Berichterstattung für die Führer

22.02.2011

Wie arabischsprachige Medien den Aufstand der Araber wiedergeben

Jahrzehntelang konnten und mussten sie sich damit begnügen, die Propaganda ihrer Führer wiederzugeben. Nun sollen sie plötzlich die Ansichten der Bürger wiedergeben. Einzig Al-Jazeera scheint den Test zu bestehen – und scheitert doch kurz vor dem Ziel.

Vor 20 Jahren zog er in der arabischsprachigen (und internationalen) Medienlandschaft erdbebenglech ein: Der Sender Al-Jazeera bot plötzlich ungeahnte Meinungsvielfalt. Diesen Februar folgte das zweite Beben: Hosni Mubarak wurde gestürzt, einer der wichtigsten Bausteine im Interessensgebilde von USA, EU, Israel und Saudi-Arabien.

Letzteres wiederum finanziert nahezu alle führenden, nicht-staatlichen arabischen Medien. So auch den Satellitensender Al-Arabiya , der pünktlich zur Invasion des Irak im Jahr 2003 berichtete und dessen Position im Falle Ägyptens 2011 klar lautete: Der Diktator soll bleiben. Entsprechend zögerlich und mitunter ärgerlich wurden die Ereignisse in den ersten Tagen des "ägyptischen Zorns" wiedergegeben. Schaltete der Zuschauer von Al-Arabiya auf Al-Jazeera um, gewann er gar den Eindruck, es werde aus unterschiedlichen Ländern übertragen: nahezu leere Straßen bei ersterem, berstend volle bei letzterem.

Al-Arabiya: abhängig vom US-Verbündeten Saudi-Arabien

Der Tenor änderte sich erst, als die Masse auf Kairos Tahrir-Platz stark anschwoll: Am 1. Februar schaltete Al-Arabiya auch oppositionelle Stimmen wie Mohammed El-Baradei live hinzu. "Die saudische Obrigkeit hat wohl eingesehen, dass sie sich von ihrem Wunsch, Mubarak zu halten, verabschieden muss", kommentierte Al-Watan, eine staatliche syrische Zeitung. Was sie indes nicht einsah, war, dass des Diktators Sturz auch Konsequenzen auf sie selbst haben könnte: Als Moderator Hafez al-Mirazi dies mit Gästen diskutierte, nahm Al-Arabiyas Management seine Sendung "Cairo Studio" kurzerhand aus dem Programm und beförderte ihn in die Arbeitslosigkeit.

Zugleich wurde Randa Abulazm, Chefin des Kairoer Al-Arabiya-Büros vorgeworfen, sie gehöre zum Zirkel um Hosni Mubarak. Dessen Rede vom 10. Februar - in der er abermals betonte, nicht zurückzutreten - wurde voraufgezeichnet und erst gegen 23 Uhr ausgestrahlt. Al-Arabiya hingegen veröffentlichte Auszüge aus ihr bereits im Vorfeld - für die Vertreter von Rassd Network News (einem Media Watchdog, der anscheinend in Koordination mit der ägyptischen Protestbewegung auf Facebook lanciert wurde) war eindeutig: Randa Abulazm hatte die Rede zugespielt bekommen, aufgrund ihrer persönlichen Beziehungen zum Regime.

Palästinenser schalten Abbas-Medien ab

Immerhin aber berichtet Al-Arabiya keineswegs derart penetrant und transparent linientreu wie Ägyptens Staatsmedien, von denen die (relativ) unabhängige ägyptische Wochenzeitung Al Youm Al Sabeh zuletzt meinte, man sollte sie wegen Volksverblödung vor Gericht stellen.

Dies indes könnte man mit allen staatlichen arabischen Medien tun. So war in Syrien die (Schaden)Freude über den Sturz Mubaraks (einem Erzrivalen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad) zwar nicht zu überhören, doch - mit dem eigenen Diktator vor der Tür - hütete man sich vor dem Demokratiediskurs und konzentrierte sich auf die Wiedergabe der Ereignisse, meist in Form von Agenturmeldungen.

Wesentlich lauter noch schwiegen die palästinensischen Zeitungen, wie die Ma'an News-Agentur, das grösste unabhängige Nachrichten-Netzwerk in Gaza und Westbank, feststellt. Den Grund sieht Ma’an in der Sorge der PLO sowie der Hamas, sich angesichts eines ungewissen Ausganges mit den falschen Worten die Finger zu verbrennen. Auf PLO-Seite kommt noch das Kreuzfeuer hinzu, das Al-Jazeera für Präsident Mahmud Abbas eröffnet hatte: Der Sender veröffentlichte jüngst brisante Geheimdokumente, denen zufolge Abbas gegenüber Israel 2008 weitreichende Zugeständnisse in der Jerusalem-Frage machte (siehe Palästinensische Friedensunterhändler "schwach wie Kätzchen" ). Dass er sich nun noch solidarisch mit Mubarak erklärte, der als treuer Verbündeter Israels bekannt ist, genügte den Palästinensern, um die eigenen Medien zu ignorieren und sich vor allem Al-Jazeera zuzuwenden.

