Zwischen Mine und Spukschloss

06.03.2011

Beim Independent Games Festival in San Francisco wurden unabhängige Spieleproduktionen geehrt

2010 war für die Independent Games ein bedeutendes Jahr: Es hat bewiesen, dass Spiele auch ohne Millionenbudget ein großes Publikum erreichen können. Die IGF Awards 2011 spiegeln diese Entwicklung wider.

Die Comedy-Truppe Mega64 ist dafür bekannt, Gaming-Klischees gekonnt auf die Schippe zu nehmen. Eines dieser Klischees ist der nerdige Spieleentwickler, der jahrelang im stillen Kämmerlein an einem abwegigen Projekt herumwerkelt, während er genüsslich seinen Hass auf den Mainstream pflegt. Dieser schier grenzenlosen Selbstgerechtigkeit haben Mega64 mit dem Youtube-Sketch If you're not Indie, f**ck you ein Denkmal gesetzt: Unbedarfte Spieler plappern vor der Kamera über ihre neue Wii oder den Xbox-Shooter "Halo", werden dann aber von einer hervorschnellenden Faust zu Boden gestreckt. Auch ein Independent-Entwickler kommt zu Wort: "Ich habe ein Spiel gemacht... in meinem Zimmer... es heißt Box Hero. In meiner Freizeit versuche ich, eine Firma zu gründen... vielleicht kann ich damit eines Tages viel Geld verdienen." Kaum hat er seine unlauteren Pläne offenbart, wird auch er zu Boden geschlagen.

Minecraft

Wie durchlässig die Grenze zwischen Indie und Mainstream mittlerweile geworden ist, zeigt das Independent Games Festival in San Francisco. Im IGF-Pavillon auf der Game Developers Conference versammelt sich die Szene, um ihre neuesten Spiele zu präsentieren und Ideen auszutauschen. Höhepunkt ist die Verleihung der IGF Awards. Dominiert wurde die Veranstaltung in diesem Jahr von zwei Spielen, die – rein kommerziell betrachtet – so gar nicht in die verstaubte Indie-Schublade passen. Den Hauptpreis und auch den Publikumspreis holte sich der Sandbox-Titel Minecraft: Die zufallsgenerierte Klötzchenwelt bietet Spielern nahezu grenzenlose Gestaltungsfreiheit – vom weitverzweigten Höhlenlabyrinth über Burganlagen bis hin zum Enterprise-Modell. Als Ein-Mann-Projekt gestartet, erlangte "Minecraft" in wenigen Monaten beispiellose Popularität und hat sich bis heute weit über eine Million Mal verkauft – obwohl es sich noch in der Betaphase befindet. Minecraft-Erfinder Markus "Notch" Persson gründete mit dem unverhofften Geldsegen eine Firma. Schon bald soll das Spiel auch Smartphones und Tablets erobern, ein Dokumentarfilm ist in der Mache.

Auch der zweite große Gewinner der IGF Awards ist kommerziell sehr erfolgreich. Amnesia: The Dark Descent hat sich bereits mehr als 200.000 Mal verkauft. Im Moscone Center von San Francisco wurde das Survival-Horrorspiel mit den Preisen für exzellente Technik und Ton sowie mit einem Sponsorenpreis ausgezeichnet. Wie "Minecraft" kommt "Amnesia" aus Schweden, genauer gesagt vom Helsingborger Independent-Studio Frictional Games, das schon mit der Penumbra-Reihe einigen Erfolg hatte. Ohne Erinnerung stolpert Held Daniel in "Amnesia" durch ein düsteres Schloss voller Rätsel und Gefahren. Stets ist der Spieler auf der Suche nach einer Lichtquelle, denn in der Dunkelheit wird Daniel von Panikattacken befallen. Statt auf Gewalt setzt "Amnesia" auf Suggestion: Halluzinationen, Orientierungslosigkeit und schwer zu interpretierende Geräusche sorgen für ein ständiges Gefühl von Bedrohung. Die IGF-Preise erhält das Spiel damit völlig zurecht.

