Lasst sie ihr Ich finden

28.02.2011

Zuerst "Terroristen", nun "Neuer Pan-Arabismus" oder "Neue Internationale 2011". Kein Ende für die Etikettierung der Araber?

Seit wenigen Wochen stehen weite Teile einer Welt Kopf, die Jahrzehnte lang nicht vom Fleck zu kommen schien. Noch ist kaum abzusehen, wohin die Aufstände der Araber führen. Genau darin liegt aber eine Chance für Millionen junger Menschen, die das Jetzt präsentieren und noch die halbe Zukunft stellen – sofern man sie für sich sprechen lässt.

Kurz nach Diktator Mubaraks Sturz erschien auf Al Jazeera English ein Artikel mit dem Titel "The Resurrection of Pan-Arabism".

Seine Autorin, die palästinensisch-amerikanische Journalistin Lamis Andoni, nimmt darin einen neuen Pan-Arabismus wahr, der weniger jenes "Nein zum Imperialismus!" neu auflege, das unter Ägyptens einstigem Führer Gamal Abdel Nasser dominierte. Vielmehr erteile der Pan-Arabismus des 21. Jahrhunderts jenen Diktatoren eine Absage, die zwar einen anti-imperialistischen Nationalismus vorkäuen, de facto aber gemeinsame Sache mit dem Westen machen. Was in der arabischsprachigen Region geschah und geschieht, sei die Verabschiedung des Heuchlertums und die Einforderung echter, demokratisch geprägter Nationalkurse.

Burhan Ghalioun, Leiter des Pariser "Centre d'études arabes et Orient contemporain", sieht dies ähnlich:

Wir erleben einen aussergewöhnlichen Moment der Emanzipation arabischer Völker, die ihre Angst besiegt zu haben scheinen. Natürlich wird die Bewegung von soziopolitischen Forderungen angetrieben, doch impliziert sie eine offenkundige innerarabische Solidarität. Die Araber haben sich erneut durch und in der Revolution vereinigt.

Ägypten ist nicht gleich Libyen, ist nicht gleich Bahrain

Vereinigende Diskurse sind an sich schön. Aber stimmen sie mit der Realität überein? Das Beispiel Bahrains lässt da zweifeln. Al Jazeera Arabic, das sich im Falle Ägyptens zur Volkesstimme erhob und dessen Aufstand durch die Verbreitung von Tweets, Handyvideos und Augenzeugenberichten regelrecht anfeuerte, schloss die Augen vor dem Massaker, dass Bahrains Herrscher an den demonstrierenden Schiiten begingen – folgt der Sender doch der Order Qatars, das mit Bahrain ebenso verbündet ist wie (jüngst) mit Saudi-Arabien.

Letzteres wiederum sieht seinen Erzrivalen im schiitischen Iran. Für Ghalioun sind eben diese "Achsen" die Wurzel allen Übels:

Die Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten sind vor allem eine Konsequenz der diskriminatorischen Politik der Diktaturen. In einer demokratischen Perspektive, die die Rechte jedes Individuums respektiert und allen Parteien den Platz zuteilt, der ihrem Gewicht zukommt, werden sich die Spannungen beruhigen. Das ist die Lektion der islamisch-christlichen Versöhnung, die auf dem Tahrir-Platz erfolgt ist.

Die Crux mit der Geostrategie

Indes: Kopten und Sunniten bekämpften in diesem Moment einen gemeinsamen Feind –viele Sunniten und Schiiten jedoch einander. Was der saudische Blogger Ahmed al-Omran, "Saudi Jeans", aus seinem Alltag berichtet, gibt daher zu denken:

Die meisten Saudis unterstützten die Revolutionen in Tunesien und Ägypten bedingungslos, obgleich ihr Regime dagegen war. Im Falle Bahrains aber bemerkte ich eine Spaltung zwischen den Saudis, die ich online verfolge: Manche verteidigten die Demonstranten mit dem Hinweis, dass sie jedes Recht auf Protest hätten. Andere aber posteten, dass man Schiiten nicht unterstützen solle, da sie nur herrschen wollten und treu zu Iran stünden.

Ein solch geostrategisches Denken findet sich auch anderenorts. So erklärt Ramzy Baroud:http://www.ramzybaroud.net/, der Herausgeber des Palestine Chronicle gegenüber Telepolis:

Durch Tunesien sprang der Funke über, doch Ägypten generalisierte die Idee der Revolution und gab ihr ihre wahrhaft arabisch-nationalistische Dimension. Denn - Ägyptens mögliche Rückkehr in das "Arabische Heim" nach Anwar al-Saddats Friedensabkommen mit Israel 1979, bedeutet einen Paradigmenwechsel, der drei Kräfte herausfordert, die viel zu lange die Region kontrollierten: die USA und ihre Verbündeten, Israel und die sogenannten "moderaten" Araber. Es waren diese Kräfte, die die Kriege und Besatzungen ermöglichten, sei es im Irak, im Libanon oder in Palästina. Hosni Mubarak war der führende arabische "Moderate" und sein Sturz bedeutet eine verhemente Verschiebung in den Loyalitäten und Allianzen.

