Das Spektakel um Guttenberg verweist auf eine skandalöse Gleichgültigkeit der Medien

19.02.2011

Ein Kommentar

Ob die in einem Internetprojekt zusammengestellten "Plagiatsnachweise" zur Dissertation von Minister Guttenberg wirklich alle stimmen und am Ende gar einen Fall von Hochstapelei zum Vorschein bringen, das weiß ich zur Stunde nicht. Es ist schon ziemlich harter Tobak, der da vorgetragen wird. Bei so viel Aufgeregtheit und schadenfrohem Amüsement im Netz sollte man vielleicht einen Moment innehalten. Die im wissenschaftlichen Bereich geltende Sorgfaltspflicht ist da, wo es um das Ansehen eines Mitmenschen geht, ja noch viel dringender geboten.

Es geht um ein konservatives Anliegen

Der Minister hat nun seinen Doktortitel erst einmal niedergelegt und verweist auf das Untersuchungsverfahren der Universität. Die Plattformen im Netz sollte man derweil als kritische Begleiter schätzen. Dort wird wieder über formale Grundtechniken des geistigen Arbeitens diskutiert, und das ist auf jeden Fall eine gute Sache. Ordentliches Zitieren, Transparenz beim Paraphrasieren und überhaupt die dankbare Benennung geistiger Anreger, solche minimalen Grundregeln jeder Textwerkstatt sind nicht nur eine Frage des Anstandes.

Wir kommen in Teufelsküche, wenn unter den Bedingungen der modernen Kommunikationstechnologie der geistige Diebstahl – in Form einer angemaßten Autorenschaft – nur als Kavaliersdelikt abgetan wird. Unsere Kulturtechniken verdanken wir dem Ringen und Mühen vieler Generationen. Sie müssen – samt der Freude an zwischenmenschlicher Forschungskommunikation – an die nächste Generation weitergegeben werden. An dieser Stelle bin ich ein "Konservativer". Zum wissenschaftlichen Ethos gehört ein kritischer Geist, aber ebenso gehören dazu Respekt und Staunen vor den Früchten der Arbeit anderer, seien dies Lebende oder längst Verstorbene.

Am Ende ist die Kopiertaste allerdings auch ein Politikum. Wie war das noch beim Irak-Krieg? Gehörten da nicht Textpassagen, die ein britischer Regierungsmitarbeiter ohne Überprüfung und Quellenangabe einfach übernommen hatte, mit zu den argumentativen Mosaikbausteinen der Angriffskrieger? Das entlassene Wort, so steht es schon im Jakobusbrief des Neuen Testamentes, kann eine Mörderdrohne sein. Alles ist möglich im GaGa-Universum der virtuellen Sensationen, und im Extremfall bezahlen sogar unbeteiligte Menschen dafür mit ihrem Leben. Beim Ethos der Textproduktion geht es nicht um bloße Formalia.

Neo-Feudalismus im Medienkonzert

Selbst wenn nun nach gründlicher Untersuchung die Summe der Plagiatsnachweise wirklich die Schmerzgrenze zur Hochstapelei überschreiten sollte, liegt für mich der eigentliche "Skandal Guttenberg" immer noch anderswo: zunächst in der Hofberichterstattung der jüngsten Vergangenheit. Das Staatsfernsehen war ein williger Komplize, als der Minister für das Militärressort in Afghanistan – nach dem Muster der US-amerikanischen "Military Show" – ein für bundesdeutsche Verhältnisse neues Politikformat etablierte. Wann hatten wir das denn in Deutschland auch zuletzt, dass ein Mann des Adels für das Kriegsführen zuständig war? Wenn er dann noch ganz jovial ist und die Herzen der Massen gewinnt, muss er die Ansichten der Bevölkerungsmehrheit – etwa beim Thema "Vietnam-Afghanistan" – nicht auch noch berücksichtigen.

Von der BILD-Zeitung bis hin zu einem auflagenstarken – ex-liberalen – Massenmagazin haben Medienmacher den Baron ob seines adeligen Glanzes bewundert, so als sei in unserem Land der Geist der bürgerlichen Revolution nach 1848 nie wieder aufgeblitzt. Und nun, da der geadelte Stern sinkt, wollen alle beim Plagiats-Ticker ganz vorne mitmischen.

Nach Ende des Feudalismus haben Demokraten jeglicher Couleur den heidnischen Kult, den die adelige Klasse seit Urzeiten um ihr Familienblut betreibt, mit viel Verstand und Satirekunst entlarvt. Man wusste sehr wohl, wer in all den Jahrhunderten für die Schlösser und Wohltäterposen der feinen Herrschaften geschuftet hatte: die sogenannten kleinen Leute. In meiner Kindheit empfand dann sogar der konservative katholische Dorfpfarrer die – heute längst abgeschaffte – Extrabank der örtlichen Barone-Dynastie als Ärgernis. Doch im dritten Jahrtausend ist alles wieder möglich. Das Bürgertum ist eben auch nicht mehr das, was es einmal war.

Es war nur eine Tagesmeldung, oder: Warum Guttenberg als Minister wirklich gehen sollte

Ich bin in der Tat der Meinung, dass Baron Guttenberg als Minister seinen Hut nehmen sollte. Aber bitte nicht wegen seines Führungsstils, der sich häufenden Skandale im Inneren der Bundeswehr oder der jüngsten Plagiatsvorwürfe. Meine Rücktrittsargumente beziehen sich auf die Folgenlosigkeit des deutschen Kundus-Massakers vom 4. September 2009 und auf etwas, das den meisten Medien nicht mehr als eine Tagesmeldung wert war. Ganz ungeniert sann der Minister im November 2010 nach über den Einfluss der Verknappung der Rohstoffe auf "das wirtschaftliche Wohlergehen Deutschlands", über den Zusammenhang von regionaler Sicherheit und deutschen Wirtschaftsinteressen und über den "Bedarf der aufstrebenden Mächte an Rohstoffen" in Konkurrenz zu "unseren Bedürfnissen". Das Ganze war ein denkbar klares militärstrategisches Bekenntnis, getätigt auf einer sogenannten "Sicherheitskonferenz".

Es folgte kein Memorandum der Verfassungsrechtsprofessoren, kein öffentlichkeitswirksamer Einspruch der christlichen Kirchenfürsten und – anders als im Fall der nicht grundgesetzkonformen Militärvoten des zurückgetretenen Bundespräsidenten – auch keine etwas längere Mediendebatte. Keiner wollte zu den "Verklemmten" gehören, von denen Guttenberg gesprochen hatte.

Die Etablierung einer verfassungswidrigen Wirtschaftskriegsdoktrin wird durch die Hintertür kommen, durch Gleichgültigkeit, Gewöhnung und einen grassierenden Gedächtnisverlust bezogen auf die Geschichte der Neuzeit. Verfassungsfeinde nennt man heute nur diejenigen, die den neuen Imperialismus im Zeitalter der Rohstoffverknappung als ein Verbrechen an der Menschheit betrachten.

"Krieg oder Frieden?", das sollte für jeden wachen Zeitgenossen die drängendste politische Gegenwartsfrage sein. Wir brauchen in der Tagesschau Professoren der Rechtswissenschaft, die nicht nur ihre Expertenmeinung zur Dissertation oder Fußnotentechnik eines Regierungsmitgliedes abgeben, sondern mit noch viel größerer Dringlichkeit an den zivilisatorischen Ernst und Rang der Friedensartikel im Grundgesetz erinnern. Wer – mit flapsigem Ton – ein Herzstück der Verfassungspräambel ignoriert, der gehört auf keine Regierungsbank.

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