussehen. WDVS bieten, was funktional nicht nachteilig ist, besonders auf der Wetterseite der Fassaden, gute Wachstumsbedingungen für Algen und Pilze. Ursache dafür ist, dass die Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht nur noch in den obersten Millimetern der Fassade stattfinden - wegen der wirksamen Dämmschicht. Denn die Innenwand gibt kaum noch Wärme an die Fassadenoberfläche ab. Daher kühlt die äußere Oberfläche nachts rasch ab und Feuchtigkeit kondensiert, so dass Algen und Pilze gut gedeihen.

Außerdem finden sie leicht Halt auf den WDVS-Fassaden. Denn weil die Temperaturunterschiede in den obersten Millimetern der Fassade stattfinden sind feine Haarrisse bis zum Armierungsgewebe unvermeidlich und einkalkuliert. Damit auch sie aber nicht optisch auffallen werden WDVS-Fassaden mit dem allgegenwärtigen Rauputz versehen, er soll die feinen Risse kaschieren. Rauer Putz begünstigt wiederum Staubanlagerungen die einen guten Nährboden abgeben. Aber auch dagegen werden schon wieder Fassadenfarben mit Nanopartikeln für einen "Lotuseffekt" angeboten, soll heißen, Schmutz haftet nicht so gut auf der Fassade.

Werden Häuser immer mehr zu Sondermüll?

Pestizide - vom Acker auf die Fassade

Wärmedämmverbundsysteme verbieten? Eine Frage der Baukultur

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