Pest oder Cholera?

09.02.2011

Die Energie- und Klimawochenschau: Die USA machen sich abhängig von kanadischem Öl und gefährden auf der Suche nach Erdgas Trinkwasserreservoirs

Erdöl ist immer noch der Schmierstoff der Weltwirtschaft, und spätestens seit dem Zerfall des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe, also des Ostblocks mit seinem administrativ geregelten Preissystem, ist der Markt weitgehend globalisiert. Preisunterschiede zwischen einzelnen Sorten vergleichbarer Qualität gehandelt an den verschiedenen regionalen Börsen sind meist gering. Eine andere Geschichte sind natürlich die jeweiligen Verbraucherpreise, die durch Steuern, Subventionen und staatliche Obergrenzen wie in China, sehr unterschiedlich ausfallen können.

Umso erstaunlicher ist die Differenz, die sich in den letzten Wochen zwischen dem europäischen und dem US-Markt aufgetan hat. Während für ein Fass des Nordseeöls Brent Spar inzwischen über 100 US-Dollar gezahlt wird, zeigte sich der Kurs für US-amerikanische Sorten insbesondere von der Entwicklung der letzten Monate unbeeindruckt. Für gewöhnlich beträgt der Unterschied nicht mehr als einige wenige Dollar, doch seit Ende 2010 ist er auf über zehn US-Dollar pro Fass angewachsen, weil sich das europäische Öl verteuert, während auf dem US-Markt die Kurse nahezu konstant bleiben.

Man könnte annehmen, dass es einen Zusammenhang mit den Revolutionen in Tunesien und Nordafrika gibt, denn immerhin muss ein erheblicher Teil der europäischen Ölimporte das Nadelöhr Suez-Kanal passieren. Allerdings hat sich die Schere bereits einige Wochen vor den ersten Demonstrationen zu öffnen begonnen. Auf dem US-Markt bewegen sich die Preise seit dem Hebst gleichbleibend um 90 US-Dollar pro Fass, während auf den hiesigen Märkten ein kontinuierlicher Aufwärtstrend zu verzeichnen ist, der weniger nach nervösen Ausschlägen, als nach sich längerfristig verändernden Bedingungen aussieht.

Einer der Gründe für diese Diskrepanz dürfte in dem in den USA existierenden großen Angebot aus synthetisiertem Rohöl liegen, das in Kanada aus sogenannten Ölsänden gewonnen wird. Über diese besonders energieintensive und Umwelt zerstörende Form der Ölförderung ist hier auf Telepolis bereits mehrfach berichtet worden (siehe z.B. Der kanadische Ölsand-Komplex, Der kanadische Ölsand-Komplex oder Unterschiedliche Lesarten). In der kanadischen Provinz Alberta werden dafür großflächig Urwälder zerstört, Seen zugeschüttet und Flüsse umgeleitet (siehe dazu Oil Sands Truth).

Abraum einer Ölsand-Mine. Bild: Macdonald Stainsby/OST

Zu dem Ergebnis kommt zumindest ein Blog-Beitrag auf der Seite der New York Times. Dort heißt es, dass die großen Öldepots in Oklahoma randvoll seien und auf den Preis drückten. Kanada sei inzwischen für die USA zum wichtigsten Importeur aufgestiegen, und als Ende Januar an den Börsen rund um den Globus die Kurse als Folge der Unruhen in Ägypten absackten, hätten die kanadischen Papiere und insbesondere jene der im Teersand-Geschäft tätigen Unternehmen deutlich zugelegt.

Vor diesem Hintergrund wird in den USA derzeit eine hitzige Debatte um den Bau einer neuen, sieben Milliarden US-Dollar teuren Pipeline geführt, durch die die kanadischen Ölexporte aus Alberta verdoppelt werden könnten. Umweltschützer opponieren heftig dagegen und verweisen nicht nur auf die katastrophalen Zerstörungen in Alberta und die Vergiftung der dortigen Umwelt, sondern auch auf die höheren spezifischen Treibhausgas-Emissionen, die mit den Teersänden verbunden sind (Das Erdölzeitalter wird schmutziger).

Wie die Vancover Sun berichtet, hängt derzeit alles von US-Präsident Barack Obama ab, der seine Zustimmung zu dem Projekt geben muss. Der hat nicht nur Probleme, weil das Pipeline-Projekt so gar nicht zu seinen Forderungen nach "sauberer Energie" passt, sondern bekommt auch Druck aus einigen Bundesstaaten, die Bedenken wegen möglicher Lecks haben. Besonders in Nebraska fordert man zumindest eine Verlegung der geplanten Route, damit die dortigen großen Grundwasservorkommen nicht im Falle eines Falles gefährdet wären.

Kanadas Premierminister Stehen Harper wirbt hingegen im Einklang mit den Ölkonzernen beider Länder für das Projekt und verweist auf die Sicherung der Energieversorgung der USA. Kanada liege vor der Haustür und sei stabiler und den USA freundlicher gesonnen als alle anderen Förderländer. Die USA könnten ohnehin in absehbarer Zeit ihren Energiebedarf nicht aus eigenen Quellen decken.

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