Gaddafis Evangelium

27.02.2011

Bei jeder Gelegenheit liest der libysche Staatschef aus seinem "Grünen Buch" - so auch bei seiner Fernsehansprache am Dienstag. Was steckt hinter der mysteriösen Schrift, für die einst sogar eine deutsche Eishockey-Mannschaft warb?

Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi ist nicht nur Revolutionsführer und Alleinherrscher, sondern auch Autor. Gaddafis "Grünes Buch" gilt als eine Art pan-arabische Mao-Bibel. In Libyen hat das Diktatoren-Werk Verfassungscharakter und ist Pflichtlektüre in Schulen und Universitäten. In den 1980er Jahren sponserte Gaddafi sogar den deutschen Eishockey-Verein ECD Iserlohn, damit dessen Spieler auf ihren Trikots für das "Grüne Buch" warben.

In dem dreiteiligen Werk, das Ende der 1970er Jahre erschien, erläutert Gaddafi seine "Dritte Universaltheorie", eine Alternative zum Kapitalismus und Kommunismus, die von vielen als arabisch-sozialistische Kampfschrift verstanden wird. Gaddafi geht es darin um eine Volksdemokratie und um eine sozialistisch anmutende Wirtschaftstheorie, die er als Heilslehre für die gesamte Menschheit preist.

Der Münsteraner Islamwissenschafter, Lektor und Soziologe Heiner Lohmann kennt die abstruse Gedankenwelt des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Despoten, hat das "Grüne Buch" ins Deutsche übersetzt und eine Dissertation darüber verfasst. Telepolis sprach mit Heiner Lohmann über das "Grüne Buch" und die wirre Weltanschauung des libyschen Diktators.

Herr Dr.Lohmann, was ist das "Grüne Buch"?

Heiner Lohmann: Ein Mythos. Man hat es oft als politische Theorie missverstanden, aber es hat keinen Argumentationszusammenhang. Es dient der Identitätsstiftung. Wenn man es liest, versteht man es eigentlich überhaupt nicht, weil es in sich sehr widersprüchlich ist. Das liegt daran, dass Gaddafi in diesem Buch Begriffe benutzt, die ihm in dieser Funktion nicht zur Verfügung stehen.

Das Buch ist also keine arabisch sozialistische Kampfschrift?

Heiner Lohmann: Das hat man lange geglaubt. Was er geschaffen hat, ist ein beduinischer Mythos der Herrschaftsfreiheit und der Subsistenzwirtschaft und der gegenseitigen Hilfe unter Verwandten. Das ist die Struktur, die dem "Grünen Buch" zugrunde liegt.

Eine Art anti-staatlicher Utopie?

Heiner Lohmann: Es ist sehr anti-staatlich. Er nennt es direkte Demokratie und lehnt jede staatliche Institution ab. Das "Grüne Buch" ist eine illusionäre Weltdeutung. Die Botschaft ist: Die ganze Welt besteht aus Stämmen. Was die ganze Welt tun muss, um erlöst zu werden, ist eigentlich nur Verwandtschaftsbeziehungen zu pflegen. Weil das Buch so unverständlich ist, ist es gleichzeitig für die Beduinen sehr inspirierend, wie ein religiöser Text.: undurchsichtig und sehr inspirierend.

Ist es vergleichbar mit der Mao-Bibel, mit Marx "Das Kapital" oder Hitlers "Mein Kampf"?

Heiner Lohmann: Nein. Das "Grüne Buch" ist etwas regionales, ein narrativer, sehr auf Libyen bezogener Mythos.

Hat Gaddafi denn in seiner Politik die Theorien aus dem "Grünen Buch" verfolgt?

Heiner Lohmann: Gaddafi hat immer behauptet, was ich in Libyen mache, ist das, was ich im "Grünen Buch" geschrieben habe. Aber er hat es auf keinen Fall umgesetzt. Er hat genau das Gegenteil gemacht. Er hat nie versucht, in Libyen eine direkte Demokratie zu errichten. Die Realpolitik, die er betrieben hat, steht im krassen Widerspruch zu seiner Weltanschauung, die im "Grünen Buch" hinterlegt ist. Diesen Widerspruch konnte er in Libyen nur überbrücken, weil die Libyer selbst eine mythische Vergangenheit und Tradition haben. Die Libyer glauben, dass ihre Jahrtausende alte beduinische Tradition gar nicht aufgehört hat. Darin hat Gaddafi angeknüpft und die Libyer eigentlich betrogen.

Der Welt zeigen, wie eine Gesellschaft ohne Sozialpathologien aussehen muss

Dennoch war das Buch ja auch für eine internationale Leserschaft bestimmt. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Heiner Lohmann: Gaddafi hat das "Internationale Zentrum für die Erforschung und Verbreitung des Grünen Buches" in Tripolis gegründet. Da hat er eine Menge Geld reingesteckt, damit das "Grüne Buch" auf der ganzen Welt verbreitet wird. Es sind wissenschaftliche Symposien abgehalten worden, auch von Wissenschaftlern aus dem Westen, um das "Grüne Buch" zu diskutieren. Das waren Farce-Veranstaltungen, weil man das Werk eigentlich gar nicht versteht.

Hat das "Grüne Buch" islamischen Inhalt?

