Ägypten könnte durch US-Außenpolitik das Schicksal Irans erspart werden

04.02.2011

Gespräch mit dem aus dem Iran stammenden Armenier Ervand Abrahamian, Professor für Geschichte des Nahen Ostens

Seit Donnerstagabend gibt es Berichte, dass die US-Regierung mit ägyptischen Regierungsangehörigen, die nicht näher genannt werden, über die sofortige Absetzung Mubaraks spricht. Was ist davon zu halten?

Da die New York Times darüber berichtet, muss es ihr vom Weißen Haus gesteckt worden sein. Was das Ziel dieses "Leaks" ist, darüber kann man nur spekulieren. Falls Mubarak aber tatsächlich auf Druck der USA gleich, und nicht erst im September, den Hut nimmt, dann wäre das in punkto US-Außenpolitik ein riesiger Fortschritt. Noch wichtiger ist, dass Ägypten das Schicksal des Iran erspart bliebe.

Inwiefern?

Ervand Abrahamian: Wenn die USA weiter an Mubarak festhalten, angeblich, um den Demokratisierungsprozess und Reformen "behutsam" über die Bühne gehen zu lassen, dann wird es in Ägypten trotzdem mehr Blutvergießen geben. In gewisser Weise würde es sich auch um eine Prophezeiung handeln, die sich selbst erfüllt, ähnlich wie im Iran. Auch dort haben die USA einen Diktator, nämlich den Schah, zu lange unterstützt, weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben.

Es gab im Iran eine Phase, in der ein relativ gewaltfreier Machtübergang hin zur moderaten Opposition möglich gewesen wäre, hin zu Ayatollah Schariatmadari, Premierminister Mehdi Basargan und zur Nationalen Front. Aber die USA unterstützten den Schah, bis es zu spät war. Im September 1978 erfolgte der Black Friday, bei dem das Schah-Regime am zentralen Platz von Teheran ein Massaker an Demonstranten beging. Das Massaker war ein Wendepunkt in der iranischen Geschichte, weil der Gedanke eines friedlichen Machtübergangs damit beendigt wurde.

Wo verläuft die Parallele zum Iran von damals?

Ervand Abrahamian: Zum einen die jahrelange US-Unterstützung für einen Diktator, zum anderen die Gewaltförmigkeit des Regimes. Wenn die Gewalt wie in den vergangenen Tagen, die von Mubarak-Anhängern gegen friedliche Demonstranten ausgeübt wurde, weitergeht, dann werden diejenigen Kräfte, die mit dem Regime verhandeln wollen, in die Hände von Extremisten getrieben.

In die Hände der Muslim-Bruderschaft?

Ervand Abrahamian: Nein, nicht direkt. Zunächst würden die extremistischen Kräfte innerhalb der Bruderschaft, die momentan kaum etwas zu melden haben, Gehör finden und innerhalb der Organisation an Einfluss gewinnen. Man muss sich das als Prozess vorstellen, der zuerst von äußeren Einflüssen wie der Repression des Regimes abhängt. Auch der Schah hatte jahrelang seine Geheimpolizei und seine Folterer eingesetzt. Dann kamen gegen die Demonstranten bezahlte Schläger und Gefängnisinsassen hinzu, denen bei entsprechenden "Einsätzen" draußen Haftverschonung in Aussicht gestellt wurde. Wer gegen die Repression die beste Gegenwehr und im Alltag gegen das Regime die sicherste Gegenwirklichkeit organisieren kann, gewann an Einfluss. Die Moderaten im Iran konnten das nicht leisten.

Wie schätzen Sie das Oppositionspotential der ägyptischen Muslimbrüder ein?

Ervand Abrahamian: Die ägyptische Opposition insgesamt ist bisher nicht besonders gut organisiert. Es handelt sich hauptsächlich um Individuen, die auf die Straßen gehen. Es mag eine Rechtsanwältvereinigung geben oder einen Ärzteverband oder eine Lehrergewerkschaft, aber das spielt im nationalen ägyptischen Rahmen kaum eine Rolle. Wenn demgegenüber behauptet wird, dass die Muslimbrüder "die größte und am besten organisierte Oppositionskraft des Landes" sind, dann hat dies nur beschränkt Aussagekraft. Es bedeutet nur, dass sie die einzige im ganzen Land aktive Opposition sind.

Und wenn das Regime weiter und verstärkt mit Gewalt gegen die Demonstranten vorgeht?

Ervand Abrahamian: Dann sind es mit Sicherheit nicht die Anwälte oder Doktoren, die die militante Gegenwehr organisieren, ebenso wenig die Facebook- und Twitter-Anhänger. Das werden die Muslimbrüder tun, und das wird ihnen, obwohl sie sich an die Proteste bisher nur angehängt haben, viel Respekt und Zulauf verschaffen. Wer sich in der Bruderschaft dann außerdem Gehör verschafft, das sind dann die tough guys, die wissen, wie man sich auf der Straße gegen die tough guys der Mubarak-Partei wehren kann.

Wird die Opposition ihre Schubkraft beibehalten können, wenn Mubarak wirklich schneller abtritt, als er versprochen hat, und zur Opposition gegen das gesamte Regime?

Ervand Abrahamian: Die wirtschaftlichen und sozialen Klagen der Opposition wie Arbeitslosigkeit, Inflation. niedrige Löhne und so weiter machen sich am Mubarak-Regime fest, und das zu Recht. Denn er hatte ja 30 Jahre Zeit, sich darum zu kümmern - und alle wissen, dass er versagt hat. Wenn die Mubarak-Anhänger nach dem Wegfall ihres Führers auf diesen Zug aufspringen, um damit gegen die Opposition zu argumentieren, dann wird es nicht funktionieren. Aber wenn die Opposition in der Post-Mubarak-Ära diese Forderungen nicht mehr in den Vordergrund stellt, zum Beispiel, weil sie mit ihrer Machtbeteiligung beschäftigt ist, dann werden ihr die Anhänger davonlaufen.

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