Passionsspiel Guttenberg

04.03.2011

Initiationsritus für einen Messias

Es gibt Abgänge, die sind so inszeniert, dass das Publikum praktisch gar nicht anders kann, als auf eine Wiederkunft zu warten. Unsere kulturelle Blaupause dafür ist die Passionsgeschichte Jesu: Da gibt es einen Messias, eine Lichtgestalt, die prunkvoll in Jerusalem einzieht, die vom Volk erst bejubelt wird und sich später praktisch selbst dem von Pharisäern und Schriftgelehrten herbeiverschworenen Kreuzigungstod ausliefert, bei dem sich der Himmel verfinstert. Aber nach drei Tagen bekommen weibliche Fans, die seinen Körper salben wollen, von einem Engel gesagt, dass er wiederauferstanden ist.

Die Bild-Zeitung gab sich alle Mühe, den Abgang Karl Theodor von und zu Guttenbergs so aufzubereiten, dass möglichst viel an diese Passionsgeschichte erinnert: Die Kritiker des Verteidigungsministers wurden als Heuchler dargestellt, die sich mit so etwas Kleinem und Unwichtigem wie Fußnoten abgaben - wie die Angehörigen des Sanhedrin, die Jesus mit Sophistereien in die Falle locken wollten. Und als Guttenberg schließlich am Dienstag zurücktrat, da verdunkelte sich fast die gesamte Bild-Website mit einem riesigen Foto des Lieblings der Zeitung vor praktisch schwarzem Hintergrund, das selbst Bereiche umfasste, die sonst der Werbung vorbehalten sind.

Auferstehung Christi und die Frauen am Grab (Fra Angelico 1441)

Es spricht viel dafür, dass es inner- und außerhalb des Axel-Springer-Verlages Personen gibt, die mit einer Auferstehung Guttenbergs rechnen. Sollten sie recht bekommen, dann wäre Guttenbergs Beliebtheit, nachdem er diese messianische Initiation durchlief, vielleicht sogar gefestigter als zuvor. Auch Franz-Josef Strauß saß nach seinem Rücktritt in Folge der Starfighter- und der Spiegel-Affäre fester im politischen Sattel als vorher. Obwohl der ehemalige bayerische Ministerpräsident, wie Kritiker dieses Vergleichs anmerken, wohl nicht wegen einer Doktorarbeit zurückgetreten wäre, sondern stattdessen eher versucht hätte, die GuttenPlag-Betreiber wegen staatsgefährdender Aktivitäten einsperren zu lassen.

Begünstigt wird eine mögliche Rückkehr Guttenbergs dadurch, dass sich Wahrheitswidrigkeitsvorwürfe für deutsche Politiker in der Vergangenheit selten als dauerhafte Karrierehindernisse erwiesen und weder Franz-Josef Strauß noch Joseph Fischer wirklich schadeten. Guttenberg kann jetzt in aller Ruche die strafrechtlichen Ermittlungen gegen ihn abwarten und die möglicherweise anfallende Geldstrafe bezahlen, um dann im rechten Moment - etwa bei einem schlechten Unions-Wahlergebnis - als Retter in der Not bereitzustehen.

Außer dem Vorwurf des kreativen Umgangs mit der Wahrheit (der häufig eher als politische Kernkompetenz denn als Makel angesehen wird) gibt es wenig, was ihm auch in ein paar Jahren noch öffentlichkeitswirksam vorgeworfen werden könnte. Selbst in Kreisen, die das Epizentrum seines Sturzes formten, ist man vielerorts der Auffassung, dass das schlechteste an ihm seine Ehefrau war, die manche sogar im Verdacht haben, für die kopierten Passagen in seiner Doktorarbeit verantwortlich zu sein.

Hinzu kommt, dass Guttenbergs indirekter Nachfolger, der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, durchaus Potenzial hat, das Internet gegen sich aufzubringen: Dazu gehört beispielsweise, dass er Wikileaks mit der DDR-Staatssicherheit vergleicht und nicht auf die Widerlegung von Argumenten für die Vorratsdatenspeicherung einzugehen bereit ist.

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