Mediale und journalistische Posse in Griechenland

Die verlorene Ehre der Faye Marie Meyer: Für Nebenwirkungen beim Ausdrucken von Indymedia-Inhalten fragen Sie Ihren Anwalt oder die örtliche Polizeiwache

Mit dem heutigen Beschluss des Athener Gerichts für kleinere Strafvergehen ist Faye Marie Mayer wieder in Haft. Der Siebenundzwanzigjährigen wird die Beteiligung an der "Verschwörung der Feuerzellen" vorgeworfen. Die Feuerzellen sind eine jüngeren Terrorgruppen Griechenlands. Sie haben unter anderem explosive Post ins Kanzleramt geschickt (Aus Athen nach Berlin - ohne Liebe, aber mit explosivem Inhalt).

Ein besonderer Tatverdacht gegen Frau Meyer lag bisher nicht vor. Sie wurde erstmals im Januar 2011 in ihrer Wohnung im Athener Stadtteil Perissos festgenommen. Zeitgleich liefen der Polizei vier weitere junge Menschen ins Netz. Diese stehen aktuell in Athen als Terroristen vor Gericht, wo sie sich in einem Aufsehen erregenden Prozess aktuell ohne anwaltliche Unterstützung verantworten müssen.

Am Tag der ersten Festnahme Mayers und der vier weiteren Verdächtigen hatte die Antiterrorpolizei anfangs auch einen weiteren Fahndungserfolg gemeldet. Auf offener Straße griffen Zivilbeamte das Linksparteimitglied Dimosthenis Papadatos auf. Als Mitglied des Zentralrats des linken Synaspismos fühlte sich der wissenschaftliche Hochschulmitarbeiter überfallen und rief um Hilfe. Statt sich als Beamte auszuweisen antworteten die Polizisten mit Schlägen, wie Augenzeugen einhellig berichteten. Seitens der Passanten wurde sogar die "normale Polizei" verständigt.

Zunächst wurde stolz verkündet, die Polizei habe nun auch einen weiteren führenden Kopf der Gruppe geschnappt. Zwei Tage nach seinem Abenteuer, sichtlich vom Gefängnisaufenthalt ermüdet und immer noch etwas ramponiert, gab Papadatos am 14.Januar eine Pressekonferenz.

Ähnlich wie der Universitätsdozent fühlte sich Faye Meyer. Die junge deutsch-griechische Sprachlehrerin hatte freundschaftlichen Kontakt zu gleichaltrigen, mutmaßlichen Mitgliedern der "Feuerzellen" gepflegt. Sie hatte sich politisch für linke und anarchistische Ideen begeistert. Dies erwies sich als genug für eine Festnahme, aber gemäß der Untersuchungsrichterin nicht ausreichend für eine Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft bestand auf einer Untersuchungshaft wurde aber von der Untersuchungsrichterin überstimmt.

Offensichtlich war sich die Untersuchungsrichterin bewusst, dass die aktuell vorliegende Beweislage einen Großteil der griechischen Jugend hinter Gitter bringen würde. Denn in Griechenland sind vor allem in Zeiten stetig steigender Belastungen für Normalbürger anarchistische Ideen und Publikationen weit verbreitet.

Wäre es bei diesen Fakten geblieben, dann hätte die Nachricht über die Festnahme einer Deutschen, deren Vergehen in Schwärmerei für einen Outlaw bestand, höchstens einen Einspalter auf einer Panoramaseite gebracht. Aber Frau Meyer hatte innerhalb weniger Tage nicht nur intensive Erlebnisse mit Griechenlands Terrorabwehrbehörde wie ihr Leidensgenosse Papadatos. Sie wurde darüber hinaus auch von in- und ausländischen Medien in die Mangel genommen.

Eine Falschmeldung auf dem Weg um die Welt

Fayes Mutter heißt nämlich Barbara. Dies war für einen hochrangigen Antiterrorabteilungsoffizier Griechenlands Beweis genug. Er dachte Barbara Meyer – war die nicht mal bei der RAF? Der Name Meyer ist schließlich selten. Er übersah, dass "Meyer" in Griechenland selten, in Deutschland jedoch verbreitet ist und meinte den "großen Fisch" gefangen zu haben.