Nun soll hier weder abgestritten werden, dass es mehr als wünschenswert wäre, wenn sich alle Völker – das iranische inklusive – von den Machtinteressen befreien könnten, deren Spielball sie sind. Noch soll partout das bis zu einem hohen Grad neu entflammte identitäre und solidarische Moment unter Arabern klein geredet werden.

Dialekte in der arabischen Welt. Bild: Arab League. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Vielmehr geht es um die simple Frage: Tun wir den blutjungen arabischen Normalbürgern (immerhin waren sie es und nicht die Intellektuellen, Oppositionsgruppen, Dissidenten etc., die die Aufstände begingen) wirklich einen Gefallen, wenn wir sie neuerlich etikettieren, klassifizieren und in Richtungen drängen, die sie möglicherweise im Sinn haben – möglicherweise aber eben auch nicht?

"Wutausbruch"? "Revolution"? "Aufstand der Arbeitermacht"?

Wie verfrüht es ist, das ungeheuerliche historische Moment ideologisch fest zu zurren, zeigt sich bereits an der Begriffsverwirrung. Andoni, Ghalioun und Baroud sprechen von "Revolution" – doch mit Muriam Haleh Davis, Politikstudentin an der New York University, gefragt:

Wie sollen wir die Ereignisse bezeichnen? Als ‚Unruhen‘? Oder sollen wir den ‚pro-Demokratie‘-Demonstranten doch mehr Ehre erweisen und von einer Revolution sprechen? Leider passt Ägyptens Kampf um Rechte in keine dieser Kategorien. Weder handelte es sich um einen irrationalen Wutausbruch (ìm Sinne der Rassenunruhen von Los Angeles), noch ist die Entwurzelung eines zutiefst korrupten Herrschersystems bislang erfolgt.

Nebst solchen Grundsatzfragen rückt Davis in ihrem Artikel auch jenes Argument zurecht, das das vereinigende Moment für die Bewegungen vor allem in der Arbeitermacht ortet. Zwar stimmt es, dass in allen Ländern Millionen von korrupten Oligarchen ausgebeutet wurden - dennoch ist Libyen nicht gleich Ägypten nicht gleich Tunesien. In Algerien, so Davis, hätten die Gewerkschaften beispielsweise nicht die Demonstrationen unterstützt und im Unterschied zu Ägyptens Muslimbruderschaft unterhalte Algeriens islamische Nationale Befreiungsfront auch keine guten Kontakte zur Arbeiterschaft.

Das Generaletikett "Arbeitermacht", so Davis, kann also wieder getrost entfernt werden. Ebensowenig könne stande pedes eine "Neue Internationale 2011" ausgerufen werden, obgleich Bilder wie die von der Verbrüderung der Arbeiter in Wisconsin und in Kairo

dies suggerieren. Erstere hatten im Februar im US-Bundesstaat Wisconsin gegen die Angriffe ihres Gouverneur auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im öffentlichen Dienst demonstriert und sich dabei von den Geschehnissen auf dem Tahrir-Platz inspirieren lassen – indem sie gleichfalls vor dem Parlamentsgebäude lagerten.

Ja zum Ich

Genau dies aber bezeugt das eigentliche gewaltige Potential der Ereignisse. Wenn plötzlich getweetet wird: "Is there a Tahrir Square in the USA?", "Can we find a Tahrir Square in Italy?", wenn in dem viel beachteten US-Politikmagazin Democracy Now! der Satz fällt: "Die Ägypter brachten den USA die Demokratie" und wenn Nicht-Araber inmitten islamfeindlicher "Terrorismuszeiten" posten "I’m not an Arab, but I wish I were. I am so proud of you all!" - dann birgt dies auf beiden Seiten Emotionen, deren Ausmaße vor allem auf arabischer Seite kaum abzuschätzen sind.

Minderwertigkeitsgefühle und die Scham darüber, wie ihre Unterdrücker sie vor den Augen der Welt präsentieren und wie wenig Mittel sie zur Gegenwehr haben, weichen plötzlich Stolz, Würde und - dem (mit welchen Inhalten auch immer gefüllten) Spruch: "Notiere! Ich bin Araber!"

Ehe die übergreifenden Etikettierungen, Namensgebungen, Wurzelerklärungen und Zukunftsdeutungen also einsetzen, sollte man dieses Moment für sich und vor allem für all jene stehen lassen, die in enormen Umwälzungen begriffen sind. Welche Konnotationen sie damit verbinden - Pan-Arabismus, marxistisches Arbeiterverständnis, neoliberales Unternehmertum oder was es noch an Weltentwürfen gibt – es wäre, auch wenn es idealistisch klingt, gut, die Definitionsfindungen ihnen zu überlassen.

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