Guttenberg und die Herrschaft des Unbewussten

24.02.2011

Die Universität Bayreuth erkennt Guttenberg, weil es nicht anders geht, den Doktortitel ab, aber sie schädigt damit ihren Ruf und den des deutschen Wissenschaftsstandorts

Die Uni Bayreuth hat schnell entschieden. Sie hat sich so entschieden, wie sie dies tun musste, sie sprach Guttenberg den Doktortitel ab. Jede andere Entscheidung hätte die Universität und die Wissenschaft in Deutschland schwer beschädigt. Guttenberg macht auf seiner Website auch deutlich, um was es geht: "Verantwortung verpflichtet". Möglicherweise andere …, die Universität wollte von diesem Leitsatz auch nichts wissen.

Der CSU-Politiker, der gleich um die Ecke seinen Landsitz hat, machte es der Universität leicht. Er hatte selbst in einem Brief plötzlich gegen alle vorhergegangenen Versicherungen, dass die Plagiatsvorwürfe "abstrus" seien, gravierende Fehler eingestanden und die Dissertation von sich aus zurückgezogen, was er natürlich nicht konnte. Aber so räumte er Fehlverhalten ein, auch wenn er weiterhin darauf beharrt, dass das massive Abschreiben und Montieren von fremden Textpassagen dem angestrengten Familienvater ohne Absicht, wörtlich "unbewusst", also als eine Art der ecriture automatique geschehen sei.

Das macht ihn zwar nicht gerade zu einem Kandidaten für einen verantwortungsvollen Posten als Minister, der unter hohem Druck entscheiden muss und dies hoffentlich nicht unbewusst macht, es macht den akademischen Hochstapler aber zu einem Vorreiter für alle, die Fehlverhalten künftig ebenso rechtfertigen können. Also für eine Kultur der Verantwortungslosigkeit. Man hat ja nur mal und ist halt fehlbar.

Die Universität scheint mit dem politischen Kalkül der Schizophrenisierung von politischem Amt, Achtung wissenschaftlicher Regeln und verantwortlichem Verhalten sowie dem persönlichen Rettungsversuch von Guttenberg mitzuschwimmen, um selbst Schaden von sich abzuwenden. Über den Brief Guttenbergs hatte man sich schon "erleichtert" gezeigt. Warum eigentlich? Weil man dem Freiherrn, mit dem man lange geworben und dem man ein Summa cum laude für eine wenig selbständig erarbeitete, weitgehend aus Plagiaten bestehende Arbeit gegeben hat, ohne dies zu bemerken – oder wissen zu wollen, im Dienste eigener Interessen schmeicheln wollte?

Der Hochschulpräsident Rüdiger Bormann verkündete gestern nach der Sitzung der Promotionskommission der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, dass der Doktortitel Guttenbergs zurückgenommen werde. In der Begründung heißt es, Guttenberg habe die Verfehlungen, "benutzte Literatur und sonstige Hilfsquellen … vollständig anzugeben" und die "wörtliche oder sinngemäße Übernahme von Textstellen ohne hinreichende Kennzeichnung", ja schließlich selbst eingeräumt, nachweisen brauche man sie ihm daher nicht. Er habe gegen diese Pflichten "in erheblichem Umfang verstoßen".

Kein Wort allerdings über die Universität und die "Doktorväter", die diese Dissertation angenommen und mit der Bestnote ausgezeichnet haben. Man wolle ihn Zukunft schärfer prüfen, entschuldigt nicht die Schlampigkeit, die vor allem den Verdacht nahelegt, dass es hier um Günstlingswirtschaft gegangen ist. Das Problem ist schließlich nicht allein Guttenberg, sondern auch Universitäten und Professoren, die dazu mit beitragen, dass Bestnoten ungeprüft und nach anderen Kriterien als denen der selbständigen wissenschaftlichen Leistung vergeben werden.

Ob sich die Universität Bayreuth wirklich einen Dienst getan hat, indem sie sich bemüht hat, schnell unter der Medienaufmerksamkeit auf Guttenberg wegzutauchen, ist doch sehr fraglich. Guttenbergs Versuch, sich eine Promotion mit möglichst wenig kognitiver Anstrengung zu erschleichen, ist die eine Sache. Das sollte ein ehrbarer Mensch nicht machen, aber vermutlich denken die Menschen, es sei verzeihbar, wenn man es versucht und damit durchkommt. In Bayern heißt die Devise: Hund samma scho!

Fahrlässigkeit muss man aber der Universität und den "Doktorvätern" vorwerfen, dass hier ein postmodernes Sampling die Bestnote erhalten hat – das vermutlich weder wirklich gelesen noch überprüft wurde. Ist ja schließlich vom CSU-Freiherrn um die Ecke und für die Uni eine Winwin-Situation.

An Aufklärung scheint man an der Uni tatsächlich nicht interessiert zu sein. Was verständlich ist, denn die Peinlichkeit einer solchen Summa-cum-laude-Arbeit betrifft vor allem die Universität, deren Glaubwürdigkeit in den Keller gerutscht ist. Will man das verändern? Nein, so scheint es, man verhält sich ebenso wie die Politiker und versucht, Schadensbegrenzung durch Aussitzen zu bewerkstelligen. So heißt es in der Mitteilung der Uni:

Die Frage eines möglichen Täuschungsvorsatzes konnte die Kommission letztlich dahinstehen lassen. Für die Kommission war entscheidend, dass unabdingbare wissenschaftliche Standards objektiv nicht eingehalten worden sind. Im Fall ihrer Verletzung ermächtigt Artikel 48 Verwaltungsverfahrensgesetz zur Rücknahme des Doktorgrades, ohne dass ein Täuschungsvorsatz nachgewiesen werden muss.

So ist man aus dem Schneider und macht einen Diener vor der Politik und den Guttenbergs. Wer aus der Vielzahl der Plagiate keinen systematischen Täuschungsvorsatz ableitet, stellt sich dumm und bereitet vor, dass nun alle Schüler und Studenten bei Plagiaten sich auf das Wirken des Unbewussten in besonderen Umständen berufen können. Und man wird juristisch nun an der Hochschule und in der Politik den Umgang mit geistigen Eigentum bagatellisieren müssen. Ist nur ein verzeihbarer Fehler. Kein Problem. Die Werte bleiben davon unberührt, auch wenn etwa Raubkopierer nicht einmal behaupten, dass die kopierten Werke ihr Erzeugnis sind. Wo ist der Aufschrei der Professoren und Universitäten? Entlarvt der Fall Guttenberg nur, was sowieso in den Unis stattfindet?

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