Heiner Lohmann: Nicht im Geringsten. Es hat zwar sakralen Charakter, aber vom Inhalt her überhaupt nicht. Es ist rein diesseitig. Gaddafi fällt historisch weit hinter den Islam zurück. Der Islam ist ein Monotheismus, eine Jenseits-Religion. Gaddafi vertritt im "Grünen Buch" was vor dem Islam war, was der Islam überwunden hat.

Gaddafi hat demnach ein Buch geschrieben, dessen Inhalt die Libyer in ihrer beduinischen Identität bestätigt und seine Herrschaft legitimiert?

Heiner Lohmann: Das ist die Funktion in Libyen gewesen, aber die Absicht von Gaddafi war viel größer. Er wollte der Welt zeigen, wie eine Gesellschaft aussehen muss, um alle Sozialpathologien zu beseitigen.

Es ist also eine Schrift, die Libyer im Zuge des Pan-Arabismus, dann den afrikanischen Kontinent und letztlich die ganze Welt, in der Vorstellung der Stämmen und Klans eint?

Heiner Lohmann: Richtig. Dabei muss man allerdings bedenken, dass er überhaupt nicht unterscheiden kann zwischen einer beduinischen Stammesgesellschaft und den parlamentarischen Demokratien bei uns. Das versteht Gaddafi überhaupt nicht. Er behauptet aber, wenn er sein System der Welt überstülpt, wären alle Probleme gelöst. Das ist eine illusionäre Weltdeutung. Das ist total naiv, auf dem Niveau eines siebenjährigen Kindes. Daher kann er das argumentativ auch nicht begründen.

Warum kann Gaddafi nicht über dieses Sicht der Welt hinaus denken?

Heiner Lohmann: Das entspricht nicht seinem Weltbild, das ihm im Wege steht, um die moderne Welt zu verstehen. Er behauptet, die ganze Welt ist ein Beduinenstamm. Damit hat er die gesamte Welt zu sich geholt, in seine Lebenswelt.

Wenn er eine Atombombe hätte, würde er sie auf die Nachbarländer werfen, um endlich Ruhe zu haben

Deshalb auch seine traditionelle Kleidung - mal Beduinenführer, mal Militär - sein Gefolge auf Reisen, Empfänge im Beduinenzelt?

Heiner Lohmann: Das ist Show. Gaddafi ist Beduine und Beduinen wollen Eindruck machen, sie inszenieren sich. Und bei Gaddafi kommt noch sein persönliches Geltungsbedürfnis hinzu. Aber bei den Beduinen in Libyen kommt das an. Wenn sie Gaddafi so im Ausland sehen, dann denken sie, dass er für ihr Land Ehre schafft. Das ist beduinisches Verhalten gepaart mit gaddafischem Größenwahn.

Während seiner Rede im Fernsehen am vergangenen Dienstag hat Gaddafi erneut aus dem "Grünen Buch" vorgelesen. Glauben Sie, er nutzt es auch jetzt für politische Entscheidungen?

Heiner Lohmann: Ich glaube, er liest darin, um zu gucken, was er für tolle Sachen gemacht hat. Er hat das "Grüne Buch" immer nur für seine Zwecke instrumentalisiert. Er liest es jetzt vor, als wäre es ein Evangelium, dem man nicht widersprechen kann. In Libyen hat er dem "Grünen Buch" ja sogar Verfassungsrang verliehen, obwohl man es überhaupt nicht versteht.

Es ist Pflichtlektüre in Schulen und Universitäten.

Heiner Lohmann: Richtig. Ich frage mich allerdings, was die darüber reden. Es ist kaum zu verstehen, es ist ganz fremd. Man darf auf keinen Fall westliche Standards anlegen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was darin steht.

Ihre Einschätzung: Wie wird sich die Situation in Libyen weiter entwickeln - stirbt der Mythos Gaddafi?

Heiner Lohmann: Gaddafi kann sich nur noch Tage halten und dann bricht der gesamte Klan zusammen, der das Land im Griff hat. Gaddafi hat die Macht geschickt verteilt, nach dem Prinzip "divide et impera", hat vieles von sich abhängig gemacht. Das bricht alles zusammen, wenn Gaddafi nicht mehr an der Macht ist.

In seiner Fernsehansprache hat Gaddafi erklärt, er würde als Präsident zurücktreten, könne das aber nicht. Was meint er damit?

Heiner Lohmann: Das ist eine der typischen gaddafischen Lebenslügen. Er fühlt sich ja als Beduinenfürst. Er würde niemals zugeben, dass er Diktator oder Staatschef ist. Er behauptet, ich bin einer von euch. Da knüpft er wieder an diesen ewigen Mythos des Beduinentums an. Er behauptet, wir haben doch überhaupt keine Diktatur hier, ich bin euer Stammesführer. De facto ist er natürlich autokratischer Militärdiktator. Nichts passiert ohne seinen Willen.

Sind Sie überrascht von der Brutalität, mit der das Regime versucht zu überleben?

Heiner Lohmann: Nein, überhaupt nicht. Gaddafi ist völlig skrupellos. Er ist ein völliger Egozentriker. Er würde alles tun, um an der Macht zu bleiben. Wenn er eine Atombombe hätte, würde er sie auf die Nachbarländer werfen, um endlich Ruhe zu haben.

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