Mit dem aufgrund des Fahndungserfolgs gestärktem Selbstgefühl steckte er diese "Exklusivinformation" an Panos Sombolos, den Vorsitzenden der größten Journalistengewerkschaft ESIEA. Sombolos witterte einen Pulitzerpreis würdigen Scoop. Er übernahm die Information ohne Recherche und verkündete stolz und mit dramatischem Unterton seine Nachricht zur Hauptnachrichtenzeit als "exklusive Sondermeldung" über seinen "Haussender" Mega TV. Was der große Vorsitzende macht, kann nicht falsch sein, dachten einige Kollegen und schickten die Meldung über Agenturticker bis nach Deutschland - Bild allen voran. Dort wurde sie zunächst ungeprüft einfach weiter veröffentlicht und tauchte selbst bei der deutschen indymedia auf.

Heißen sie Meyer, Baader oder Meinhof? Dann sollten Sie schleunigst den Namen ändern, denn Journalisten googeln nicht!

Langer Rede, kurzer Sinn. Faye Meyers Mutter wurde zur Terroristin gestempelt, der Vater gar als in Deutschland bei einem Schusswechsel getöteter Polizistenmörder geoutet. Zwar starb der erste Ehemann der "echten", niemals wegen einer RAF-Mitgliedschaft verurteilten Barbara Meyer bei einem Schusswechsel mit Polizisten. Dies geschah allerdings in Österreich und nicht in Deutschland. Darüber hinaus hieß der Mann Horst Ludwig Meyer und nicht Wolfgang, wie Fayes Vater. Die "echte" Barbara Meyer war auch keine gebürtige Griechin, wie Fayes Mutter, und sie hat darüber hinaus keine Tochter samt Söhnen, sondern nur einen Sohn.

Die beteiligten Journalisten, die offensichtlich nicht in der Benutzung einer Internetsuchmaschine geschult waren, beriefen sich auf eine Falschinformation seitens der griechischen Behörden. Bereits am Freitag, den 14. Januar 2011, konnte das "Missverständnis" aufgeklärt werden. Noch am folgenden Sonntag waren die Wochenendzeitungen voll mit seitenlangen Artikeln über Barbara Meyer, die RAF, die terroristische Tochter und einer weltweiten Terrorverschwörung. Besonders bunt trieben es die nach eigenen Angaben sorgfältigen recherchierenden führenden Medienhäuser des Landes. Jede Zeitung, die etwas auf sich zählte, hatte mehrseitige Exklusivreportagen aus dem Leben des internationalen Terrorsprösslings. Die meisten Blätter waren schließlich seit Freitagabend gedruckt, es war schlicht zu spät für eine Korrektur.

Investigativer Journalismus oder falsche Berufswahl?

Für Falschmeldungen über Personen sind die Journalisten haftbar. Daher finden sich Reporter schnell hinter schwedischen Gardinen und müssen für Gerichtskosten oft ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen. Allerdings werden solche Klagen oft als Zensurwaffe gegen unliebsame Veröffentlichungen eingesetzt. Dank der lange laufenden Gerichtsverfahren wirkt diese Taktik selbst dann, wenn die Veröffentlichung den Tatsachen entspricht, denn bis zum Abschluss von Gerichtsverfahren können im Sonnenstaat Griechenland einige Sommer ins Land kommen. Bei "Terroristen" fühlten sich die Journalisten auf der sicheren Seite und nutzten daher die Gelegenheit, für ihr Zeilengeld besonders ausführliche Märchen zu erzählen.