Nidhogg

Den ohnehin hohen Bekanntheitsgrad von "Minecraft" und "Amnesia" dürften die Awards nur noch unwesentlich steigern. Für andere Independent Games stellt das Festival aber nach wie vor ein Sprungbrett dar. Ein Beispiel ist Nidhogg von Mark "Messhoff" Essen, das mit dem Nuovo Award für originelle Konzepte ausgezeichnet wurde. Auf den ersten Blick wird "Nidhogg" überaus simpel: Mit Schwertern bewaffnet duellieren sich zwei Pixelmännchen in einer spartanischen Kulisse. Doch in dem Multiplayer-Titel steckt sehr viel mehr: Gewinnt ein Spieler das Gefecht, versucht er möglichst schnell den Level-Ausgang zu erreichen – dieses Vorhaben wird jedoch von dem wiederbelebten Gegner sabotiert. Die ständigen Richtungswechsel und die Vielzahl an Finten machen Nidhogg zu einem frenetischen Spielspaß. Einziger Wermutstropfen: Das Release-Datum steht noch nicht fest.

Desktop Dungeons

Schon seit einiger Zeit als Freeware verfügbar ist Desktop Dungeons, das mit dem Award für exzellentes Design ausgezeichnet wurde. Desktop Dungeons ist ein Abkömmling des Dungeon Crawlers Rogue: Der Spieler erforscht aus der Draufsicht ein Kerker-Labyrinth, bekämpft Monster und nutzt die auffindbaren Ressourcen, um seine Heldenfigur weiterzuentwickeln. Jede Spielrunde dauert nur etwa 15 Minuten, dennoch verfügt "Desktop Dungeons" über eine erstaunliche Vielfalt an Klassen und freischaltbaren Eigenschaften – die Knappheit der Ressourcen macht das Ganze noch komplexer.

Helsing's Fire

Einen ähnlich hohen Suchtfaktor besitzt die iPhone-App Helsing's Fire, Preisträgerin der Kategorie "Best Mobile Game": Als Vampirjäger Van Helsing hat der Spieler die Aufgabe, allerlei lichtscheue Kreaturen aus dunklen Verliesen zu vertreiben. Dabei gilt es, eine begrenzte Anzahl Fackeln so zu platzieren, dass sämtliche Monster von den Strahlen erfasst werden. Der Schwierigkeitsgrad zieht im Lauf der 90 Level merklich an.

Fract

Während "Helsing's Fire" ein auf Hochglanz poliertes Produkt für den Smartphone-Markt ist, sind in der Kategorie "Best Student Game" noch einige ungeschliffene, aber gleichwohl faszinierende Ideen anzutreffen. Gewonnen hat in diesem Jahr Fract: Entwickler Richard E. Flanagan beschreibt das Spiel als "Mischung aus Myst und Rez mit einer großen Prise Tron". In einer Welt voller abstrakter Maschinen trifft der Spieler auf Rätsel, die sich nur mit Hilfe elektronischer Tonfolgen lösen lassen – ein synästhetischer Reiz, der schon in der Betaversion gut zum Tragen kommt. Tiny and Big, ein Studentenprojekt von der Kunsthochschule Kassel, hat es beim IGF zumindest ins Finale geschafft. In dem Puzzle-Platformer turnt der Spieler mit Laserschneider und Enterhaken durch eine gänzlich zerstörbare 3D-Welt. Von "Tiny and Big" gibt es bereits eine Demo.

SpyParty

Eines der derzeit spannendsten Indie-Projekte ging bei den diesjährigen IGF Awards noch leer aus. Chris Heckers SpyParty handelt von Täuschung, Nachahmung und Künstlicher Intelligenz. Während Spieler A sich als Spion unter die Mitglieder einer KI-gesteuerten Feiergesellschaft mischt, belauert Spieler B das Geschehen als Scharfschütze. Der Spion muss nun Aufträge erfüllen, ohne sich zu offenbaren – der Scharfschütze muss ihn rechtzeitig stoppen, hat aber nur eine einzige Patrone. "SpyParty" ist bis jetzt nur ein Prototyp. Man darf gespannt sein, was aus dem Projekt noch wird.

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