Ein ganz anderes Leben neben den offiziellen Wahrheiten

14.02.2011

Die Aufstände in Tunesien und Ägypten zeigen das Netz als Massenvergewisserungswaffe

Kaum haben die Ägypter - bzw. deren Militärrat - Despot Mubarak entfernt, schießen die Spekulationen ins Kraut, welchen Einfluß das Web bei dem ägyptischen Aufruhr hatte. Immer dann, wenn Begriffe wie twitter, facebook und Revolution in der Luft liegen, scharen sich professionelle Web-Erklärer rund um die Massenmedien, um dort die Ursachen zu erklären.

Vielleicht sind die Journalisten selbst damit überfordert, das Web und seine politische Sprengkraft einzuschätzen - oder sie wollen sich die Hände nicht verbrennen an allzu trivialen oder reduzierenden Modellen. Am bekanntesten sind international Clay Shirky, der das ganze Thema funktional betrachtet und in Deutschland Peter Kruse, der gern einen Jargon der Systemtheorie pflegt. Ersterer versucht, beschreibend-historisierend die Phänomene darzulegen und zu klären, Letzterer nutzt - wie es in der Psychologie der 1980er Jahre üblich war - physikalische und biologische Begriffe, um gesellschaftliche Erscheinungen einer Erklärung zuzuführen.

Wenn Massen SMSen

Am historischen Anfang aller Koordination bürgerlichen Aufbegehrens mit digitalen Mitteln erkennt Shirky die SMS als initiales Mittel der gegenseitigen Aufforderung, den phillippinischen Präsidenten Estrada im Januar 2001 aus dem Amt zu demonstrieren. Wir in Europa haben dasselbe 2004 in Spanien erlebt, als der spanische Regierungschef Aznar die Basken für die Al-Qaida-Bombenattentate verantwortlich machte und ein Sturm der Entrüstung per SMS diese fraglos falsche Behauptung in den letzten Winkel des Landes brachte, ihn diskreditierte und letztlich die Spanier gegen ihn aufbrachte, so dass er bald aus der Regierung verschwand.

Seltsamerweise machen sich beide, Kruse und Shirky, nicht die Mühe, dass Recherchieren von Information, das Publizieren, das Bewerten und das Auslösen von Aktionen auf der Grundlage bestimmter publizierter Informationen sowie die Folgen voneinander zu trennen. Es gibt da irgendwie irgendwo Informationen, die auch im Netz landen und dann kommt der Netzwerkeffekt und die Rezeption dieser Inhalte wird schnell und breit inflationiert. Der Punkt, an dem die publizierte Information in gemeinsame Handlung umschlägt, die durch das Netz von einer breiten Masse unterstützt wird, ist dabei seltsamerweise nicht so wichtig.

Beide betrachten einfach das Vorkommen von Aufforderungen zum Widerstand in der einen oder anderen Weise. Das sei dann politischer Aktivismus, der durch das Netz ausgelöst werde und ohne das Web gar nicht oder nicht in dieser Weise entstünde. Allein Shirky gebührt die Ehre, auf das Versagen dieser aus Kruses Sicht unausweichlichen Rückkopplungen hinzuweisen in Weißrussland, Iran und Thailand. Denn dort wurden die aufgeschaukelten Massen einfach per Gewalt wieder abgeschaukelt.

Botschaft und Übermittlung

"Don't shoot the messenger" ist das geflügelte Wort, welches auf die Antike zurückweisen soll. Unmittelbar nach dem Sieg des Militades über die Perser soll ein athenischer Soldat im Dauerlauf die über 40 km lange Strecke vom Schlachtfeld bis Athen zurückgelegt haben und nach seiner Meldung der Siegesnachricht am Ziel tot zusammengebrochen sein. Er hatte also weder eine schlechte Nachricht, noch wurde er getötet.

