Computopia revisited

19.03.2011

Eine Spekulation über die technische (Selbst)Organisation der Gesellschaft

Die sozialistische Utopie, in der die Produktivkräfte von den Fesseln der Produktionsverhältnisse befreit werden und befreite Klassen entwickelte Technologien zum konstruktiven Aufbau einer besseren Welt nutzen, ist heute in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gerückt. Bei der Bandbreite neuer Technologien könnte diese Utopie jedoch eine neue Attraktion gewinnen. Im letzten Jahrhundert sind immer wieder Versuche gemacht worden, Technik und Utopie zu verbinden, ohne dass die Technik die nötigen Ansprüche hätte schon erfüllen können. Erst mit der Einführung des Computers hat der entscheidende Quantensprung stattgefunden, um neue gesellschaftliche Konzepte zu forcieren. Und am Horizont zeichnet sich vielleicht eine technologische Eigengesetzlichkeit ab, die die menschlichen Belange auf neue Art und Weise vermitteln wird.

Was ist die gangbare Alternative zu diesem System? (...) Es könnte doch sein, dass sich zwischen Menschen – und zwischen den Menschen und den Dingen – eine Art von Bewusstsein bildet, von dem wir jetzt noch keine Vorstellung haben. Das wäre sozusagen eine gutmütige regulative Idee.

Ernst Wilhelm Händler1

Zusammenfall von Sozial- und Technikutopien

Die Frage ist, inwieweit aktuelle Innovationen aus Forschung und Technik neue Verbindungen eingehen können mit Vorstellungen von anderen Gesellschaftsformen. Klar ist aber auch, dass diese nicht ohne Schwierigkeiten zu einem umfassenden Modell einer idealen Gesellschaft zusammengefügt werden können, da die Vielfalt der einzubeziehenden Elemente das einzelne Konzept überlasten würde – das ist auch gar nicht nötig.

Die klassische Utopie lebt weiter als Denkmethode, alternative Modelle als Korrektiv zur realen Gesellschaftsorganisation zu begreifen. Aber vielleicht hat sich der "Nicht-Ort" der Utopie auch dahingehend verlagert, dass es die Technik selbst sein wird, die sich zum entscheidenden Katalysator eines wunschgemäßen menschlichen Lebens entwickelt.

Längst fallen Sozial- und Technikutopien notwendig zusammen. Ein Beispiel hierfür aus jüngerer Zeit ist die Oekonux-Idee (siehe: Lizenz zum Kommunismus?). Mit immer größerer Beschleunigung werden neue Möglichkeiten geschaffen, die immer weniger mit der Logik des Systems zu bändigen sind. Im Hinblick auf illegale Software-Downloads im Internet wird das Eigentumsprinzip dieser Gesellschaft ganz praktisch in Frage gestellt, ohne dass es allerdings zu einer allgemeinen Reflexion über die Sinnfälligkeit dieses Prinzips käme. Der Besitzstand von Warenobjekten wird weiter angekratzt, wenn bald Fabber, also 3D-Drucker, massenhaft benutzt werden.

Historische Verbindungen

Eine allgemeine utopische Begeisterung für das Kommende wird möglicherweise erschwert durch die fehlende sinnliche Anschauung der neuen Technologien, obwohl sich das zu ändern beginnt.

Wenn man einen älteren Text zur Utopieforschung des Philosophen Ernst Bloch liest, dann wird die Zeit ab dem ersten Weltkrieg, was die technischen Utopien betrifft, als "lange nicht so aufregend" wie zur Zeit Jules Vernes beschrieben.2 Das Erfindungstempo sei bis 1914 schneller gewesen, die Einführung der Industrialisierung habe eine einschneidende, für alle nachvollziehbare Veränderung der Lebensverhältnisse bewirkt, etwa durch die Einführung der Eisenbahn.

Der SF-Autor Neil Stephenson argumentiert ähnlich, wenn er dem späten 20. Jahrhundert attestiert, dass es wenig innovativ gewesen sei, und die Höhepunkte der Erfindungskraft an Namen wie Nikola Tesla und Thomas Edison festmacht.3 Das Problem heute sei, dass große Teams von Ingenieuren an den komplizierten Technologien arbeiten müssten.