"Eigentliche Stimme Ägyptens"

Dieses fokussierte von Anfang an die Stimmen der Opposition, von El-Baradei über "Kifaya" bis zu den Muslimbrüdern. Zugleich stellte Al-Jazeera Arabic tabellarisch-übersichtlich ägyptische Parteien und politische Hintergründe vor. Hauptsächlich lebte die Berichterstattung aber von Straßenszenarios und hochemotionalen Augenzeugenberichten, die auf dem von westlichen Beobachtern viel gesehenen Al-Jazeera English auffallend häufig von jungen Frauen stammten.

Zur eigentlichen "Stimme Ägyptens" aber machte es sich durch einen geschickten Griff, mit dem es zeitgleich sein Sendeproblem löste: Als Ägyptens Informationsminister am sechsten Revoltetag dem Kairoer Büro die Sendelizenz entzog, mobilisierte Al-Jazeera freiberufliche Journalisten und Politiker, es weiterhin mit Nachrichten zu versorgen. Vor allem aber machte es "80 Millionen Ägypter zu seinen Korrespondenten", wie Libanons Zeitung Assafir schrieb und multiplizierte deren Kommentare oder Videos via Twitter und Facebook.

Rami Khoury, Politikwissenschaftler und Direktor des Beiruter Issam Fares Institute of Public Policy, sieht dadurch sogar eine neue Ära eingeleitet: Medien könnten nicht nur über Revolutionen berichten, sondern diese mitschüren, erklärte er gegenüber Al-Jazeera English TV.

Plötzlicher Al-Jazeera-Hype in den USA

Inwiefern dies zutrifft - und vor allem, ob dies wünschenswert ist - ist eine andere Frage. Für den Moment jedenfalls punktete Al-Jazeera enorm - und zwar auch in den USA, in denen neuerdings sogar Regionalblätter darlegen, wie die Kabelfrequenz des Senders zu erhalten sei, den George W. Bush erklärtermaßen bombardieren wollte (und es vermutlich auch tat).

Zu seiner plötzlichen Popularität in den USA verhalf Al-Jazeera jedoch nicht allein die eigene Vorgehensweise und ein weltweit emotionalisierendes "Happening", sondern auch Mubarak selbst. Schnell lancierten dessen Handlanger das Gerücht, die Revolte sei von Ausländern geschürt worden und attackierten infolgedessen ausländische Journalisten.

Darunter befanden sich jedoch nicht nur englischsprachige Al-Jazeera-Korrespondenten, sondern auch so prominente US-Figuren wie CNN’s Andersen Cooper - womit die ägyptische Revolte plötzlich ein (verletztes) identitäres US-Gesicht erhielt. Eine bessere Image-Kampagne hätte sich das einst als "Bin Laden"-Sender verschrieene Al-Jazeera nicht wünschen können.

Dickes Ende zum Schluss: Bahrains Massaker

Zugleich: Auch Al-Jazeera unterliegt einer Agenda - der der katarischen Herrscherfamilie. Diese schürt zum Vorteil des Senders zwei Kurse, mit denen sich Millionen Araber identifizieren können: den pro-palästinensischen und, bis zu einem relativ fortgeschrittenen Grad, den anti-diktatorischen. Womit nicht gesagt sei, dass Al-Jazeera den Emir von Katar kritisieren dürfte. Oder - den eines anderen GCC-Staates.

Etwa König Hamad Bin Issa Al-Khalifa. Gegen seine Herrschaft demonstrieren seit Tagen vor allem die Schiiten Bahrains. Obgleich sie 70 Prozent der 530.000 Einwohner stellen, erhalten sie unter der sunnitischen Führung weniger Arbeit (etwa in Polizei und Armee) und generell weniger Aufstiegsmöglichkeiten. Als die Diktatur am 18. Februar das Militär aufziehen und auf Manamas Pearl Square, dem Demonstrationszentrum, ein Massaker anrichten lässt, präsentierte Al Jazeera Arabic ruhige Straßenansichten - und jubilierende Königstreue.

Die Gründe für soviel Verfälschung sind nicht nur in den engen Beziehungen zwischen Katar und Bahrain zu suchen, sondern auch darin, dass der Sender insgesamt eher "anti-schiitisch" eingestellt sei - so die Erklärung einer Redakteurin gegenüber der libanesischen Tageszeitung Al-Akhbar, die zu Recht fragt: "Seltsam. Das Volk verlangt Gerechtigkeit. Was hat dies mit 'Schiitentum' zu tun?"

Arabiens Völker und Arabiens Medien sprechen wohl weiter aneinander vorbei. Bis auch der letzte Führer gestürzt ist.

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