Schwarzmilchschmuggel

07.02.2011

In New York bedienen Amische aus Pennsylvanien den Markt für ein illegales landwirtschaftliches Produkt

1864 entdeckte der Franzose Louis Pasteur, dass man einen Großteil der schädlichen Keime in der Milch abtötet, wenn man sie für einige Sekunden auf 72 bis 75 Grad erhitzt. Dieses Verfahren kommt heute bei Frischmilch zur Anwendung. H-Milch wird dagegen bei bis zu 143 Grad sterilisiert. Beide Verfahren verändern den Geschmack der Milch - ob zum besseren oder zum schlechteren liegt im Gaumen des Konsumenten. Unter anderem deshalb existiert ein Markt für unbehandelte Milch, die einen deutlich höheren Preis als behandelte erzielt.

In Deutschland gibt es nach der Richtlinie 92/46/EWG vom 16. Juni 1992 zwei erlaubte Möglichkeiten, solche Milch zu erwerben: Verkauft sie der Bauer auf seinem Hof, muss er ein gut sichtbares Schild anbringen, dass das Produkt vor dem Verzehr abgekocht werden muss. Andernfalls haftet er für Gesundheitsschäden. Die so genannte "Vorzugsmilch", die in Reformhäusern und anderen Fachgeschäften angeboten wird, ist ebenfalls nicht pasteurisiert, wird aber weitaus strenger kontrolliert als normale Frischmilch. In den USA haben nicht alle Verbraucher solche Möglichkeiten. In 12 Bundesstaaten ist der Verkauf von Rohmilch illegal und der Handel über die Bundesstaatsgrenzen hinweg verboten, wenn das Produkt direkt zum menschlichen Konsum bestimmt ist.

Foto: William M. Connolley. Lizenz: CC-BY-SA.

Deshalb gibt es dort einen Schwarzmarkt, der unter anderem von Amischen und Mennoniten bedient wird, die unbehandelte Milch aus dem westlich von New York gelegenen Pennsylvanien in die Stadt schmuggeln, wo der Preis für Rohmilch bei über einen Dollar sechzig pro Liter liegt. Durch den höheren Preis können die Farmer ihre Milch mit vorindustriellen Methoden herstellen, was ihrer Religion entgegenkommt und für kaufkräftige Kunden einen besonderen Anreiz darstellt. Das Verbot von Automobilen umgehen die Amischen ähnlich wie orthodoxe Juden, die für nicht Erlaubtes einen Schabbes Goj beschäftigen: Sie bezahlen Andersgläubige, die sie und die Milch in die Stadt fahren.

Trotz der grassierenden Gewaltkriminalität wendeten amerikanische Behörden in den letzten Jahren beträchtliche Ressourcen auf, um gegen diesen Schwarzmarkt vorzugehen. Bei Mark Nolt, einem mennonitischen Milchbauern aus dem Cumberland County, wurden deshalb bereits mehrere Razzien veranstaltet. Nolt sieht in den Vorschriften einen ungerechtfertigten Eingriff in seine Privatangelegenheiten und weigert sich bislang, Bußgelder zu bezahlen, die sich auf über 4.000 Dollar summiert haben. Mittlerweile erlangte er landesweite Berühmtheit und wird teilweise mit Rosa Parks verglichen - der Frau, die mit ihrer Weigerung, sich im Bus nach hinten zu setzen, zur Symbolfigur der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre wurde.

Von den Maßnahmen sind nicht nur Amische und Mennoniten betroffen: Im kalifornischen Ventura County wurde die Farm von Sharon Palmer in 18 Monaten drei mal durchsucht (wobei die Beamten jedes Mal auch die Computer der Familie mitnahmen und nicht zurückgaben). In Madison im Bundesstaat Wisconsin erlebte Vernon Hershberger sogar drei Durchsuchungen innerhalb von drei Monaten und in Missouri überwachten zwei Zivilpolizisten die Kinder der Bauernfamilie Bechard, um sie des illegalen Verkaufs von Rohmilch zu überführen.

Auch Läden und Genossenschaften gerieten wegen des Verkaufs von Rohmilch ins Visier der Behörden: In Minnesota durchsuchte und schloss die Polizei das auf regionale Produkte spezialisierte Traditional Foods Warehouse und in Venice stürmten FBI-Beamte mit gezogener Waffen die Bio-Genossenschaft Rawesome Foods. Selbst ein Mann, der nichts anderes gemacht hatte, als Bauern und Kunden auf seinem Parkplatz das Umladen bestellter Milch zu erlauben, wurde schon Opfer einer Hausdurchsuchung inklusive Computerbeschlagnahme. Pete Kennedy vom Farm-to-Consumer Legal Defense Fund meint, dass er in den letzten Jahren keinen Fall erlebt habe, in dem ein Richter eine Hausdurchsuchung wegen des Verdachts auf Verkauf von Rohmilch verweigert hätte und sieht angesichts dieser Situation das im vierten Verfassungszusatz garantierte Recht auf sorgfältige Prüfung solch einer Anordnung verletzt.

Das Minnesota Department of Agriculture begründete die Hausdurchsuchungen mit acht Erkrankungsfällen, bei denen der Verdacht bestünde, dass sie auf Rohmilchgenuss zurückgehen. Der amerikanischen Lebensmittelbehörde FDA zufolge führte der Konsum von Rohmilch zwischen 1998 und 2008 insgesamt zu 1.614 Infektionen von denen 187 im Krankenhaus behandelt werden mussten. Zwei Personen überlebten die Erkrankung nicht. Allerdings sterben, wie Mark Frauenfelder in BoingBoing anmerkte, in den USA jedes Jahr zwischen zwei und 12 Kinder beim Footballspiel an ihrer High School, ohne das Politiker bisher ein Verbot dieses Sports in Betracht ziehen.

Auch in anderen amerikanischen Medien kommen solche Maßnahmen nicht gut an: Das Magazin Natural News sprach beispielsweise von "einem der schlechtesten Verwendungszwecke von Steuergeld, den sich Bürokraten bisher ausdachten" und stellte die Frage, wer denn damit eigentlich geschützt werden soll, wenn jedem Käufer klar ist, dass es sich bei der sehr viel teureren und aufwendig zu beschaffenden Milch nicht um normale pasteurisierte Frischmilch handelt.

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