Aufrüsten im Kampf um die virtuelle Meinungshoheit im Netz

22.02.2011

Geleakte Mails eines amerikanischen IT-Sicherheitsdienstleisters legen nahe, dass Spezialisten bereits an Softwarelösungen arbeiten, mit denen die Diskussion in sozialen Netzwerken manipuliert werden soll

Regelmäßige Leser von Blogs, Foren und Internetseiten, deren Artikel ausgiebig von Lesern kommentiert werden, kennen die Situation: Da hat die Mehrheit der Kommentatoren im weitesten Sinne zu einem Konsens gefunden und plötzlich kommt ein einsamer Kommentator daher und argumentiert mit Inbrunst gegen die virtuelle Meinungshoheit an.

Oft handelt es sich bei diesen Kommentatoren um gelangweilte Menschen, die sich ganz einfach einen Spaß daraus machen, die Kontraposition zu übernehmen und die Mehrheit zu ärgern. Es ist allerdings auch bekannt, dass PR-Agenturen und politische Vorfeldorganisationen professionell in sozialen Netzwerken verdeckt unterwegs sind, um für Unternehmen Öffentlichkeitsarbeit zu leisten oder politischen Einfluss auf Online-Diskussionen zu nehmen.

Meist lässt der professionelle Hintergrund dieses "Astroturfings" jedoch zu wünschen übrig und die Betreiber von Onlineplattformen erkennen relativ schnell, ob es sich bei den Kommentatoren um reale Personen oder sogenannte "Sockenpuppen" handelt. Solange hinter jeder virtuellen Person eine reale Person steckt, sind solche virtuellen Guerilla-Kriege auch relativ kostenintensiv, da wirklich professionelle Schreiber nicht auf 400-Euro-Basis arbeiten, und der technische Aufwand, eine virtuelle Identität zu erstellen, die nicht bereits nach kurzer Zeit vom Betreiber enttarnt und gesperrt wird, relativ zeitaufwendig ist.

Wenn der Kampf um die Meinungshoheit im Netz erfolgreich sein will, muss die Zahl der virtuellen Agitatoren hoch, ihr Hintergrund "sauber" und ihr Zusammenspiel perfektioniert sein. Eine einzelne Person kann nur schwer die Mehrheitsmeinung drehen, zumal viele Mitläufer, die sich an der Mehrheitsmeinung ausrichten, Widersprüche gegen die Mehrheitsmeinung oft instinktiv ablehnen. Wenn beispielsweise die übergroße Mehrheit Stimmung gegen den aufgeflogenen Plagiator Guttenberg macht, können ein paar versprengte Jungunionisten die Diskussion nicht mehr drehen.

Wenn die Zahl der Verteidiger allerdings größer ist als die der Angreifer, und die Verteidiger kunstvoll argumentativ Ping-Pong spielen, so entsteht beim unbedarften Leser der Eindruck einer ausgeglichenen Diskussion ohne eine echte Meinungshoheit. Bei abstrakten oder komplexeren Themen kann man mit einer kleinen Armee von Sockenpuppen auch ohne weiteres eine Meinungshoheit simulieren, die es so nicht gibt, und dabei neutrale oder thematisch uninformierte Leser auf seine Seite ziehen.

Daily Kos veröffentlicht eine brisante Mail

Ein Modell, eben solche virtuellen Armeen zu erzeugen und zu verwalten, umreißt eine interne Mail des IT-Sicherheitsdienstleisters HB Gary Federal, die letzte Woche vom bekannten US-Blog Daily Kos veröffentlich wurde. In dieser Mail diskutieren ranghohe Mitarbeiter von HB Gary über die Konzeption eines IT-Projekts, mit dem Kunden zahlreiche virtuelle Identitäten (Personas) zentral verwalten können.

Diese Personas sind dabei nicht nur einzelne Nutzer mit einem anonymen Mail-Account und einem anonymisierten Internetzugang, sondern ausgefeilte Komplettlösungen mit dazugehörigen Identitäten in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, eigenen Blogs und simulierter Interaktivität untereinander und mit anderen - realen - Nutzern. Feinheiten, wie unauffällige statische und dynamische IP-Nummern und "echte" Mail-Accounts gehören ebenfalls zum Konzept von HB Gary.

Ein solches Konzept erlaubt es beispielsweise dem Kunden, ein ganzes Heer von virtuellen Identitäten zentral zu steuern, sie in Foren, Blogs und sozialen Netzwerken interagieren zu lassen und so den Eindruck zu erwecken, es handele sich um eine ganze Schar von Nutzern, die eine bestimmte Meinung vertreten.

Aufrüsten im Kampf um die virtuelle Meinungshoheit im Netz

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