Der Hochadel und das wissenschaftliche Arbeiten

21.02.2011

Die zwei Dissertationen des Doktor Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen

Wer über einen eindrucksvollen Erbtitel verfügt, der braucht nicht unbedingt noch einen Doktor, um seinen Namen zu schmücken. Das würde in jedem Fall erklären, warum es Adelige gibt, die sich in ihren Doktorarbeiten etwas weniger Mühe geben als andere Akademiker. Der in der letzten Woche bekannt gewordene Fall Karl Theodor von und zu Guttenberg ist hier nicht der einzige: Bereits in den 1970er Jahren erregte der Hohenzollern-Prinz Friedrich Wilhelm Aufsehen, als herauskam, dass er es bereits vor der Massenverbreitung des elektronischen Kopierens und Einfügens von Text fertigbrachte, eine Doktorarbeit in weiten Teilen abzuschreiben, anstatt aus den benutzten Texten eigene Erkenntnisse zu gewinnen.

Nach mehr als 20 Semestern Geschichte und Politikwissenschaften hatte der Prinz probiert, über "Die Reichsgründung im Spiegel neutraler Pressestimmen" zu promovieren. Bei diesem Versuch kopierte er allerdings über zwei Drittel der Dissertation aus drei bereits erschienenen Arbeiten, aus denen er auch gleich die Fußnoten zu den Zeitungsartikeln übernahm, die er eigentlich direkt hätte auswerten sollen. Ähnlich wie in Guttenbergs Dissertation gab es in den Übernahmen nur vereinzelte Änderungen von Wörtern, die möglicherweise gar nicht auf den Prinzen, sondern auf Korrekturleser zurückgingen.

Das merkte jedoch nicht der Doktorvater des Prinzen, der für einen Geschichtsprofessor auch für manches andere bemerkenswert blind war: Hans-Joachim Schoeps war Jude - und ein glühender Verfechter des Nationalsozialismus. Selbst als Otto Strasser, der den deutschen Juden die Gelegenheit zur Assimilation geben wollte, längst ins Ausland geflüchtet war, stand Schoeps noch der von ihm gegründeten pro-nationalsozialisitischen "Gefolgschaft deutscher Juden" vor und schwärmte davon, dass Hitler "Deutschland vor dem Untergang" retten würde. Als Schoeps trotz seiner Begeisterung aus rassischen Gründen keine Karriere machen durfte, wanderte er 1938 nach Schweden aus. Nach dem Krieg besetzte er einen zur Wiedergutmachung an der Universität Erlangen eingerichteten Lehrstuhl für Religions- und Geistesgeschichte und forderte die Wiederherstellung Preußens sowie die Rückkehr zur Monarchie.

Doch wo dem Professor vielleicht das Preußen-Fantum die Sicht trübe, da war Martin Winkler, ein Angestellter der damaligen Staatsbibliothek in Marburg aufmerksamer: Ihm kamen die angeblich ganz frischen Erkenntnisse so bekannt vor, dass er sie mit den älteren Werken verglich und eine weitgehende Identität feststellte. Das führte dazu, dass der von Schoeps eigentlich mit "cum laude" benotete Prinz seinen mittlerweile fast zwei Jahre alten Doktortitel "freiwillig" aufgab.

Allerdings war die Geschichte damit noch nicht zu Ende, denn der mit reichhaltigen Erbressourcen ausgestattete Friedrich Wilhelm gab 1981 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München einfach noch einmal eine geschichtswissenschaftliche Doktorarbeit ab, die entweder den Kriterien genügte oder die sich bisher noch niemand genau genug angesehen hat, obwohl sie das Verhältnis der Nationalsozialisten zu den Hohenzollern behandelt. Seitdem veröffentlicht der Prinz mit dem werbewirksamen Namen, der sich in der Presse als "von Haus aus Historiker" darstellt, immer wieder Bücher zu geschichtlichen Themen.

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