Worum geht es im Netz? Information und Kommunikation. Botschaft und Kanal. Der Austausch von Nachrichten über den Alltag ist seit dem antiken Marktplatz Kern aller Theorien über Gesellschaft und Öffentlichkeit. Politik ist nun die Steuerung und das Ordnen dieses öffentlichen Lebens, das sich im Tratschen, Quatschen und Austauschen zeigt. Es geht dabei also nicht um die persönlichen Ziele, dem Nachbarn mitzuteilen, warum XY mal wieder seinen Garten verdorren läßt, um damit einen gemeinsamen Wertebereich abzustecken, der das eigene Leben als richtig und erwünscht begründet.

In der Politik geht es eher darum, bestimmte Werte, Ziele und Forderungen so zu verankern, dass sie auch für andere gelten. Man könnte also ketzerisch sagen, dass Politik der Bereich ist, in dem Macht gebraucht wird, um Forderungen durchzusetzen - ohne Ansehen der langfristigen Folgen für alle Beteiligten. Dieser Fokus auf das Gemeinwohl kam nämlich erst später ins Spiel. Interessant ist dabei natürlich, wer auf welche Weise bestimmt, was dem Gemeinwohl dient. Seit Habermas versuchen viele den herrschaftsfreien Diskurs als Mittel dafür zu platzieren. Allerdings kann dort als höchstes Gut nur der Konsens angenommen werden. Es wird als Wert also nicht der Inhalt oder die Auswirkung in Betracht gezogen, sondern eine möglichst umfassende Zustimmung.

Es muss also eine breite Basis gefunden werden, dann kann auch diskutiert werden, was der gemeinsame Wille ist und der muss dann mit der politischen Macht umgesetzt werden. Und was hat das Netz in diesem Kontext für eine Aufgabe? Hören wir Peter Kruses Antwort auf die Frage, woran es läge, dass gerade das Internet Massenbewegungen wie in Ägypten auslöst:

Zunächst haben die Menschen das Internet nur als Zugang zu Information betrachtet, dann als fantastisches Netzwerk zum Hinterlassen von persönlichen Spuren. Heute begreifen sie, dass dieses Netzwerk zu einer Machtverschiebung in der Gesellschaft geführt hat. Das ist eine neue Entdeckung. Wir haben eine Machtverschiebung vom Anbieter auf den Nachfrager. Es ist nicht mehr wichtig, wer die Information bereitstellt, sondern entscheidend ist die Reaktion auf die Information. Wenn man mit einer Information einen Resonanzpunkt trifft, wenn sie also für viele Menschen interessant ist, dann wird sie sich in kürzester Zeit verbreiten und die Stimmung aufladen.

Hier passiert etwas Erstaunliches. Kruse beschreibt Nutzungsarten des Web als historische Abfolge und nicht als paralleles Nutzungsverhalten. Denn die hinterlassenen Spuren sind ja auch Informationen, die vor dem Web keine öffentliche Verbreitung fanden. Er trennt also zwischen offiziell oder professionell publizierten Informationen im Web und persönlichen Mitteilungen.

Dann kommt die Macht als Begriff politischer Einflußnahme hinzu. Sie wird allerdings in Begriffen der ökonomischen Lehre erklärt als Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Als gäbe es eine Verknappung der Ressource Macht, die man durch besonders viel Reichtum der Währung XY erlangen könnte. Diese Währung könnte dann die Reaktion sein. Das würde bedeuten, dass Macht genau dann entstünde, wenn wenn die Ressource Reaktion auf eine Information irgendwo besonders massiv auftritt.

Was aber hat das mit den spezifischen Charakteristika des Web zu tun? Abgesehen davon, dass sich Macht nicht nach ökonomischen Gesichtspunkten verteilt, schon gar nicht zufällig anhand von Reiz-Reaktionsschemata, ist doch zu unterscheiden zwischen dem, was berichtet wird, und den Wegen, die diese Nachricht geht. Denn seltsamerweise haben alle Länder auch und vor allem die Ägypter selbst al-Jazeera überall gesehen.

