Fotoshooting

12.02.2011

Ein tödliches Rendez-Vous mit sich selbst

Ein schwarzer Tresen. Ein geladenes Gewehr. Hinter dem Tresen eine Zielscheibe. Ich nehme das Gewehr hoch, lege an, visiere die rote Mitte der Zielscheibe an und - Knall, Blitz - ein Treffer. Habe ein Bild geschossen. Mein Bild. Halte auf dem Bild das Gewehr auf mich selbst gerichtet und drücke ab. Fotoshooting - wörtlich genommen. Eine Art Selbstschussanlage.

"Legen Sie selbst an!", heißt es in der Ausstellung Shoot-Fotografie existenziell, die bis zum 3. April 2011 im C/O Berlin zu sehen ist. Im Zentrum der Ausstellung steht die Rekonstruktion einer historischen Jahrmarkt-Schießbude. Eine Selbstauslöser-Installation, mit der der Besucher die Erfahrung machen kann, welche Lust es bereitet, ein Porträt von sich zu schießen.

Bild: Gerald Zörner/gezett.de

"Wie die Kamera eine Sublimierung des Gewehrs ist, so ist das Abfotografieren eines anderen ein sublimierter Mord", so beschreibt es Susan Sontag in ihrem Essay "Über Fotografie".

Anlegen, zielen, abdrücken, schießen – wer das Ziel trifft, begeht im C/O Berlin einen fröhlichen Selbstmord. Fein fotografisch dokumentiert, locker und flockig, als wenn man sich auf dem Jahrmarkt eine Blume er-schießt.

Bild: Gerald Zörner/gezett.de

Die in der Foto-Ausstellung präsentierte Schießbuden-Installation hat es wirklich gegeben: Sie tauchte nach dem Ersten Weltkrieg als Jahrmarkt-Attraktion auf. "Fotoschuss" nannte sich der kuriose Budenzauber. Für den Besucher der Kirmes bestand die spielerische Herausforderung darin, sich am Schießstand mit sich selbst zu duellieren. Als Foto-Trophäe konnte der eigene Abschuss hernach mit nach Hause genommen werden.

Die bizarre Faszination, sein eigenes Ego als Zielscheibe zu verwenden, zog viele Menschen in ihren Bann. Eine ganze Wand im zeigt Jack Nickolson, das Gewehr im Anschlag, auf sich selbst zielend.

Der Fotograf ist der Jäger, das Modell das Wild, dies sind oft verwendete Bilder, um die Psychologie des Fotografiertwerdens zu beschreiben. Beim Fotoschuss wird dieser Prozess karikiert: Hier zielt der Jäger auf sich selbst; das Wild erlegt sich eigenständig; der Schütze wird zur Beute.

Bild: Gerald Zörner/gezett.de

Viele berühmte Künstler wurden durch die Jahrmarkt-Schießbude zum Selbstporträt mit Waffe verführt. Darunter Intellektuelle wie Jean Cocteau, Federico Fellini, François Truffaut und Jean-Paul Sartre. Auch Simone de Beauvoir, die Grande Dame des Feminismus, gibt sich selbst die Kugel. Fröhlich Suizid begehen auch Juliette Gréco, Man Ray, Henri Cartier-Bresson, Brassaï und Robert Frank. Die Ausstellung beleuchtet diese fotografischen Selbstzerstörungen und spürt im Bild der Frage nach, inwiefern jeder Schnappschuss auch ein Abschuss ist.

Clément Chéroux, Kurator am Centre Pompidou, Paris, hat die Ausstellung zusammengestellt. Er sammelt seit 20 Jahren historische Aufnahmen aus Fotoschuss-Apparaten. Die Niederländerin Ria van Dijk hat sich seit 1936 jährlich am Jahrmarkt-Schießstand in Selbstschuss-Pose porträtiert. In den mehr als 60 Fotografien hat sich diese Frau über die Zeit hinweg dokumentiert.

Bild: Gerald Zörner/gezett.de

Eine Fotografie aufzunehmen oder sie zu sehen, bedeutet immer auch, in die Schusslinie von jemandem zu geraten. Diese Aspekte stehen bei Jean-François Lecourt und Rudolf Steiner im Vordergrund. Konsequenterweise schießen diese Künstler scharf - auf die Fotoschuss-Automaten. Und konsequenterweise weisen ihre Porträts echte Löcher auf - die Einschlagspuren der Projektile.

Bild: Gerald Zörner/gezett.de

In dem Video von Christian Marclay steht der Betrachter Clint Eastwood und anderen US-Filmgrößen gegenüber, die ihn minutenlang beschießen. Ein Filmdokument zeigt Nikki de Saint Phalle. Sie greift die Idee des Abschießens mit den Mitteln der Malerin auf. Hier platzen Leinwände und bluten.

Susan Sonntag hat die Ähnlichkeit zwischen einem Fotoshooting und dem Gebrauch einer Schusswaffe aufgedeckt. Der Fotografierte ist in diesem Sinne das erlegte Wild, der besiegte Feind. Kein Wunder, dass das Bild, in dem es einen unwiederbringlich vergangenen Moment festhält, unterliegend an den eigenen Tod erinnert.

Jeder, der schon einmal mit einer Kamera bewaffnet, durch die Stadt lief, kennt das Gefühl: Die Kamera verleiht Autorität und Macht. Die Leute schauen einen an. Wer die Kamera hat, definiert, was gesehen wird, ist überlegen, hat die Perfektion der Technik auf seiner Seite. Die ohne Kamera sind das Leben, haben Narben, schwitzen, sind wehrlos, ausgeliefert und zum Abschuss freigegeben.

Bild: Gerald Zörner/gezett.de

Dies ist das Spannungsfeld, welches die Ausstellung Shoot! auf eine witzige Weise beleuchtet: Auch unser Selbstbild als Shooting-Star ist in diesem Sinne ein Memento Mori zu Lebzeiten. Ein Bild von sich machen heißt, die Summe der Eigenschaften begrenzen, sagt Roland Barthes. Und weil es die Summe unserer Eigenschaften begrenzt, lügt das Bild. Das kretische Paradoxon - der Kreter, der sagt, dass alle Kreter immer lügen - lässt sich auch auf Fotografie beziehen. Alle Bilder lügen - immer, sagt der Fotograf, der in diesem Sinne ein Profi-Lügner ist.

Bild: Gerald Zörner/gezett.de

Dennoch streben wir, wenn wir Bilder von uns angucken, nach der höheren Wahrheit in der Lüge, nach wahren Erkenntnissen über uns. Wir sollten es lassen, sagt diese Ausstellung. Wer versucht, sich im eigenen Bild selbst zu erkennen, schießt sich ein Eigentor. Ein Bild ist ein Bild. Ein Schuss ist ein Schuss. Und das Ich lässt sich auch im Schießbuden-Ego-Shooter nicht auslöschen, sondern lächelt fröhlich weiter.

Gemeinsam ist allen Arbeiten der Ausstellung Shoot!, dass ein Schuss das Werk begründet – der vernichtende Akt des Schießens wird zum schöpferischen Prozess. Für den heutigen Betrachter hat dieser Selbstschuss-Selbstauslöser angesichts der Bilderflut, die ihn umspült, auf jeden Fall auch etwas von einem Befreiungsschlag.

Die Ausstellung SHOOT! Fotografie existentiell ist eine Koproduktion des Museums für Photographie Braunschweig und Les Rencontres d'Arles, sie ist bis zum 3. April 2011 im C/O Berlin zu sehen.

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