Stephenson sieht allerdings in Gestalt des (Personal)Computers eine Revitalisierung der allgemeinen Erfindungsbereitschaft einsetzen. Zu Recht. Die Informations- und Kommunikationstechnologien haben die Organisation der Gesellschaft tiefgreifend verändert – viele Jobs sind Computer-Arbeiterplätze geworden. Noch nie haben so viele technische Instrumente in verschiedenen Größenordnungen den Menschen zur Verfügung gestanden. Auch wenn es praktische Einschränkungen durch ihre ansteigende Komplexität gibt, so werden parallel viele neue Schnittstellen entwickelt, die ihre Handhabung vereinfachen. Damit werden neue Grundlagen für die Verbindung von technischer und politischer Utopie gelegt.

Things to come

Doch halten wir zuvor eine Rückschau. In der revolutionären Sowjetunion war zu Beginn der Boden bereitet für die Übersteigung der irdischen Verhältnisse durch technische Visionen. Im Westen entstand einige Jahre später die Technokratie-Bewegung, begünstigt durch die Weltwirtschaftskrise. Ihren Höhepunkt in den USA erreichte sie in den Dreißigern. Einen Niederschlag fand die technokratische Ideenwelt in dem Film "Things to come" (GB 1936) von William Cameron Menzies nach einer Vorlage von H.G. Wells. In dieser Verfilmung wird das gesellschaftliche Modell einer technologische Elite skizziert, die nach einem jahrzehntelangen Krieg in naher Zukunft die Steuerung der Gesellschaft übernimmt, um den wissenschaftlichen Fortschritt zu sichern.

Die technokratische Bewegung existiert bis heute, und ohne näher auf Einzelheiten einzugehen, kann ich mir vorstellen, dass sie angesichts der heutigen Krisenproblematiken in modifizierter Form einen erneuten Aufschwung erleben könnte. Einen weiteren Versuch der Artikulation von Technik und politischer Zukunftsgestaltung stellt nach dem 2. Weltkrieg die Kybernetik dar. Zur Zeit des kalten Krieges galt ihr ein systemübergreifendes Interesse (siehe: Kybernetik - ein Hype von vorgestern). Stanislaw Lem hat in den fünfziger Jahren unter ihrem Eindruck eine Perspektive für eine ideale gesellschaftliche Struktur formuliert4, der ich nur zustimmen kann.

Größtmögliche wechselseitige Ergänzung bei größtmöglicher individueller Freiheit – das ist die Formel unseres Modells. Die Entwicklung solch einer Gesellschaft erfolgt nicht durch Vereinfachung der bestehenden Bindungen, durch Vereinfachung der Struktur und Unterordnung der Individuen unter dieselbe, sondern im Gegenteil durch die wachsende Kompliziertheit dieser Struktur. Verursacht wird dies (…) durch das Anwachsen der im System zirkulierenden Information, durch die wachsende Anzahl der Wirkungskreise sowie durch die ständige Differenzierung der Bedürfnisse, Talente, Berufe, Geschmäcker und Vorlieben.

Stanislaw Lem

Auch später gab es im Westen als Auswirkung der Studentenbewegung das Engagement, moderne Technologie und gesellschaftliche Emanzipation in einen Zusammenhang zu bringen. Hans Magnus Enzensberger meinte 1969, dass die Kybernetik teilweise zur herrschenden "Bewusstseinsindustrie" zu zählen sei. Mithilfe von Großrechenanlagen und des Fernsehens wollte Helmut Krauch eine elektronische Demokratie möglich machen. Unter dem Begriff Computer-Demokratie wurde "ein strukturiertes und gut organisiertes Staatswesen verstanden, bei dem die wichtigsten Fragen nach gründlicher Vordiskussion über Funk und Fernsehen durch direkte Abstimmung entschieden werden."5 Der Rechner wurde in diesem Konzept als Mittel für diese Abstimmung gebraucht.

In den USA dagegen setzte sich eine technologische Bewegung von unten in Gang, mit der nichts in Europa vergleichbar war: die Hacker-Bewegung. R.U. Sirius, der ehemalige Herausgeber der legendären Technokultur-Zeitschrift "Mondo 2000", die selbst aus einem Hacker-Medium hervorgegangen ist, beschreibt die damalige historische Situation6:

In the late 1960s and the early 1970s most rebellious youths in America saw technology as just another implement in the war against Vietnam and police repression at home. The computer industry involved large expensive machines only affordable to wealthy corporations, built and provided by International Business Machines (IBM), a big corporation with war contracts. But there was a small minority among the rebellious young Americans who were drawn to technology. They were the early nerds. They read lots of science fiction. They would talk about being able to bring about youthful dreams of utopia with technological advances. And they dreamt of thinking machines that could be used by ordinary people. In other words, desktop computers.

R.U. Sirius
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