Und als deren Korrespondentenbüro in Ägypten verboten wurde, sollten alle Bürger ihre Photos und Handyvideos dorthin senden, damit der Sender weiter aktuell berichten konnte. Das Besondere an dieser Art Social Media war ja nicht das Netz, sondern der Bügerjournalismus an sich. Also die Tatsache, dass es keiner besonderen Kaste mehr bedurfte, die die Informationen professionell produzierte. Die Macht des Journalismus hat durch die Verbreitung der Produktionsmittel wie die mobile Video- und Photoproduktion enorm an Einfluss verloren. Nicht die Nachfrage nach Informationen hat diese Welt verändert, sondern die Demokratisierung der Angebotssituation.

Im Web erblickt das Volk sein wahres Selbst

Genau das spricht auch Clay Shirky an, wenn er in seinen neuesten Artikeln, Vorträgen und dem neuen Buch "Cognitive Surplus" darauf hinweist, dass der zivile Mehrwert vor allem in einer Öffnung der Publikationsformen und -möglichkeiten liegt. Und anders als Kruse es beschreibt, wird eine tausendfach verbreitete Information nicht die Stimmung aufladen. Die Stimmung ist schon vorher da. Sie wird nur durch besonders nachvollziehbare Stellungnahmen und Handlungsaufforderungen kanalisiert. Daher sieht Shirky, im Gegensatz zu Kruse, die Potenz des Web als politisches Instrument nicht darin, kurzfristiges, heftiges Aufschaukeln zu ermöglichen, sondern er sieht im Gegenteil die breite Basis und die langsame Vernetzung rund um authentische Information als Hebel, um politische Prozesse über lange Zeiträume so zu verändern, wie es die Gesellschaften unter dem Einfluss der ungelenkten Wahrheit eben brauchen und wollen.

Das Netz ist dabei das Umgehen der offiziellen Wahrheit. Betrachtet man die Geschehnisse in Tunesien und Ägypten, dann ist es dieser enorme Bruch zwischen den Informationen im Web und den offiziellen, professionellen Medieninhalten der staatsgelenkten Presseorgane, die den schleichenden Umbruch ausgelöst haben. Erst der junge Tunesier, der sich selbst verbrannte, brachte das Fass der ungelebten Möglichkeiten angesichts der vielen Chancen, die im Web möglich scheinen zum Überlaufen.

Die Freiheit der Meinungsäußerung, die wir westlichen Kulturen im Netz vorleben, und die viele konservative Kräfte als banales Gelaber zu trivialisieren suchen, ist es, die die Schere sichtbar macht in den despotischen Gesellschaften. Der Cyberwar der Kulturen findet im Netz statt, ohne dass die Damen und Herren Gelehrten es uns darlegen. Denn allein diese Schere hatte und hat das Potenzial, den Menschen vor Augen zu führen, dass sie nicht allein sind mit ihrer Ohnmacht, dass sie nicht einsam sind in ihrem Ringen nach ein wenig Gestaltungsmöglichkeiten im Alltag. Das Aufschaukeln und das Publizieren eigener Meinungen sind nicht die Ursachen der politischen Auswirkungen des Web. Es ist der enorme Abgrund zwischen der offiziellen Wirklichkeit und den vielen Tausend Stimmen im Web. Insofern konnten die Amerikaner Endes des zweiten Weltkriegs nichts verheerenderes gegen Despoten bauen als das Netz. Es ist eine Massenvergewisserungswaffe.

Denn im Netz schlägt das Volk das Auge auf und erkennt sich selbst als eigenständige Realität, die viel zu oft völlig neben den offiziellen Wahrheiten ein ganz anderes Leben führt. Diese Selbstvergewisserung ist es, die das Faß zum Überlaufen bringt.

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