Vielleicht sollten die hellenischen Medien Pauschalhonorare einführen, denn besonders in den letzten Jahren kommen solche Enten häufiger vor. Ein anlässlich der interessanten Falschmeldungen kursierender Witz besagt, dass die erfundenen Geschichten einiger hellenischer Kollegen so gut geschrieben seien, dass nun Anfragen aus Hollywood vorliegen würden. Man würde den betroffenen Schreibern liebend gerne einen Vertrag als Drehbuchschreiber anbieten, so sie denn Fremdsprachenkenntnisse vorweisen könnten. Mit Fremdsprachenkenntnissen hätte jedoch die unterlassene Google-Suche besser geklappt.

Der Versuch, die verlorene Ehre wiederherzustellen

Nach griechischem Recht, und darauf beruft sich die offenbar terroristisch unverdächtige, in Griechenland lebende "falsche" Barbara Meyer, stellt all dies eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts in Kombination mit Verleumdung dar. Sie kündigte Klagen an. Aus vergleichbaren Fällen kann man schließen, dass Frau Meyer nun bis zu 15 Millionen Euro Schadensersatz erwarten könnte. Ob ihr in Deutschland als Musikpädagoge arbeitender Ex-Mann ebenfalls klagen wird, ist noch nicht bekannt.

Faye Meyer versuchte mit einem offenen Brief an die Medien, ihren Namen ins rechte Licht zu rücken. Veröffentlicht wurde der im Original auf Griechisch verfasste Brief lediglich in einigen kleineren Blättern und in Internetblogs. Die Mainstream-Medien vermeldeten lediglich, dass der zuständige Bürgerschutzminister Christos Papoutsis seine Beamten gerügt habe. Sie beriefen sich auf die offiziellen Pressemeldungen der Polizei. Es herrschte der Tenor vor, dass kein professioneller Journlaist auf die Idee kommen würde, Meldungen einer Presseabteilung auf ihre Vollständigkeit und ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Für eine ausführliche Richtigstellung der wahren Familienverhältnisse reichte der knappe mediale Platz natürlich nicht aus.

Das (Medien- und Justiz-) Imperium schlägt zurück

Die dem auch aufgrund seiner Zaunbaupläne (Flüchtlingshölle Hell-As) umstrittenen Bürgerschutzminister Papoutsis unterstehenden Ermittlungsbeamten hielten sich in den vergangenen Wochen im Fall Meyer zurück. Justiz- und Medienwelt wollten den Fall jedoch nicht auf sich sitzen lassen. Die im offenen Brief Faye Meyers kritisierte Generalstaatsanwältin legte gegen die Freilassung Widerspruch ein und erwirkte am Dienstag die erneute Festnahme der "aufgrund der Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung verdächtigen" Sprachlehrerin. Die vorher bloßgestellten Medien konnten endlich triumphal die lang ersehnte Festnahme melden. Fast alle Nachrichtensendungen des Tages begannen mit der Nachricht als Tagesthema.

Lediglich kleinere Journale widmeten sich der Analyse der vorliegenden Beweislage. Demnach hatte Frau Meyer aus dem Internet Bekennerschreiben der terroristischen Organisation "Verschwörung der Feuerzellen" ausgedruckt. Es sollen auch Ausdrucke von indymedia-Artikeln vorliegen.

"Was will ein rechtschaffener Bürger mit solchen Bekennerschreiben?", soll die Staatsanwältin gefragt haben. Das unter anderem auch die renommierte Tageszeitung "Ta Nea" solche Bekennerschreiben regelmäßig vollständig abdruckt, scheint der Justizbeamtin zu entgehen. Ebenso gerne veröffentlichen die Hausmedien des Gewerkschaftlers Sombolos die Bekennerschreiben. Daher fühlen sich die Anwälte von Faye Meyer an Franz Kafka erinnert.

Mit der in Griechenland üblichen journalistischen Fantasie könnte man allerdings auch den amtierenden Premierminister Papandreou sagen lassen "Es ist etwas faul, im Staate Dänemark." Eines von Papandreous Wahlversprechen war, Hellas in ein zweites Dänemark zu verwandeln. Somit hätte solch eine Schlagzeile zumindest einen Kern Wahrheit.

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